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Karoline von Günderrode

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Gemälde, das Karoline von Günderrode im Profil zeigt
Karoline von Günderrode, 1797, Historisches Museum Frankfurt

Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode (* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel) war eine deutsche Dichterin der Romantik.

Leben und Werk

Herkunft

Karoline von Günderrode wurde am 11. Februar 1780 in Karlsruhe als ältestes Kind eines badischen Regierungsrates geboren. Sie verlor ihren Vater, den Hofrat und Schriftsteller Hector Wilhelm von Günderrode, im Alter von sechs Jahren. Die Mutter, Luise Sophie Victorie Auguste Henriette Friedrike, geb. von Günderrode aus dem Frankfurter Zweig (1759–1819), zog daraufhin mit ihren fünf Töchtern und ihrem Sohn nach Hanau.

Die Familie Günderrode gehörte seit dem 16. Jahrhundert zu den führenden Patriziergeschlechtern von Frankfurt am Main, die sich in der Ganerbschaft Alten Limpurg zusammengeschlossen hatten. Karolines Bruder war der spätere Senator und Ältere Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt, Friedrich Carl Hector Wilhelm von Günderrode. Die Günderrodes schrieben sich stets mit doppeltem „r“, was später gelegentlich missachtet wurde – daher die häufig zu lesende Namensform Günderode – und erst seit den 1970er Jahren wieder Eingang in die Literatur fand.

Kindheit und Jugend

Nach dem Tod des Vaters 1786 erhielt Karolines Mutter eine Pension von 300 Gulden im Monat, was nicht ausreichte, um sich und die sechs Kinder standesgemäß zu erhalten. Sie zog deshalb mit ihnen nach Hanau, wo Verwandte sie unterstützten. Karoline missbilligte den ausschweifenden Lebensstil, den ihre Mutter in Hanau an den Tag legte, weil damit das Erbe verbraucht wurde, das auch den Kindern zustand. Karoline kümmerte sich um ihre jüngeren Geschwister, während die Mutter sich dem Leben bei Hofe widmete. Es kam vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Frauen und schließlich zum Kontaktabbruch.<ref>Laura Maierhofer: Karoline von Günderrode und Friedrich Creuzer: Der Brief als Medium einer romantischen Liebe. Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Graz 2016, S. 8 f. (uni-graz.at [PDF]).</ref>

Auf Betreiben der Mutter wurde Karoline mit siebzehn Jahren als Stiftsdame des evangelischen Cronstetten-Hynspergischen Adeligen Damenstift in Frankfurt am Main angenommen.<ref>Martin Glaubrecht: Günderrode, Caroline von. In: Deutsche Biographie. Abgerufen am 20. Juli 2023.</ref> Das Stift sicherte mittellosen weiblichen Angehörigen der Alten-Limpurger Familien den materiellen Lebensunterhalt. Die Stiftsdamen waren zu einem „sittsamen Lebenswandel“ angehalten. Karoline war die mit Abstand Jüngste unter ihnen. Sie studierte im Stift Philosophie, Geschichte, Literatur und Mythologie und entwickelte eine tiefe Sehnsucht nach einem erfüllten, selbstbestimmten Leben. Sie las viel, u. a. Goethe, Schiller, Novalis, Jean Paul, Schlegel, Hölderlin, Kant, Fichte und Herder. Von der umfangreichen Lektüre inspiriert, begann sie selbst zu dichten, außerdem führte sie Arbeitshefte zu den Themen Geographie, Metrik und Physiognomik.<ref name=":0">Renate Wiggershaus: Zu wissbegierig für ihre Zeit. In: Frankfurter Rundschau. 26. Juli 2006, abgerufen am 20. Juli 2023.</ref> Die Französische Revolution begeisterte sie. Ihre Liebesgeschichten hielten sie in Atem. Schon früh zeichneten sich die Themen ab, die sie ein Leben lang beschäftigen sollten: Gefangenschaft und Freiheit, Liebe und Tod.

Die erste Liebe - Friedrich Carl von Savigny

Datei:2014-32 Stehling 02p-042 Trages Guenderrode Haus.JPG
Karoline-von-Günderrode-Haus;
im Hof Trages, dem Hofgut von
Friedrich Carl von Savigny im
hessischen Freigericht-Somborn

Ihre erste große Liebe wurde Friedrich Carl von Savigny, später der bedeutendste Jurist seiner Zeit und Minister des „Romantikers auf dem Thron“, König Friedrich Wilhelm IV. Savigny war damals Jurastudent und führte das junge Mädchen in den Kreis der Romantiker ein. „Ich liebe, wünsche, glaube, hoffe wieder, und vielleicht stärker als jemals“, gestand die Neunzehnjährige einer Freundin. Savigny ahnte nicht, dass seine Verehrerin Gedichte schrieb. Sie hatte allen Grund, es zu verbergen.<ref>Der Blick, der träumt. Wo Karoline von Günderrode und Friedrich Carl von Savigny einander küssten. In: FAZ. 4. August 2012, S. 47.</ref><ref>Florian Balke: Der Blick, der träumt. FAZ, 3. August 2012, abgerufen am 2. November 2022.</ref>Auch Friedrich Carl von Savigny war von Günderrode recht angetan und hat sich im Jahre 1799 an seine Freunde in Marburg gewandt um entsprechende Informationen über sie und ihre Familie zu erlangen. Es kann wohl als Ironie des Schicksals gewertet werden, dass er zu diesem Zeitpunkt ausgerechnet dem Orientalisten und Philologen Friedrich Creuzer sein Interesse an Karoline Günderrode gegenüber geäußert hat und auch durchblicken hat lassen dass er aufgrund ihrer Beziehung zu Friedrich von Leonhardi gewisse Eifersuchtsgedanken hegte.

