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Albert Ganzenmüller

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Datei:Albert Ganzenmüller (Foto von Ittenbach) 1942 klein.jpg
Albert Ganzenmüller (1942 oder 1943, offizielles Foto nach seiner Ernennung zum Staatssekretär).

Albert Ganzenmüller (* 25. Februar 1905 in Passau; † 20. März 1996 in München) war ein deutscher Diplomingenieur und Reichsbahnbeamter, zuletzt als Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium (RVM) und stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn tätig. Er gilt als Prototyp eines technokratischen Nationalsozialisten.

Als Schüler nahm er am Hitlerputsch 1923 teil. Ganzenmüller war nach 1933 einer der wenigen Alten Kämpfer bei der Deutschen Reichsbahn, der zugleich auch als fachlich kompetent angesehen wurde. Der promovierte Maschinenbauer stieg rasch die Karriereleiter bei der Reichsbahn empor. 1942 wurde er auf Bestreben von Albert Speer Staatssekretär im RVM. In dieser Position war Ganzenmüller unter anderem für die Deportation von Juden aus Deutschland und den besetzten Staaten sowie anderen Opfern des nationalsozialistischen Völkermords mit der Reichsbahn in die Vernichtungslager verantwortlich. In seiner Amtszeit als Staatssekretär wurden mehr als eine Million Menschen ins KZ Auschwitz abtransportiert. Ganzenmüller kümmerte sich persönlich und in Abstimmung mit der SS um den reibungslosen Transport in die Lager. 1945 flüchtete er über die Rattenlinien nach Argentinien, wo er die verstaatlichten Eisenbahnen beriet. 1955 kehrte er nach Deutschland zurück.

Ganzenmüller ist der einzige Reichsbahner, gegen den aufgrund seiner Mitwirkung an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ein Strafprozess wegen Beihilfe zum Mord eröffnet wurde. Es kam nicht zu einem Urteil, da Ganzenmüller von 1973 bis zu seinem Tod als verhandlungsunfähig galt.

Leben

Ausbildung und Eintritt bei der Reichsbahn

Ganzenmüller war der Sohn eines Landwirts; seine Familie stammte aus dem Donau-Ries.<ref>Lebenslauf Ganzenmüller. Aus: Die Reichsbahn. Amtliches Nachrichtenblatt der Deutschen Reichsbahn (1942), Nr. 22/23, S. 192; wiedergegeben in Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 161, Anlage 17.</ref> 1924 legte Ganzenmüller an einem Realgymnasium in München sein Abitur ab und nahm im gleichen Jahr an der Technischen Hochschule München ein Studium der Fachrichtung Maschinenbau auf, das er 1928 als Diplomingenieur abschloss.<ref>Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 161.</ref> Ebenfalls 1924 wurde er Mitglied des Corps Rheno-Palatia.<ref>Kösener Corpslisten 1996, 137, S. 511.</ref>

1928 wurde Ganzenmüller Reichsbahnreferendar bei der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft in der Reichsbahndirektion München. Nach dem Staatsexamen 1931 wurde er als Reichsbahnbauassessor zur weiteren Ausbildung in die Reichsbahndirektion Nürnberg übernommen.<ref name="Gottwaldt-Schulle-105">Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 105.</ref> Ab dem 24. März 1932 war er als Reichsbahnbaumeister und ab dem 1. April 1934 planmäßig als Reichsbahnrat, ab 1. Oktober 1938 als Reichsbahnoberrat (vergleichbar mit der Amtsbezeichnung Oberregierungsrat) und ab dem 1. Oktober 1940 als Abteilungspräsident (vergleichbar mit einem Regierungsdirektor/Ministerialrat) bei der Deutschen Reichsbahn angestellt.<ref>Ernennungsvorschlag für die Beförderung vom Reichsbahnrat zum Reichsbahnoberrat vom 27. Oktober 1938, abgedruckt in: M. Friedman: Zwei verschiedene Urteile in Deutschen Gerichten. Selbstverlag des Institute of Documentation in Israel, Haifa 2002.</ref> Er wurde in Breslau, München, Nürnberg und Berlin eingesetzt. In München war er unter anderem am Reichsbahn-Zentralamt im dortigen Forschungsinstitut Mitarbeiter von Wolfgang Bäseler. Er promovierte 1934 an der Technischen Hochschule Breslau bei Georg Lotter mit einer Arbeit über Straßen-Schienen-Fahrzeuge.<ref>Alfred C. Mierzejewski: The most valuable asset of the Reich. A history of the German National Railway. Bd. 2, 1933–1945. University of North Carolina Press, Chapel Hill 2000, ISBN 0-8078-2574-3, S. 106; Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 87.</ref><ref name="Gottwaldt-Schulle-106">Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 106.</ref>

Karriere im Nationalsozialismus

Bereits während seiner Schulzeit schloss sich Ganzenmüller 1922 den paramilitärischen Vereinigten Vaterländischen Verbänden Deutschlands (VVVD) an, wo er eine vormilitärische Ausbildung erhielt. Beim Hitlerputsch am 8./9. November 1923 gehörte er dem „Stoßtrupp Süd des Kampfbundes Reichskriegsflagge“ an, der das Wehrkreiskommando München besetzte. Für die Teilnahme am Putsch wurde ihm 1933 der von Adolf Hitler gestiftete sogenannte Blutorden verliehen.<ref>Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 163; Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 86.</ref> Ganzenmüller erhielt die Verleihungsnummer 141.<ref name="Gottwaldt-Schulle-105" />

Zum 1. April 1931 trat er in die NSDAP (Mitgliedsnummer 483.916)<ref>Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/8970879</ref> und im April 1932 in die SA (Gausturm München-Oberbayern) ein. Im Jahr 1940 hatte Ganzenmüller den Rang eines Standartenführers im Stab der Obersten SA-Führung erreicht. Am 9. November 1942 wurde er in der SA vom Brigadeführer zum Gruppenführer befördert.<ref>Beförderungen in den Parteigliederungen. In: Neuigkeits-Welt-Blatt, 10. November 1942, S. 4 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nwb</ref> Als Mitarbeiter des Amtes Technik im NSDAP-Gau Franken und des Hauptamtes für Technik der NSDAP in München stellte er „sein fachliches Können in den Dienst der Bewegung“, wie ein 1942 veröffentlichter Lebenslauf festhält.<ref name="Raul Hilberg 1981">Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 163.</ref>

Ganzenmüller wurde 1934 nach seiner Promotion zum Reichsbahnrat befördert und zum Reichsbahn-Zentralamt in München versetzt. Ein Jahr später war er Leiter der Abteilung für elektrische Lokomotiven im RAW München. In dieser Funktion führte er am 8. Dezember 1935 anlässlich der Jubiläumsparade zum 100. Geburtstag der deutschen Eisenbahnen in Nürnberg Adolf Hitler einen neuen elektrischen Triebwagen vor.<ref name="Dorpmüller-193">Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 193.</ref> Von Januar 1937 bis Mai 1939 arbeitete Ganzenmüller als „Hilfsarbeiter“ (wissenschaftlicher Mitarbeiter) für elektrischen Zugbetrieb im Reichsverkehrsministerium. 1938 wurde er zum Oberregierungsrat ernannt, anschließend 1939 nach einer kurzen Tätigkeit als Vorstand eines Maschinenamts Dezernent für Elektrotechnik im Reichsbahn-Zentralamt München.

