Amor fati
Amor fati (lateinisch für „Liebe zum Schicksal“) ist eine vom deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche geprägte Maxime, durch die er den Zustand der höchstmöglichen Lebensbejahung für den Menschen greifbar machen will.
Begriffsgeschichte
Amor fati ist keine antike stoische Devise, wie oft behauptet wird,<ref>Klaus Bernath verweist zum Beispiel auf die „stoische Bejahung der Heimarmene, vertreten etwa durch Kleanthes“. Klaus Bernath: „Amor fati“. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 1. Basel/Darmstadt 1971, S. 206. Zitiert nach Kiyoshi Nishigami: Nietzsches Amor fati. Der Versuch einer Überwindung des europäischen Nihilismus. Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1993, S. 227. Siehe auch Marco Brusotti: Die Leidenschaft der Erkenntnis. Philosophie und ästhetische Lebensgestaltung bei Nietzsche von „Morgenröthe“ bis „Also sprach Zarathustra“. Berlin 1997, S. 456.</ref> (im Altertum bei den Stoikern), sondern wurde erst von Nietzsche im Januar 1882 in Genua im vierten Buch der Fröhlichen Wissenschaft geprägt.<ref>Aphorismus 276, KSA 3, S. 521.</ref><ref>Pierre Hadot: La Citadelle intérieure: Introduction aux Pensées de Marc Aurèle, S. 102f.</ref> Zwar bezeichnete er sich selbst als den „letzten Stoiker“,<ref>Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, §227; Kiyoshi Nishigami: Nietzsches Amor fati. Der Versuch einer Überwindung des europäischen Nihilismus. Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1993, S. 227: „Darüber hinaus sieht sich Nietzsche ja selbst als den ‚letzten Stoiker‘ an, und er hat guten Grund dazu.“</ref> glaubte aber nicht an die „Weltvernunft“ und wollte die Empfindlichkeit auch nicht betäuben, im Gegenteil.<ref>Alexander-Maria Zibis: Die Tugend des Mutes. Nietzsches Lehre von der Tapferkeit. Würzburg 2007, S. 91; Henning Ottmann: Philosophie und Politik bei Nietzsche. Berlin 1987, S. 210.</ref> Der Ausdruck enthält eher einen polemischen Anklang an Spinozas „Amor intellectualis Dei“ (intellektuelle Liebe zu Gott)<ref>Vgl. hierzu Yirmiyahu Yovel: Spinoza and Other Heretics. Band 2: The Adventures of Immanence. Princeton 1989, S. 104; Marco Brusotti: Die Leidenschaft der Erkenntnis. Philosophie und ästhetische Lebensgestaltung bei Nietzsche von „Morgenröthe“ bis „Also sprach Zarathustra“. Berlin 1997, S. 454.</ref> und steht für ein heidnisches Ja zur Welt im Ganzen, im Bewusstsein des nihilistischen Befunds, dass „Gott tot ist“.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Nietzsche sah in der heraufziehenden europäischen Wertkrise die Möglichkeit einer Selbstüberwindung des Nihilismus: vom „Willen zum Nichts“ hin zum Wollen der ewigen Wiederkehr. Dieses Wollen verwandelte sich in eine dionysische Bejahung der „Fatalität alles dessen, was war und was sein wird“.<ref>Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung, Irrtümer 8; KSA 6, S. 96.</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Eine tragisch-heroische Haltung, die er später als „Pessimismus der Stärke“ und „amor fati“ bezeichnete.<ref>Heinz Malorny: Zur Philosophie Friedrich Nietzsches. Akademieverlag, Berlin 1989, S. 86; Damir Barbarić: Im Angesicht des Unendlichen. Zur Metaphysikkritik Nietzsches. Würzburg 2011, S. 82.</ref>
Moralische Bedeutung
Nietzsches „Wunsch“ ist zunächst nur die „Reduktion der Moral auf Ästhetik“: „Lernen wir die Dinge schön sehen und uns immer dabei wohlfühlen: so werden wir die Dinge schön machen“. In der sogenannten „Reinschrift“ ergänzt er diesen Vorsatz: Er will nun die Dinge als schön und „nothwendig“ sehen. In der Aufzeichnung, in der der Begriff des amor fati im Herbst 1881 zum ersten Mal auftaucht, geht es auch um die Verschönerung des Nötigen, um die Liebe zum Notwendigen:<ref>Zitiert nach Marco Brusotti: Die Leidenschaft der Erkenntnis. Philosophie und ästhetische Lebensgestaltung bei Nietzsche von „Morgenröthe“ bis „Also sprach Zarathustra“. Berlin 1997, S. 456.</ref>
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„Amor fati“ ist somit die ethisch-ästhetische Erscheinungsform eines Fatalismus, der zur Überwindung des Nihilismus dienen soll.<ref>Kiyoshi Nishigami: Nietzsches Amor fati. Der Versuch einer Überwindung des europäischen Nihilismus, Frankfurt/M. u. a. 1993, S. 264.</ref><ref>Eike Brock: Nietzsche und der Nihilismus. Berlin 2015, S. 11.</ref> In der Fröhlichen Wissenschaft erweist sich dann der „amor fati“ als die antinihilistische Formel zur Bezeichnung des „höchsten Zustands, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehen“:
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Damit verwirft Nietzsche den romantischen Pessimismus, wie er in der Willensphilosophie Schopenhauers und in der Musik Wagners seine ausdrucksvollste Form gefunden hätte, als „das letzte große Ereignis im Schicksal unserer Cultur“ und benennt den Pessimismus der Zukunft als den „dionysischen Pessimismus“. Dieser enthält auch „das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel und Werden“, aber als „Ausdruck der übervollen, zukunftsschwangeren Kraft“ und der Wille zum Verewigen komme er „aus Dankbarkeit und Liebe“.<ref>Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Viertes Buch, Aphorismus 370. Zitiert nach Günter Gersting, Nietzsches Kunst des Überschreitens: eine Provokation, [Dissertation Friedrich-Schiller-Universität Jena], Jena 2013, S. 67.</ref> In dem Nachlassfragment vom Herbst 1887: „Mein neuer Weg zum ‚Ja'“ überschrieben, verschränkt Nietzsche den Topos des Dionysischen mit dem des Amor fati.<ref>Jutta Georg und Claus Zittel: Nietzsches Philosophie des Unbewussten. Berlin/Boston 2012, S. 120.</ref>
In Ecce homo radikalisiert der späte Nietzsche noch einmal seine Formel des „[a]mor fati“, wenn er es sogar als die „Grösse am Menschen“ ausmacht, dass er seine „physiologische Contiguität“, seine leibliche Zufälligkeit, in dem natürlichen Weltzusammenhang bejahend anerkennt:<ref>Sarah Bianchi: Einander nötig sein: Existentielle Anerkennung bei Nietzsche, Fink, 2016, S. 89.</ref>
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Interpretationen
Bei den sogenannten konservativen Revolutionären um Ernst Niekisch und Ernst Jünger wurde Nietzsches „amor fati“ wortreich beschworen.<ref>K. von Beyme: Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien 1789-1945. Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2002, S. 501.</ref> Unter diesem Banner wollte Jünger vor allem das Schicksal der Moderne bejahen, ihre Technik, ihre Gewalt, ihre gesellschaftlichen Umbrüche.<ref>Thomas Hettche in: Ernst Jünger: Späte Rache: Erzählungen, S. 92.</ref> Der Philosoph Martin Heidegger sagte 1937 zu „amor fati — die Liebe zur Notwendigkeit“:<ref>Martin Heidegger: Nietzsche I, GA 44, Frankfurt a. Main 1975, S. 232.</ref>
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Karl Jaspers kommentierte:<ref>Karl Jaspers: Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens. Berlin 1981, S. 366.</ref>
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In Nietzsches Lehre vom amor fati geschehe, Walter Schulz zufolge, die Vermittlung von Subjekt und Welt. Das Jasagen zum Verhängnis sei ein durch und durch paradoxer Begriff. Er besage, dass der Mensch sich selbst seiner Freiheit begebe, weil er schon immer durch den sinnlosen Preis von ihr losgesprochen sei.<ref>Walter Schulz: Subjektivität im nachmetaphysischen Zeitalter. Pfullingen: Neske 1992, S. 217.</ref>
Babette Babich bezeichnet die Verbindung von Wissenschaft (Notwendigkeit) und Kunst (Kreativität) als „die Kunst des Lebens, die tiefste Errungenschaft von Nietzsches fröhlicher Wissenschaft“, so wie er es nach dem lyrischen Vorspann über den Sanctus Januaris im einleitenden Aphorismus (276) als „seinen Wunsch und liebsten Gedanken“ ausspricht.<ref>Babette E. Babich: Hören und Lesen, Musik und Wissenschaft Nietzsches »gaya scienza«. In: Beatrix Vogel (Hrsg.): Der Mensch - sein eigenes Experiment? München 2008, S. 514.</ref>
Siehe auch
Literatur
- Elizabeth Grosz: Nietzsche and Amor Fati. In: The Incorporeal: Ontology, Ethics, and the Limits of Materialism, New York Chichester, West Sussex, Columbia University Press, 2017. S. 92–129.
- Okȏchi Ryȏgi: Nietzsches Amor fati im Lichte von Karma des Buddhismus. Nietzsche-Studien, Band 1, Heft 1, 1972. S. 36–94.
- Christoph Türcke: Nietzsches amor fati: Eine Subversion. Nietzsche als Kritiker und Denker der Transformation, hrsg. von Helmut Heit und Sigridur Thorgeirsdottir, Berlin, Boston. De Gruyter, 2016. S. 155–164.
Einzelnachweise
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Vorlage:Navigationsleiste Friedrich Nietzsche
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