Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| F60.6 | Ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS) ist eine psychische Störung. Sie ist gekennzeichnet durch Gefühle von Anspannung und Besorgtheit, Unsicherheit und Minderwertigkeit. Andere Namen für das Störungsbild sind selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (SUP) oder vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (historisch auch Hypersensitive Persönlichkeitsstörung).
Betroffene sehnen sich nach Zuneigung und Akzeptanz und sind gleichzeitig überempfindlich gegenüber Kritik und Ablehnung. Diese Zurückweisungsempfindlichkeit geht oft mit eingeschränkter Beziehungsfähigkeit einher. Die Betroffenen betonen potentielle Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen, bis hin zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten.<ref>WHO: ICD-10 F60.6. WHO, abgerufen am 5. März 2020.</ref>
Beschreibung
Ängstlich-vermeidende Persönlichkeiten fühlen sich unsicher, gehemmt, unattraktiv und minderwertig. Aus Angst vor Kritik, Zurückweisung und Verspottung meiden sie soziale Kontakte. Dabei geraten sie nicht selten in soziale Isolation und brauchen besondere Unterstützung darin, aus der Reserve gelockt zu werden.<ref name=":0">Rainer Sachse: Persönlichkeitsstörungen verstehen – Zum Umgang mit schwierigen Klienten. Hrsg.: Psychiatrie Verlag. 10. Auflage. 2016, ISBN 978-3-88414-508-1, S. 85–89.</ref> Ihr geringes Selbstvertrauen wird von anderen meist positiv oder gar nicht gesehen, weil sie sich nicht in den Vordergrund drängen, bescheiden, „pflegeleicht“ und verlässlich sind. Sie sind typischerweise leicht zu beeinflussen und tun sich schwer, „nein“ zu sagen.
Nicht selten genießen diese Menschen ein hohes Ansehen bei ihren Mitmenschen. Denn oft versuchen sie, ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten durch gute berufliche Leistungen oder hohe Aufopferungsbereitschaft zu kompensieren. Typisch sind eine soziale Gehemmtheit sowie Unfähigkeitsgefühle, Schüchternheit, leichtes Erröten und schnelle Verlegenheit und ständige Selbstzweifel. Häufig besteht eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber negativer Kritik, Demütigung und Beschämung.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Peter Fiedler: Persönlichkeitsstörungen, Abschnitt 51ff ( vom 23. März 2014 im Internet Archive) (PDF; 832 kB)</ref><ref name=":02">Uwe Henrik Peters (1999): Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Bechtermünz Verlag, ISBN 978-3-86047-864-6. Siehe Stichwort Hypersensitive PS (Seite 660).</ref> Oft wird in Gesprächen Blickkontakt vermieden. In sozialen Kontakten wirken sie oft angespannt, gehemmt, gequält, distanziert. Der Redefluss ist häufig gehemmt.
Diagnostik
DSM-5
Im DSM-5 ist die vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung im Kapitel Persönlichkeitsstörungen in Sektion II unter 301.82 verzeichnet. Die Einführung ins DSM geht im Wesentlichen auf Theodore Millon zurück. Es handelt sich um ein tiefgreifendes Muster von sozialer Gehemmtheit, Insuffizienzgefühlen und Überempfindlichkeit gegenüber negativer Beurteilung. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und das Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:<ref name=":4">Peter Falkai, Hans-Ulrich Wittchen (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2599-0, S. 922 f.</ref>
- Vermeidet aus Angst vor Kritik, Missbilligung oder Zurückweisung berufliche Aktivitäten, die engere zwischenmenschliche Kontakte mit sich bringen.
- Lässt sich nur widerwillig mit Menschen ein, sofern die betroffene Person nicht sicher ist, dass sie gemocht wird.
- Zeigt Zurückhaltung in intimen Beziehungen, aus Angst beschämt oder lächerlich gemacht zu werden.
- Ist stark davon eingenommen, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden.
- Ist aufgrund von Gefühlen der eigenen Unzulänglichkeiten in neuen zwischenmenschlichen Situationen gehemmt.
- Hält sich für gesellschaftlich unbeholfen, persönlich unattraktiv und anderen gegenüber unterlegen.
- Nimmt außergewöhnlich ungern persönliche Risiken auf sich oder irgendwelche neuen Unternehmungen in Angriff, weil sich dies als beschämend erweisen könnte.