"In Hanau wohnt eine Witwe von Günderode, über deren häusliche Verhältnisse, Kindererziehung pp. ich unterrichtet zu sein wünschte. Da ich nun glaube, daß Luxborg weiß, wie ein gewisser Theil des Publikums davon spricht - ... so tun sie mir den Gefallen, wenn sie ihn gelegentlich und ohne, daß er den Anlass errät, darum fragen. Ich kann ihnen meine Veranlassung nicht sagen, weil die Sache mich nicht betrifft."<ref>Adolf Stoll: Der junge Savigny. Kinderjahre, Marburger und Landshuter Zeit Friedrich Karl von Savignys. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. Mit 217 Briefen aus den Jahren 1792-1810 und 34 Abbildungen. Berlin 1927, S. 96–98.</ref>

So war es im Falle Savignys vor allem der Vorwurf an Karoline von Günderrode, nicht zur Ehe geeignet zu sein, welcher im Endeffekt dafür gesorgt hätte, ihr seiner romantischen Zuneigung zu entsagen. Auch die Beziehung zu Clemens Brentano, der mehrere mehr oder weniger unerwiderte höchst erotische Liebesbriefe an Karoline von Günderrode geschrieben hatte, wird oft als Auslöser für die Unfähigkeit Savignys sich seiner Liebe zu Karoline von Günderrode gewahr zu werden angeführt. Die Beziehung zu Savigny war die gesamte Zeit über vor allem durch Bedenken seinerseits definiert. Die endgültige Abwendung von ihm gelang der Karoline von Günderrode im Jahre 1803 nachdem sie einer Einladung, ihn und seiner dann Ehefrau Kunigunde von Savigny auf seinen Hof in Trages zu begleiten folgte. Hier erhob er den Anspruch, einer Menage a trois mit seiner Ehefrau und Karoline. So ist der Glauben an eine monogame Liebe zu Savigny wohl endgültig verloren gegangen und endet in ihrem Vorwurf an Savigny als äußerst narzistisches und selbstbezogenes Wesen. Auch die Aussage Savignys, dass wenn sie ihm ihre Liebe früher gestanden hätte, aus ihnen ein Liebespaar hätte werden können lässt sich nur bedingt als glaubwürdig einschätzen.<ref name=":1" details="S.96 ff.">Dagmar von Gersdorff: Das Leben der Karoline von Günderrode. Frankfurt am Main / Leipzig 2006, S. 238.</ref>

Clemens Brentano

Da Clemens Brentano Zeit seines Lebens vor allem innerhalb der Rezeption der Günderrodschen Texte durch Diffamierung und Herabsetzung ihrer schriftstellerischen Fähigkeiten aufgefallen ist, wirkt es fast schon zu ironisch, dass ausgerechnet er im Mai 1802 einen Liebesbrief an Karoline von Günderrode geschrieben hatte der von erotischen Ergüssen nur so gespickt war. Er schildert die eigene Selbstbefriedigung und die sexuelle Nötigung ihrerseits durch ihn.

"o ihr armen lieben zweibeinigen Engel in der Hölle und Du, Günderödchen im Fräuleinstift, was habe ich euch so lieb, ihr Teufel und ihr Engel, mein Herz ist keine arme Seele. Alles das schreibe ich in einem süßen drehenden Rausch, die Mondnacht und der Frühling haben sich nicht gescheut, vor meinen Augen das süße heilige Liebeswerk zu vollbringen und damit das Bewusstsein solcher Wollust nicht verloren gehe, haben sie das Seufzen ihrer Liebe and dem Echo meines Busens gebrochen, und wie sie sich umarmten, verwandelten sie sich in eine goldene, süße, bittere, wollüstige Schlange, die mich mit den lebendigen, drückenden, zuckenden Fesseln ihres Leibes umwand ..."<ref>Ludwig Geiger: Karoline von Günderrode und ihre Freunde. Stuttgart / Leipzig / Berlin / Wien 1895, S. 108–111.</ref>

Carolines Antwort auf diesen Brief kann hier als lakonisches "Meisterwerk analysierender Psychologie" gelesen werden. Sie bezieht sich auf Brentanos "viele Seelen" und geht eben nicht auf sein sexuelles Werben ein. Auch ein aufgezwungener Kuss Brentanos im April 1803 und ein Verzeihungsbrief seinerseits im Oktober desselben Jahres verändern diesen Zustand nicht. Es lässt sich vermuten, dass die Absage Savignys auch durch Zuspruch von Brentano geschehen ist, da seine sexuellen Werbungen um Karoline (Brentanos Beziehung zu seinen Frauen war zeit seines Lebens durch Seitensprünge angespannt) nicht auf fruchtbaren Boden getroffen haben. Auch der Anspruch der Vermittlung seiner beiden Schwester Kunigunde und Bettina an Savigny und Achim von Arnim belegt die schwierige Beziehung zu Karoline von Günderrode da diese somit auch immer als äußerst intelligente Gegenspielerin seiner Schwestern im Kampf um die bestmögliche Ehe-Partie gegolten hat.<ref name=":1" details="S.96 ff." />

Bettine Brentano

„Das Reich, in dem wir zusammentrafen, senkte sich herab wie eine Wolke, die sich öffnete um uns in ein verborgenes Paradies aufzunehmen“,<ref>Gustav Konrad (Hrsg.): Bettina von Arnim: Werke und Briefe. Bd. 2, Frechen/Köln 1959–1963, S. 49.</ref> erinnerte sich Bettina von Arnim später in ihrem Buch Die Günderode an die gemeinsame Zeit. Es war der erste gedruckte Briefwechsel zweier Frauen in der deutschen Literaturgeschichte. Die Freundschaft und das Bekanntwerden mit Bettina Brentano wurde durch Sophie la Roche initiiert. Gerade Bettina erlangte durch die Freundschaft zu Karoline von Günderrode ein neues Selbstwertgefühl und auch ihr Wissensdurst wurde von dieser zu ihrer Zeit äußerst gebildeten Frau weiter angekurbelt. In ihrem Breifwechsel wird auch eine Situation genannt, in der beide Frauen um die Gunst des Achim von Arnim gebuhlt haben. Bettinas späterer Ehemann. Aber auch homoerotische Komponenten lassen sich in der Beziehung Karoline Gündderrodes zu Bettina Brentano feststellen.

