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Liste von Programmfehlerbeispielen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Die Liste von Programmfehlerbeispielen zeigt einige medial betrachtete Beispiele von Programmfehlern, ist nach Branchen (Anwendergruppen) geordnet und beschreibt deren Folgen.

Luft- und Raumfahrt

  • Beim Kampfflugzeug F-16 brachte der Autopilot das Flugzeug in Rückenlage, wenn der Äquator überflogen wurde. Dies kam daher, dass man keine „negativen“ Breitengrade als Eingabedaten bedacht hatte. Dieser Fehler wurde sehr spät während der Entwicklung der F-16 mithilfe eines Simulators entdeckt und beseitigt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Geschichte der Softwarefehler. (Memento vom 22. August 2013 im Internet Archive) certitudo; abgerufen am 23. Februar 2024.</ref>
  • Am 4. Juni 1996 sprengte sich die erste Ariane-5-Rakete (Startnummer V88) der Europäischen Raumfahrtbehörde 40 Sekunden nach dem Start in vier Kilometern Höhe automatisch. Der Programmcode für (unter anderem) die Vorstart-Ausrichtung war von der Ariane 4 übernommen worden, lief unnötigerweise auch nach dem Start weiter und funktioniert dabei nur in einem von der Ariane 4 nicht überschreitbaren Bereich der Horizontalgeschwindigkeit. Als dieser Bereich von der Ariane 5 verlassen wurde, da sie höhere Horizontalgeschwindigkeiten erreicht als die Ariane 4, schlug der Fehler auf die Trägheits-Steuersysteme durch und diese schalteten sich weitgehend ab. Bei der Programmierung war es zu einem Fehler bei der Typumwandlung gekommen. Als von Float nach Integer umgewandelt wurde und der Wert 32.768 erreichte, entstand ein Überlauf.<ref>I. Giese: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vortrag über Software Reliability. (Memento vom 18. Februar 2010 im Internet Archive) GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, unter anderem mit Ausschnitt des verursachenden Quellcodes; abgerufen am 23. Februar 2024.</ref> Dieser Überlauf hätte durch die verwendete Programmiersprache Ada eigentlich entdeckt und behandelt werden können. Diese Sicherheitsfunktionalität ließen die Verantwortlichen jedoch abschalten. Der Schaden betrug etwa 370 Millionen US-Dollar.
  • 1999 verpasste die NASA-Sonde Mars Climate Orbiter den Landeanflug auf den Mars, weil die Programmierer unterschiedliche Maßsysteme verwendeten (ein Team verwendete das metrische und das andere das angloamerikanische) und beim Datenaustausch es so zu falschen Berechnungen kam. Eine Software wurde so programmiert, dass sie sich nicht an die vereinbarte Schnittstelle hielt, in der die metrische Einheit Newton × Sekunde festgelegt war.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Nasa-Bericht der Untersuchung des Unglücks (Memento vom 27. Oktober 2009 im Internet Archive) (PDF) S. 16 “MCO Root Cause”; abgerufen am 23. Februar 2024.</ref> Die NASA verlor dadurch die Sonde.<ref>Mars Climate Orbiter - Inch und Fuß statt Meter. astronews.com, 1. Oktober 1999; abgerufen am 23. November 2012</ref>
  • Beim Start der als Nachfolger der Delta 2 geplanten neuen Delta-3-Rakete 1998 geriet diese 75 Sekunden nach dem Start in Schräglage zur Flugrichtung und musste gesprengt werden. Die Steuersoftware war aus der Delta 2 übernommen worden, was aber zu einer falschen Interpretation bezüglich einer 4-Hz-Eigenschwingung in Rollrichtung innerhalb der hydraulischen Steuersysteme der Booster-Raketen führte.<ref>Frank Wunderlich-Pfeiffer/Scienceblog: Das beschwingte Ende der Delta III. In: Golem.de. 24. November 2015, abgerufen am 30. November 2015.</ref>
  • Das mehrere hundert Millionen Euro teure Weltraumteleskop Hitomi geriet Ende März 2016 nach einer Verkettung von Softwarefehlern in zu schnelle Rotation und ging verloren. Die Software war fälschlicherweise von einer unerwünschten langsamen Rotation des Satelliten ausgegangen und versuchte, die scheinbare Drehung durch Gegenmaßnahmen zu kompensieren. Die Signale der redundanten Kontrollsysteme wurden falsch gedeutet, und schließlich wurde der Satellit immer stärker in Rotation versetzt, bis er wegen der zu groß werdenden Fliehkräfte schließlich zerbrach.<ref>Software error doomed Japanese Hitomi spacecraft. Nature, 28. März 2016, abgerufen am 6. Mai 2016 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Matthias Delbrück: Röntgenauge verliert Flügel – Weltraumobservatorium Astro-H/Hitomi geht nach vermeidbaren Softwarefehlern verloren. In: Physik Journal. Nummer 6, Juni 2016, S. 13.</ref>

