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Belohnungsaufschub

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(Weitergeleitet von Marshmallow-Test)

Belohnungsaufschub (auch Gratifikationsaufschub) ist ein Begriff aus der Psychologie. Er bedeutet, dass eine Belohnung für ein Verhalten nicht sofort, sondern verzögert erfolgt. Dabei wird auf eine sofortige und anstrengungslose, kleinere Belohnung verzichtet, um stattdessen eine größere Belohnung in der Zukunft zu erhalten. Diese kann allerdings entweder erst durch Warten oder durch vorherige Anstrengung erlangt werden.

Marshmallow-Test

Marshmallow-Test mit Kindern

Ein bekanntes Experiment zu Impulskontrolle und Belohnungsaufschub wurde ab 1968 durch Walter Mischel durchgeführt. Die ersten Versionen führte er 1956 auf Trinidad in einer Dorfschule durch. Er bot den Kindern einen Schokoriegel an, versprach aber denjenigen, die darauf verzichten würden, in der nächsten Woche einen größeren mitzubringen. Seine Befunde korrelierten mit dem Alter der Kinder (je jünger desto impulsiver) und der ethnischen Herkunft; Kinder aus afro-karibischen Familien hatten im Vergleich zu solchen aus indo-karibischen eine geringere Kapazität zum Belohnungsaufschub. Die Ergebnisse interpretierte er als Folge von Familienstrukturen und Erziehungsmethoden. In Studien auf Trinidad und Tobago bestätigte er die Zusammenhänge zwischen Belohnungsaufschub und ethnischer Herkunft. Seine Ergebnisse gingen in die Bildungsinitiative „Head Start“ ein, die sich an bildungsferne Haushalte und Familien mit Migrationshintergrund wendete.<ref>Susanne Schmidt: Über die vergessenen Anfänge des Marshmallow-Tests. In: Psychologische Rundschau, 2022, 73 (3), S. 204–205.</ref>

In den Jahren 1968 bis 1974 führte er mit etwa vier Jahre alten Kindern aus der Vorschule des Stanford Campus Experimente zum Belohnungsaufschub durch. In Einzelsitzungen wurde den Kindern ein begehrtes Objekt vor Augen geführt, beispielsweise ein Marshmallow (in Varianten des Experiments wurden u. a. Kekse, Salzgebäck oder Pokerchips aus Plastik verwendet). Der Versuchsleiter teilte dem jeweiligen Kind mit, dass er für einige Zeit den Raum verlassen würde, und verdeutlichte ihm, dass es ihn durch Betätigen einer Glocke zurückrufen konnte und dann einen Marshmallow erhalten würde. Würde es aber warten, bis der Versuchsleiter von selbst zurückkehrte, erhielte es zwei Marshmallows. Hatte das Kind die Glocke nicht betätigt, kehrte der Versuchsleiter gewöhnlich nach 15 Minuten zurück.<ref>W. Mischel, Y. Shoda, M. L. Rodriguez: Delay of gratification in children. In: Science 244, 1989, S. 933–938.</ref> Die durchschnittlichen Wartezeiten der Kinder betrugen in verschiedenen Abwandlungen des Experiments ca. 6 bis 10 Minuten, streuten allerdings sehr stark um diese Mittelwerte. Das Experiment ist als Marshmallow-Test bekannt geworden, vor allem durch Daniel Golemans Buch EQ. Emotionale Intelligenz.

In Nachbeobachtungen, die Mischel in den Jahren 1980–1981 durchführte, zeigte sich der im ursprünglichen Experiment gezeigte Belohnungsaufschub als ein verlässlicher Prädiktor für späteren schulischen Erfolg und eine Reihe von Persönlichkeitseigenschaften. Je länger die Kinder im ursprünglichen Experiment gewartet hatten, desto kompetenter wurden sie als Heranwachsende in schulischen und sozialen Bereichen beschrieben, und desto besser konnten sie mit Frustration und Stress umgehen sowie Versuchungen widerstehen; darüber hinaus zeigten sie auch eine tendenziell höhere schulische Leistungsfähigkeit. Sie schnitten in Prüfungen besser ab, gestalteten ihre Beziehungen harmonischer und hatten seltener Übergewicht.

