Tudḫaliya IV.
Tudḫaliya IV. (hurritischer Geburtsname: Ḫišmi-Šarruma) war ein hethitischer Großkönig in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts v. Chr.
Leben
Tudḫaliya war Sohn des Großkönigs Ḫattušili III. und wahrscheinlich der Puduḫepa. Während dessen Regierungszeit befasste er sich, gemeinsam mit Prinz Nerikkaili, mit Piyamaradu, möglicherweise ein Enkel des letzten arzawischen Königs Uḫḫaziti, der mehrmals hethitische Vasallen im westlichen Kleinasiens überfiel. Nach dem Tode Ḫattušilis wurde Tudḫaliya Großkönig, wobei sein älterer Bruder, der ursprünglich für dieses Amt vorgesehen gewesen war, übergangen wurde. Die Gründe hierfür sind unbekannt. Allerdings hatten diverse Beamtengruppen einen besonderen Eid auf Tudḫaliya zu leisten. Die Königinwitwe Puduḫepa war zu Beginn seiner Regentschaft noch als Großkönigin politisch aktiv, wovon Siegelfunde zeugen, die von Tudḫaliya und Puduḫepa gemeinsam signiert sind.
In Tudḫaliyas Regierungszeit gab es eine Verschlechterung der Beziehungen zu Assyrien, das unter Tukulti-Ninurta I. (regierte ca. 1233–1197 v. Chr.) stark expandierte. So forderte Tudḫaliya in einem Vertrag Šaušgamuwa, seinen Vasallen in Amurru, auf, assyrische Kaufleute an der Durchreise zu hindern und eigenen Händler zu verbieten, Waren nach Assyrien zu liefern. Auch sollte er möglicherweise Handel von Schiffen aus Aḫḫijawa in den Häfen Amurrus mit den assyrischen Händlern unterbinden. Išuwa, eine Gegend in Ostanatolien, ging womöglich an die Assyrer verloren. Ein Brief Tukulti-Ninurtas, aufgefunden in Ugarit, erwähnt einen Sieg über ein hethitisches Heer in Obermesopotamien.
Dagegen konnte Tudḫaliya IV. Zypern (Alašiya) annektieren, das eine wichtige Station des damaligen Handels im östlichen Mittelmeergebiet war und reiche Kupfervorkommen hatte. Archäologische Belege für eine hethitische Präsenz auf der Insel sind allerdings mehr als spärlich. Ferner gelang es Tudḫaliya offenbar, Millawanda unter hethitische Herrschaft zu bringen,<ref>Wolf-Dietrich Niemeier: Griechenland und Kleinasien in der späten Bronzezeit. Der historische Hintergrund der homerischen Epen. In: Michael Meier-Brügger (Hrsg.): Homer, gedeutet durch ein großes Lexikon. Akten des Hamburger Kolloquiums vom 6.–8. Oktober 2010 zum Abschluss des Lexikons des frühgriechischen Epos (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Neue Folge 21). Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2012, ISBN 978-3-11-028518-5, S. 141–180, hier S. 166 f.</ref> das lange ein Vorposten Aḫḫijawas in Kleinasien war und noch zur Zeit des Tawagalawa-Briefs, der wahrscheinlich von Ḫattušili III. stammt,<ref>zu dem Brief und seiner Datierung u. a. Harry A. Hoffner, Jr.: Letters from the Hittite Kingdom (= Writings from the ancient World. 15). Edited by Gary M. Beckman. Society of Biblical Literature, Atlanta GA 2009, ISBN 978-1-58983-212-1, S. 296–313.</ref> unter der Herrschaft Aḫḫijawas stand. Nach Ausweis des Milawata-Briefs (CTH 182; KUB 19.55 + KUB 48.90 + KBo 18.117) hatte Walmu, der als Herrscher in Wiluša abgesetzt worden war, Zuflucht in Millawanda/Milawata (beides wird in der Forschung gleichgesetzt) oder Mira gefunden. Tudḫaliya war bestrebt, ihn wieder als Vasallenkönig in Wiluša einzusetzen. Dem Brief ist indirekt auch zu entnehmen, dass Milawata nun unter hethitische Oberhoheit gelangt war, unabhängig davon, ob der Empfänger in Milawata saß oder Tarkasnawa von Mira war. Im ersten Fall wäre der ursprüngliche Vertreter Aḫḫijawas in Millawada zum hethitischen Vasall mutiert, im zweiten Fall wäre das Gebiet von Millawanda zwischen Tudḫaliya und Tarkašnawa aufgeteilt worden.
