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Potemkinsches Dorf

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Als Potemkinsches Dorf ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) – meist im Plural als Potemkinsche Dörfer, seltener auch Potemkin’sche Dörfer oder Potjomkinsche Dörfer (erlaubt ist laut Duden auch die Kleinschreibung: potemkinsche Dörfer usw.)<ref name="duden">Potemkinsche Dörfer auf duden.de</ref> – wird Vorgetäuschtes bzw. die „Vorspiegelung falscher Tatsachen“ bezeichnet:<ref name="duden" /> Durch materiellen und/oder organisatorischen Aufwand („Attrappen“, Schauspieler usw.) wird die Illusion von vorweisbaren Erfolgen, „heiler Welt“, Wohlstand usw. geschaffen. Die Bezeichnung geht zurück auf die unbewiesene Geschichte, Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin habe Kulissen von Dörfern aufgestellt und die vermeintlichen Bewohner von einer zur nächsten transportieren lassen, um Katharina die Große auf einer Reise durch Neurussland über die Entwicklung bzw. den Wohlstand der neubesiedelten Gegend zu täuschen.

Datei:Castle and brewery in Kolín 2.jpg
Ehemalige Schlossbrauerei in Kolín, Tschechien: nur die in der Regel sichtbare Seite (zum Elbufer) wurde renoviert, der Rest blieb unberührt

Allgemeiner wird die Bezeichnung heute auch für gut „aussehende“ Objekte benutzt, die einen tatsächlich schlechten Zustand verbergen: Sie wirken ausgearbeitet und beeindruckend, doch fehlt es ihnen an Substanz. Insbesondere wird der Ausdruck zuweilen für Bauwerke oder Siedlungen eingesetzt, die an ihren Schauseiten attraktiv herausgeputzt werden, jenseits davon aber schäbig oder unbewohnt sind, also den Charakter einer Kulissenstadt haben. Anders als in der ursprünglichen Wortbedeutung wird dann also nicht die Existenz einer Sache vorgetäuscht, durchaus aber deren angeblich guter Zustand oder Wohlstand.

Ursprung

Datei:Grigory Potemkin.PNG
Johann Baptist Lampi der Ältere: Grigori Alexandrowitsch Potjomkin (ca. 1790)

Die Redewendung geht zurück auf eine Erzählung über den Fürsten Potjomkin, die nicht den historischen Gegebenheiten entspricht.<ref>Katharina die Große: An Fürst Potemkin war alles echt. Auch die Dörfer In: Die Welt Online, 28. Februar 2011.
The Straight Dope: Did “Potemkin villages” really exist?</ref> Potjomkin, Gouverneur Neurusslands und Liebhaber der Zarin, habe vor dem Besuch seiner Herrscherin im neu eroberten Neurussland im Jahr 1787 entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen errichten lassen, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen und Aufbauerfolge vorzutäuschen.

Zur Entstehung dieser Anekdote vermuten manche Historiker, sie sei von Gegnern Potjomkins am Hof lanciert worden, die ihm seinen Einfluss auf Katharina geneidet hätten. Als Urheber wird der kursächsische Diplomat Georg Adolf Wilhelm von Helbig genannt, der sie zunächst in seinen Depeschen in Umlauf gesetzt und nach Potjomkins Tod in seiner Biografie Potemkin der Taurier (1809) verewigt habe. Helbig hatte selbst nicht an der Inspektionsreise teilgenommen.<ref>Simon Sebag Montefiore: Katharina die Große und Fürst Potemkin (Orig.: The Prince of Princes: The Life of Potemkin). Frankfurt am Main 2009, S. 550 ff.</ref>

Der Historiker Serhii Plokhy weist darauf hin, dass Katharina sehr wohl Dörfer zu sehen bekam – die Täuschung habe aber nicht darin gelegen, dass diese nur Fassade gewesen wären, sondern dass es von den mittlerweile vertriebenen und verstreuten Kosaken und nicht auf Potjomkins Initiative errichtete Dörfer russischer Siedler gewesen seien<ref>Serhii Plokhy: Das Tor Europas. Die Geschichte der Ukraine. Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, ISBN 978-3-455-01526-3, S. 211</ref>.