Nachdem diese Experimente und Nachuntersuchungen bereits über Jahrzehnte eine weltweite Resonanz in Forschung und Medien gehabt hatten, fasste Mischel seine Ergebnisse 2014 (deutsch 2015) in einem allgemeinverständlichen Buch zusammen.<ref>Walter Mischel: The Marshmallow Test: Mastering Self-Control. Little Brown, New York 2014, ISBN 0-316-23085-5. Deutsch: Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit, Siedler Verlag, München 2015, ISBN 978-3-641-11927-0.</ref><ref>Tomasz Kurianowicz: Marshmallow-Test: Nimm mich! Rezension in FAZ, 5. November 2014.</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>Y. Shoda, W. Mischel, P. K. Peake: Predicting Adolescent Cognitive and Self-Regulatory Competencies from Preschool Delay of Gratification: Identifying Diagnostic Conditions. In: Developmental Psychology 26, 1990, S. 978–986. <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20151108212202

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  }} (PDF).</ref> Die Korrelation von Belohnungsaufschub und Erfolg im späteren Leben wurde danach in mehreren anderen Längsschnittstudien bestätigt.<ref name="PMID20855294">W. Mischel, O. Ayduk, M. G. Berman, B. J. Casey, I. H. Gotlib, J. Jonides, E. Kross, T. Teslovich, N. L. Wilson, V. Zayas, Y. Shoda: ‘Willpower‘ over the life span: decomposing self-regulation. In: Social cognitive and affective neuroscience. Band 6, Nummer 2, April 2011, S. 252–256, doi:10.1093/scan/nsq081, PMID 20855294, }} PMC 3073393 (freier Volltext{{#if:|, PDF}}) (Review).</ref> Eine Rezension in der FAZ betonte 2014 die vielen anschaulichen Beispiele für die Umsetzung im Alltag und das Fazit, „wichtige Entscheidungen nicht in Stress- oder Ausnahmesituationen zu treffen, sondern seine Optionen in ruhiger Umgebung nüchtern abzuwägen.“<ref>Tomasz Kurianowicz: Marshmallow-Test: Nimm mich! Rezension in FAZ, 5. November 2014.</ref>

Eine Replikationsstudie aus 2018 mit einem ähnlichen Aufbau, aber von ihrem Bildungshintergrund deutlich diverseren Stichprobe aus 900 Kindern, fand hingegen einen deutlich geringeren Zusammenhang zwischen Belohnungsaufschub mit viereinhalb Jahren und der kognitiven Leistung im Alter von 15 Jahren. Er war nur halb so groß wie in der ursprünglichen Studien, und zwei Drittel des Zusammenhangs ließ sich durch den familiären Bildungshintergrund der Kinder erklären. Vorhersagefähig war vor allem, ob die Kinder ursprünglich mindestens 20 Sekunden gewartet hatten.<ref>Tyler W. Watts, Greg J. Duncan, Haonan Quan: Revisiting the Marshmallow Test: A Conceptual Replication Investigating Links Between Early Delay of Gratification and Later Outcomes. Psychological Science, 25. Mai 2018</ref><ref>Wurde das berühmte psychologische Experiment falsch interpretiert? Spektrum der Wissenschaft, 31. Mai 2018, abgerufen am 27. November 2021</ref> Die Befunde wurden als Bestätigung des Marshmallow-Effekts auch in repräsentativeren Stichproben diskutiert.<ref>Kritik an Replikationsstudie – Marshmallow-Test doch bestätigt. In: Informationsdienst Wissenschaft, 19. Dezember 2019, abgerufen am 27. November 2021.</ref>

