Becton-Sand-Formation
Die Becton-Sand- oder Becton-Formation ist eine sedimentäre Formation im südenglischen Hampshire-Becken. Sie ist die oberste Formation der Barton-Gruppe und wurde im ausgehenden Oberen Mitteleozän (Bartonium) abgelagert.<ref name="Chart, 2007">C. N. Waters, K. Smith, P. M. Hopson, D. Wilson, D. M. Bridge, J. N. Carney, A. H. Cooper, R. G. Crofts, R. A. Ellison, S. J. Mathers, B. S. P. Moorlock, R. C. Scrivener, A. A. McMillan, K. Ambrose, W. J. Barclay & A. J. M. Barron: Stratigraphical Chart of the United Kingdom: Southern Britain. British Geological Survey, 1 Poster, 2007. (Digitalisat)</ref>
Bezeichnung und Typlokalität
Die Becton-Sand-Formation erhielt ihre Bezeichnung vom „Becton Bunny“, einem kleinen Bach, der etwa 1 Kilometer östlich von Barton-on-Sea in den Ärmelkanal mündet.<ref name="Hooker, 1986">J. J. Hooker: Mammals from the Bartonian (Middle/Late Eocene) of the Hampshire Basin, southern England. In: Bulletin of The British Museum (Natural History) Geology, Vol. 39, Nr. 4, S. 191–478, 1986. (Digitalisat)</ref> Die Herkunft des Lokalnamens „Becton“ ist unklar. Eilert Ekwall leitet Ortsnamen wie „Becton“ oder „Beckton“ von den altenglischen Begriffen „bæce“ („Bach“, „Fluß“) und „tūn“ („Zaun“, „Gehöft“, „Siedlung“) ab und kombiniert sinngemäß zu „Gehöft im Tal“.<ref name="Ekwall, 1947">E. Ekwall: The Concise Oxford Dictionary of English Place-Names. 3. Auflage, 530 S., Oxford University Press, 1947. (Digitalisat)</ref> Der Küstenabschnitt östlich von Barton-on-Sea stellt die Typlokalität der Becton-Sand-Formation. Er bildet einen Steilabbruch, der relativ starker Erosion mit treppenartig angeordneten Hangrutschungen ausgesetzt ist. Die Küste weicht hier durchschnittlich um 1,0 (1931–1967) bis 1,5 Meter/Jahr (1967–2001) zurück.<ref name="Brown & Barton, 2007">S. Brown & M. E. Barton: Downdrift erosion and the frequency of coastal landsliding. In: R. McInnes, J. Jakeways, H. Fairbank & E. Mathie (Hrsg.): Landslides and Climate Change: Challenges and Solutions: Proceedings of the International Conference on Landslides and Climate Change, Ventnor, Isle of Wight, UK, 21–24 May 2007. S. 429–433, Taylor & Francis, 2007. ISBN 978-0-415-88937-7 (Leseprobe)</ref>
Geschichte
Die Barton-Gruppe wurde ursprünglich in 14 „Faunen-Horizonte“ („Bed A“ (1–3) bis „Bed L“).<ref name="Burton, 1929">E. StJ. Burton: The horizons of Bryozoa (Polyzoa) in the Upper Eocene Beds of Hampshire. In: Quarterly Journal of the Geological Society, Vol. 85, S. 223–239, 1929.</ref><ref name="Burton, 1933">E. StJ. Burton: Faunal horizons of the Barton Beds in Hampshire. In: Proceedings of the Geologists’ Association, Vol. 44, S. 131–167, 1933.</ref> Die Becton-Sand-Formation, oder kurz „Becton Sands“, wurde vormals auch noch als „Headon Hill Sand“, „Upper Bagshot Sand“, „Barton Sand“ oder „Upper Barton Beds“ bezeichnet. Die Bezeichnung wurde 1986 durch Jerry J. Hooker eingeführt der damit die sanddominierten, hangenden Anteile der Barton-Gruppe zusammenfasste (oberer Anteil von „Bed H“ bis „Bed K“ und sie den tondominierten Anteilen der Barton-Clay-Formation („Bed A1“ bis unterer Anteil von „Bed H“ im Liegenden gegenüberstellt.<ref name="Hooker, 1986" />