DSM-5 Alternativ-Modell
Das Alternativ-Modell des DSM-5 in Sektion III schlägt folgende diagnostische Kriterien vor:
A. Mittelgradige oder stärkere Beeinträchtigung der Funktion der Persönlichkeit, welche sich durch typische Schwierigkeiten in mindestens zwei der folgenden Bereiche manifestiert:
- Identität: Geringes Selbstbewusstsein verbunden mit der Selbsteinschätzung, sozial unbeholfen, persönlich unattraktiv oder unterlegen zu sein; ausgeprägte Gefühle von Scham.
- Selbststeuerung: Unrealistische Erwartungen an sich selbst, verbunden mit der Abneigung, eigene Ziele zu verfolgen, persönliche Risiken auf sich zu nehmen oder neue Unternehmungen in Angriff zu nehmen, wenn diese zwischenmenschliche Kontakte mit sich bringen.
- Empathie: Starke Beschäftigung mit und Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Zurückweisung, verbunden mit der verzerrten Annahme, von anderen negativ gesehen zu werden.
- Nähe: Abneigung dagegen, sich mit Menschen einzulassen, sofern man sich nicht sicher ist, gemocht zu werden; eingeschränkter gegenseitiger Austausch in nahen Beziehungen aus Angst, beschämt oder lächerlich gemacht zu werden.
B. Vorliegen von mindestens drei der folgenden problematischen Persönlichkeitsmerkmale, eines davon ist (1) Ängstlichkeit:
- Ängstlichkeit: Intensives Gefühl von Nervosität, Anspannung oder Panik, oft als Reaktion auf soziale Situationen; Sorge über negative Auswirkungen vergangener unangenehmer Erlebnisse und über mögliche negative Entwicklungen in der Zukunft; ängstliche Gefühle, Besorgnis oder Bedrohungsgefühl bei Unsicherheit; Angst vor Beschämung.
- Sozialer Rückzug: Zurückhaltung in sozialen Situationen; Vermeidung von sozialen Kontakten und Aktivitäten; fehlende Aufnahme von sozialem Kontakt.
- Anhedonie: Fehlen von Freude, Engagement oder Energie im Hinblick auf die Dinge des Alltagserlebens; Beeinträchtigung der Fähigkeit, Lust zu empfinden und sich für Dinge zu interessieren.
- Vermeidung von Nähe: Vermeidung von engen Beziehungen, Liebesbeziehungen, zwischenmenschlichen Bindungen und intimen sexuellen Beziehungen.
ICD-10
In der ICD-10 ist die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung unter Code F60.6 enthalten. Für die Diagnose müssen mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen vorliegen:<ref name="leitlinie" />
- andauernde und umfassende Gefühle von Anspannung und Besorgtheit;
- Überzeugung, selbst sozial unbeholfen, unattraktiv oder minderwertig im Vergleich mit anderen zu sein;
- übertriebene Sorge, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden;
- persönliche Kontakte nur, wenn Sicherheit besteht, gemocht zu werden;
- eingeschränkter Lebensstil wegen des Bedürfnisses nach körperlicher Sicherheit;
- Vermeidung beruflicher oder sozialer Aktivitäten, die intensiven zwischenmenschlichen Kontakt bedingen, aus Furcht vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung.
Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung und Kritik können zusätzliche Merkmale sein.
