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Caorle

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Vorlage:Infobox Gemeinde in Italien

Datei:Map of comune of Caorle (metropolitan city of Venice, region Veneto, Italy).svg
Lage der Kommune Caorle innerhalb der Metropolitanstadt Venedig
Datei:Caorle - Altstadt.jpg
Altstadt
Datei:2018-09-26 Caorle 360-Grad-Video.webm
Rundblick (2018)

Caorle [[[:Vorlage:IPA]]] ist eine Stadt in der Metropolitanstadt Venedig mit Vorlage:EWZ Einwohnern (Stand: Vorlage:EWD). Mit einer Fläche von 151 km² zählt sie zu den größten Gemeinden Oberitaliens. Die Stadt liegt in einer Lagune nahe der Mündung der Livenza in die Adria.

Die Stadt liegt zwischen den Badeorten Bibione (San Michele al Tagliamento) und Eraclea. Venedig ist 60 km, Triest 120 Kilometer entfernt. Näherliegende Städte sind zum Beispiel San Donà di Piave, Portogruaro, Concordia Sagittaria sowie Treviso.

Caorle wird häufig „Klein-Venedig“ genannt. Diese Bezeichnung verdankt der Ort seinen kleinen Gassen, den Glockentürmen und den in typisch venezianischen Farben gestrichenen Häusern. Bemerkenswert sind vor allem die Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert und der zylindrische Glockenturm aus dem Jahr 1100 sowie die Kirche Madonna dell’Angelo am Oststrand.

Geographie

Die Kommune liegt weit im Nordosten der Metropolitanstadt Venedig zwischen den Lagunen von Venedig und von Marano, bzw. von Grado. Nord- und nordöstlich der Stadt erstreckt sich die sehr viel kleinere Lagune von Caorle. Westlich fließt die Livenza in die Adria, in die auch der Canale Nicesolo weiter ostwärts mündet. Als Hafen befindet sich dort der Porto di Falconera. Innerhalb der Stadt befindet sich ebenfalls ein Hafen, nämlich D’Arsena dell’Orologio.

Ohne die Fraktionen besteht die eigentliche Stadt aus drei Teilen, nämlich Spiaggia di Levante (Oststrand), Spiaggia di Ponente (Weststrand), sowie aus der Innenstadt von Caorle. Das historische Zentrum, die Altstadt, befindet sich im Osten der heutigen Stadt, die sich inzwischen über die gesamte Insel und darüber hinaus ausgedehnt hat.

Fraktionen und Ortschaften von Caorle sind: Brian (im Westen), Lido Altanea (südwestlich von Brian an der Küste), Brussa (Fraktion) (im Nordosten), Ca’ Corniani, Ca’ Cottoni, Castello di Brussa (im äußersten Nordosten), Duna Verde (im Südwesten), Marango (ganz im Norden), Ottava Presa (im Norden), Porto Santa Margherita (Fraktion, im Südwesten anschließend an Caorle, an der Küste), San Gaetano (im Norden), San Giorgio di Livenza (am nordwestlichen Gemeinderand) und Villaviera (westlich von Castello di Brussa).

Die Innenstadt sowie der Ost- und Weststrand bewohnen allein 9.000 der gut 11.000 Einwohner. Im Süden Caorles schließt sich, durch den Fluss Livenza getrennt, den man mit einer Fähre überqueren kann, der Badeort Porto Santa Margherita an; ähnlich wichtig für den alles beherrschenden Tourismus ist Duna Verde.

Klima

Die im oberen Bereich des gemäßigten Klimas angesiedelten Temperaturen steigen im Sommer (Mai bis September) häufig über 30 °C und es regnet selten. Im Winter hingegen sinken die Temperaturen auf −5 bis maximal −8 °C. In den Wintermonaten steigt die Anzahl der Tage mit Niederschlag minimal an.

Geschichte

Rom, Völkerwanderung

Datei:Anfore al Museo nazionale di archeologia del mare.jpg
Amphoren im Nationalmuseum für Meeresarchäologie

Der Ort wurde gegenüber der Insel Caprulae (Insel der Ziegen) von Fischern und Hirten als Vorhafen für den landeinwärts befindlichen römischen Legionsstützpunkt Iulia concordia gegründet. Im 5. Jahrhundert war Caorle eine der größten Städte in Norditalien, ein bedeutendes Handelszentrum. Der Hafen der Stadt, der Portus Reatinum, wohl auf dem Gebiet des heutigen Porto Falconera gelegen,<ref>Pierangela Croce Da Villa: Documenti romani di Caorle, in: Studi Caorlesi (1998) 93–107, hier: S. 93 (online, PDF).</ref> war nach Plinius’ Naturalis historia (III 126) einer der bedeutendsten Häfen der oberen Adria. Durch die zunehmende Versandung sahen sich die Einwohner in der Spätantike oder im Frühmittelalter gezwungen, die Stadt als Castrum neu zu bauen, zumindest aber ein solches Castrum zur Verteidigung der Stadt zu errichten.