Gesondert zu betrachten ist das Verhältnis Tudḫaliyas zu Kurunta, dem Vizekönig von Tarḫuntašša. Dieser entstammte der von Ḫattušili III. vom Thron gestoßenen Linie des hethitischen Königshauses. Nach einem zwischen beiden geschlossenen Staatsvertrag zu urteilen, hatten sie in ihrer Jugend ein enges Verhältnis zueinander:
„Bevor ich, Tudḫaliya, der Großkönig, König geworden war, da hatte die Gottheit mich und Kurunta bereits in Freundschaft zusammengeführt. Und wir waren uns schon damals wert und gut. Und wir waren gegenseitig Eidbrüder: ‚Der eine schütze den anderen!‘“<ref>zitiert nach Jörg Klinger: Die Hethiter. 2007, S. 113.</ref>
In diesem Staatsvertrag fallen einige Änderungen im Vergleich zu einem früheren Vertrag Ḫattušilis III. mit Kuruntas großzügiger für diesen aus. Sein Herrschaftsbereich erhält fest umrissene Grenzen und die Abgaben und Truppenstellungen für den Großkönig werden reduziert.
In Ḫattuša wurden einige Siegel gefunden, die Kurunta als Großkönig ausweisen, so dass es möglicherweise zu einem Bürgerkrieg zwischen Tudḫaliya – eventuell aber auch erst zwischen seinem nur kurz regierenden Nachfolger Arnuwanda III. – und Kurunta kam, der in einer Regierungsübernahme Kuruntas gipfelte. Da aber nach Tudḫaliyas Tod seine Söhne Arnuwanda III. und danach Šuppiluliuma II. die Herrschaft übernahmen, dürfte Kurunta die Auseinandersetzungen um den Thron letztlich verloren haben.
Archäologische Funde
1986 wurde in Ḫattuša der erwähnte Staatsvertrag mit Kurunta auf einer Metalltafel gefunden, der diesem die Herrschaft über Tarḫuntašša im Süden Kleinasiens gewährte. Unter Tudḫaliya IV. gab es eine rege Bautätigkeit, sowohl in der Hauptstadt Ḫattuša als auch im benachbarten Heiligtum von Yazılıkaya, in dem sich zwei Darstellungen Tudḫaliyas finden, eine davon zusammen mit seinem persönlichen Schutzgott Šarruma.<ref>Ausführlich zur regen Bautätigkeit Tudḫaliyas in und um Hattuša: Peter Neve: Ḫattuša. Stadt der Götter und Tempel. Neue Ausgrabungen in der Hauptstadt der Hethiter (= Zaberns Bildbände zur Archäologie. Bd. 8). von Zabern, Mainz 1993, ISBN 3-8053-1478-7 (2., erweiterte Auflage. ebenda 1996).</ref> Ihm wird auch der Bau von zehn Staudämmen zugeschrieben, darunter die Dämme von Gölpınar, Köylütolu und Karakuyu.<ref>Yasemin Kuşlu, Üstün Şahin: Water Structures in Anatolia from Past to Present. In: Journal of Applied sciences research. Bd. 5, Nr. 12, 2009, {{#invoke:URIutil|{{#ifeq:1|1|linkISSN|targetISSN}}|1819-544X|0}}{{#ifeq:1|0|[!] }}{{#ifeq:0|1
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}}, S. 2109–2116, (Digitalisat (PDF; 797 KB)).</ref> Auf der Nişantaş genannten Felsinschrift im Gebiet der Hauptstadt berichtet Tudḫaliyas Sohn Šuppiluliuma II. über die Taten seines Vaters.
Stammbaum
Der folgende Stammbaum wurde nach Veröffentlichungen von Volkert Haas<ref>Volkert Haas: Die hethitische Literatur. Texte, Stilistik, Motive. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2006, ISBN 3-11-018877-5, S. 91.</ref> und Jörg Klinger<ref>Jörg Klinger: Die Hethiter. 2007.</ref> erstellt. Vorlage:Stammbaum Hethiter
Siehe auch
Literatur
- Heinrich Otten: Die Bronzetafel aus Boğazköy. Ein Staatsvertrag Tutḫalijas IV. (= Studien zu den Boğazköy-Texten. Beiheft. 1). Harrassowitz, Wiesbaden 1988, ISBN 3-447-02784-3.
- Horst Klengel: Tutḫalija IV. von Ḫatti. Prolegomena zu einer Biographie. In: Altorientalische Forschungen. Bd. 18, Nr. 2, 1991, S. 224–238, {{#invoke:Vorlage:Handle|f|scheme=doi|class=plainlinks|parProblem=Problem|errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:DOI|errClasses=error editoronly|errHide=1|errNS=0 4 10 100}}.
- Birgit Brandau, Hartmut Schickert: Hethiter. Die unbekannte Weltmacht. Piper, München u. a. 2001, ISBN 3-492-04338-0.
- Jörg Klinger: Die Hethiter (= Beck’sche Reihe. 2425). Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-53625-0, S. 62, 66, 109, 111–116.
Fußnoten
<references />
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- Hethiterkönig
- Geboren im 13. Jahrhundert v. Chr.
- Gestorben im 13. Jahrhundert v. Chr.
- Mann