ICD-11
Die ICD-11 klassifiziert Persönlichkeitsstörungen nicht mehr als separate Kategorien. Stattdessen gibt es die einheitliche Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, bei der durch Merkmalsdomänen die Persönlichkeitsmerkmale Betroffener beschrieben werden können. Diese Merkmalsdomänen basieren auf den Big Five. Für die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung sind sehr hohe Werte auf der Dimension Neurotizismus und sehr niedrige auf der Dimension Extraversion typisch. Das entspricht jeweils den Merkmalen 6D11.0 Negative Affektivität und 6D11.1 Distanziertheit. Der ausgeprägte Neurotizismus ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zur schizoiden Persönlichkeitsstörung, die ausschließlich mit 6D11.1 Distanziertheit abgebildet wird.<ref name=":7">Bo Bach, Ueli Kramer, Stephan Doering, Ester di Giacomo, Joost Hutsebaut, Andres Kaera, Chiara De Panfilis, Christian Schmahl, Michaela Swales, Svenja Taubner, Babette Renneberg: The ICD-11 classification of personality disorders: a European perspective on challenges and opportunities. In: Borderline Personality Disorder and Emotion Dysregulation. Band 9, Nr. 1, Dezember 2022, ISSN 2051-6673, doi:10.1186/s40479-022-00182-0, PMID 35361271, PMC 8973542 (freier Volltext).</ref>
Neurotizismus verursacht die für die ÄVPS charakteristische Ängstlichkeit, Scham und das geringe Selbstwertgefühl und damit die Vermeidung von Situationen und Aktivitäten, die intellektuell, physisch, sozial, zwischenmenschlich oder emotional als schwierig empfunden werden.<ref name=":7" /> Die ICD-11 beschreibt das Merkmal 6D11.0 so: „Zu den häufigsten Erscheinungsformen der negativen Affektivität, die möglicherweise nicht alle gleichzeitig bei einer Person auftreten, gehören: Das Erleben eines breiten Spektrums negativer Emotionen mit einer Häufigkeit und Intensität, die nicht im Verhältnis zur Situation stehen, emotionale Labilität und unzureichende Emotionsregulation, negativistische Einstellungen, geringes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sowie Misstrauen.“<ref>World Health Organization: International Classification of Diseases, 11th Revision (ICD-11). Abgerufen am 25. April 2026 (siehe 6D10 + 6D10.0 + 6D10.1).</ref>
Subtypen
Patienten mit einer vermeidend-selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung lassen sich nach einer Studie von Alden und Capreol (1993) etwa hälftig in folgende zwei Subtypen differenzieren:<ref name="fiedler">Peter Fiedler, Michael Marwitz (2016): Selbstunsicher und schizoid – Varianten einer Störung?</ref><ref name=":3">Peter Fiedler, Sabine C. Herpertz: Persönlichkeitsstörungen. 7. Auflage. Beltz Verlag, Weinheim 2016, ISBN 978-3-621-28013-6, S. 335.</ref>
- Kühl-distanziert
- Diese Gruppe lässt sich als „kühl-distanziert“ und „sozial-vermeidend“ (cold-avoidant) beschreiben; kennzeichnend sind Misstrauen und Probleme, warme Gefühle auszudrücken.
- Nachgiebig-ausnutzbar
- Charakteristisch für die „nachgiebig-ausnutzbare“ (exploitable-avoidant) Gruppe ist, dass Betroffene sich von anderen ausgenutzt fühlen oder tatsächlich ausgenutzt werden und es ihnen schwerfällt, anderen Grenzen aufzuzeigen. Im sexuellen Bereich kann dies u. U. Missbrauch durch andere begünstigen.
Abgrenzung
Ein Problem bei der Abgrenzung liegt in der Kriterienüberlappung mit der sozialen Phobie. Sozialphobiker haben eng umschriebene Ängste (z. B. vor Prüfungen, öffentlichen Reden), während diese sich bei ängstlich-vermeidenden Persönlichkeiten auf viele unterschiedliche Situationen ausdehnen. Außerdem wird die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung stärker als ich-synton erlebt: Das bedeutet, dass trotz Leidensdruck Betroffene ängstliche Denkmuster und ihr unsicheres Verhalten als integrativen Bestandteil ihrer Persönlichkeit betrachten.<ref>W. Ecker: Persönlichkeitsstörungen. In: M. Linden, M. Hautzinger (Hrsg.): Verhaltenstherapie. 2. Auflage. Springer, Berlin Heidelberg New York 1993, ISBN 3-540-56202-8, S. 384.</ref> Sozialphobiker hingegen erleben ihre Symptome meist eindeutiger als Störung, die nicht Teil ihrer Persönlichkeit ist (Ich-Dystonie).<ref>Peter Fiedler: Persönlichkeitsstörungen. In: M. Zielke, J. Sturm (Hrsg.): Handbuch stationäre Verhaltenstherapie. Belz - Psychologie Verlagsunion, 1994, ISBN 3-621-27195-3, S. 789–790.