Filimer
Filimer war ein mythischer König der Goten nach der Überlieferung des Jordanes, der die frühen Goten, die Gutones, aus ihrem Siedlungsgebiet im Weichselraum in den pontischen Raum und ans Schwarze Meer führte. Er ist historisch nicht bezeugt.
Filimers Goten in Oium am Schwarzen Meer
Die mythische Wanderung der Goten Filimers beruht offenbar auf einem wahren Kern. Antike Geschichtsschreiber berichten von den Gutones, frühen Goten, dass diese im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. nördlich des Weichselknies siedelten. Sie wanderten laut der antiken Nachrichten ab der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts noch tiefer in den Südosten, ins Oium (“in den Auen”) Skythiens nördlich am schwarzen Meer. Ab 238 n. Chr. sind sie an der Donaumündung historisch bzw. auch archäologisch fassbar.<ref>Vgl. Volker Bierbrauer: Archäologie und Geschichte der Goten vom 1.–7. Jahrhundert. In: Frühmittelalterliche Studien 28. 1994, S. 51–171 (PDF; 20,4 MB).</ref>
Während der Entstehungszeit der bis um 370/380 n. Chr. nachweisbaren Černjachov-Kultur<ref>Vgl. Volker Bierbrauer: Archäologie und Geschichte der Goten vom 1.–7. Jahrhundert. In: Frühmittelalterliche Studien 28. 1994, S. 51–171 (PDF; 20,4 MB).</ref> überfielen die Gutones seit dem Jahr 238 n. Chr. über mehrere Jahrzehnte den Balkan und empfingen reichhaltige Jahresgelder von Rom.<ref>Vgl. Petrus Patricius, Fragmenta historicorum graecorum 4, S. 184ff, Fragment 8.</ref> Unter Kniva im Jahr 249 n. Chr. fielen zumeist ins römische Moesia ein. Sie siegten mit Kniva bei Abrittus über Decius, im Jahr 254 n. Chr. überfielen sie erstmals Thessalonike.<ref>Vgl. Karlheinz Dietz: Goti. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 1163–1164 (Digitalisat).</ref>
Ab 257 n. Chr. stützten sich die Flottenzüge der Gutones auf antike Seehäfen bzw. Handels- oder Militärstationen im Norden und Nordosten des Pontos Euxeinos. Seit 268 n. Chr. befand sich auch der Tyras, die größte griechische Kolonialstadt an der Mündung des gleichnamigen Flusses,<ref>Vgl. Andreas Schwarcz: Die gotischen Seezüge des 3. Jahrhunderts. In: Hermann Vetters, Renate Pillinger, Andreas Pülz (Hrsg.): Die Schwarzmeerküste in der Spätantike und im frühen Mittelalter. 1992, S. 47–57.</ref> in den Händen der Gutones.<ref>Vgl. Karlheinz Dietz: Goti. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 1163–1164 (Digitalisat).</ref> Erst Claudius II. und Aurelianus erzielten entscheidende Erfolge gegen die mit den Herulern verbündeten Gutones.<ref>Vgl. Tadeusz Kotula: Νέσσος et Νάισσος. In: Eos 79. 1991, S. 237–243; vgl. Erich Kettenhofen: Die Einfälle der Heruler ins Römische Reich im 3. Jahrhundert n. Chr. In: Klio 74. 1992, S. 291–313.</ref> Ein festes Siedlungsgebiet der Gutones in Oium entstand.<ref>Vgl. Karlheinz Dietz: Goti. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 1163–1164 (Digitalisat).</ref>
Für das Jahr 291 n. Chr. ist erstmals ein Auftreten der Gutones als zwei verschiedene Völker, Greutungen und Terwingen, bezeugt.<ref>Vgl. Panegyrikus 11 und 17,1.</ref> Während die Greutungen weiter im Oium siedeln, breiten sich die terwingischen Gutones zunehmend westlich des Pruth aus. Im rumänischen Moldau, in der Walachei, in Muntenien und Siebenbürgen wird die archäologische Kultur der Terwingen, die Sîntana der Mureş-Kultur,<ref>Vgl. Volker Bierbrauer: Archäologie und Geschichte der Goten vom 1.–7. Jahrhundert. In: Frühmittelalterliche Studien. Band 28, 1994, S. 51–171 (PDF; 20,4 MB).</ref> fassbar.<ref>Vgl. Karlheinz Dietz: Goti. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 1163–1164 (Digitalisat).</ref>