Ganzenmüller hatte zwischenzeitlich geheiratet und war Vater zweier Kinder geworden. 1940 scheiterte seine Ehe und er meldete sich freiwillig für die Sonderaufgabe, für die Wehrmacht-Verkehrsdirektion in Paris nach Abschluss des Westfeldzugs den elektrischen Zugbetrieb im besetzten Frankreich wieder in Gang zu bringen.<ref name="Gottwaldt-Schulle-106" /><ref>Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 162.</ref> Anschließend übernahm er erneut verschiedene höhere Dienstposten bei der Reichsbahn; ab Mai 1941 leitete er unter der Dienstbezeichnung „Vizepräsident“ die Elektrische Oberbetriebsleitung in Innsbruck, die für alle elektrisch betriebenen Strecken der Reichsbahn in den vier vorhandenen Teilnetzen in Baden, Mitteldeutschland, Schlesien sowie Bayern und der Ostmark zuständig war.

Im Oktober 1941 wurde er auf eigenen Wunsch an die „Haupteisenbahndirektion Ost“ in Poltawa versetzt. Dort beseitigte er in kurzer Zeit Verkehrsstockungen und sorgte für die kriegswichtige Umspurung von Gleisen und Fahrzeugen sowjetischer Eisenbahnen.<ref name="Raul Hilberg 1981" /> Das erweckte nicht nur die Aufmerksamkeit des Reichsbahn-Generaldirektors und Verkehrsministers Julius Dorpmüller, der Ganzenmüller im Februar 1942 in Poltawa besuchte. Auch Albert Speer, dem neuen Rüstungsminister, der inzwischen nach Lösungen für die im Winter 1941/42 eingetretene Transportkrise im Osten suchte, fiel der als energisch und kompetent geltende Ganzenmüller auf.<ref name="Gottwaldt-Schulle-108">Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 108.</ref>

Aufstieg zum Staatssekretär

Datei:Ganzenmüller mit Stab auf dem Dnepr.jpg
Albert Ganzenmüller (Bildmitte, mit Karte) mit seinem Stab und Sekretärin unterwegs auf dem Dnjepr (Juli 1943).
Datei:Albert Ganzenmüller bei Cherson.jpg
Albert Ganzenmüller (vorne) besichtigt im Juli 1943 eine Streckenbaustelle bei Oleschky.

Seit Speer am 8. Februar 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition geworden war, hatte er die aus seiner Sicht unzureichende Arbeit der Reichsbahn kritisiert und zunächst die Ablösung des damals 73 Jahre alten Verkehrsministers Dorpmüller betrieben. Hitler, der Dorpmüller als Galionsfigur und „getreuen Eckehard“ des Verkehrs benötigte, hielt aber an ihm fest.<ref>Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl (Hrsg.): Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 231.</ref> Speer konzentrierte seine Kritik daher auf den Staatssekretär Wilhelm Kleinmann, mit 65 Jahren ebenfalls deutlich älter als die von Speer bevorzugten jungen Technokraten und Ingenieure. Dorpmüller lehnte zunächst eine Entlassung Kleinmanns ab, woraufhin Speer erneut an Hitler herantrat. Am 13. bzw. 18. Mai 1942 empfahl Speer Ganzenmüller mit Verweis auf dessen Leistungen in der Ukraine. Ganz den Vorstellungen Speers entsprach Ganzenmüller beispielsweise dadurch, dass er sich weigerte, Vorlagen zu unterzeichnen, die länger als vier Seiten waren.<ref>Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl (Hrsg.): Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 232.</ref> Hitler stimmte Speers Vorschlag zu, nachdem Verkehrsminister Dorpmüller gegenüber Speer erklärt hatte, dass die Reichsbahn mangels Lokomotiven und Wagen keine Verantwortung mehr für die dringlichsten Transporte übernehmen könne.<ref>Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 83–85.</ref><ref name="Dorpmüller-192">Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 192.</ref> Hitler, der Kleinmann bereits im Februar sehr deutlich mit der Gestapo gedroht hatte,<ref>Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl: Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 230.</ref> ernannte auf Speers Vorschlag am 25. Mai 1942 Ganzenmüller zu Kleinmanns Nachfolger als Staatssekretär des Reichsverkehrsministeriums und stellvertretenden Generaldirektor der Reichsbahn.<ref name="dVdeJ">Raul Hilberg: Die Vernichtung der Europäischen Juden. Frankfurt a. M. 1990, S. 429.</ref><ref>Die Proklamation „Deutsche Eisenbahner!“ zu seinem Amtsantritt findet sich in: Deutsche Reichsbahn (Hg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion Mainz vom 13. Juni 1942, Nr. 33, S. 229.</ref> Offiziell wurde verlautbart, Kleinmann habe „den Führer aus gesundheitlichen Gründen von der Entbindung von seinen Dienstgeschäften gebeten“.<ref name="19420528DKV">Rücktritt des Staatssekretärs Kleinmann. In: Das kleine Volksblatt, 28. Mai 1942, S. 3 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/dkv</ref>

Als Kleinmanns Nachfolger wurde Ganzenmüller auch Vertreter des Reichsverkehrsministeriums beim Generalrat für den Vierjahresplan.<ref>Götz Aly, Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Frankfurt a. M. 1993, S. 59.</ref> Hitler stellte Ganzenmüller bei seiner Amtseinführung explizit die Aufgabe, die eingetretene Transportkrise „mit größter Rücksichtslosigkeit“ zu lösen.<ref name="Dorpmüller-192" /> Kleinmann wurde als Direktor zur Mitropa abgeschoben. Ganzenmüller beließ seinem Vorgänger die Dienstvilla und begnügte sich mit einer Mietwohnung.<ref name="Gottwaldt-Schulle-110">Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 110.</ref>