Beispiele

Der Historiker und ehemalige Häftling Stanislav Zámečník verglich das Krankenrevier des KZ Dachau mit einem inszenierten Potemkinschen Dorf.<ref>Stanislav Zamecnik: Das war Dachau. Luxemburg, 2002. S. 95–99. Kapitel Potemkinsches Dorf</ref> In den Anfangsjahren des Lagers erhielten einige ausgewählte Besucher die Gelegenheit, es im Rahmen einer Führung zu besichtigen, die seine vorgebliche Harmlosigkeit präsentierte.

Datei:KijongDongNorthKorea.jpg
Potemkinsches Dorf? Kijŏng-dong (Nordkorea) soll nach manchen Angaben eine eigentlich unbewohnte Propagandastadt sein

Dem nordkoreanischen Dorf Kijŏng-dong wird nachgesagt, tatsächlich unbewohnt zu sein und einzig Propagandazwecken zu dienen. In der Washington Post wurde es deswegen als „potemkinsches Dorf“ bezeichnet.<ref>Kevin Sullivan: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Borderline Absurdity: A Fun-Filled Tour of the Korean DMZ. (Memento vom 30. April 2011 im Internet Archive) In: The Washington Post, 11. Januar 1998.</ref>

Übertragen genutzt wird der Ausdruck etwa von der Sächsischen Zeitung in einem Artikel über Wirtschaftsbetrug (Fake News aus der Infinus-Zentrale): „Seiner [des Anklägers] Ansicht zufolge haben die Manager zu spät, zu wenig oder gar nicht auf dauerhaft renditeträchtige Investments gesetzt, sondern sich mit Pseudo-Geschäften innerhalb des eigenen Firmenkonglomerats über Wasser gehalten. […] So seien potemkinsche Dörfer gebaut worden.“<ref>Ulrich Wolf: Fake News aus der Infinus-Zentrale. In: Sächsische Zeitung Online, 9. Juni 2018.</ref>

Ähnlich hieß es 2018 in einer Rezension im Deutschlandfunk: „Mit Halbwahrheiten und angeblichen Fakten werden Theoriegebäude erschaffen, die wie Potemkinsche Dörfer dem flüchtigen Betrachter als Realitätsbeweis genügen.“<ref>Ralph Gerstenberg: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Schwawinski: Verschwörung! (Memento vom 3. September 2018 im Internet Archive), Deutschlandfunk, 25. Juni 2018.</ref>

„Der Begriff ‚Potemkinsche Dörfer‘ wird [heute] immer dann angewendet, wenn Politikern vorgeworfen wird, dem Bürger etwas vorzumachen,“ übersetzt die Frankfurter Neue Presse den Begriff in die Moderne.<ref>Moskau setzt wie in früheren Zeiten auf Illusionstheater. In: Frankfurter Neue Presse, 26. Juni 2017.</ref>

Gleichfalls wird der Begriff verwendet, um die Vorgehensweise bei Staatsbesuchen zu beschreiben, Innenstädte oder einzelne Straßenzüge herauszuputzen, um einen positiven Eindruck zu erzeugen.

In der Popkultur und Fotografie

Die kanadische Punkband Propagandhi veröffentlichte 2005 ein Album mit dem Titel Potemkin City Limits (dt. „Potemkinsche Stadtgrenzen“), welches auf Potemkinsche Dörfer wortspielreich Bezug nimmt. Das Cover zeigt dementsprechend spielende Kinder auf einer Stadtkulisse, welche mit Straßenkreide auf Asphalt gemalt wurde. Ein gleichnamiger Song erschien 2009 auf dem Nachfolgealbum Supporting Caste.

Neuere Arbeiten der Fotokunst greifen das Thema Potemkinsche Dörfer ebenfalls auf.<ref>Vgl. Wie man Potemkinsche Dörfer fotografiert, auf seirer-photography.com; „Potemkinsche Dörfer“ des Franzosen Zachary Gaudrillo-Roy, auf pragmatika.media; beide abgerufen am 28. April 2024.</ref>

Weblinks

Wiktionary: Potemkinsches Dorf – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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