In Caorle selbst wurden nur einige historisch nicht mehr einzuordnende Artefakte aus der Antike vor dem Strandbereich gefunden. Hingegen wurden im Rahmen der von der Universität Padua in Zusammenarbeit mit der Universität Regensburg durchgeführten Vermessungskampagne im Ortsteil Brussa, die im November 2024 auf dem Küstenstreifen unmittelbar oberhalb der Villa di Bibione in den Gemeinden Caorle und San Michele al Tagliamento stattfand, 346,36 ha Land untersucht; neben Einzelfunden ließen sich vier Fundstätten nachweisen. Eine von ihnen weist eine kontinuierliche Besiedlung vom 1. bis zum 5. Jahrhundert auf. Es handelte sich wohl nicht um eine Villa, wie zunächst angenommen, sondern um eine Stätte mit kommerzieller Funktion, denn Küchengeschirr fehlt und die Zahl der Amphorenfragmente ist recht hoch.<ref>Vgl. Raptor. Ricerca Archive e Pratiche per la Tutela Operativa Regionale.</ref> Hinzu kommen Mauerstrukturen aus dem Mündungsgebiet des Nicesolo in der località Falconera.

Den Wanderungen der Westgoten, der Hunnen, der Ostgoten und Langobarden, die die größeren Städte im Hinterland in Mitleidenschaft zogen, wie etwa Aquileia, wichen zahlreiche Bewohner aus, indem sie sich in die schwer erreichbaren Lagunen, darunter der von Caorle, aber auch auf die Insel selbst zurückzogen. Allerdings war die Herrschaft der Ostgoten für Caorle eine durchaus günstige Epoche, wohingegen der Dauerkonflikt zwischen Ostrom und den Langobarden ab 568 dem Küstensaum eine labile Grenzlage aufzwang und den Handel mit dem Hinterland erschwerte. Schon der Gotenkrieg hatte die Lagunen der oberen Adria zwischen etwa 540 und 552 getroffen, besonders aber die Angriffe der Langobarden auf Iulia Concordia, Aquileia und schließlich Opitergium (Oderzo) ab etwa 640.

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Oströmische Gebiete in der oberen Adria um 600. Ob auch in Caorle einer der Tribunen ansässig war, lässt sich nur vermuten.

Die unter oströmischer Kontrolle stehenden Städte entlang der Küste waren dabei weiterhin miteinander über See und durch die Lagunen bis nach Ravenna verbunden, wo sich der Sitz des Exarchen befand, des kaiserlichen Vertreters. Dass bereits um 599 ein Bistum in Caorle bestand, erweist einer der Briefe Gregors des Großen. Im Mai 599 vertraute nämlich Gregor Marinianus, dem Erzbischof von Ravenna, die heikle Angelegenheit des Johannes von Pannonien („Johannes nomine de Pannoniis“) an, genauer gesagt desjenigen Bischofs, der im Castellum, das Novas genannt werde, saß, und zu dessen Diözese die Insel Capritana, also Caorle, gehöre. Dieser habe sich demnach den Schismatikern der drei Kapitel angeschlossen, dann seine Absicht, zur kirchlichen Einheit zurückzukehren bekundet, diese jedoch sofort wieder zurückgezogen. Gregor handle, so schreibt er, auf Drängen der Bewohner von Caorle. Er forderte Marinianus auf, einen neuen Bischof zu ernennen, wobei er den Exarchen Callinicus und Kaiser Maurikios konsultierte.<ref>Registrum epistolarum, in: Epistolae (in Quart) 2: Gregorii I papae Registrum epistolarum. Libri VIII–XIV, herausgegeben von Paul Ewald und Ludo M. Hartmann, Berlin 1891 (Monumenta Germaniae Historica, n. IX, S. 155 f., Brief an den Exarchen vom Mai 599).</ref>

Prosperitätsphase (9. bis 14. Jahrhundert)

Eine Zeit lang, nämlich von 742 bis etwa 810, war Metamaucum am Ostrand der Lagune von Venedig die Kernstadt des nördlichsten Vorpostens des byzantinischen Reiches, das Heracleia in dieser Rolle abgelöst hatte. Über die Rolle Caorles in den Machtkämpfen zwischen den Familien in und um die Lagune von Venedig ist nichts bekannt, wie überhaupt nur sehr wenig über die Inselstadt im Frühmittelalter überliefert ist.