</ref><ref name=":6">Rainer Sachse: Persönlichkeitsstörungen. 3. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8017-2906-6, S. 7.</ref><ref>A. Beck, A. Freeman: Kognitive Therapie der Persönlichkeitsstörungen. 2. Auflage. Psychologie Verlags Union, Weinheim 1993, ISBN 3-621-27155-4, S. 7.</ref> Menschen mit sozialen Phobien ängstigen auch eher die sozialen Begleitumstände, während ängstlich-vermeidende Personen sich mehr vor der Intimität und Selbstoffenbarung in engen Beziehungen fürchten.<ref name="Comer">Ronald J. Comer: Klinische Psychologie. 6. Auflage. Spektrum, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8274-1905-7, Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, S. 438.</ref> Wichtige Merkmale zur Unterscheidung sind schließlich bei ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung das allgemeine Unbehagen in den meisten sozialen Situationen, die deutliche Angst vor Kritik und Zurückweisung und ausgeprägte Schüchternheit. Im Gegensatz zur Sozialphobie zeigen sich Anzeichen einer ÄVPS bereits in der frühen Kindheit und entwickeln sich lebenslang.<ref>Peter Fiedler, Michael Marwitz (2016): Abgrenzung gegenüber sozialer Phobie</ref>
Überschneidungen gibt es ebenfalls mit den Merkmalen der abhängigen Persönlichkeitsstörung. Dabei steht allerdings, anders als bei Personen mit ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung, das Bedürfnis des Umsorgt-Werdens im Vordergrund. Beide Persönlichkeitsstörungen können gleichzeitig bestehen. Eine ebenfalls häufig auftretende Komorbidität besteht mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Leitlinien Persönlichkeitsstörung ( vom 23. Januar 2013 im Internet Archive) S. 15f.</ref>
Entstehung
Immer häufiger werden auch genetische Faktoren als Ursachen diskutiert – vor allem eine persönlichkeitstypische Vulnerabilität in Form innerer Unruhe, Anspannung, Nervosität und damit einhergehender mangelhafter Reagibilität, die schließlich zu einer erhöhten Verletzbarkeit führt. Diese genetische Prädisposition kann bei ungünstiger Kombination mit negativen psychosozialen Einflüssen im Alltag einen ursächlichen Beitrag zur Entstehung der Störung darstellen. Die bei ängstlich-vermeidenden Personen stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale Neurotizismus und Introversion gelten als vererbbar.<ref name="leitlinie">Siehe Leitlinie Persönlichkeitsstörungen der AWMF <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Leitlinien Persönlichkeitsstörung ( vom 23. Januar 2013 im Internet Archive) (PDF; 4 MB) S. 10–11, 40.</ref> Eine Pathogenese, die die Vererbung im Übermaß betont, verfügt aber gerade bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung über keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage in Form von genügend aussagekräftigen Studien. Daher sollte auch der möglicherweise entscheidende Einfluss der frühen Kindheit beachtet werden. Bisher liegen dazu allerdings ebenfalls nur Spekulationen und keine belastbaren empirischen Untersuchungen vor.
Die Betreffenden geraten demnach als Kinder in einen Konflikt zwischen Bindungs- und Autonomiebedürfnis. Einerseits sehnen sie sich nach Nähe und Sicherheit, andererseits vermeiden sie enge Beziehungen. Dieser grundlegende Konflikt der psychosozialen Entwicklung wird nicht erfolgreich gemeistert. Kommt es zu tatsächlicher Zurückweisung und Abwertung durch Eltern, Freunde oder andere nahestehende Personen, können diese verinnerlicht (internalisiert) werden und sich in Selbstabwertung und Selbstentfremdung fortsetzen. Infolgedessen wird kein gesunder Selbstwert aufgebaut; soziale Herausforderungen und Bindungen werden zunehmend ängstlich vermieden oder stellen sich zumindest angstbesetzt dar. Zusätzlich unterschätzen Betroffene ihre eigenen interpersonellen Fähigkeiten und haben in Stresssituationen oft ungünstige, kontraproduktive und selbstkritische Gedanken. Ihr Verhalten ist Ausdruck von Angst und Hilflosigkeit gegenüber den elterlichen Erziehungspraktiken; bisweilen kommt es später zu Entfremdung. Eltern werden als unterdrückend, einengend, emotionsarm und wenig einfühlend erlebt (siehe auch Doppelbindungstheorie).