Der neue, erst 37 Jahre alte Staatssekretär war als Blutordensträger nicht nur in der Partei anerkannt, er war auch als kompetenter Fachmann innerhalb der Reichsbahn geschätzt. Er entsprach zudem mit 1,86 m Größe, blonden Haaren und markanten, durch Schmisse gekennzeichneten Gesichtszügen auch äußerlich dem Idealbild der „Nordischen Rasse“ gemäß der Rassenideologie des Nationalsozialismus.<ref>Hasso Ziegler: Nichts gehört, nichts gesehen, nicht darum gekümmert. „Ich meine, für mich als einfachen Staatsbürger …“ Aus der Vernehmung des wegen Beihilfe zur Judenvernichtung angeklagten früheren Staatssekretärs Albert Ganzenmüller. In: Stuttgarter Zeitung. Nr. 96 vom 26. April 1973 als Anlage bei Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 242 f.</ref> Ganzenmüller versuchte zunächst, die Eisenbahner durch Appelle zur verstärkten Leistungsbereitschaft zu motivieren. Als eine seiner ersten Tätigkeiten im neuen Amt initiierte er im Juni 1942 die Propagandakampagne „Räder müssen rollen für den Sieg!“. Weitere durch Ganzenmüller veranlasste Maßnahmen zur Lösung der Transportkrise waren die Anmietung ausländischer Güterwagen, die Auflösung von Wagenreserven, die Zulassung einer Überladung von Wagen um bis zu zwei Tonnen sowie stärkere Bemühungen um eine Senkung des Schadwagenbestands und die Beschleunigung der Be- und Entladung.<ref>Alfred B. Gottwaldt: Deutsche Kriegslokomotiven 1939–1945: Lokomotiven, Wagen, Panzerzüge und Eisenbahngeschütze. 3. Auflage. Franckh’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1983, ISBN 3-440-05160-9, S. 46.</ref> Der Betrieb von Speisewagen wurde eingestellt, für Schlafwagen verschärfte Zulassungskarten eingeführt.<ref name="Gottwaldt-195">Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn: Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 195.</ref> Im Laufe des Sommers 1942 wurden verschiedene ältere leitende Beamte des RVM wie etwa Paul Treibe, Leiter der Abteilung E I (Verkehr und Tarif), und Max Leibbrand, Leiter der Abteilung E II (Betrieb), sowie diverse Direktionspräsidenten der Reichsbahn in den Ruhestand verabschiedet. Sie wurden durch jüngere Männer ersetzt, so etwa Fritz Schelp als neuer Leiter der Abteilung E I und Hans Geitmann, der die wichtige Reichsbahndirektion Oppeln übernahm.<ref name="Gottwaldt-195" /> Wie Ganzenmüller selbst standen diese Männer in der Regel der Partei nahe und waren zugleich als fachlich kompetent angesehen. Vermehrt trat Ganzenmüller zudem durch Veröffentlichungen in Reichsbahnpublikationen hervor. Im September 1942 charakterisierte er die Leistungen der Reichsbahn als „ein kleines Manöver“, dem jedoch noch „die größte Transportschlacht aller Zeiten“ folgen werde.<ref name="N89">Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 89.</ref> Im Oktober 1943 schilderte er in einem für die Öffentlichkeit gedachten Bericht die „Transportschlacht der deutschen Reichsbahn“:<ref name="19431022PEL" />

„Man ist auf deutscher Seite dazu übergegangen […], einen Ausgleich zu schaffen zwischen den saisonbedingten Güterbewegungen der Landwirtschaft und der industriellen Versandkurve. Die Industrietransporte an Kohle, Erzen, Schrott, Eisen und allen Arten von Baustoffen beispielsweise werden durch einen präzisen Plan in den Monaten abgewickelt, wo die Landwirtschaft für die Beförderung von Lebensmitteln keine oder nicht so viel Güterwagen beansprucht. Die nicht saisongebundenen Güter, die in verkehrsstilleren Zeiten zum Versand kommen, werden in neugebauten Lagerschuppen gehortet, denn […] es [ist] leichter, mehr Lagerschuppen neu zu bauen als zusätzliche Güterwagen.“

Pester Lloyd vom 22. Oktober 1943<ref name="19431022PEL">Die Transportleistungen der deutschen Reichsbahn. In: Pester Lloyd, 22. Oktober 1943, S. 10 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/pel</ref>

Noch am 1. Januar 1945 rief er die Eisenbahner und Eisenbahnerinnen zum Durchhalten auf. 1945 werde „ein Jahr des deutschen Angriffs“ und es gelte jetzt „erst recht“ zu fahren.<ref name="N90" />

Ganzenmüller bemühte sich weiterhin um eine bessere Einbindung der Ostbahn im besetzten Polen. Zunächst erreichte er durch Vortrag bei Hitler, dass die Ostbahn analog zur Reichsbahn organisiert wurde. Am 26. Oktober 1942 erschien Ganzenmüller beim Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers. Lammers fragte bei Hitler persönlich nach dessen Vorstellungen zur organisatorischen und finanziellen Eingliederung der Ostbahn nach.<ref>Helmut Heiber: Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP: Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes: Regesten. Oldenbourg Verlag, 1983, S. 806 (online aufgerufen am 28. Januar 2013).</ref> Letztlich konnten sich Ganzenmüller und Dorpmüller nicht gegen Generalgouverneur Hans Frank durchsetzen; die Ostbahn blieb außerhalb der Reichsbahn und ein Sondervermögen des Generalgouvernements.

Während seiner Amtszeit unternahm Ganzenmüller zahlreiche Dienstreisen, darunter sechs in die besetzten Gebiete im Osten, bis in den Kaukasus und in die Nähe von Stalingrad.<ref name="N90">Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 90.</ref> Auf einer Tagung der Reichs- und Gauleiter am 5. und 6. Februar 1943 in Posen, zwei Tage nach der Kapitulation deutscher Truppen bei der Schlacht von Stalingrad, hielt Ganzenmüller als Vertreter des Reichsverkehrsministeriums ein Referat über die auf dem Transportsektor zu lösenden Probleme. Am 7. Februar fuhren die Teilnehmer gemeinsam zur „Wolfsschanze“, wo sie von Hitler empfangen wurden.<ref>Martin Moll: Steuerungsinstrument im „Ämterchaos“? Die Tagungen der Reichs- und Gauleiter der NSDAP. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 49 (2001), Heft 2, S. 250–252 (PDF).</ref>

Hitler hielt so viel von Ganzenmüllers Tätigkeit, dass er ihn im Mai 1943 als möglichen Nachfolger Dorpmüllers ins Auge fasste. Am 19. September 1943 zeichnete er ihn und Dorpmüller persönlich mit dem „Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern“ aus.<ref name="Dorpmüller-207">Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 207.</ref> Auch Propagandaminister Joseph Goebbels lobte Ganzenmüllers Leistung als „zu gewissen Zeiten direkt kriegsentscheidend“.<ref name="N89" /> Bereits seit dem 30. Januar 1943 war Ganzenmüller Inhaber des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP.<ref>Klaus D. Patzwall: Das Goldene Parteiabzeichen und seine Verleihungen ehrenhalber 1934–1944 (Studien der Geschichte der Auszeichnungen, Band 4). Verlag Klaus D. Patzwall, Norderstedt 2004, ISBN 3-931533-50-6, S. 69.</ref> Dagegen vermied Ganzenmüller eine zu enge Anlehnung an die SS. Himmlers Versuchen, ihn über Verleihung eines SS-Ehrenrangs enger an sich zu binden, entzog er sich anscheinend.<ref name="Gottwaldt-Schulle-109">Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 109.</ref>