Medizin

  • Zwischen 1985 und 1987 gab es mehrere Unfälle<ref>Nancy G. Leveson, Clark S. Tyler: An Investigation of the Therac-25 Accidents. In: Computer. Band 26, Nr. 7, 1993, ISSN 0018-9162, S. 18–14.</ref> mit dem medizinischen Bestrahlungsgerät Therac-25. Infolge einer Überdosis, die durch fehlerhafte Programmierung und fehlende Sicherungsmaßnahmen verursacht wurde, mussten Organe entfernt werden, und es verstarben drei Patienten.

Handel

  • Im Dezember 2014 arbeitete eine Software „fehlerhaft“, die Produktpreise abhängig vom Preis bei der Konkurrenz automatisch festlegt. Auf dem Marktplatz des Online-Versandhändlers Amazon wurden die Verkaufspreise vieler Händler für Hunderte Produkte auf 0,01 Englische Pfund gesetzt. Einigen Anbietern drohten mehrere Zehntausend Pfund Verlust, mitunter befürchteten einige, die Panne könne sie in den Konkurs treiben.<ref>Heise Newsticker Hunderte Waren für einen Penny verkauft. heise.de</ref>

Verkehr

Finanzwesen

  • Eine im Jahr 1999 in der britischen Royal Mail eingeführte fehlerhafte Abrechnungssoftware des Unternehmens Fujitsu führte zu Anklagen gegen Leiter von Postfilialen wegen Unterschlagung und etwa 900 Verurteilungen. Nach Ausstrahlung der vierteiligen Serie Unschuldig – Mr. Bates gegen die Post (Mr Bates vs the Post Office) im Januar 2024 durch den britischen Sender ITV erlangte dieser Skandal eine breite Aufmerksamkeit.<ref name="faz-2024-01-10">Wegen Software-Skandal – Fujitsu unter Druck. In: faz.net. 10. Januar 2024, abgerufen am 19. März 2024.</ref>
  • Anfang November 2005 konnte an der Tokioter Börse wegen eines Systemfehlers stundenlang kein Handel betrieben werden. Auch in den nachfolgenden Wochen gab es viele fehlerhafte Wertpapierorders; in einem Fall entstand sogar ein finanzieller Schaden von über 300 Millionen Dollar. Der Präsident der Börse, Takuo Tsurushima, trat daraufhin von seinem Amt zurück.<ref>Tokioter Börse - Der Chef tritt ab. In: Manager Magazin, 20. Dezember 2005</ref>
  • Im August 2012 verlor die Firma Knight Capital innerhalb von 45 Minuten mehr als 440 Millionen US-Dollar (359 Millionen Euro) durch einen Fehler in ihrer Aktienhandels-Software. Ein neues Handelsprogramm überflutete den Markt mit fehlerhaften Handelsaufträgen und häufte einen Berg zu teuer gekaufter Aktien an. Die folgende Rettung der Firma durch Investoren kostete die Alteigentümer 70 bis 75 Prozent ihrer Anteile am Unternehmen.<ref>Aktienhandel-Software verzockt 440 Millionen Dollar in 45 Minuten. heise.de; abgerufen am 9. August 2012</ref>
  • Im Oktober und November 2012 kam es auf Grund von Schwierigkeiten bei der Migration auf ein neues Kernbankensystem in den Online-Bankingsystemen der Bank Austria zu massiven Problemen.<ref>Die Hintergründe des Online-Chaos bei der Bank Austria</ref> Das System war nach der 2-tägigen Umstellungsphase noch einen weiteren Tag nicht erreichbar, musste mehrmals neugestartet werden und war noch Tage nach der Umstellung teilweise nicht erreichbar, oft überlastet und dadurch langsam. Geldausgabeautomaten funktionierten nicht, Überweisungen wurden fehlerhaft durchgeführt und die neue Benutzeroberfläche wurde als zu unübersichtlich und kompliziert kritisiert.<ref>derstandard.at</ref> Neben der Zusicherung, etwaige Mahnspesen zu übernehmen, bot die Bank Austria ihren OnlineBanking- und BusinessNet-Kunden Gutscheine im Wert von jeweils 30 € an, in Summe 21 Millionen €.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />wirtschaftsblatt.at (Memento vom 22. Oktober 2014 im Internet Archive)</ref>