Eine 2024 durchgeführte Folgestudie von Jessica F. Sperber, Deborah Lowe Vandell, Greg J. Duncan und Tyler W. Watts begleitete die Kinder bis ins Erwachsenenalter. Deren Geduld im Vorschulalter sagte weder das spätere Einkommen noch die psychische Gesundheit noch Erfolg verlässlich voraus. Das Marshmallow-Experiment maß demnach weniger die Willenskraft der Kinder als die Stabilität ihrer Herkunft.<ref>J. F. Sperber, D. L. Vandell, G. J. Duncan, T. W. Watts: Delay of gratification and adult outcomes: The Marshmallow Test does not reliably predict adult functioning. In: Child Dev. Band 95(6), 2024 November-Dezember 2024, S. 2015–2029, doi:10.1111/cdev.14129. Epub 2024 Jul 29. PMID 39073534; PMCID: }} PMC 11581930 (freier Volltext{{#if:|, PDF}}).</ref> In einer weiteren Studie an der Universität Rochester teilten Celeste Kidd, Holly Palmeri und Richard N. Aslin erjährige in zwei Gruppen ein: In der einen hielt ein Erwachsener die Versprechen, die er machte, ein, in der anderen nicht. Beim anschließenden Marshmallow-Test warteten die Kinder aus der „zuverlässigen“ Umgebung viermal so lange.<ref>C. Kidd, H. Palmeri, R. N. Aslin: Rational snacking: young children's decision-making on the marshmallow task is moderated by beliefs about environmental reliability. In: Cognition. Band 126(1), Januar 2023, S. 109–114, doi:10.1016/j.cognition.2012.08.004. Epub 2012 Oct 9. PMID 23063236; PMCID: }} PMC 3730121 (freier Volltext{{#if:|, PDF}}).</ref>

In einer Studie von 2022 verglichen die Psychologin Yuko Munakata und Koautoren an der University of Colorado in Boulder die Reaktionen von japanischen und amerikanischen Kindern. Es zeigte sich, dass japanische Jungen und Mädchen das Warten beim Marshmallow-Test sehr viel länger aushielten als ihre amerikanischen Altersgenossen. Munakata erklärt das Ergebnis damit, dass japanische Kinder es gewohnt sind, mit dem Beginn des Essens zu warten, bis alle am Tisch Platz genommen haben. Schlechter schnitten die japanischen Kinder jedoch beim Empfang von Geschenken ab. In Japan dürfen Kinder ein Geschenk sofort auspacken, wenn sie es erhalten haben. In Amerika ist es dagegen üblich zu warten, bis alle Kinder ihre Geschenke bekommen haben.<ref name="PMID35749259">K. Yanaoka, L. E. Michaelson, R. M. Guild, G. Dostart, J. Yonehiro, S. Saito, Y. Munakata: Cultures Crossing: The Power of Habit in Delaying Gratification. In: Psychological science. Band 33, Nummer 7, Juli 2022, S. 1172–1181, doi:10.1177/09567976221074650, PMID 35749259.</ref>

Marshmallow-Test mit Tieren

Der Marshmallow-Test wurde später auch an verschiedene Tierarten angepasst und mit diesen wiederholt, mit immer größerem phylogenetischem Abstand zum Menschen. Positive Ergebnisse gab es insbesondere bei:<ref name="Schnell2021">Alexandra K. Schnell, Markus Boeckle, Micaela Rivera, Nicola S. Clayton, Roger T. Hanlon: Cuttlefish exert self-control in a delay of gratification task, in: Proceedings of the Royal Society B, 3. März 2021, doi:10.1098/rspb.2020.3161. Dazu:

Auch bei den Tintenfischen zeigte sich, dass das Testergebnis mit besseren kognitiven Leistungen korrelierte.<ref name="Schnell2021" />

Neurobiologische Grundlagen

Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub wurde beim Menschen durch Vergleich von Ausfällen nach Gehirnverletzungen (z. B. Schlaganfall) und durch bildgebende Verfahren bei Gesunden untersucht. Beteiligt ist demnach ein Netzwerk verschiedener Gehirnregionen, bei dem jedoch der mediale orbitofrontale Cortex (mOFC) eine zentrale Rolle spielt. Schäden in diesem Bereich führen zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass eine sofortige, kleine Belohnung gewählt wird. Es wird vermutet, dass dieser Gehirnbereich an der Folgenabschätzung oder zukunftsbezogenem Vorstellungsvermögen beteiligt ist.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Verwandte Begriffe

Belohnungsaufschub wird teilweise synonym zu verwandten Begriffen wie Impulskontrolle, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle verwendet. Alle diese Begriffe beschreiben dabei unter anderem die Fähigkeit, auf eine kleinere, unmittelbare Belohnung zu Gunsten einer größeren Belohnung in der Zukunft zu verzichten.

Siehe auch

Literatur

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Einzelnachweise

<references />

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