Gotensaga
Zur gotischen Stammeslegende berichtet Jordanes’ Getica,<ref>Jordanes, Getica 4, 26. In: Theodor Mommsen (Hrsg.): Auctores antiquissimi 5,1: Iordanis Romana et Getica. Berlin 1882, S. 60 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)</ref> dass fünf Generationen nach der Landnahme in Gothiscandza durch Berig die Bevölkerung stark zugenommen habe, weswegen Filimer,<ref>Herwig Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. 5. Auflage. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-33733-8, S. 45, S. 48, S. 52, S. 115 und S. 259</ref> der Sohn Gadarichs des Großen<ref>Arnold Hugh Martin Jones, John R. Martindale, John Morris: The Prosopography of the Later Roman Empire. Band 1: A. D. 260–395. Cambridge University Press, Cambridge 1971, S. 337 (books.google.de)</ref> und „ungefähr der fünfte“ nach Berig, der einst die Goten von der Insel Scandia (Scandinavia) über das Meer nach Gothiscandza führte,<ref>Jordanes, Getica 4, 25. In: MGH Auct. ant. 5,1 S. 60.</ref> mit dem Stamm auf die Suche nach neuen geeigneten Siedlungsplätzen ging und wohl derjenige König war, der die Goten von Gothiscandza „in die saftigen Auen“, Oium, Skythiens führte.<ref>Jordanes, Getica 4, 27. In: MGH Auct. ant. 5,1 S. 60.</ref> Auf der Wanderung soll bei der Überquerung einer Brücke diese eingestürzt sein und die Spaltung der Goten verursacht haben. Der vordere Teil sei schließlich glücklich am Schwarzen Meer angekommen.<ref>Jordanes, Getica 4, 27–28. In: MGH Auct. ant. 5,1 S. 60–61.</ref>
Die zahlenmystische Nennung Filimers als fünften König und die Unschärfe der Formulierung an dieser Stelle lassen Herwig Wolfram vermuten, dass Cassiodor hier einen Wandermythos wiedergibt. So gibt es laut Wolfram auch einen fünften König, der die Langobarden ins Rugiland führte bzw. kommen in der kroatischen sowie in der bulgarischen Herkunftssage jeweils fünf Brüder vor, zudem trage bei den Kroaten der letztgenannte Bruder den Namen der Gens<ref>Herwig Wolfram: Die Geburt Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung. Wien 1987, S. 77 mit Anm. 1 und S. 485 Anm. 1; vgl. auch Walter Pohl: Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa, 567–822 n. Chr. Beck, München 1988; 2., aktualisierte Auflage 2002, S. 265.</ref>.
Nach Wilhelm Martens Übertragung ins Deutsche wird in der „Getica“ des Jordanes von Filimers Auswanderung nach Scythien folgendes berichtet:
„Als nun die Zahl des Volkes immer mehr zunahm und ungefähr der fünfte König nach Berig herrschte, nämlich Filimer, der Sohn des Gadarich, faßte dieser den Entschluß, in bewaffneten Zug mit Weib und Kind auszuwandern. Als er nach geeigneten Wohnsitzen und passenden Örtern suchte, kam er in die Lande von Scythien, welche in ihrer Sprache Oium heißen. Die fruchtbaren Gegenden gefielen dem Heer. Da brach jedoch, nachdem schon die Hälfte die Brücke überschritten hatte, welche über den Fluß führte, diese zusammen, und man konnte sie nicht wiederherstellen; so konnte niemand mehr hinüber oder herüber. […] Der Theil der Gothen also, der unter Filimer über den Fluß setzte und nach Oium kam, bemachtigte sich des ersehnten Bodens.“<ref></ref>
Hunnensaga
