Abbinden (Medizin)
Beim Abbinden wird in der Notfallmedizin die Blutversorgung in einem Arm oder Bein durch eine zirkuläre Binde mit starkem Druck auf die Arterien der Extremität unterbunden.
Der Sinn des Abbindens (mittels Blutdruckmanschette oder Tourniquet) besteht darin, lebensbedrohliche Blutungen und den damit einhergehenden hämorrhagischen Schock zu verhindern. Es kommt daher nur zum Einsatz, wenn mit einem Druckverband oder durch manuelle Kompression keine ausreichende Blutstillung zu erreichen ist. Der sofortige Einsatz ist angezeigt bei lebensgefährlichen Blutungen bzw. mehrfacher Verletzung der Extremität, Nichterreichbarkeit der Blutungsquelle oder einem Massenanfall von Verletzten.<ref>{{#if: S3|S3-|}}Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung{{#if: DGU| der DGU|}}. In: AWMF online {{#if: 12/2022|(Stand 12/2022)|}}</ref>
Der Druck soll gleichmäßig um die Extremität herum auf die Haut und das darunter liegende Gewebe ausgeübt werden. Eine einmal abgebundene Extremität ist aufgrund der Gefahr von Thrombenbildungen nur noch vom Arzt zu öffnen. Der Zeitpunkt der Abbindung ist festzuhalten und kann oberhalb der Abbindung auf die Extremität geschrieben werden.
Risiko
Ein Risiko ist, dass durch zu lang andauerndes Abbinden die Extremität abstirbt und dann amputiert werden muss. Dieses Risiko ist jedoch bei dem zu erwartenden Nutzen im Rahmen einer lebensbedrohlichen Blutung zu vernachlässigen. Abbindezeiten bis zu 3 Stunden werden z. B. im Rahmen von geplanten Knieoperationen in OP-Sälen regelmäßig durchgeführt, um den Blutverlust während einer OP gering zu halten (Blutsperre). Erfahrungen aus der Gefäßchirurgie zeigen, dass Extremitäten sogar bis zu 6 Stunden ohne Blutversorgung überleben können.<ref name="leitl">M. Storck, P. K. Modic: Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie S2-Leitlinie Gefäßverletzungen. AWMF online www.leitlinien.net 2008.</ref> Erst nach 6 Stunden ohne Blutversorgung wird eine Amputation als unausweichlich angesehen. Weitere Risiken sind Nervenschäden bei Nutzung unsachgemäßer schmaler Abbindemittel wie Draht oder Schnur. Zu schwacher Druck beim Abbinden kann zum venösen Blutstau führen und die Blutung sogar verstärken.
Einsatz im Militär
In den vom US-amerikanischen Militär entwickelten Tactical Combat Casualty Care (TCCC)-Leitlinien wird das Abbinden zur schnellen Blutstillung empfohlen, insbesondere in der sogenannten Care Under Fire-Phase, in der Patient und Helfer unter feindlichem Beschuss stehen.<ref>Committee on Tactical Combat Casualty Care (CoTCCC) - Joint Trauma System: Tactical Combat Casualty Care (TCCC) Guidelines In: Deployed Medicine 25. Februar 2024, S. 1.</ref>
Auch außerhalb der Schusslinie, aber vor Erreichen von medizinischen Ressourcen (Tactical Field Care) kann die Blutung durch Abbinden gestoppt werden. Unstillbare Blutungen an Extremitäten sind die Hauptursache (ca. 60 %) von vermeidbaren Todesfällen auf dem Gefechtsfeld.<ref>NAEMT (Hrsg.): Präklinisches Traumamanagement: Das PHTLS-Konzept. Urban & Fischer Verlag/Elsevier, 2009, ISBN 978-3-437-48620-3.</ref>