Obwohl Ganzenmüller als Technokrat und Parteimitglied von Speer gefördert worden war, vertrat er im NS-typischen polykratischen Kompetenzgerangel seine eigenen Positionen und versuchte, die Interessen der Reichsbahn gegenüber anderen Behörden und Ministerien zu wahren. Im April 1943 lehnte er eine pauschalisierte Kostenabrechnung der Wehrmacht mit der Reichsbahn ab.<ref>Helmut Heiber: Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP: Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes : Regesten. Oldenbourg Verlag, 1983, S. 806 (online aufgerufen am 28. Januar 2013).</ref> Ende 1944 zeigten sich die Differenzen zwischen ihm und seinem ursprünglichen Mentor Speer deutlich, als er am 5. Dezember einen Versuch Speers abwehrte, über die Ernennung von Transportbevollmächtigten seines Ministeriums die Reichsbahn in seinen Kompetenzbereich zu ziehen.<ref name="Hildebrand-232">Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl: Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 232.</ref>

In anderen Fällen arbeiteten Ganzenmüller und Speer wiederum gemeinsam gegen andere NS-Institutionen und Personen. Im September 1944 versuchten beide, sich einer Weisung von Goebbels, seit Sommer 1944 auch Generalbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz, zu widersetzen. Goebbels hatte verlangt, uk-gestellte Reichsbahner für die Wehrmacht, d. h. den Fronteinsatz, freizugeben. Ganzenmüller hatte wie Speer argumentiert, dies würde die Funktionsfähigkeit seiner Institution gefährden.<ref>Tagebucheintrag von Goebbels am 23. September 1944.</ref> Mit Speers Unterstützung konnte sich Ganzenmüller letztlich durchsetzen, ähnlich auch gegenüber Martin Bormann, der Reichsbahner zum Volkssturm abkommandieren wollte.<ref name="Hildebrand-232" />

Mitwirkung an Deportationen und Zwangsarbeit

Datei:Umschlagplatz loading.jpg
Juden bei der Verladung in Züge mit Güterwagen am Umschlagplatz Warschau (zwischen 1942 und 1943)

Ganzenmüller war als Staatssekretär und stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn direkt seit seinem Amtsantritt an der Organisation der Deportationszüge beteiligt. Er wirkte an der Deportation älterer deutscher Juden ins Ghetto Theresienstadt mit und sorgte für den reibungslosen Ablauf der Transporte in die Massenvernichtungslager der Aktion Reinhardt, d. h. der Deportation von über zwei Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma, die zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 aus den fünf Distrikten des Generalgouvernements (Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Galizien) in die drei Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka abtransportiert wurden.

Datei:SchreibenGanzenmuellerWolff28Juli1942.jpg
Schreiben von Staatssekretär Albert Ganzenmüller an SS-Obergruppenführer Karl Wolff vom 28. Juli 1942

Bereits seit dem Ende des Überfalls auf Polen im September 1939 war die Ostbahn im Generalgouvernement mit „Umsiedlungstransporten“ betraut, zu denen später auch Deportationen von Juden in Ghettos und Lager gehörten. Als im Frühsommer 1942 der Höhere SS- und Polizeiführer im Generalgouvernement, Friedrich-Wilhelm Krüger, die Bereitstellung von Sonderzügen für geplante Großaktionen gegen die jüdische Bevölkerung forderte, gab der Präsident der Generaldirektion der Ostbahn (Gedob), Adolf Gerteis, an, aufgrund des hohen Transportmittelbedarfs der Wehrmacht nur wenige Züge zur Verfügung stellen zu können. Auf einer seiner ersten Dienstreisen besprach sich Ganzenmüller am 26. Juni 1942 in Krakau unter anderem dazu mit Josef Bühler, dem Stellvertreter des Generalgouverneurs, und Adolf Gerteis. Zudem wurden im Juli 1942 Bauarbeiten an der Bahnstrecke durchgeführt, die in Richtung des Vernichtungslagers Sobibor führte.<ref name="E56" /> Der Reichsführer SS Heinrich Himmler drang zugleich darauf, die Juden im Generalgouvernement möglichst schnell in die Vernichtungslager zu deportieren, und hatte offensichtlich darüber am 16. Juli 1942 im Führerhauptquartier mit Hitler gesprochen. Noch am gleichen Tag telefonierte sein persönlicher Adjutant Karl Wolff von dort aus mit dem neuen Staatssekretär Ganzenmüller.<ref>Martin Broszat: Hitler und die Genesis der „Endlösung“. Aus Anlaß der Thesen von David Irving. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 25 (1977), S. 765 f. (PDF).</ref> Bereits zu Ganzenmüllers Vorgänger Kleinmann hatte der umgängliche Wolff Verbindungen unterhalten. Wolff ersuchte nun Ganzenmüller, seinen Einfluss auf die Gedob geltend zu machen, um mehr Transportraum für die SS bereitzustellen.<ref name="E56">Andreas Ewert, Susanne Kill (Hrsg.): Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn. Eine Dokumentation der Deutschen Bahn AG. Böhlau, Köln 2009, S. 56–58.</ref>

Ganzenmüller teilte Wolff am 28. Juli 1942 in einem Schreiben unter seinem eigenen Briefkopf und mit eigenhändiger Unterschrift mit:

„Seit dem 22. 7. fährt täglich ein Zug mit je 5000 Juden von Warschau über Malkinia nach Treblinka, außerdem zweimal wöchentlich ein Zug mit 5000 Juden von Przemysl nach Belzec. Gedob steht in ständiger Fühlung mit dem Sicherheitsdienst Krakau. Dieser ist damit einverstanden, daß die Transporte von Warschau über Lublin nach Sobibor (bei Lublin) solange ruhen, wie die Umbauarbeiten auf dieser Strecke diese Transporte unmöglich machen (ungefähr Oktober 1942)“<ref name="Hilberg">Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Ullstein, Mainz 1981, ISBN 3-921426-18-9, S. 177.</ref>

Datei:SchreibenKarlWolff an AlbertGanzenmueller13August1942 .jpg
Schreiben von SS-Obergruppenführer Karl Wolff an Staatssekretär Albert Ganzenmüller vom 13. August 1942. Dieser Brief wird später eines der wohl bekanntesten und meist zitierten Schriftstücke des Völkermordes.<ref>Clemens Vollnhals (Hrsg.): NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit: Besatzungszeit, frühe Bundesrepublik und DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S. 328 (online aufgerufen am 29. Januar 2013).</ref>

Karl Wolff dankte ihm am 13. August 1942 in einem persönlichen Schreiben:

„[…] Mit besonderer Freude habe ich von Ihrer Mitteilung Kenntnis genommen, dass nun schon seit 14 Tagen täglich ein Zug mit je 5.000 Angehörigen des auserwählten Volkes nach Treblinka fährt und wir doch auf diese Weise in die Lage versetzt sind, diese Bevölkerungsbewegung in einem beschleunigten Tempo durchzuführen.“<ref name="Hilberg" />

In dieser verschleiernden und zynischen Diktion bestätigte Wolff, dass die Deportation und Ermordung der Bewohner des Warschauer Ghettos nunmehr begonnen hatte.<ref>Andreas Ewert, Susanne Kill (Hrsg.): Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn. Eine Dokumentation der Deutschen Bahn AG. Böhlau, Köln 2009, S. 58.</ref>

Am 2. September 1942 sprach Fritz Kranefuß, Sekretär des Freundeskreises Reichsführer SS, in Vertretung Himmlers in einer Art „Antrittsbesuch“ bei Ganzenmüller vor, um Details wie die Transportkosten der Deportationen zu verhandeln. Ganzenmüller sicherte wie sein Vorgänger, der Mitglied des Freundeskreises gewesen war,<ref>Friedemann Bedürftig, Christian Zentner: Das große Lexikon des Dritten Reiches. 1992, ISBN 3-89350-563-6.</ref> den weiteren reibungslosen Verlauf zu. Die SS wünschte sich Kleinmann nach wie vor als Ansprechpartner.<ref>Tobias Bütow, Franka Bindernagel: Ein KZ in der Nachbarschaft: das Magdeburger Aussenlager der Brabag und der „Freundeskreis Himmler“. Böhlau Verlag Köln/Weimar 2004, S. 63 (online aufgerufen am 26. Januar 2013).</ref>

Datei:Bundesarchiv Bild 101I-027-1476-24A, Marseille, Gare d'Arenc. Deportation von Juden.jpg
Deportation in Marseille am Güterbahnhof Gare d’Arenc am 24. Januar 1943. Ab Mitte 1942 war unmittelbar die Reichsbahn zuständig. (Aufnahme einer Propagandakompanie)

Nach mehreren Anläufen erhielt Ganzenmüller am 3. Dezember 1942 einen ersten Gesprächstermin bei Himmler. Zu den Gesprächsthemen fehlen allerdings genauere Angaben, Gottwaldt und Schulle vermuten, dass der Reichsführer SS sicherstellen wollte, dass die weihnachtliche Sperre für Sonderzüge nicht die Deportationszüge betreffe.<ref name="Gottwaldt-Schulle-109" /> Am 23. Januar 1943 wandte sich Heinrich Himmler schriftlich erneut an Ganzenmüller. Ungeachtet der angespannten Lage – die Niederlage in der Schlacht von Stalingrad zeichnete sich ab – verlangte Himmler „mehr Transportzüge“, weil er „die Dinge rasch erledigen“ wolle. Er begründete dies damit, dass „Bandenhelfer und Bandenverdächtige“ abtransportiert werden müssten, um das Generalgouvernement und die russischen Gebiete zu befrieden. Dazu gehöre auch „in erster Linie der Abtransport der Juden“ sowie „der Abtransport der Juden aus dem Westen“. Tatsächlich wurden die vereinbarten Sonderzüge ab dem 20. Januar 1943 wieder aufgenommen.<ref>Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 92 f.</ref>

Ebenso wie an den Deportationen war Ganzenmüller auch am Einsatz von Zwangsarbeitern beteiligt. 1944 ordnete er den Reichsbahn-Abteilungspräsidenten Joseph Merkel als „Beauftragten der Reichsbahn für das Bauvorhaben Mittelbau“ ab. Die Mittelwerk GmbH beauftragte im Mai 1944 wiederum die Reichsbahn, eigens eine 22 km lange neue Schienentrasse, die Helmetalbahn, unter Leitung Merkels zu planen und zu bauen.<ref>Karola Fings: Krieg, Gesellschaft und KZ: Himmlers SS-Baubrigaden. Dissertation. Schöningh, 2002, S. 229.</ref><ref>spurensucheharz.de: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (Memento vom 20. Juni 2013 im Internet Archive), aufgerufen am 28. Januar 2013.</ref> Die Mittelwerk GmbH produzierte u. a. die V2-Rakete. Als Arbeitskräfte wurden Häftlinge aus dem KZ Mittelbau-Dora verwendet, einem zeitweiligen Außenlager des KZ Buchenwald. Beim Bau und der Produktion starben zahllose KZ-Häftlinge.

Die Reichsbahn selbst beschäftigte unter Ganzenmüllers Ägide ebenfalls zahlreiche Zwangsarbeiter, zunächst vor allem bei körperlich anspruchsvollen Arbeiten im Gleisbau und in der Güterverladung. Im Laufe der Jahre wurden Zwangsarbeiter aber auch als Lokheizer bis hin zum Zugführer eingesetzt.<ref>Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl: Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 234.</ref>

Nach Kriegsende

Die U.S. Transport Division schlug Ganzenmüller, dessen persönliche Einbeziehung in den Holocaust damals bei den Alliierten kaum bekannt war, 1945 aufgrund seiner unbestrittenen Qualifikation als Eisenbahnfachmann zunächst als Leiter der Reichsbahn in der amerikanischen Besatzungszone vor. Gemeinsam mit seinem Chef, dem Reichsverkehrsminister und Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, Julius Dorpmüller, wurde Ganzenmüller daher bereits kurz nach Kriegsende am 25. Mai 1945 zu ersten Gesprächen und Befragungen nach Le Chesnay bei Paris gebracht.<ref name="Dorpmüller-222">Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 222.</ref> Dagegen protestierte das Außenministerium der Vereinigten Staaten energisch; es hielt Ganzenmüller schon aufgrund seiner politischen Einstellung nicht für tragbar.<ref>Christopher Kopper, Helmuth Trischler: Die Bahn im Wirtschaftswunder: Deutsche Bundesbahn und Verkehrspolitik in der Nachkriegsgesellschaft. Campus Verlag, 2005, S. 34 (online).</ref> Am 30. Mai 1945 wurde Ganzenmüller durch den amerikanischen Strategic Bombing Survey über die Auswirkungen der Bombenangriffe auf den Bahnverkehr befragt und bestätigte die Wirksamkeit der Angriffe.<ref>Klaus-Dietmar Henke: Die amerikanische Besetzung Deutschlands. Oldenbourg Verlag, S. 437 (online aufgerufen am 28. Januar 2013).</ref> Kurz nach Dorpmüllers Rückkehr nach Deutschland am 13. Juni 1945 wurde auch Ganzenmüller wieder nach Deutschland zurückgebracht.<ref name="Dorpmüller-223">Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 223.</ref>