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Städte im Umkreis Venedigs gegen Mitte des 9. Jahrhunderts
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Die Insel Caorle im späten 16. Jahrhundert, Giuseppe Rosaccio: Viaggio da Venetia, a Costantinopoli, per mare, e per terra & insieme quello di Terra Santa, Giacomo Franco, Venedig 1598, S. 5<ref>Google Books.</ref>

Das heutige Venedig löste Metamaucum im frühen 9. Jahrhundert als Residenz des Dogen dauerhaft ab. In dieser Zeit partizipierte Caorle am ökonomischen Aufstieg und der zunehmenden Sicherheit, die die Republik Venedig zu schaffen verstand. Die Errichtung des Domes von Caorle erfolgte in dieser Zeit, in der angenommen werden kann, dass das Bistum dauerhaft bestehen konnte. Doch brachte diese Nähe zu Venedig die kleine Stadt auch häufig in Gefahr. 842 erlitt nämlich die venezianische Flotte eine Niederlage vor der Insel Sansego gegen Sarazenen, die bis in den äußersten Norden der Adria vorgestoßen waren. Möglicherweise nutzten slawische Piraten vom Ostrand der Adria die Gelegenheit der unsicheren Verhältnisse, um gegen 846 Caorles Festungswerke zu plündern.<ref>Istoria Veneticorum, liber II, 51: „Circa haec tempora Sclavi venientes ad Veneticorum loca expugnanda, Caprulensem tantumodo castrum depredaverunt.“</ref>

Eine besser erkennbare Rolle spielte die Kirchenpolitik der Dogen für das kleine Bistum. Ursus I., Doge von 864 bis 881, versuchte gegen den Willen des Patriarchen von Grado im Machtbereich Venedigs die von ihm vorgeschlagenen Kandidaten für dessen sechs Suffraganbistümer durchzusetzen. Zu diesen zählte auch Caorle. Papst Johannes VIII. lehnte dieses Verfahren der vom Dogen gesteuerten Bischofswahl ebenso ab, wie Petrus I., der Patriarch von Grado. Stattdessen forderte Papst Johannes alle vom Dogen bestimmten Bischöfe, darunter Leo von Caorle, für das Jahr 876 und erneut 877 zu Synoden nach Rom. Als die sechs venezianischen Bischöfe dieser Aufforderung nicht nachkamen, drohte er ihnen mit der Exkommunikation. Wichtigste Quelle, zudem die einzige erzählende zu Bischof Leo von Caorle, ist dabei die Istoria Veneticorum, die um 1000 entstand. Leo dürfte den Druck der Sarazenen, die das benachbarte Grado belagerten, genauso zu spüren bekommen haben, wie die Raubzüge der dort agierenden slawischen Flotten.<ref>Istoria Veneticorum, III, 14.</ref> Im Zusammenhang mit der Synode von Ravenna, zu der 70 Bischöfe geladen waren, bestätigt Johannes Diaconus in seiner Istoria Veneticorum, dass zu dieser Synode namentlich die Bischöfe von Equilium und Caorle, aber auch diejenigen eingeladen wurden, die in Abwesenheit des Patriarchen gewählt worden waren, und die damit ohne Konsekration waren. Diese waren die Bischöfe von Olivolo, Cittanova und Metamaucum. Der Doge konnte den Papst dazu veranlassen, die Exkommunikation wieder aufzuheben, zumal sich die anreisenden Bischöfe nur verspätet hatten.<ref>Istoria Veneticorum, III, 18: „Petrus siquidem patriarcha, qui Romae fuerat, una cum Iohanne papa Ravennam adveniens ibique septuaginta episcoporum sinodo congregata, duos episcopos Venetiae, id est Petrum Equilensem et Leonem Caprulensem et eos, qui erant in eadem provincia electos, ad eundem concilium convocavit, ut contentionis causam inter Ursonem ducem et patriarcham diligentissime determinaret. Sed dum episcopi cum electis tarde et expleta iam sinodo Ravennam venirent, communione a papa privati, duce tamen interpellante soluti sunt.“; Luigi Andrea Berto (Hrsg.): Giovanni Diacono, Istoria Veneticorum, Bologna 1999, S. 138.</ref> Der Patriarch musste daraufhin nach Grado zurückkehren und nunmehr die in seiner Abwesenheit eingesetzten Bischöfe weihen. Diese wurden fortan von den Dogen vorgeschlagen.<ref>Emanuela Colombi: Pietro Marturio, in: Dizionario Biografico degli Italiani 83 (2015).</ref>