Häufigkeit
Die Häufigkeit der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung liegt bei etwa 1 % – 2 %. Männer sind ebenso häufig betroffen wie Frauen.<ref name="Comer" /> Im Vergleich dazu ist die Wahrscheinlichkeit, im Leben an einer sozialen Phobie zu erkranken, deutlich höher und liegt bei zirka 11–15 %.<ref>William J. Magee (1996): Agoraphobia, simple phobia and social phobia in the National Comorbidity Survey. In: Archives of General Psychiatry. 53, S. 159–168. doi:10.1001/archpsyc.1996.01830020077009</ref> Da beide Erkrankungen ähnliche Symptome zeigen, bekommen viele Betroffene auch beide Diagnosen (in bis zu 46 % der Fälle).<ref name="Weinbrecht" />
Verlauf
Das ständige Vorherrschen von Angst und Anspannung kann zu einem weiteren Rückgang sozialer Kompetenzen führen. Dies ermöglicht einen Teufelskreis, sodass Betroffene potentiell gefährliche soziale Situationen meiden. Neue Erfahrungen oder alternative Möglichkeiten werden dadurch kaum noch erlebt. Partnerbeziehungen sind selten und oft konfliktbeladen. Starke Verlassensängste und Abgrenzungsprobleme können zu Beziehungsabbrüchen führen und damit zu einer Bestätigung von Befürchtungen und Wiederholung negativer Erfahrungen.
Die für die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung charakteristischen Symptome scheinen über die Zeit hinweg relativ stabil zu sein. Es handelt sich bei der ÄVPS um ein vernachlässigtes Krankheitsbild, das angesichts seiner Häufigkeit und der mit ihm einhergehenden Belastungen mehr Forschung bedarf.<ref name="Weinbrecht">Anna Weinbrecht, Lars Schulze, Johanna Boettcher, Babette Renneberg: Avoidant Personality Disorder: a Current Review. In: Current Psychiatry Reports. 18, 2016, doi:10.1007/s11920-016-0665-6.</ref>
Behandlung
Psychotherapeutische Behandlungsverfahren gelten als Methode der Wahl zur Behandlung von ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörungen. Verhaltenstherapeutische Therapieansätze erweisen sich als überlegen gegenüber unspezifischen Verfahren. Gruppen- und einzeltherapeutisches Training sozialer Kompetenzen kommt zum Einsatz, wobei sich Gefühle der Einsamkeit und des Alleingelassenseins durch Sozialtraining nur schwerer beeinflussen lassen (Cappe und Alden, 1996).<ref name=":2" /> Gruppentherapie kann Menschen mit ÄVPS helfen. Da der Gruppenmodus soziale Ansprüche stellt, bietet er den Betroffenen ein sinnvolles Übungsfeld (Piper & Joyce, 2001).<ref name="Comer" /> Die Auseinandersetzung mit biographischen Aspekten und Denkschemata sind häufige Therapieinhalte. Kognitive Verhaltenstherapie kann zu Verbesserungen hinsichtlich der Selbstunsicherheit, Angst vor negativer Bewertung, Vermeidung und Depressivität beitragen. In einer vergleichenden Studie bei depressiven Patienten mit ÄVPS war der kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansatz der interpersonalen Therapie überlegen (Barber und Muenz 1996).<ref name=":5">Berger Mathias: Psychische Erkrankungen. Hrsg.: Berger Mathias. 6. Auflage. Urban & Fischer Verlag, München 2019, ISBN 978-3-437-22485-0, S. 635.</ref> Neuere Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Studie zur Behandlung der ÄVPS zeigten ebenfalls eine Überlegenheit des kognitiv-verhaltenstherapeutischen Vorgehens im Vergleich zu einer Wartekontrollgruppe und auch zur psychodynamischen Therapie nach Luborsky (Emmelkamp et al. 2006).<ref name=":5" /> In der Studie von Alden (1989) zeigte sich, dass die Patienten trotz deutlicher Verbesserungen im Sozialverhalten durch ein reines Gruppentraining sozialer Kompetenzen nicht ein Funktionsniveau erreichten, das als normal zu bezeichnen ist.<ref name=":2">Peter Fiedler; Sabine C. Herpertz: Persönlichkeitsstörungen. 7. Auflage. Beltz Verlag, Weinheim 2016, ISBN 978-3-621-28013-6, S. 334, 345, 347.</ref> Auch in den Studien von Barber (1997) und Renneberg (1990) erreichten die Teilnehmenden nur selten das Niveau gesunder Vergleichspersonen. Empirische Belege für Wirksamkeit finden sich eingeschränkt auch bei der interpersonellen Therapie und bei der psychodynamischen Therapie.<ref name=":1">Babette Renneberg, Bernt Schmitz, Stephan Doering, Sabine Herpertz, Martin Bohus: Leitlinienkommission Persönlichkeitsstörungen: Behandlungsleitlinie Persönlichkeitsstörungen. In: Psychotherapeut. Band 55. Springer, Heidelberg 2010, S. 339–354, doi:10.1007/s00278-010-0748-5 (fu-berlin.de [PDF]).</ref>