Unabhängig von Hooker wird der Begriff 1987 auch von Richard A. Edwards und Edward Cameron Freshney verwendet, welche die liegenden Anteile von Hookers Becton-Sand-Formation jedoch als eigenständige Chama-Sand-Formation (entspricht etwa „Bed H“) abtrennen.<ref name="Edwards & Freshney, 1987">R. A. Edwards & E. C. Freshney: Geology of the country around Southampton. In: Memoir for 1:50 000 geological sheet 315 (England & Wales), 111 S., British Geological Survey, 1987. (Digitalisat)</ref> Diese Gliederung wird von späteren Autoren jedoch teilweise abgelehnt, da sich die Becton-Sand-Formation und die Chama-Sand-Formation lithologisch kaum voneinander unterscheiden.<ref name="King, 2016">C. King: A revised correlation of Tertiary rocks in the British Isles and adjacent areas of NW Europe. In: Geological Society of London – Special Report, Nr. 27, 724 S., 2016. (Leseprobe)</ref>
Stratigraphie
Die bis zu 70 Meter mächtig werdende Becton-Sand-Formation legt sich konkordant auf die unterlagernde Barton-Clay-Formation. Sie wird ihrerseits konkordant von einem Lignit führenden, tonigen Paläoboden überlagert, der früher als „Bed L“ noch der Barton-Gruppe zugeordnet wurde und heute als Basis der Totland-Bay-Formation („Totland-Bay-Member“ der Headon-Hill-Formation) der Solent-Gruppe gewertet wird.<ref name="King, 2016" />
Die generell sandige Formation wurde im inneren neritischen und im sandbeherrschten Küstenbereich abgelagert. Sie besteht lithologisch vorwiegend aus fein- bis grobkörnigen Sanden und sandigen Tonen. Im oberen Abschnitt zeigt sie Verflachung des Ablagerungsmilieus und brackische Tendenzen.<ref name="King, 2016" /><ref name="King, 2006">C. King: Paleogene and Neogene: uplift and a cooling climate. In: P. J. Brenchley & P. F. Rawson (Hrsg.): The Geology of England and Wales, 2. Ausgabe, 559 S., The Geological Society, 2006. ISBN 978-1-86239-200-7 (Leseprobe)</ref>
Christopher King untergliedert die Becton-Sand-Formation in drei Member (vom Liegenden ins Hangende):<ref name="King, 2016" />
Barton Common Member
Die Abfolge von Glaukonit-führenden, bioturbaten, sandigen, tonigen Silten und siltigen Sanden umfasst in etwa die Schichtglieder „Bed H“ und „Bed I“ der älteren Literatur. Die von Edwards & Freshney, 1987 vorgeschlagene Chama-Sand-Formation („Bed H“)<ref name="Edwards & Freshney, 1987" /> entspricht im Wesentlichen den liegenden Anteilen dieses Members mit typischen Schalenresten der Muschel Chama squamosa.<ref name="Edwards & Freshney, 1987" /><ref name="King, 2016" /> Daneben treten noch Vertreter der Trapezmuscheln Glans (Venericardia) oblonga,<ref name="King, 2016" /> Cardita und Crassatella sowie Vertreter der Turmschnecken Turritella und der Walzenschnecke Athleta auf, die ebenfalls auf einen vollmarinen Ablagerungsraum hinweisen.<ref name="Edwards & Freshney, 1987" />
Becton Bunny Member
Die stark siltigen und sandigen, braunen Tone mit einem erhöhten Anteil an organischer Substanz entsprechen dem ursprünglichen „Bed J“. Dieser Abschnitt wurde auch als „Becton Bunny Bed“ und, nach dem reichlich vorkommenden Gastropoden Olivancillaria (Pseudolivella) branderi (ehemals Olivella ventricosa oder Oliva branderi),<ref name="Le Renard, 1992">J. Le Renard: Notes de Nomenclature sur quelques Mollusques caractéristiques de l'Éocène du Bassin de Paris. In: Cossmanniana, Tome 1, No 2–4, S. 1–14, 1992. (Digitalisat)</ref> auch als „Oliva branderi Zone“ bezeichnet.<ref name="King, 2016" /><ref name="Gardner et al., 1888">J. St. Gardner, H. Keeping & H. W. Monckton: The Upper Eocene, comprising the Barton and Upper Bagshot Formations. In: Quarterly Journal of the Geological Society, Vol. 44, S. 578–635, 1888. (Digitalisat)</ref>