Eine andere Rolle spielte der Doge Sebastiano Ziani gegen Ende des 12. Jahrhunderts. In dieser Zeit erfolgte eine zunehmende Übersiedlung wichtiger Familien in das Machtzentrum des Lagunensystems zwischen Grado und Caorle im Nordosten und Chioggia im Süden, das sich weiter bis Comacchio und Ravenna erstreckte. Zwar stammte seine Familie aus Heracleia, der einstigen Hauptstadt der Lagune, doch hatte sie auch enge Kontakte nach Caorle. Sicher vor 1285 wurde der spätere Doge Pietro Gradenigo Podestà von Caorle. Dort war der Schmuggel von Salz von erheblicher Bedeutung, ein wichtiges Produkt, auf das ein venezianisches Staatsmonopol durchgesetzt wurde. Dieses Monopol zwang die Caorlesen, auf den lukrativen Handel mit diesem wichtigen Produkt zu verzichten, wenn auch offenbar Versuche unternommen wurden, Salz zu schmuggeln. Danach oder infolge dessen nahm die Bedeutung Caorles so sehr ab, dass kein späterer Doge mehr in der Zeit vor seiner Wahl dort amtierte. Caorle war für die Patrizier keine Amsstätte mehr, die dem weiteren Aufstieg im Ämtersystem Venedigs förderlich war.

Stadtbrände durch Triestiner und Genuesen, Rückkehr der Bevölkerung (1381), innere Spannungen

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Karte mit Insel Cahorle im Flussdelta des Limene-Flusses (1589)

Durch erneuten Anstieg des Meeresspiegels sowie Versandung des Hafens (Phänomene, denen man versuchte, mit Palisaden und Dämmen zu begegnen, die heute unter Wasser liegen) verlor der Inselort partiell seine Bedeutung. Die entsprechenden Versuche sind auf Karten des 17. Jahrhunderts gut zu erkennen.

Ein Großteil des Caorleser Patriziats siedelte von der Insel nach Venedig über, weil dort bessere Partizipationsmöglichkeiten in Politik und Wirtschaft bestanden. Gleichzeitig war Caorle mehrfach Ziel der Angriffe von Gegnern der Republik Venedig. 1290 wurde die Stadt von Triestiner Piraten gebrandschatzt, der Prätorenpalast und ein Teil der Stadt niedergebrannt.<ref>Trino Bottani: Saggio di storia della città di Caorle, Pietro Bernardi, Venedig 1811, S. 81.</ref> Während des Chioggia-Krieges wurde Caorle von Genuesen geplündert und erneut niedergebrannt, die Bevölkerung verschleppt. Erst zwei Jahre später, 1381, kehrten die Bewohner zurück und versuchten, ihre Stadt wieder aufzubauen. Auch wurde die wiederhergestellte Stadt 1513 in die Schlacht bei Marano Lagunare verwickelt, da sie mit ihren Hafenanlagen für die venezianische Flotte von entscheidender strategischer Bedeutung war. So begann man in dieser Krisenzeit die noch bis zum 17. Jahrhundert vorhandenen Kanäle nach und nach zuzuschütten.

Neben diese äußeren Spannungen traten innere. Der Minor Arrengo (Rat des Adels, analog zum Kleinen Rat in Venedig), der sich aus den wenigen Adligen zusammensetzte, und der Maggior Arrengo (oder die Volksversammlung), dem die Familienoberhäupter der Bevölkerung angehörten, lag immer wieder miteinander im Streit. Zu den Ursachen für den Niedergang zählen wohl auch diese internen Spannungen zwischen Adligen und Popolanen, zumal letztere immer wieder versuchten, in den Minor Arrengo aufgenommen zu werden. Vor allem die Konfiskation einer Reihe von Valli da pesca genannten Fang- und Zuchtgründen unterminierte den Fischfang und damit eine wesentliche Grundlage für die Existenz der Caorlesen. Vom Rio di Palazzo stiegen, wie es heißt, aus dem stehenden Wasser übelriechende Dämpfe auf, die die Luft vergifteten. Daher schlug man vor, den Kanal mit den Bauresten zu verfüllen, die in der Stadt im Überfluss vorhanden waren.