Filimer gab aber auch noch einem anderen Herkunftsmythos seinen Namen; nach Jordanes’ Getica<ref>Jordanes, Getica 24, 121–122 In: MGH Auct. ant. 5,1 S. 60–62.</ref> ist er mittelbar für die Entstehung der Hunnen verantwortlich. Im neuen Siedelgebiet angelangt, musste Filimer die Haliurun(n)at, die „Frauen, die mit dem Totenreich Zauber treiben“, aus der Gemeinschaft des Stammes verbannen, worauf diese sich den bösen Geistern der Steppe hingaben und so die Hunnen zeugten. Wolfram sieht in dieser Verbannung eine „Strafe“ für einen großen „Normbruch der Zauberei“, dem die meisten Goten offenbar ablehnend gegenüberstanden und zeigt Parallelen zu den Skandinaviern auf, denen der schamanische Seidzauber der Finnen als „ungeheuer und verabscheuungswürdig“ galt. Ähnlich müsse es sich, so Wolfram, bei den Goten verhalten, da sie in den pontischen Raum einwanderten und wohl dort auf schamanische Praktiken trafen.<ref> S. 45 und S. 115. Für eine andere Interpretation der Stelle vgl. Herwig Wolfram: Origo et religio. Ethnic Tradition and Literature in Early Medieval Texts. In: Early Medieval Europe 3, 1994, S. 23–24 und S. 31.</ref>
Wilhelm Martens übersetzte den sagenhaften Bericht in der Getica des Jordanes zur Abkunft der Hunnen von Filimers Goten wie folgt:
„Nach nicht langer Zeit, wie Orosius berichtet [3],<ref></ref> brach das Volk der Hunnen, das über alle Begriffe roh und wild ist, gegen die Gothen los. Über ihren Ursprung haben wir folgenden Bericht vom Althertum überkommen. Filimer, König der Gothen, Sohn Gadarichs des Großen, nach der Auswanderung aus der Insel Skandza der fünfte Beherrscher der Geten, der auch, wie oben [IV. 26] von uns berichtet wurde, mit seinem Volk nach Scythien zog, erfuhr von dem Aufenthalt gewisser Zauberweiber in seinem Volk, die er selbst in seiner Muttersprache Haliurunnen [4]<ref></ref> nennt. Da er sie für verdächtig hielt, vertrieb er sie und nöthigte sie, fern von seinem Heer in Einöden umherzuirren. Dort wurden sie von unreinen Geistern, als sie in der Wüste umherschweiften, erblickt; diese begatteten sich mit ihnen und umarmten sie, und so entstand dieses wilde Geschlecht. […] Diese Hunnen also, von solchem Ursprung, näherten sich dem Gebiet der Gothen.“<ref></ref>
Anmerkungen
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Weblinks
- Jordanes: Romana et Getica. In: Theodor Mommsen (Hrsg.): Auctores antiquissimi 5,1: Iordanis Romana et Getica. Berlin 1882 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat).
- The Latin Library: Jordanes: De origine actibusque Getarum.
Quellen
maßgebliche Edition, wenngleich auch Mommsens Ausgabe weiterhin zitierfähig ist:
Literatur
- Karlheinz Dietz: Goti. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 1163–1164 (Digitalisat). ('Filimers Goten' im Oium).
- Arnold Hugh Martin Jones, John Robert Martindale, John Morris: Filimer. In: The Prosopography of the Later Roman Empire (PLRE). Band 1, Cambridge University Press, Cambridge 1971, ISBN 0-521-07233-6, S. 337 (Digitalisat, mit falscher Datierung und unvollständiger Stellenangabe).
- Herwig Wolfram: Die Geburt Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung. Wien 1987, S. 8–90.
- Herwig Wolfram: Origo et religio. Ethnische Traditionen und Literatur in frühmittelalterlichen Quellen. In: Wilfried Hartmann (Hrsg.): Mittelalter. Annäherungen an eine fremde Zeit. Regensburg 1993, S. 27–39.
- Herwig Wolfram: Origo et religio. Ethnic Tradition and Literature in Early Medieval Texts. In: Early Medieval Europe. 3, 1994. S. 19–38.
- Herwig Wolfram: Filimer. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 9, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1995, ISBN 3-11-014642-8, S. 42 f. (books.google.de).
- Walter Pohl: Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa, 567–822 n. Chr. Beck, München 1988 (zweite, aktualisierte Auflage 2002).
- Herwig Wolfram: Die Goten: von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. Vierte Auflage. München 2001, ISBN 3-406-33733-3 (Vorschau), Stichwort Filimer.