"Ich bin dein liebster Freund und Schüler Dion; wir lieben uns zärtlich und lassen das Leben füreinander, wenn's gilt ... Ich will zu dir, in Deinem Schoß will ich lernen; ich weiß daß es so sein muß, daß wir beieinander sind."<ref>Bettine von Arnim: Die Günderode. Mit einem Essay von Christa Wolf. Frankfurt am Main / Leipzig 1983, S. 100.</ref>

Die enge Freundschaft zu der ebenfalls sehr wissensdurstigen Bettina von Arnim brach Karoline von Günderrode kurz vor ihrem Tod abrupt ab, da ihr Geliebter Friedrich Creuzer die Brentano-Familie nicht schätzte.

Karoline klagte zeit ihres Lebens über Kopf- und Augenschmerzen. Sie benutze grünes Papier für ihre Schriften um ihre Augen zu schonen. Die Beschreibung ihrer zeitweiligen Sehstörungen lassen eine Erkrankung am Grünen Star möglich erscheinen.

Das literarische Werk der Karoline von Günderrode

Die literarische Produktion der Karoline von Günderrode kann nach heutigem Wissensstand in drei zeitlich voneinander abgegrenzten Phasen dargestellt werden. Einer Frühphase von 1798-1801 innerhalb der die Geschichte eines Braminen oft als bedeutendste poetische Schöpfung ihrer frühen schriftstellerischen Tätigkeit genannt wird. Ebenso ist diese frühe Phase der literarischen Produktion der Günderrode von Nachdichtungsversuchen, die von den Schriften Herders, Schiller und dem Ossian beiinflusst sind, geprägt. Ihr mittlere Schaffensphase welche sich grob von 1801-1805 festlegen lässt, ist geprägt durch ihre beiden zu Lebzeiten veröffentlichten Textsammlungen Gedichte und Phantasien von Tian sowie Poetische Fragmente von Tian und verschiedener Dramenkonzeptionen. Diese Phase kann als charakteristisch für die inhaltliche und formale Vielgestaltigkeit des Gesamtwerks der Günderrode angesehen werden. Ihre dritte Entwicklungsetappe, die die Zeit von 1805 bis zu ihrem frühen Tod 1806 beinhaltet ist angesiedelt im Umkreis ihrer zuletzt geplanten Veröffentlichung ihrer „Melete-Sammlung“, die nach ihrem Ableben von Friedrich Creuzer vernichtet wurde und erst 1896 durch einen unbekannten Buchdrucker wieder gefunden wurde. Hier wird ihre Hinwendung zum Mythos und zur Mythologie deutlich aber auch ihre zunehmende Nähe zur Schellingschen Philosophie.<ref name=":2" details="254ff. ">Margarete Lazarowicz: Karoline von Günderrode. Porträt einer Fremden (= Europäische Hochschulschriften. I.923). Hrsg.: Peter Lang. Frankfurt am Main 1986, S. 44 ff.</ref>

Aufgrund der ökonomischen Lage des damaligen Buchmarktes war sie für jegliche ihrer schriftstellerischen Veröffentlichungen auf verschiedene Mäzen und Verleger angewiesen. Keine ihrer Veröffentlichungen hat eine zweite Auflage erhalten. Der schriftstellerische Durchbruch blieb ihr versagt.

Anfangsphase der schriftstellerischen Produktion (1798-1801)

Die schriftstellerische Produktion der Karoline von Günderrode lassen sich in ihrer Anfangsphase in vier hervorgehobene Elemente unterteilen. Diese sind Nachdichtungen vor allem ossianischer Gesänge, ironisch satirisch literarische Entwürfe und literarische Objektivierungsversuche zeitgeschichtlicher Ereignisse wie zum Beispiel das Gedicht Buonaparte in Ägypten. Auch Entsagungsliteratur lässt sich im Frühwerk der Günderrode erkennen. Zum Beispiel in der Geschichte eines Braminen oder dem Gedicht an Charlotte. Hier wird das hehre Ideal von entsagungsvoller Pflichterfüllung hin zum geistigen Leben unter Verzicht auf irdische Genüsse propagiert.  Vor allem ein Blick in ihr erstes Studienbuch (Die Führung eines Studienbuches ist bezeichnend für ihren intelektuellen Anspruch, da es eher selten vorkam, dass eine Frau ihre Standes ein Studienbuch führte und kein einfaches Poesiealbum) ist aufschlussreich für die vielfältigen Interessengebiete der jungen Karoline von Günderrode.<ref name=":2" />

Darthula nach Ossian kann als ihr erstes „eigenes Gedicht“ gewertet werden, welches erst 1804 in Gedichte und Phantasien von Tian veröffentlicht wurde. Hier entwirft sie erstmals eine heroische Frauenfigur die sich im Versuch der Selbstermächtigung gegen einen Eroberer, aufopfert. Vor allem die ossiansche Literatur kann als Auslöser für ihr Interesse an exotischen und historischen Stoffen gewertet werden. So repräsentiert ihre Rezeption von ossianscher Literatur als auch dem herderschen Gedankengut ihre Vorliebe für Historie und Exotik. Hier sei zu erwähnen, dass ihr Interesse an moralphilosophisch aufklärerischen Reflexionen als mindestens gleichwertig angesehen werden kann. Vor allem die Rezeption Jean Pauls sei hier besonders hervorgehoben. Die Zitate – und Gedichtsammlung in ihrem frühen Studienbuch sind somit als hervorzuhebender Einblick in ihre geistige Welt zu kennzeichnen.