Bistum (bis 1818), erneuter Zusammenbruch der Einwohnerzahl

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Johann Weichard von Valvasor: „S.Serff / Von der hintern Seiten / Mit Seinem prospect“, die nördliche Adria von Norden gesehen, rechts „Cauorle“ als Insel, im Hintergrund „Venedig“, Topographia Ducatus Carniolae modernae, 1679 (Digitalisat)

Vom 9. Jahrhundert bis 1818 war Caorle Bischofssitz, doch ist unklar, inwieweit die Bischöfe bis etwa 1500 in der verarmten Stadt residierten. Immerhin hatte Caorle um diese Zeit wieder rund 3.000 Einwohner.<ref>Silvio Tramontin: La diocesi di Caorle in età moderna e la sua soppressione, in: Mario Mirabella Roberti (Hrsg.): Studi caorlesi, Udine 1988, S. 51–71, hier: S. 52.</ref> Als Bischof Grassi 1701 über sein Bistum berichtete, konstatierte er, dass ein don Giovanni Battista David in der verarmten Gemeinde, in der nur noch zwei Kleriker waren, fünf Schüler am örtlichen Seminar im Schreiben und Lesen unterrichtete. Zwischen 1653 und 1696 sank die Zahl der Bewohner wieder von 4.000 auf 3.000, unter Bischof Suarez (1738–1769) gar auf 1.000. Am 10. Mai 1779 richtete die kleine Kommune einen verzweifelten Appell an den Dogen, in dem der desolate Zustand und die Abwanderung der mittellosen Bewohner beklagt wurden.<ref>Silvio Tramontin: La diocesi di Caorle in età moderna e la sua soppressione, in: Mario Mirabella Roberti (Hrsg.): Studi caorlesi, Udine 1988, S. 51–71, hier: S. 53.</ref> Das Bistum wurde erst nach dem Ende der Republik Venedig aufgehoben, nämlich 1818, bereits unter österreichischer Herrschaft. Es wurde zum Patriarchat Venedig geschlagen. Schon zuvor waren die Bischöfe von Caorle vielfach in Venedig ansässig und daher auch bei der Weihe von Kirchen zugegen. Dies galt etwa für San Giobbe, wo am 14. April 1497 Bischof Girolamo Righetti bei der Weihung anwesend war, oder für Santi Cosma e Damiano, wo dies Bischof Giulio Superchio 1583 übernahm, und auch noch am 11. Juli 1671, als Pietro Martire Rusca in gleicher Weise in Santa Maria Elisabetta amtierte.

Bonifikationen (ab 1851), starker Anstieg der Einwohnerzahl

Eine der Hinterlassenschaften der 1797 aufgelösten Republik Venedig waren darüber hinaus die Dörfer Ca’ Corniani und Ca’ Cottoni, die von den namensgebenden Patrizierfamilien gegründet worden waren. Sie wurden im 19. Jahrhundert an die Generali Assicurazioni verkauft, die dort ein Modell agrarischer Produktion entwickelten.<ref>Ca’Corniani. Terra d’avanguardia. La tenuta e il progetto di valorizzazione.</ref> Damit begann 1851 das erste nicht-staatliche Bonifikationsprojekt Italiens. Zudem gelang es dem neu gegründeten Consorzio Pescherecci die wirtschaftliche Grundlage, den Fischfang, wieder zur Geltung zu bringen.

Während Caorle im Jahr 1871 erst 2.371 Einwohner zählte, stieg diese Zahl bis 1911 auf 4.390. Während des Ersten Weltkrieges war die Stadt bis zum 30. Oktober 1918 österreichisch besetzt, viele der Männer waren geflohen oder bei der italienischen Armee. Das Dorf verarmte, konnte sich aber nach dem Krieg wieder erholen.

Bis 1936 überschritt die Einwohnerzahl die 10.000, um bei der Zählung von 1951 mit 13.263 Einwohnern den Höchststand zu erreichen. Seither pendelt die Einwohnerzahl zwischen etwa 11.000 und 11.500.<ref>Istituto Nazionale di Statistica: Censimenti dal 1861 al 1991, Rom 1994, S. 331 (PDF).</ref> Während des Zweiten Weltkrieges wurden viele der Männer in der Kriegsmarine eingesetzt, noch 1945 kamen bei der Explosion einer Seemine 18 Fischer aus Caorle ums Leben.

Dominanz des Tourismus (seit den 1950er Jahren)