Robert Kempner, stellvertretender amerikanischer Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, suchte Dorpmüller ebenso wie seinen Staatssekretär Ganzenmüller, konnte aber beide zunächst nicht finden. Dorpmüller starb bereits im Juli 1945, und Ganzenmüller wurde infolge einer Verwechslung durch alliierte Geheimdienste mit einem verstorbenen emeritierten Professor aus München als „Theodor Ganzenmüller“ gesucht. In Nürnberg wurde daher kein Vertreter der Reichsbahn angeklagt; ihre Rolle bei der Judenverfolgung blieb auch aus diesem Grund lange unbekannt.<ref name="licht">Heiner Lichtenstein: Töten, dann reisen. In: Jungle World. 51, 20. Dezember 2006 (online auf: hagalil.com).</ref> Speer legte ihm in seinen Memoiren ebenfalls diesen falschen Vornamen bei.<ref name="Gottwaldt-Schulle-110" />

Seit seiner Rückkehr aus Paris befand sich Ganzenmüller im amerikanischen Civilian Internment Enclosure No. 6 in Moosburg an der Isar, galt aber für Kempner als verschollen.<ref name="licht" /> In der Nacht vom 8. zum 9. Dezember 1945 gelang ihm die Flucht.<ref name="N93">Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 93.</ref> Er gelangte über die Rattenlinien nach Argentinien.<ref name="licht" />

Während seiner Abwesenheit wurde Ganzenmüller am 23. Dezember 1949 durch die Hauptkammer München als Belasteter der Gruppe II entnazifiziert, nachdem zuvor mehrere Spruchkammerverfahren von Familienangehörigen durch Rechtsmittel verschleppt worden waren. Eine Berufung wurde am 11. März 1950 zurückgewiesen. Nach einer Amnestie im März 1952 wurde das Verfahren schließlich eingestellt.<ref name="Gottwaldt-Schulle-110" /><ref name="N93" /> Ganzenmüller heiratete 1952 in Argentinien ein zweites Mal. Anschließend versuchte er erfolglos seine Pension als ehemaliger Staatssekretär einzuklagen.<ref name="licht" /> Die Anerkennung als 131er scheiterte, weil das zuständige Verwaltungsgericht am 25. März 1960 entschied, dass Ganzenmüller am 31. März 1951 und am 31. Dezember 1952 keinen Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland gehabt habe. Eine Nachversicherung als Angestellter für seine Tätigkeit bei der Reichsbahn bis 1945 musste daher durch die Deutsche Bundesbahn übernommen werden.<ref name="N93" /><ref name="Gottwaldt-Schulle-111">Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945. Teetz 2007, S. 111.</ref> Ganzenmüllers Versuch, bei der Deutschen Bundesbahn angestellt zu werden, scheiterte.<ref>Christopher Kopper, Helmuth Trischler: Die Bahn im Wirtschaftswunder. Deutsche Bundesbahn und Verkehrspolitik in der Nachkriegsgesellschaft. Campus Verlag, Frankfurt/M. 2005, S. 51 (online).</ref> Von 1947 bis 1955 beriet er die erst 1946 von Präsident Juan Perón verstaatlichten argentinischen Staatsbahnen.<ref>Raul Hilberg: Die Vernichtung der Europäischen Juden. Frankfurt a. M. 1990, S. 1169. Mit Jahresangabe 1947 bis 1955.</ref> Schwerpunkte waren nach seinen eigenen Angaben die Planungen für eine dritte, südliche Transandenbahn nach Chile sowie für eine Elektrifizierung des argentinischen Bahnnetzes, wofür er einer entsprechenden Planungskommission des argentinischen Transportministeriums angehörte.<ref>Albert Ganzenmüller: Die argentinischen Eisenbahnen. Wirtschaftliche und technische Schriftenreihe im Verlag Ernst Arnold, Dortmund-Mengede 1957, S. 11, 12.</ref> Nach dem Sturz Peróns kehrte Ganzenmüller 1955 nach Deutschland zurück. Von 1955 bis zu seinem Renteneintritt am 1. April 1968 arbeitete Ganzenmüller als Transportfachmann für die Hoesch AG in Dortmund.<ref name="Gottwaldt-Schulle-110" />

Strafverfolgung

Nachdem durch die Veröffentlichung des Buches Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939–1945 (englisch 1953, deutsch: 1956) von Gerald Reitlinger der Briefwechsel zwischen Ganzenmüller und Wolff erneut bekannt geworden war, erstattete der SPD-Bundestagsabgeordnete Adolf Arndt 1957 eine Strafanzeige gegen Ganzenmüller.<ref>Andreas Eichmüller: Keine Generalamnestie: Die Strafverfolgung von NS-Verbrechen in der frühen Bundesrepublik. Oldenbourg Verlag, 2012, S. 363 (online aufgerufen am 24. Januar 2013).</ref> Am 4. Januar 1958 begann auf Antrag der Staatsanwaltschaft Dortmund eine gerichtliche Voruntersuchung wegen des „Verdachts auf Beihilfe zum Mord“. Auf Beschluss der 7. Strafkammer des Landgerichts Dortmund vom 2. März 1959 wurde Ganzenmüller wegen Mangels an Beweisen außer Verfolgung gesetzt.

Am 25. Mai 1961 nahm die Zentrale Stelle Ludwigsburg die Ermittlungen auf. In einem Abschlussbericht stellte man am 8. Februar 1962 fest, Ganzenmüller sei an führender Stelle „in die Durchführung der großen Transporte in die polnischen Vernichtungslager“ eingeschaltet gewesen und habe durch die Beschleunigung der Bahntransporte Beihilfe geleistet. Eine Anzeige des Schriftstellers Thomas Harlan führte zu einem Ermittlungsverfahren, das am 12. August 1966 aus Mangel an Beweisen in Dortmund eingestellt wurde.<ref>Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 94. Die Korrespondenz wurde bereits als Dokument im Nürnberger Prozess Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS registriert (NO 2207, NO 2405). Neliba, Kleinmann und Ganzmüller, S. 91.</ref>

1962 wurde Karl Wolff, Ganzenmüllers Verhandlungspartner für Judendeportationen, verhaftet und im September 1964 zu 15 Jahren Zuchthaus wegen Beihilfe zum Mord an 300.000 Juden verurteilt. Zum von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweismaterial gegen Wolff gehörte der Briefwechsel zwischen Ganzenmüller und Wolff.<ref>Vorwort von Adalbert Rückerl in Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 14.</ref> In der Berichterstattung über den Prozess zitierte Der Spiegel 1962 Wolffs Schriftwechsel mit Ganzenmüller. Der Spiegel bemerkte noch, dass das Dokument seit 1947 bekannt sei und ein Wissen Wolffs um den Holocaust nicht belege.<ref>SS-General Wolff. Himmlers Wölffchen. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1962, S. 37–39 (online14. Februar 1962).</ref>

Datei:Transportzahlen Auschwitz Mrz42 bis Okt44.gif
Transporte von Juden ins Vernichtungslager Auschwitz. Transportzahlen nach Monaten von März 1942 bis Oktober 1944. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 1.081.120 Personen befördert.