Auch die Fähigkeit zu ironisch satirischer Parodie und dem Humouresken sind durch Gedichte wie An die Langweil oder einem Scherzgedicht über Kalypso überliefert und belegen ihre ersten Versuche, ihre zeitgenössische Wirklichkeit kritisch zu gestalten. So wird ihr literarisches Talent vor allem in ihrer Reflektion zeitgeschichtlischer Ereignisse deutlich. Das Gedicht Buonaparte in Ägypten zeigt erstmals ihre Zugewandheit zu den Idealen der französischen Revolution und der Utopie einer freiheitlich verfassten Gesellschaft jenseits feudalabsolutistischer Standesschranken. Der Text Die Geschichte eines Braminen welches das Ideal einer sezessionistisch eingefärbten Entsagungsbereitschaft darstellt, kann nach Lazarowicz als die bedeutendste Dichtung der jungen Günderrode angesehen werden. Jene wurde erst 1805 durch Sophie La Roche veröffentlicht.<ref name=":2" />

Lyrik/Prosa/Dramen

Die 1. Veröffentlichung - Gedichte und Phantasien von Tian

1804 veröffentlichte sie unter Pseudonym Gedichte und Phantasien von Tian. Es war das erste Buch mit dem Karoline von Günderrode an die Öffentlichkeit tritt. Das männliche Pseudonym kann hier als Mahnmal und Schutzschild vor der patriarchal geprägten literarischen Öffentlichkeit ihrer Zeit definiert werden. In ihrem Briefwechsel mit Friedrich von Savigny und Gunda Brentano ist das Behaupten und Rechtfertigen ihrer schriftstellerischen Tätigkeit zu dieser Zeit belegt. Die märchenhafte Prosaerzählung Timur kann als ein Plädoyer für ein ereignisreiches und gefühlsintensives Leben sowie das Pochen auf die Verwirklichung von Hoffnung und innerer Moralität gewertet werden. Hier wird die Liebe durch moralisch weltanschauliche Barrieren verhindert. Die Ballade Don Juan kann als der Versuch diese Grenzen zu überwinden gewertet werden, indem die Liebe als psychische Macht alle Ketten sprengt, sogar die des Todes. Hervorzuheben ist hier vor allem Don Juans tiefe „Wahrnehmungsfähigkeit“ der Individualität seiner Geliebten, die seine Liebe zu ihr erweckt. Ebenso enthält das Buch dialogische Zeugnisse ihrer philosophischen Erkenntnisse wie zum Beispiel in dem Fragment Die Manen. Das Gedicht Der Adept stellt ihre Verhandlung zu der indischen Philosophie in 15 numerisch gekennzeichneten Schritten dar. Mora kann als Prosatext zur Exemplifizierung der Gleichhaftigkeit von Frauen gegenüber männlichen Domänen gelesen werden. Die Erscheinung und Musa sind Beispiele für Günderrodes Lust über das Getriebe der Welt und der arabischen Kultur zu reflektieren. Der trauernde und die Elfen“ist ein Versuch, das Sagen- und Märchenmotiv der Elfen zu gestalten. Die Bande der Liebe entwickelt ein Todesverständnis, dass sich nicht philosophisch oder reflexiv relativieren lässt und könnte damit als mögliche Reaktion auf die entsagte Liebe Savignys gelten. Des Wanderes Niederfahrt ist der Versuch, den subjektiven Bezug zur eigenen Lebensrealität durch philosophisches Erkenntnisstreben zu erweitern. In Mahomed konzipiert sie eine Prophetengestalt deren Erkenntnisstreben und Fähigkeit zum inneren die gesellschaftliche Wirklichkeit zu verändern mag. Die Textsammlung endet mit den 3 Liebesgedichten Zilia an Edgar, Ariadne auf Naxos und Der Franke in Ägypten. Sie handeln von der Trauer einer Verlassenen, der Thematisierung des Freitodes als Konsequenz für die entsagte Liebe und der Suche nach dem Sinn des Lebens innerhalb der verklärten Realität der Exotik.<ref name=":2" details="80ff. " />

All diese Texte sind Zeugnisse ihrer diversen schriftstellerischen Qualitäten, was jedoch leider innerhalb ihrer zeitgenössischen Rezeption nur selten Anklang fand und oft in verheerenden oft diffamierenden Rezensionen ihrer männlichen Kollegen gipfelte.

Poetische Fragmente von Thian

Die Textstammlung Poetische Fragmente von Thian ist die zweite literarische Veröffentlichung der Karoline von Günderrode zu Lebzeiten. Die Weiterverwendung ihres Pseudonyms kann als Bekenntnis zu ihrer eigenen Schriftstellerei gewertet werden. Es wurde 1804 durch Friedrich Wilmans in Frankfurt verlegt. Nees van Esenbeck hat hier wieder als Vermittler des Textes fungiert.

Der erste Text, das Dramenfragment Hildgund kann hier als ein Versuch der Ehrenrettung weiblicher Handlungsfähigkeit gelesen werden. Es ist ihr literarischer Gestaltungsversuch des Ideals einer Frau, die die engen Ketten bürgerlichen „Frauenglücks“ zu sprengen versucht, in dem sie erfolgreich ins Gemenge der Welt eingreift und die geschichtlichen Strukturen ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit als politisch Handelnde grundlegend beeinflusst. Ihr Darstellungsinteresse liegt hier nicht im Handlungsverlauf sondern vielmehr in der Persönlichkeitsstruktur Hildgunds. So kehrt Günderrode in ihrem Dramenentwurf die zeitgenössische Rollenverteilung der Geschlechter um und auch die männliche Figur des Walthers muss sich der weiblichen Entscheidungsfähigkeit beugen. Ein Text der die Problematik der Handlungsmöglichkeiten weiblicher Subjektivität nicht nur thematisiert, sondern deutlich macht.

In Piedro liegt die Gestaltung einer Mannesfigur vor, die sich seinen homoerotischen Neigungen bewusstwird und in seiner totalen Verweigerung der bisherigen Lebensweise sowie seiner Heterosexualtät kulminiert. Es wir die Totalität der Macht der Gefühle dargestellt, die auch im Tod herrsche. Auch hier lässt sich wieder das Motiv der Todessehnsucht wiederfinden. Die Pilger stellen einen eher nur bedingt gelungenen Versuch im Volkston zu dichten, dar.  Das Sonett Der Kuss im Traume steht nicht im Inhaltsverzeichnis und kann als das letzte Liebesbekenntnis an Savigny gelesen werden. Der dialogische Roman Mahomed, der Prophet von Mekka kann als Darstellung ihrer intensiven historischen Studien gewertet werden und ist ein Versuch die geschichtliche Notwendigkeit der Überwindung alter, abgelebter Gesellschaftsstrukturen darzustellen.<ref name=":2" details="139ff. " />

Die Dramen der Karoline von Günderrode

Der zwischen 1804 und 1805 entstandene Zweiakter Udohla, stellt den Anspruch einer Korrektur ihrer im Mahomed dargestellten Idealisierung des Islams dar. So wird hier die religiöse Intoleranz des Islams mit ihrer Kritik an der Unterdrückung Indiens durch islamische Mongolen verbunden.