Datei:Caorle street scene 1958 2.JPG
Früher Tourismus, 1958

Bekannt wurde der Ort auch durch den Schriftsteller Ernest Hemingway, der in den 1940er Jahren in einem Anwesen am Rande der Lagune von Caorle wohnte und dort und in San Gaetano die Inspiration zu seinem Roman Über den Fluss und in die Wälder (1950) fand. Pier Paolo Pasolini vermerkte bereits 1959 in La lunga strada di sabbia pessimistisch, der Strand von Caorle sei inzwischen zum ‚Strand von Wien, München, Ulm geworden. Auf drei-, viertausend Einheimische … sind dort achttausend Deutsche. Ich schwöre, es war einmal das schönste Land der Welt.‘<ref>„Adesso è la spiaggia di Vienna, di Monaco, di Ulma. Su tre quattromila indigeni, e mille, duemila villeggianti veneti, ci sono ottomila tedeschi. Era il paese più bello del mondo: lo giuro.“ (zitiert nach Irene De Piccoli: Turismo, identità e promozione territoriale: il caso di Caorle, laurea triennale, Padua 2025, [S. 5]).</ref> Zählte man 1962 noch 864.550 Besucher (davon 36,49 % Italiener und 63,51 % Ausländer), so waren es im nächsten Jahr bereits über eine Million, 1968 gar 2.109.459.<ref>Irene De Piccoli: Turismo, identità e promozione territoriale: il caso di Caorle, laurea triennale, Padua 2025, S. 41 (dabei bezieht sich die Autorin auf P. F. Gusso: I Lidi Caprulani. Tra Porto Falconera e Porto S. Margherita, Consorzio Arenili Caorle, Caorle 2024).</ref> Nicht erst durch den Film Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern (1970), in dem Heinz Erhardt nach Caorle reist, wurde der Ort im deutschen Sprachraum bekannt. Ab den 1950er Jahren wuchs der Tourismus Jahr für Jahr an. Domenico Turchetto und Apollonio Gusso errichteten das erste Gebäude am zukünftigen Badestrand. Allerdings war bereits 1911 das Hotel Albergo Petroni errichtet worden. Diese frühe Phase des Tourismus ist weitgehend unerforscht.

Auswärtiges Kapital strömte in den 1970er Jahren in die kleine Stadt, 276 touristische Strukturen bestanden 1977 und die Zahl der Touristen wuchs weiter. In diesem Jahr waren es bereits 4 Millionen, in den 1980er Jahren pendelte sich diese Zahl bei etwa 3,5 Millionen ein. Doch Anfang der 1990er Jahre stieß diese Art des Tourismus auf Ablehnung und die Zahl sank auf 2 Millionen, um sich danach allerdings bis 2019 wieder auf 3 Millionen zu steigern. Mit der Pandemie von 2020 brach die Zahl zwar auf eine Million ein, die ausländischen Touristen blieben aus, doch 2022 überschritt sie wieder deutlich die 3 Millionen.<ref>Irene De Piccoli: Turismo, identità e promozione territoriale: il caso di Caorle, laurea triennale, Padua 2025, S. 46.</ref>

Seither werden lokale Traditionen und die besondere Identität Caorles hervorgehoben, der reine Badetourismus mit seiner saisonalen Verengung gilt zudem als unzureichend. So werden etwa Festivals genutzt, um die Saison zu verlängern, andere Reisetypen werden durch Naturreisen und Agriturismus, Fahrrad- und Bootsreisen, Segelkurse und Sportveranstaltungen angesprochen. 2024 zählte man erstmals knapp 4,5 Millionen Besucher. Dabei bildet Caorle nur einen Teil des Tourismusgebietes zwischen Venedig, Cavallino-Treporti, Jesolo und San Michele al Tagliamento sowie Lignano Sabbiadoro. Dorthin kamen rund 40 Millionen Besucher, davon knapp ein Drittel nach Venedig.<ref>Irene De Piccoli: Turismo, identità e promozione territoriale: il caso di Caorle, laurea triennale, Padua 2025, S. 48.</ref> Das Umlenken relevanter Touristenmengen ist angesichts dieser Zahlen keine Lösung, dazu sind diese Gebiete zu zerbrechlich und zu klein. Die Zahl der Hotels verringerte sich von 200 auf 140, Luxustourismus wird angestrebt, um dem schlechten Ruf des Badetourismus entgegenzuwirken. So entsteht mit dem Cavallino Bianco ein neues Fünf-Sterne-Hotel.

Erst 1985 war Caorle zur eigenständigen Kommune geworden. Die kleine Stadt erhielt somit einen eigenen Bürgermeister. Die beiden ersten Bürgermeister, nämlich Giovanni Marson (1985–1990) und Giovanni Padovese (1990–1992), gehörten der Democrazia Cristiana an. Von 1992 bis 2002 war Luigino Moro vom Partito Democratico della Sinistra im Amt, ihm folgte von 2002 bis 2012 Marco Sarto von der lista civica. Auf Luciano Striuli (2012–2021) von der lista civica di centro-destra, also eher einer Mitte-Rechts-Partei, folgte 2021 der seither amtierende Primo cittadino (erster Bürger) Marco Sarto von einer entsprechenden Mitte-Links-Partei.