Kempner stellte in seinem Buch Eichmann und Komplizen (1961)<ref>Marc von Miquel: Ahnden oder amnestieren? Westdeutsche Justiz und Vergangenheitspolitik in den sechziger Jahren. Wallstein Verlag, 2004, S. 244 (online aufgerufen am 27. Januar 2013).</ref> die Beteiligung Ganzenmüllers an den Deportationen dar. 1964 wiederholte er dies kurz in einem Artikel für den Spiegel.<ref>Robert M. W. Kempner: NS-Todesurteile blieben ungesühnt. In: Der Spiegel. Nr. 16, 1964, S. 33–35 (online15. April 1964).</ref>

1969 folgte ein Strafverfahren gegen Ganzenmüller wegen seiner Mitwirkung an Deportationen, bei dem die Anklage vom Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Alfred Spieß geführt wurde.<ref name="licht" /> Ganzenmüller kam um die Jahreswende 1969/70 in Untersuchungshaft. Gegen eine Kaution von 300.000 DM, die er über eine Bankbürgschaft in Oberjoch bei Bad Hindelang stellte, wurde er entlassen.<ref name="Gottwaldt-Schulle-111" /> Im Dezember 1970 scheiterte dieses Strafverfahren zunächst. Das Düsseldorfer Landgericht verweigerte die Eröffnung des Hauptverfahrens, da Ganzenmüller nicht nachgewiesen werden könne, dass er „es für möglich gehalten hat, daß die Juden planmäßig vernichtet wurden“.<ref name="spiegel1473">Gefällig unterrichtet. In: Der Spiegel. Nr. 14, 1973, S. 62–63 (online2. April 1973).</ref> Vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht erreichte die Staatsanwaltschaft am 2. Juni 1971, dass das Verfahren zugelassen wurde. Das OLG urteilte, dass „angesichts seiner Stellung, seiner Intelligenz und des Standes seiner Information […] hinreichend Grund für die Annahme [bestehe], daß er zu richtigen Erkenntnissen gelangt war“, d. h. er von der geplanten Ermordung der transportierten Juden ausging. Eine Zeugin aus Ganzenmüllers Vorzimmer hatte bestätigt, dass er ihr gegenüber die Ermordung der Juden in Auschwitz angesprochen habe.<ref name="spiegel1473" />

Am 10. April 1973 begann dieser letzte Prozess gegen Ganzenmüller ebenfalls vor dem Landgericht Düsseldorf. Ihm wurde nach wie vor vorgeworfen, durch die Transporte wissentlich Beihilfe zum Mord an jüdischen Kindern, Frauen und Männern und zur Freiheitsberaubung mit Todesfolge geleistet zu haben.<ref name="Engwert">Andreas Engwert (Hrsg.): Sonderzüge in den Tod – Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn (Begleitdokumentation zur gleichnamigen Wanderausstellung). Köln 2009, ISBN 978-3-412-20337-5, S. 61.</ref> Ganzenmüller war laut Anklage von Juli 1942 bis Herbst 1944 verantwortlich für den Einsatz der Züge, mit denen weit mehr als eine Million Juden in die Vernichtungslager Auschwitz, Belzec, Lublin, Sobibor und Treblinka transportiert wurden.<ref>Hasso Ziegler: Ganzenmüller der Beihilfe zum Mord angeklagt. In: Stuttgarter Zeitung. 3. April 1973 als Anlage bei Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 234 f.</ref> Vor Gericht behauptete er, dass ihm nichts von der Judenvernichtung bekannt geworden sei. Er habe in Poltawa nichts von einer Judenerschießung gehört und gelbe Sterne seien ihm nie aufgefallen. Den von ihm unterschriebenen Geheimbrief an Wolff habe er „innerlich und geistig nicht aufgenommen“ und dem Vorgang auch keine Beachtung geschenkt.<ref name="N94f" /> Der Historiker Günter Neliba stellt fest, dass alle Schutzbehauptungen, Erinnerungslücken oder angebliche Unkenntnis Ganzenmüller „nicht von einer Beihilfe während bestimmter Phasen der Judenvernichtungsaktion freisprechen“ könnten. „Sein willfähriges, unterstützendes Eingreifen in das Transportgeschehen […] führte zu einem reibungslosen Ablauf der Fahrten in die Vernichtungslager.“<ref>Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 99.</ref>

Neben dem Schriftwechsel Ganzenmüller-Wolff dienten Tagebuchnotizen Himmlers, Fernschreiben verschiedener Dienststellen, ein Protokoll einer Sitzung der Regierung des Generalgouvernements unter Hans Frank sowie Aussagen Adolf Eichmanns bei dessen Prozess in Jerusalem (1961) als Beweismittel.<ref>Anonymer Artikel vermutlich von Hasso Ziegler: Schwurgericht legt nahezu lückenlose Indizienkette vor. In: Stuttgarter Zeitung. 13. April 1973. Wiedergegeben in Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 241, Anlage 64.</ref>

Ganzenmüller war damit der einzige Reichsbahner, gegen den wegen Beteiligung an Deportationen Anklage erhoben wurde; weitere Verfahren gegen Reichsbahner und Mitglieder der Gedob kamen nicht zur Anklage.<ref>Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Ullstein 1987, S. 11, Vorwort von Adalbert Rückert.</ref>

Letzte Jahre

Datei:Privathaus von Albert Ganzenmüller in Oberjoch Gesamtansicht.JPG
Privathaus von Albert Ganzenmüller in Oberjoch

Am 29. April 1973 erlitt Ganzenmüller einen Herzinfarkt. Das Verfahren wurde wegen Verhandlungsunfähigkeit zunächst vorläufig und am 2. März 1977 auf Grund eines Gutachtens des Universitätsklinikums Ulm, das vom Gerichtsärztlichen Ausschuss des Landes Nordrhein-Westfalen überprüft worden war, endgültig eingestellt.<ref name="N94f">Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 94 f.</ref> Über den Prozess berichtete auch die überregionale Presse, etwa Der Spiegel<ref name="spiegel1473" /> und die Stuttgarter Zeitung.