Das Drama Magie und Schicksal kann als Resultat ihrer unmittelbaren Lebenserfahrungen gelesen werden. Zum einen ihrer bestehenden Liebesproblematik zu Creuzer und zum anderen ihrer als gescheitert erfahrenen Versuche, sich eine Existenzmöglichkeit außerhalb des Stiftes zu ermöglichen. Es thematisiert die hilflose Auslieferung des Individuums gegenüber der unermüdlich waltenden Schicksalsmacht. So muss selbst die Magie vor dem Schicksal kapitulieren.

Der Nikator-Entwurf ist ein Drama über den Sieg des Kampfes um die Verwirklichung einer Liebe durch Tyrannenmord. Es stellt die deutliche Verknüpfung des individuell Privaten mit der Dimension des gesellschaftlich historischen dar. Auch die Ähnlichkeit der Worte des Tyrannen mit denen Clemens Brentanos lässt sich nachweisen.

Die Dramen Pompejus und Cäsar sowie Pedro gelten als nach ihrem Tod verloren gegangen.<ref name=":2" details="165ff." />

DIe letzten Arbeiten der Karoline von Günderrode

Die Textsammlung Melete von Ion, welche die letzte geplante Veröffentlichung der Günderrode war, wurde nach ihrem Ableben von Friedrich Creuzer angeblich vernichtet. Einem weitestgehend unbekannten Buchdrucker ist es zu verdanken, dass die Druckbögen 1896 wiedergefunden wurden und entsprechend als legitimer Teil ihres literarischen Nachlasses gewertet werden können. Sie stellt die gestärkte Konzentration der Ausarbeitung ihrer literarischen Gestaltungsweise dar. Auch die selbstreflexive Einsicht auf ihre eigenen Produktionsbegebenheiten charakterisieren ihren Anspruch darauf nicht „perfekt“ dichten zu müssen und zu können. An Melete und Zueignung sind hier als Beispiele für ihre Artikulation dichterischen Selbstbewusstseins sowohl als auch ihrer Liebe zu Friedrich Creuzer zu lesen. Die symbolisch-mythologischen Gedichte innerhalb der Melete-Sammlung gelten als quantitativ größter Anteil ihrer Melete-Sammlung und handeln davon den antiken Mythos im Symbol nacherzählend zu fixieren. Die Liebesgedichte in ihrer Melete-Sammlung können als unvergessliches Zeugnis ihrer Liebe zu Friedrich Creuzer zu gelesen werden. Volksliedhafte Dichtungen fallen in der Melete-Sammlung deutlich ab und innerhalb der skandinavischen Weissagungen wird sich auf die „Alles- Seherin“ Wola konzentriert. Innerhalb der wissenschaftlichen Rezeption von Günderrodes Spätwerk wird oft auf die mögliche Blockierung der vollen Entfaltung des literarischen Potenzials der Günderrode durch die von Fredrich Creuzer initiierte Reduzierung ihrer Fähigkeiten auf den Mythos hingewiesen, was wohl in der Konzeption dieser späten Arbeit ersichtlich wird. Der 1896 gefundene Teil der Melete-sammlung bricht in der Mitte der märchenhaften Erzählung Valorich plötzlich ab da nur die bereits gedruckten Teile gerettet werden konnten.<ref name=":2" details="208ff. " />

Der literarische Nachlass der Karoline von Günderrode

Ihr literarischer Nachlass ist ein Textkorpus der sich durch eine Vielfalt der literarischen Ausdrucksmöglichkeiten aufbaut und als ein Zeugnis ihrer variablen und äußerst differenzierten schriftstellerischen Produktion gelesen werden darf. Die Gruppe ihrer philosophischen Dichtungen wird gerne als ihre Ideendichtung oder nach Lanczarek noch treffender „Gedankendichtung“ genannt. Auch Hommagen an Novalis lässt sich in ihren vielen Gedichten ihn betreffend wieder erkennen. Ihre Volksliedhaften Dichtungen werden oft als nicht besonders gelungen rezipiert und haben Zeit ihres Lebens keine Unterstützung durch Clemens von Brentano erhalten, obwohl sie doch des öfteren von ihm angefragt wurden. Ihre Liebesgedichte stellen ihre tiefe Empfindungsfähigkeit und ihre subjektive Authentizität dar. In ihren Prosaskizzen wird auch die Wirkung der Musik auf Günderrode beschrieben, wie etwa in Nachtigall oder Ein Traum. In ihrem Prosa Aufsatz Zweifel, Wissen, Glaube sind dazu ihre philosophischen Studien symptomatisch konzentriert und auch ihre Affinität zur Geisterwelt wird ersichtlich.<ref name=":2" details="188ff." />

„Sappho der Romantik“

Als Karoline von Günderrode mit 24 Jahren unter dem Pseudonym „Tian“ ihr erstes Buch, Gedichte und Phantasien, veröffentlichte, schrieb Goethe an Heinrich Carl Abraham Eichstädt über die ihm zugesandten Gedichte samt Rezension: „Diese Gedichte sind wirklich eine seltsame Erscheinung und die Recension brauchbar.“<ref>Goethe, Johann Wolfgang | Briefe | 1804, auf zeno.org</ref> Auch der zwei Jahre ältere Clemens Brentano war überrascht: „Ich kann es immer noch nicht verstehen, wie Sie Ihr ernsthaftes poetisches Talent vor mir verbergen konnten“.

Clemens Brentano wurde kurz darauf berühmt. Das Werk Karolines von Günderrode steht bis heute im Schatten ihres Lebens. Dabei schrieb sie einige der schönsten Gedichte der europäischen Romantik, so das todessehnsüchtige Hochroth. Ihre Dichtungen sind schwermütig, kühn und eingängig. Schon im neunzehnten Jahrhundert nannte man Karoline von Günderrode die „Sappho der Romantik“.