2002 entstand der neue Stadtteil Lido Altanea etwa vier Kilometer außerhalb der Stadt hinter Porto Santa Margherita, das seinerseits 1963 als Feriensiedlung entstanden war. Ebenso wurden Teile des ursprünglichen Zentrums, wie zum Beispiel die Fischerhalle und die Via Roma umgestaltet und in venezianischem Stil zu Geschäften, Restaurants, Bars sowie Luxuswohnungen umgebaut. Die Immobilienpreise gehören neben Venedig und Jesolo zu den höchsten an der oberen Adria. Dabei reichen die Bemühungen um den Umweltschutz weit zurück. Der Strand wurde 1987 Träger der Auszeichnung Blaue Flagge, 2012 wurde dieses Gütesiegel bestätigt.<ref>Kleine Zeitung, 14. Mai 2012</ref>

Im Jahr 2025 lag Caorle auf dem 9. Platz unter den 50 italienischen Gemeinden mit den meisten Übernachtungsgästen, gleichzeitig aber ist es der Badeort mit den wenigsten Einwohnern. Dies führt seit etwa 2010 zu einer langsamen, aber kontinuierlichen Verdrängung der Ortsansässigen. Dabei erweisen sich die lokalen Interessen als äußerst gegensätzlich.<ref>Irene De Piccoli: Turismo, identità e promozione territoriale: il caso di Caorle, laurea triennale, Padua 2025, S. 33.</ref> Die Verringerung des Autoverkehrs, vor allem im Zentrum, hat hohe Priorität, die Parks werden ausgeweitet, der lokale Fischmarkt soll erhalten bleiben, während um die Frage der Identität des historischen Ortes gerungen wird.

Wirtschaft

Landwirtschaft

In der gesamten Gegend ist der Weinbau prägend. Unter anderen besitzt auch die Versicherung Generali in Ca’ Corniani (etwa zwei Kilometer außerhalb von Caorle) ein Weingut.

Tourismus

Datei:Caorle - Massentourismus.jpg
Touristenstrand in Caorle (2010)

Als wichtigster Wirtschaftszweig wurde der Fischfang längst vom Massentourismus verdrängt. Es gibt über 200 Hotels bzw. Campingplätze und Feriendörfer. Bis zu neun Millionen Touristen besuchten Caorle im Jahr, seitdem sank diese Zahl auf sechs Millionen. Saison ist vorwiegend von Mai bis September.

Der Sandstrand erstreckt sich über eine Länge von 20 Kilometern. Er beginnt am Oststrand von Caorle, wird von einem Felsendamm getrennt und geht in den etwas schmaleren Weststrand über. Im weiteren Verlauf wird der Strandabschnitt zwischen Caorle und Porto Santa Margherita durch den Fluss Livenza geteilt. Der Sandstrand zieht sich weiter von dort bis nach Duna Verde.

Handel

In der Stadt sind vor allem bekannte Modeunternehmen mit einer Niederlassung vertreten. Samstags findet ein Wochenmarkt in der Nähe der Messehalle statt. Zusätzlich findet einmal im Jahr ein Blumenfest in der Viale Santa Margherita statt.

Die Lagune von Caorle

Das Gebiet der Lagune von Caorle erstreckt sich am äußersten Ende des Oststrandes (Viale Falconera) in Richtung Bibione. Die beiden Orte sind über den Seeweg nur wenige Kilometer voneinander getrennt. Außer vielen Vogel- und Fischarten gibt es in der Lagune auch zahlreiche Fischerhütten (casoni), die über Wander- und Radwege erreichbar sind.

Bauwerke

Der Duomo im historischen Zentrum der Stadt, die ehemalige Bischofskirche, wurde um das Jahr 1038 fertiggestellt.<ref>Folgt man Erwin Reidinger: Passau, Dom St. Stephan 982: Achsknick = Zeitmarke, in: Der Passauer Dom des Mittelalters (= Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau, 60), 2009, S. 15, bzw. 31, Anm. 35, so weist der Achsknick des Gebäudes darauf hin, dass es zu Ostern 1034 fertiggestellt wurde (online, PDF).</ref> Sein 48 Meter hoher schiefstehender zylindrischer Campanile aus derselben Zeit ist das Wahrzeichen der Stadt.

Am Ende des Felsendammes steht die kleine Kirche Madonna dell’Angelo. Eine weitere innerstädtische Kirche ist Madonna dei Pompei.

Die Mehrzweckhalle Palaexpomar, deren Fassade der venezianische Löwe ziert, dient als Austragungsort für Messen und Kongresse. Unter anderem findet hier im Februar/März eine Hotelfachmesse statt.