Ganzenmüller verbrachte die folgenden Jahre in seiner besonders gesicherten Wohnung in München sowie in seinem Haus in Bad Hindelang, OT Oberjoch, und galt bis ins neunzigste Lebensjahr als rüstig.<ref>Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945. Forschungsgutachten. Teetz 2007, ISBN 978-3-938485-64-4, S. 112.</ref>

Stand der Forschung

Bislang liegt zu Ganzenmüller keine umfassende Biographie vor. Die wesentlichen Informationen zu seinem Leben hat Alfred Gottwaldt in Form einer kurzen biografischen Skizze zusammengestellt.<ref>Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945. Forschungsgutachten, erarbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Hentrich & Hentrich, Teetz 2007, ISBN 978-3-938485-64-4, S. 105–112 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum 6).</ref> Eine weitere kurze Studie zu Ganzenmüller hat Günter Neliba im Rahmen seines Werks zu den Staatssekretären der NS-Regierung vorgelegt.<ref>Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. In: Ders.: Staatssekretäre des NS-Regimes. Ausgewählte Aufsätze. Duncker & Humblot, Berlin 2005, S. 73–99.</ref>

Ganzenmüller war trotz seiner Position in der Leitungsebene des RVM während des Krieges außerhalb der Reichsbahn nur wenig bekannt geworden. Deutlich wurde dies unter anderem bei der Suche der Amerikaner nach ihm, die aufgrund des falschen Vornamens erfolglos blieb. Erstmals fand die Rolle der Reichsbahn und damit auch Ganzenmüllers Tätigkeit durch die Arbeiten von Gerald Reitlinger<ref>Vor allem zu nennen ist: Gerald Reitlinger: Die Endlösung: Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939–1945. 7. Auflage. Colloquium Verlag, Berlin 1956, ISBN 3-7678-0807-2 (übersetzt von J. W. Brügel).</ref> wissenschaftliches Interesse.<ref name="Gottwaldt-Juden-13">Alfred Gottwaldt: Die Reichsbahn und die Juden 1933–1939. Marix Verlag, Wiesbaden 2011, S. 13.</ref> Der von Reitlinger publizierte Briefwechsel zwischen Ganzenmüller und Wolff führte zur Einleitung eines Verfahrens gegen Ganzenmüller, das wissenschaftliche Interesse konzentrierte sich aber vorerst weiter auf Wolff und die SS. Über die Arbeiten und Studien im Rahmen der Strafprozesse gegen Ganzenmüller hinaus blieb das Interesse der zeitgeschichtlichen Forschung begrenzt. Wolfgang Schefflers 1973 erstelltes Gutachten für den letzten Prozess gegen Ganzenmüller stellt immer noch eine wesentliche Quelle für alle weiteren Arbeiten dar.<ref name="Gottwaldt-Juden-13" /> Viele Arbeiten zur Geschichte der Reichsbahn während des Krieges wurden in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg von ehemaligen Reichsbahnern verfasst und beschränkten sich auf die Würdigung von Pflichterfüllung und Arbeitsleistung der Eisenbahner, beispielsweise die Arbeiten von Pischel<ref>Werner Pischel: Die Generaldirektion der Ostbahn in Krakau: 1939–1945, ein Beitrag zur Geschichte d. dt. Eisenbahnen im 2. Weltkrieg.</ref> und Kreidler.<ref>Eugen Kreidler: Die Eisenbahnen im Machtbereich der Achsenmächte während des Zweiten Weltkrieges. Einsatz und Leistung für die Wehrmacht und Kriegswirtschaft (Studien und Dokumente zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges, 15). Musterschmidt Verlag, Göttingen 1975.</ref> Die Rolle der Reichsbahn bei den Judentransporten wurde oft nicht erwähnt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Rezension der Studie von Kreidler durch A. Gottwaldt. (Memento vom 9. Dezember 2012 im Internet Archive)</ref> Auch eine von Hugo Strößenreuther im Auftrag der Deutschen Bundesbahn herausgegebene Studie zur Eisenbahngeschichte von 1941 bis 1945<ref>Dokumentationsdienst der Deutschen Bundesbahn und Hugo Strößenreuther (Hrsg.): Eisenbahnen und Eisenbahner zwischen 1941 und 1945 (Dokumentarische Enzyklopädie, Bd. 5). Frankfurt am Main 1973.</ref> verlor kaum ein Wort über Deportationen.<ref name="Gottwaldt-Schulle-15">Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945. Teetz 2007, S. 15.</ref>

Erst Raul Hilberg schaffte es, mit seiner 1981 auch auf Deutsch erschienenen Studie über die essenzielle Rolle der Reichsbahn im Holocaust auch etwas mehr Aufmerksamkeit auf die damals handelnden Personen der Reichsbahn und des RVM zu lenken. 1985 publizierte Heiner Lichtenstein auf Basis der Akten des Ganzenmüller-Verfahrens eine weitere Arbeit, die erneut Interesse an der Rolle der Reichsbahn und ihres Führungspersonals während des Holocausts weckte<ref name="Gottwaldt-Juden-13" /> und überhaupt erst Auslöser für eine intensivere Debatte über die Beamten des RVM wurde.<ref name="Gottwaldt-Schulle-15" /> Neben den Arbeiten von Hilberg und Lichtenstein sind vor allem die Studien Alfred Gottwaldts und des amerikanischen Historikers Alfred C. Mierzejewski zu nennen, die sich mit der Rolle der Reichsbahn und ihres Führungspersonals beschäftigen.<ref>Alfred C. Mierzejewski: The Most Valuable Asset of the Reich. A History of the German National Railway. Volume 1, 1920–1932, Volume 2, 1933–1945. The University of North Carolina Press, Chapel Hill 2001, ISBN 0-8078-2496-8 (Volume 1) ISBN 0-8078-2574-3 (Volume 2).</ref>

Schriften (Auswahl)

  • Der Bau und die Wirtschaftlichkeit von Schienen-Straßen-Fahrzeugen. Diss. TH Breslau, Reichsbahn-Zentralamt, München 1934.
  • Kommt eine Renaissance der Schiene? in: Nahverkehrspraxis 4 (1956), S. 311–315.
  • Die argentinischen Eisenbahnen. Wirtschaftliche und technische Schriftenreihe im Verlag Ernst Arnold, Dortmund-Mengede 1957.
  • Der amphibische Transport mit besonderer Berücksichtigung der Massenbeförderung. In: Glasers Annalen für Gewerbe und Bauwesen 84 (1960), S. 28–34.

Literatur

  • Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller, 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg im Breisgau 2009, ISBN 978-3-88255-726-8.
  • Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945. Forschungsgutachten, erarbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Hentrich & Hentrich, Teetz 2007, ISBN 978-3-938485-64-4 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, 6).
  • Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Dumjahn, Mainz 1981, ISBN 3-921426-18-9 (Dokumente zur Eisenbahngeschichte, 18).
  • Heiner Lichtenstein: Mit der Reichsbahn in den Tod. Massentransporte in den Holocaust 1941–1945. Bund-Verlag, Köln 1985, ISBN 3-7663-0809-2.
  • Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. In: Ders. Staatssekretäre des NS-Regimes. Ausgewählte Aufsätze. Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11846-4, S. 73–99.

Archivgut

Weblinks

Einzelnachweise

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