Günderrodes Dichtungen bringen den Konflikt zum Ausdruck, in dem sich eine liebende Frau damals befand, die zugleich ihre eigenen Ideen zu verwirklichen suchte; sie nehmen auch das Ende ihres hochgespannten Lebens vorweg:

„In die heitre freie Bläue
In die unbegränzte Weite
Will ich wandeln, will ich wallen
Nichts soll meine Schritte fesseln.

Leichte Bande sind mir Ketten
Und die Heimat wird zum Kerker.
Darum fort und fort ins Weite
Aus dem engen dumpfen Leben.“

<ref>Günderrode, Karoline von: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien: historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. von Walter Morgenthaler. Basel: Stroemfeld/Roter Stern, 1990. S. 392–393. online</ref>

Die ungewöhnliche Erscheinung der Stiftsdame und Poetin war schon den Zeitgenossen ein Rätsel. Auch die Bedingungslosigkeit ihrer Poesie irritierte viele ihrer Leser. Günderrodes Dichtung erschien „etwas zu kühn und männlich“, wie Karoline Rudolphi, die Vorsteherin eines Heidelberger Mädchenpensionats, urteilte.<ref>Ulrike Landfester: Selbstsorge als Staatskunst: Bettine von Arnims politisches Werk. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 205.</ref> Man zweifelte an ihrer Weiblichkeit. Karoline von Günderrode verstieß offenbar gegen Konventionen der damaligen Zeit, wie eine Frau sich zu verhalten und wie sie zu dichten habe.

„Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit“, bekannte sie 1801 in einem Brief an Kunigunde Brentano mit einundzwanzig Jahren. „Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd und uneins mit mir.“<ref>Birgit Weißenborn: "Ich sende Dir ein zärtliches Pfand". Die Briefe der Karoline von Günderrode. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1992, S. 234 (archive.org).</ref>

Die große Liebe - Carl Kreuzer

Auf einem Ausflug zur Abtei Neuburg bei Heidelberg lernte Karoline den bedeutenden Philologen und Mythenforscher Friedrich Creuzer und seine dreizehn Jahre ältere Frau kennen. Nun erhielten ihre Lebensthemen einen Schub – und auch ihre Konflikte. Creuzer schätzte ihre Dichtung und half ihr, diese zu verlegen. Günderrode sprach oft von einer sogenannte "Geistesverwandtschaft". Günderrode und Creuzer versprachen sich, einander bis in den Tod zu lieben. „Den Verlust Deiner Liebe könnte ich nicht ertragen“, schrieb die junge Frau dem Forscher in einem ihrer Briefe, die von manchem als die schönsten Liebesbriefe der deutschen Literatur angesehen werden.

Karoline von Günderrode beschäftigte sich unter Creuzers Einfluss mit dem Studium früher, auch matriarchaler Gesellschaften. Auch darin war sie ihrer Zeit voraus. In Männerkleidung wollte sie Creuzers Vorlesungen besuchen, um dem Geliebten so nah wie möglich zu sein.

Friedrich Carl von Savigny indes heiratete Clemens Brentanos Schwester Kunigunde (Gunda), Clemens Brentano heiratete Sophie Mereau. Doch Karoline von Günderrode konnte sich ein Leben als Professorengattin nicht vorstellen. Und Friedrich Creuzer bemängelte: „Lina schickt sich zur Ehe nicht…“

Der Gelehrte spielte mit dem Gedanken an eine ménage à trois. „Meine Frau sollte bei uns zu bleiben wünschen – als Mutter, als Führerin unseres Hauswesens. Frei und poetisch sollte Ihr Leben sein“, schlug er Günderrode vor. Es war die Zeit neuer Entwürfe des Zusammenlebens. So steht Creuzers Utopie in Beziehung zu den revolutionären Vorstellungen, wie sie zur gleichen Zeit in Frankreich Henri de Saint-Simon und sein Freundeskreis zu leben versuchten. Von einigen Kennern der Zeit wird sie gleichwohl als Charakterschwäche eingestuft – der kränkliche Friedrich Creuzer hatte nicht den Mut, sich von seiner Frau zu trennen.

Obwohl seine damalige Frau dieser Beziehungskonzeption zugestimmt hätte kam es nicht dazu. Caroline wollte nicht die dritte im Bunde sein. Auch zu einer geplanten Scheidung von seiner Ehefrau, um die wieder erflammte Liebe zu Karoline im Jahre 1805 in eine Ehe umzuwandeln, kam es nicht. Nach mehreren Jahren des Hin- und Hers eröffnet er ihr dann im Juni 1806, dass er die gesamte Zeit in Marburg über in einer finanziellen Abhängigkeit zu Savigny stand. Ausgerechnet der Mensch der noch durch ihn einige Jahre zuvor versucht hatte genauere Informationen über Karolines familiäre Situationen zu erlangen, war jetzt sein Gönner und Mäzen. Er hatte nämlich Creuzer ein zinsfreies Darlehen ermöglicht, dass ihm die Legalisierung der Ehe zu seiner damiligen Frau erst ermöglichte und stand damit mehr oder weniger in lebenslanger Schuld zu ihm. Somit war Creuzer in seinen Entscheidungen nie wirklich frei und hat diesen Umstand dann auch genutzt um sich gegen die Liebesehe zu Karoline zu entscheiden, um seine gesellschaftliche Stellung im Kreis der Gelehrten um Savigny nicht zu gefährden.<ref name=":1" />

Tod

steinernes Grabmal, das in eine Friedhofsmauer eingelassen ist, mit kleinem Kiesbeet
Grab der Karoline von Günderrode in Winkel (Rheingau)

Als Creuzer erkrankte<ref>Hans Peter Buohler: Günderrode, Karoline von. In: Verfasser-Datenbank. De Gruyter, Berlin / New York 2012 (degruyter.com).</ref> und seine Frau ihn gesund pflegte,<ref>Hyacinth Holland: Günderrode, Caroline von. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Band 10, 1879, S. 126 (deutsche-biographie.de).</ref> schwor er ihr, sich von seiner jungen Geliebten zu trennen. Wohl auch um den Gerüchten um seine außerheliche Liebschaft ein für alle mal zu beenden und seiner Standeszugehörigkeit des Marburger Zirkels um Savigny zu entsprechen. Am 26. Juli 1806 erhielt Karoline die Nachricht. Susanne von Heyden meldete am 28. Juli 1806 an Hektor von Günderrode:

"Ich muß eilen Herr von Günderrode Sie von einer Begebenheit zu unterrichten die mir das Herz zerreiset, ehe mir das Gerücht mir zuvor kommt. Die Verbindung in der Ihre Schwester meine einizige Caroline mit Creuzer stand ist ihnen bewusst ... Caroline, die seit lange auf Briefe gewartet hatte, eilte dem Boten entgegen, erbrach den Brief und ging in ihr Zimmer von wo sie bald wieder herauskam und ganz heiter scheinend Lotten adieu sagte, sie wolle an Rhein wie sie oft tat spazieren gehen, kam aber nicht wieder, bey'm Nachtessen wurd sie vermißt, man eilte auf ihr Zimmer fand die erbrochnen Briefe und bange Sorge erfüllte die guten Mädgen, sie suchten die ganze Nacht, früh fand man die unglückliche Lina Tod am Ufer, ihr Ihnen wohl bekannter Dolch hatte das Herz des Engels durchstochen, sie konnte nicht leben ohne Liebe, ihr ganzes Wesen war aufgelöst in Lebens Müdigkeit..."<ref>FDH (Freies Deutsches Hochstift): HS Nr. 1780I.</ref>

Bereits nach dem Tod ihrer Lieblingsschwester Charlotte 1801 hatte sich Karoline auf der Frankfurter Ostermesse einen Dolch gekauft.<ref name=":0" /> Von einem Chirurgen hatte sie sich Rat geholt, wie er am besten gegen sich selbst zu führen sei. Aus unglücklicher Liebe erdolchte sie sich selbst am Flussufer in Winkel im Rheingau. Am nächsten Tag fand man ihre Leiche im Wasser. „Eine tiefe Wunde, nicht ganz ein Zoll lang; der Stich zwischen 4. und 5. Rippe in die linke Herzkammer eingedrungen“, vermerkt das ärztliche Protokoll. Bestattet wurde sie an der Friedhofsmauer<ref>Laura Maierhofer: Karoline von Günderrode und Friedrich Creuzer: Der Brief als Medium einer romantischen Liebe. Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Graz 2016, S. 78 (uni-graz.at [PDF]).</ref> der Winkeler Pfarrkirche St. Walburga.

Friedrich Creuzer ließ das sich zum Zeitpunkt von Günderrodes Tod in Druck befindliche Werk Melete einstampfen. Auch den gesamten Birefwechsel ab 1805 mit Karoline ließ er vernichten. Er hatte Angst als teilschuldig am Tod der Karoline gesehen zu werden. Jedoch hat sein Bekanntenkreis der für ihn glücklicherweise aus den wohl größten Juristen seiner Zeit bestand dafür gesorgt, dass jegliche Verbindung zu ihm und seiner möglichen Mitschuld an ihrem Tod im Winde verwehte.<ref name=":1" details="S. 253" /> 1896 wurde der Fund von 4 Druckbögen und einem Korrekturbogen des Manuskripts bekannt gemacht.<ref>Erwin Rohde (Hrsg.): Friedrich Creuzer und Karoline von Günderode. Briefe und Dichtungen. Winter, Heidelberg 1896.</ref> Die Fragmente wurden von Johann Friedrich Heinrich Schlosser in dessen Stift Neuburg aufbewahrt. Im selben Jahr und 1899 folgten Teilausgaben von Stücken aus Melete. Erst 1906, 100 Jahre nach dem Tod der Dichterin, konnte eine vollständige Ausgabe der erhalten gebliebenen Fragmente von Melete veröffentlicht werden.<ref>Walter Morgenthaler: Karoline von Günderrode. Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg.: Walter Morgenthaler. 3: Kommentar. Stroemfeld / Roter Stern, Frankfurt / Basel 1990, S. 163–165.</ref>

Wirkung

Historische Bedeutung

Trotz ihrer außerordentlichen Lebensgeschichte ist Karoline von Günderrode kein isoliertes Phänomen. Sie kann im Kontext mit Zeitgenossen wie Bettina von Arnim, zwischen den „Zerrissenen“ der Epoche wie Ferdinand Raimund, Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist und Lord Byron, aber auch in Beziehung zu Künstlerinnen wie Rosalba Carriera und Elisabeth Vigée-Lebrun, Angelika Kauffmann und später lebenden Frauen wie der ebenfalls früh verstorbenen russischen Malerin Marie Bashkirtseff gesehen werden.

Zeitgenössische Rezeption

Innerhald der zeitgenössichen Rezeption ihrer ersten literarischen Veröffentlichungen lässt sich vor allem der damalige "rechnerisch spröder Geist" der mänllich dominierten Literaturkritik heraushören. Die Kritik ihrer Werke wiegte verheerend. Auch auf Karolines psychischer Konstitution und ihrem Anspruch Schriftstellerin zu sein. Ohne eine konkrete Untermauerung der Kritik wurden ihre Veröffentlichungen oft auf den weiblichen Gestus ihrer Texte hin reduziert und diffamiert. Es gilt der Verdacht dass der Hofmeister Engelmann, welcher selber mit seinen eigenen Werken gescheitert sei die Identität ihres Pseudonyms gegenüber der Frankfurter Gesellschaft offenbart hätte. Dies führt für Karoline zu Spott und Häme und führt auch zu einem Relativierungsvorgang der Publikation an sich, da der Grund für ihre Veröffentlichung auf die männliche Empfehlung Creuzers zurückgeht und auch so nur für einen kleinen Kreis bestimmt wäre. Der Vorwurf der Produktion von "Büchelchen" ist ein weiteres Beispiel für die Diffamierung und Verniedlichung der literarischen Werke Karoline von Günderrodes.<ref name=":2" details="S. 136" />