Politik

Datei:Centro Civico Piazza Vescovado Caorle Italien.jpg
Das Gemeindezentrum (Centro civico) an der Piazza Vescovado

Bürgermeister (ital. Sindaco) der Stadt ist seit 2021 Marco Sarto.<ref> Marco Sarto. Sindaco, Website der Kommune.</ref> Geboren am 10. März 1975 erlangte er seine Laurea in Wirtschaft und Handel an der Universität Venedig, wo er in verschiedenen Segmenten des Öffentlichen Dienstes arbeitete.<ref>Curriculum vitae, Website der Hafengesellschaft Venedig.</ref> Er erhielt 2021 genau 2.743 Stimmen und damit 45 % der abgegebenen Voten.<ref>Elezioni 2021, a Caorle il nuovo sindaco è Marco Sarto, VeneziaToday, 4. Oktober 2021.</ref>

Brauchtum, Festivitäten

Das Fest zu Ehren der Madonna dell’Angelo findet alle fünf Jahre immer am zweiten Sonntag im September statt. Dabei wird die Madonna vom Dom aus durch die historische Altstadt getragen und am Hafen auf ein traditionell geschmücktes Boot geladen. Das Boot fährt von Caorle über Porto Santa Margherita und wieder nach Caorle zur Kirche der Madonna dell Angelo am Oststrand zurück. Hierbei wird es von zahlreichen mit Fähnchen geschmückten Booten begleitet. Am 12. September 2010 besuchten mehr als 250.000 Personen das religiöse Fest. Die letzte Prozession fand am Sonntag, dem 14. September 2025, statt.

Erwähnenswert ist neben den fünf jährlichen Feuerwerken auch das Fisch- und Fleischfest, das alljährlich ausgetragen wird.

Verkehr und Infrastruktur

Durch die Stadt führen die beiden Provinzstraßen SP 54 und SP 59. Die Infrastruktur hat sich auf Porto Santa Margherita und Altanea ausgedehnt. Seit 2010 gibt es etwa zwei Kilometer außerhalb von Caorle einen Sportflugplatz, der für kleinere Flugzeuge und Hubschrauber geeignet ist.

Venedig ist 60 Kilometer von Caorle entfernt und in den Sommermonaten (Anfang Mai bis Ende September) täglich mit einem ca. 100 Personen fassenden Reiseschiff erreichbar. Außerdem steht eine Buslinie der ATVO (Azienda Trasporti Veneto Orientale) und zahlreiche regionale Transportunternehmen zur Verfügung.

Sport und Unterhaltung

Neben der Messehalle von Caorle befinden sich auch das Sportstadion und die 2000 m² große Sporthalle der Stadt. Jedes Jahr treffen dort einander internationale Leichtathleten zu Sportveranstaltungen. Außerdem bietet Caorle einen großen Basketballverband, der seine Veranstaltungen im örtlichen Stadion ausrichtet.

In Caorle befindet sich ebenfalls der Luna Park (Vergnügungspark), der von Mai bis Anfang September geöffnet hat. Straßenkünstler und Artisten treffen sich jährlich zu einem Straßenfest, das in der Altstadt ausgerichtet wird.

Literatur

  • Paolo Francesco Gusso, Renata Candiago Gandolfo: Caorle Sacra, Marcianum Press, Venedig 2012.
  • Renzo Franzin (Hrsg.): Casoni delle lagune di Caorle e Bibione a Cavarzere, Portogruaro 2004, Giulini e Baldan 2005. (academia.edu)
  • Giovanni Musolino: Storia di Caorle, La Tipografica, Venedig 1967.
  • Trino Bottani: Saggio di storia della città di Caorle, Pietro Bernardi, Venedig 1811. (Digitalisat)
  • Marin Gonzalez, Jennyffer Mirlandya: Destination Marketing e località balneari mature, case study: Caorle, Laurea magistrale, Universität Venedig 2020. (online)
  • Irene De Piccoli: Turismo, identità e promozione territoriale: il caso di Caorle, laurea triennale, Padua 2025 (online)
  • Elena Olivo, Piero Pedrocco, Giorgio Verri, Alberto Sdegno, Gian Camillo Custoza, Lucia Guidorizzi, Enzo Lazzarin, Vania Peretto: Rilagunando Caprulae, Universität Udine 2025 (zum neuen Quartier Nova Caprula). (online)
  • Claudio Balista, Elodia Bianchin Citton: L’indagine archeologica e geosedimentologica in località Case Zucca di San Gaetano di Caorle, in: Quaderni di Archeologia del Veneto, X (1994) 161–178.
  • Luigi Fozzati: Caorle archeologica, tra mare, fiume e terra, Venedig 2007.

Weblinks

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Einzelnachweise

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