Zirka 3 Meter oberhalb der Basis befindet sich ein Horizont mit runden, bis zu 10 Zentimeter großen, Siderit-Konkretionen (mit Resten von Zehnfußkrebsen der Gattung Callianassa). Gegen das Hangende hin wird das Becton Bunny Member mergelig mit Brackwasserfossilien des ästuarinen Bereichs wie etwa Körbchenmuscheln (Corbicula) oder Schnecken der Gattung Bayania und Potamides. Marine Taxa im Becton Bunny Member sind Glans (Venericardia) oblonga<ref name="King, 2016" />, Olivancillaria (Pseudolivella) branderi, Nussmuscheln der Gattung Nucula und Venusmuscheln der Gattung Pitar.<ref name="West">I. West: Barton and Highcliff Cliff Exposures: Eocene and Pleistocene Strata. Abgerufen am 6. November 2018.</ref> Das Becton Bunny Member ist außerdem Stratum typicum (die Fundschicht des Holotypus) für den Seeigel Echinopedina paucituberculata.<ref name="Lewis, 1989">D. N. Lewis: Fossil Echinoidea from the Barton Beds (Eocene, Bartonian) of the type locality at Barton-on-Sea in the Hampshire Basin, England. In: Tertiary Research, Vol. 11, Nr. 1, S. 1–47, 1989. (Digitalisat)</ref>
Long Mead End Member
Die überwiegend gut sortierten, bioturbaten und Glaukonit-freien Feinsande werden auch als „Long Mead End Bed“ oder „Bed K“ bezeichnet. Im Bereich der Typlokalität tritt im oberen Abschnitt des Members eine fossilreiche Lage mit typischer Brackwasserfauna auf („Batillaria pleurotomoides Bed“).<ref name="King, 2016" /> Neben der Schnecke Batillaria pleurotomoides sind auch sehr häufige Vorkommen der Gastropoden Olivancillaria (Pseudolivella) branderi und Bayania hordacea sowie der Muscheln Cyrena gibbosula und Lentidium nitidum bekannt.<ref name="Burton, 1933" />
Fossilinhalt
Neben den bereits angeführten Bivalvia und Gastropoden wurde in der Becton-Sand-Formation auch Nautilus<ref name="West" /> und Überreste von Schildkröten der Gattung Puppigerus<ref name="Benton & Spencer, 2012">M. J. Benton & P. S. Spencer: Fossil Reptiles of Great Britain. Band 10 der Geological Conservation Review Series, 386 S., Springer Science & Business Media, 2012. ISBN 978-94-010-4231-4 (Leseprobe)</ref> gefunden.
Alter
Absolutalter für die Becton-Sand-Formation sind nicht bekannt und auch biostratigraphische Daten lassen nur eine ungefähre Altersangabe zu. Dinoflagellaten aus den liegenden Anteilen der Formation lassen sich dem Bartonium oder dem frühesten Priabonium zuordnen. Für die hangenden Anteile fehlen jedoch entsprechende Fossilbelege für eine genauere Abgrenzung. Die Säugetierfauna in den liegensten Anteilen der überlagernden Solent-Gruppe (frühes Priabonium) deutet ein ähnliches Alter an. Eine ursprüngliche Verortung des „Chama-Beds“ („Bed H“) in der Nannoplanktonzone NP17 wurde von späteren Autoren stark angezweifelt.<ref name="King, 2016" />
King vermutet eine Ablagerung der Formation im späten Bartonium und schlägt, als provisorische Arbeitshypothese, vor, die Hangendgrenze der Becton-Sand-Formation mit der Wende Bartonium/Priabonium gleichzusetzen, was einem Alter von rund 38 Millionen Jahren entsprechen würde.<ref name="King, 2016" />
Einzelnachweise
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