Alternative Verhaltensweisen, die in Richtung „Initiative“ und „Risiko“ gehen, können im Rahmen einer Psychotherapie systematisch verstärkt werden. Z.B. wenn ein Klient sich traut, von sich aus ein Gespräch aufzunehmen, einen potenziellen Partner anzusprechen, etwas von sich preiszugeben oder positive Informationen über sich selbst wahrnimmt und annimmt.<ref name=":0" /> Dem Betroffenen sollten genügend Möglichkeiten eingeräumt werden, die eigenen Unsicherheiten und Widersprüche zu erkennen. Zur Stärkung des Selbstbewusstseins können verschiedene Techniken wie gezielte Hilfestellungen, Verhaltensrückmeldungen, Rollenspiele oder Video-Feedback genutzt werden. Mögliche Zustände von Einsamkeit oder Depression erfordern oft weitergehende Therapiestrategien. Oft verringern sie sich jedoch durch vermehrte (positive, fördernde) soziale Kontakte. Neben dem einzeltherapeutischen Vorgehen hat sich auch die Therapie in Gruppen bewährt.
Bisher liegt allerdings keine Metaanalyse zur Wirksamkeit der Psychotherapie bei ÄVPS vor.<ref name=":5" /> Ergebnisse aus Metaanalysen über die psychotherapeutischen Behandlungen der sozialen Phobie sind nicht 1:1 übertragbar, weil davon auszugehen ist, dass die Symptomatik bei ÄVPS schwerer ausgeprägt ist.<ref name=":5" /> Weiterhin fehlen Untersuchungen zu Unterschieden in der Wirksamkeit für Gruppen oder Einzeltherapie.<ref name=":5" />
Symptome wie Angst und Unbehagen lassen sich mit angstlösend oder antidepressiv wirkenden Psychopharmaka reduzieren.<ref>D. Wedekind, B. Bandelow, E. Rüther: Pharmakotherapie bei Persönlichkeitsstörungen. In: Fortschritte der Neurologie Psychiatritrie. Band 73, Nr. 5. Thieme, 2005, S. 259–267, doi:10.1055/s-2004-830107.</ref> Die Symptome stellen sich nach dem Absetzen jedoch wieder ein (Koenigsber et al. 2002).<ref name="Comer" /> Der Einsatz von Psychopharmaka zur Behandlung von ÄVPS ist wissenschaftlich jedoch nicht hinreichend belegt.<ref name=":1" />
Literatur
- Peter Fiedler, Sabine C. Herpertz: Persönlichkeitsstörungen. 7. Auflage, Beltz Verlag, Weinheim 2016, ISBN 978-3-621-28013-6, S. 329–347.
- Hans Gunia: Ängstliche Persönlichkeitsstörung, in: Stephanie Amberger, Sibylle C. Roll (Hrsg.): Psychiatriepflege und Psychotherapie, Thieme, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-148821-3, S. 397–398.
- Rainer Sachse, Jana Fasbender, Meike Sachse: Klärungsorientierte Psychotherapie der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung, Hogrefe, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8017-2619-5
- Rainer Sachse: Persönlichkeitsstörungen, Hogrefe, 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8017-2906-6
- Ulrich Stangier, Thomas Heidenreich, Monika Peitz: Soziale Phobien, Beltz, Weinheim [u. a.] 2003, ISBN 3-621-27541-X.
Weblinks
- Peter Fiedler, Michael Marwitz (2016): Selbstunsichere und ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörungen
- Volker Faust: Selbstunsicher, ängstlich, gehemmt, unbeholfen und kontaktscheu
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang paranoid (F60.0) | schizoid (F60.1) | dissozial (antisozial) (F60.2) | emotional instabil (F60.3) | Borderline (F60.31) | histrionisch (F60.4) | zwanghaft (anankastisch) (F60.5) | ängstlich (vermeidend) (F60.6) | abhängig (asthenisch, dependent) (F60.7)
Sonstige (F60.8): exzentrisch | haltlos | narzisstisch | passiv-aggressiv (negativistisch) | psychoneurotisch | unreif
Außerhalb von F60: schizotypisch (F21) Vorlage:Klappleiste/Ende