Kommunikation

Militär

Informationstechnik

Standard-Vorgehen des Malware-Analysten:

“1. Look for unregistered or expired C2 domains [(= unregistered malware control server domains)] belonging to active botnets and point it to our sinkhole (a sinkhole is a server designed to capture malicious traffic and prevent control of infected computers by the criminals who infected them).
2. Gather data on the geographical distribution and scale of the infections, including IP addresses, which can be used to notify victims that they’re infected and assist law enforcement.
3. Reverse engineer the malware and see if there are any vulnerabilities in the code which would allow us to take-over the malware/botnet and prevent the spread or malicious use, via the domain we registered.”

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Marcus Hutchins: How to Accidentally Stop a Global Cyber Attacks, malwaretech.com (englisch)

Es wurde also davon ausgegangen, dass die Domain ein „malware control server“ sei, der bisher jedoch (noch) nicht registriert wurde.</ref>

Fehler bei Jahreswechseln

  • Vor dem Jahreswechsel 1999 / 2000 war das Jahr-2000-Problem ein Thema für die IT, weil im Einsatz stehende DV-Anwendungen Jahresangaben für das Jahr 2000 und höher (meist aufgrund nur 2-stelliger Speicherung) nicht korrekt verarbeiten konnten oder weil diese Fähigkeit nicht bekannt war und überprüft werden musste. Die Designentscheidungen hierzu lagen meist viele Jahre zurück, waren Entwicklern, Anwendern und Management im Prinzip bekannt, die ‚Fehler‘ traten aber (bei der Verarbeitung von Jahresangaben von 1900 bis 1999) nicht zutage. Weltweit wurde dies zum „bislang folgenreichsten und teuersten (menschlichen) Fehler im Umgang mit (High Tech) EDV-Systemen“,<ref name="ScSo">Die Verantwortung des Computers … (PDF; 158 kB) Science-softcon</ref> der nahezu bei allen IT-Anwendern zu Projekten führte, die nach verschiedenen Schätzungen insgesamt „bis zu 800 Mrd. US-Dollar Aufwand“<ref name="ScSo" /> verursachten, zu großen Teilen lediglich zur Überprüfung der Jahr-2000-Fähigkeit, sofern nötig zu deren Herstellung. Trotzdem konnte das Auftreten von Fehlern nicht immer verhindert werden:<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Y2K-Probleme (Memento vom 22. Oktober 2014 im Internet Archive); abgerufen am 23. Februar 2024.</ref>
Die „bis zu 800 Mrd. US-Dollar Aufwand“ können jedoch nicht direkt als „Kosten eines Fehlers“ gewertet werden, da oft deutlich veraltete Software über Jahrzehnte weitergenutzt und angepasst worden war, deren Ersatz und Neuprogrammierung ursprünglich deutlich vor dem Jahr 2000 geplant war. Eine eigentlich geplante Neu-Programmierung wurde also aufgeschoben – diese Kosten waren somit keine ‚Fehlerkosten‘, sondern zum Teil Kosten zur Ersatzbeschaffung von Software, veranlasst im Zusammenhang mit Y2K. Dennoch: „Nach Ansicht vieler Experten ist Y2K der Größte Anzunehmende Unfall – GAU – der Informationstechnologie“.<ref>Gerd K. Hartmann: Die Verantwortung des Computers: eine Herausforderung für Bildung und Wissenschaft. (PDF; 154 kB) abgerufen am 28. Oktober 2015</ref>

Weblinks

Einzelnachweise

<references />