Verwundetenstatistiken der US-Streitkräfte aus Irak und Afghanistan zeigten, dass bei den vermeidbaren Todesursachen prähospitales Verbluten mit über 80 % die Statistik anführt.<ref>Eastridge, Brian J. MD; Mabry, Robert L. MD; Seguin, Peter MD; Cantrell, Joyce MD; Tops, Terrill MD; Uribe, Paul MD; Mallett, Olga; Zubko, Tamara; Oetjen-Gerdes, Lynne; Rasmussen, Todd E. MD; Butler, Frank K. MD; Kotwal, Russell S. MD; Holcomb, John B. MD; Wade, Charles PhD; Champion, Howard MD; Lawnick, Mimi; Moores, Leon MD; Blackbourne, Lorne H. MD: Death on the battlefield (2001-2011): implications for the future of combat casualty care In: Journal of Trauma and Acute Care Surgery 73(6):p S431-S437, doi:10.1097/TA.0b013e3182755dcc, December 2012, abgerufen am 1. Februar 2026.</ref>
Dabei war ein Drittel dieser extremen Blutungen an den Extremitäten lokalisiert und die übrigen zwei Drittel trunkal, welche somit via Tourniquet beherrschbar gewesen wären;<ref name="DOI10.1097/TA.0b013e318160b9fb">Joseph F. Kelly, Amber E. Ritenour, Daniel F. McLaughlin, Karen A. Bagg, Amy N. Apodaca, Craig T. Mallak, Lisa Pearse, Mary M. Lawnick, Howard R. Champion, Charles E. Wade, John B. Holcomb: Injury Severity and Causes of Death From Operation Iraqi Freedom and Operation Enduring Freedom: 2003–2004 Versus 2006. In: The Journal of Trauma. 64, 2008, S. S21–S27, doi:10.1097/TA.0b013e318160b9fb, abgerufen am 1. Februar 2026.</ref> da zu der Zeit dennoch große Angst vor Amputation, permanenten Nerven- und Gewebeschäden und Nekrose des Gewebes herrschte, wurde oft keine Tourniquetnutzung vollzogen, weswegen schließlich viele Verwundete prähospital am Verbluten gestorben sind.
Mit der Publikation von Joseph F. Kelly et al. und Brian J. Eastridge et al. haben sich letztendlich die CoTCCC-Leitlinien mit der Einführung der Verwendung von Tranexamsäure im Jahr 2011<ref> Defense Health Board Memorandum: Tranexamic Acid (TXA) in TCCC. TCCC Guidelines Change 11-02 In: Deployed Medicine 23. September 2011, abgerufen am 1. Februar 2026.</ref>, und der Optimierung des Tourniquetnutzens im Jahr 2014<ref>Stacy Shackelford, MD; Frank K. Butler, MD; John F. Kragh Jr, MD; Rom A. Stevens, MD; Jason M. Seery, MD; Donald L. Parsons, PA-C; Harold R. Montgomery, NREMT/ATP; Russ S. Kotwal, MD; Robert L. Mabry, MD; Jeffrey A. Bailey, MD: Optimizing the Use of Limb Tourniquets Tactical Combat Casualty Care: TCCC Guidelines Change 14-02 In: Journal of Special Operations Medicine Band 15, Heft 1, Frühjahr 2015, S. 17–31, abgerufen am 1. Februar 2026.</ref> stark geändert.
Dementsprechend ist Ausrüstung zur effektiven Blutungskontrolle ein absolutes Minimum der individuellen Erste-Hilfe-Ausstattung (IFAKs) von deutschen Soldaten, beginnend mit den Einsatzersthelfern A und höher.<ref>René Sellmann, Überlebenswichtig: Die Ausbildung zum Einsatzersthelfer A Website der Bundeswehr. Abgerufen am 1. Februar 2026.</ref>
Literatur
- C. Madler, K.-W. Jauch, K. Werdan, J. Sigrist, F.-G. Pajonk (Hrsg.): Das NAW-Buch. 3. Auflage. Urban & Fischer bei Elsevier, 2005, ISBN 3-437-22510-3.
Nachweise
<references />
Weblinks
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