Besonders der Vorwurf des "zu männlich" sein innerhalb ihrer literarischen Produktion ist eine Kritik an ihr, die sich ihr ganzes Leben lang hielt und vor allem von ihren angeblichen Verehrern und Liebhabern gerne angeführt wird. Savigny spricht von ihrem "männlichen Geist". Creuzer argumentiert ihre Poesie sei "zu kühn, zu männlich". Brentanos Kritik an ihrem Schreiben kann als Exemplifizierung der Mysogonie ihrer Zeit gewertet werden. Er schreibt: "Eine Frau die dichtet, ist fatal". Sie solle sich lieber auf das Mutter sein konzentrieren. Die Unsterblichkeit in Schrift sei immer noch den Männern vorbehalten.<ref name=":1" details="S.123" />

Rezeption heute

Schon seit langem finden Lebensgeschichten von Frauen des frühen neunzehnten Jahrhunderts große Beachtung, beginnend mit dem Theaterstück von Albert Steffen Caroline von Günderrode. Eine Tragödie aus der Zeit der deutschen Romantik. Bücher wie Ingeborg DrewitzBettina von Arnim und Carola Sterns Biographien über Rahel Varnhagen und Dorothea Schlegel werden nicht nur vom weiblichen Publikum verschlungen. Hans Magnus Enzensberger hat unter dem Titel Requiem für eine romantische Frau den Briefwechsel zwischen Auguste Bußmann und Clemens Brentano herausgegeben; er wurde zu einem der erfolgreichsten Bände der Anderen Bibliothek und 1998 von Dagmar Knöpfel verfilmt. Auch Sigrid Damms „Recherche“-Roman Christiane und Goethe ist hier zu nennen.

Die Radikalität, mit der Karoline ihr Gefühl auszuleben versuchte, faszinierte schon ihre Zeitgenossen. Nach ihrem Tod erschienen mehrfach Auswahlbände ihres poetischen Werks und vor allem ihrer Briefe. In den 1970er Jahren wurde Karoline zu einer Identifikationsfigur der Frauenbewegung. In der „Sammlung Luchterhand“ erschien die Anthologie Der Schatten eines Traumes. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen, herausgegeben von Christa Wolf. Wolf verfasste darin einen sehr genauen und zugleich einfühlsamen Essay über Günderrode. Zeitgleich machte Wolf Karoline von Günderrode zu einer Protagonistin ihrer Erzählung Kein Ort. Nirgends, in der es zu einer fiktiven Begegnung der Günderrode mit Heinrich von Kleist kommt, da die Schicksale der beiden dichtenden Zeitgenossen gewisse Parallelen aufweisen. Bestimmend für die Günderrode-Rezeption des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist die Studie von Margarete Lazarowicz, in der ein "untrennbarer Zusammenhang von Schreiben und Leben" postuliert wird. An diesem Text können wesentliche Strategien einer biografisch determinierten Lesart gezeigt werden, bei dem als authentisch apostrophierte Narrationen über 'das Leben' herangezogen werden um 'das Werk' zu erklären.<ref>Marina Rauchenbacher: *Karoline von Günderrode* Eine Rezeptionsstudie. Würzburg 2014, S. 14.</ref>

Neben der von Walter Morgenthaler herausgegebenen historisch-kritischen Gesamtausgabe liegt seit Februar 2006 durch Dagmar von Gersdorff eine ausführliche Biographie von Günderrodes, die eine in ihrer Radikalität repräsentative Frauengestalt der Romantik ist, vor. Sie verkörpert in Leben und Werk Genie, Einsamkeit, Liebe und Tod einer Frau um 1800 und kann in ihrem spezifisch weiblichen Freiheitsdrang als eine Vorgängerin der Liberalisierungsbewegung betrachtet werden: „O, welche schwere Verdammnis, die angeschaffenen Flügel nicht bewegen zu können!“

Noch heute ist ein kleines Haus auf Hof Trages nach ihr benannt. Sie pflegte dort zu wohnen, wenn sie sich mit den Arnims, Brentanos und Savignys traf, mit denen sie befreundet war.

In der Oper Kleist von Rainer Rubbert und Tanja Langer kommt es zu einer fiktiven Begegnung von Günderrode und Kleist.

Auf der Rückseite des letzten 5-DM-Scheins (BBk III, 1990) ist ihre Unterschrift als Faksimile in der unteren rechten Ecke dargestellt.

Im Film Heimat 3 von Edgar Reitz kommt mit dem Günderodehaus bei Oberwesel ein fiktives Wohnhaus der Dichterin vor.

Ausgaben

  • Walter Morgenthaler (Hrsg.): Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Historisch-Kritische Ausgabe. Stroemfeld / Roter Stern, Basel / Frankfurt am Main 1990–1991, ISBN 3-87877-970-4. (Neuauflage 2006, ISBN 3-87877-964-X)
    • Band 1: Texte. 1990.
    • Band 2: Varianten und ausgewählte Studien. 1991.
    • Band 3: Kommentar. 1991.
  • Werke und Briefe. 5 Bände Bd. 1–4 hrsg. von Gustav Konrad. Bd. 5 hrsg. von Joachim Müller. Frechen/Köln 1959–1963.
  • Hannelore Schlaffer (Hrsg.): Gedichte, Prosa, Briefe. Stuttgart 1998, ISBN 3-15-009722-3.
  • Christa Wolf (Hrsg.): Der Schatten eines Traumes. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Buchverlag Der Morgen Berlin 1979. (Neuauflage München 1997, ISBN 3-423-12376-1)

Literatur

Sachliteratur
  • Dagmar von Gersdorff: „Die Erde ist mir Heimat nicht geworden.“ Das Leben der Karoline von Günderrode. Insel, Frankfurt am Main 2006.
  • Martin Glaubrecht: Günderrode, Caroline Friederike Louise Maximiliane. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 7. Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
  • Markus Hille: Karoline von Günderrode (= Rowohlts Monographien). Rowohlt, Reinbek 1999, ISBN 3-499-50441-3.
  • Hyacinth HollandGünderrode, Caroline von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 10, Duncker & Humblot, Leipzig 1879, S. 126.
  • Margarete Lazarowicz: Karoline von Günderrode. Porträt einer Fremden (= Europäische Hochschulschriften. I.923). Peter Lang, Frankfurt am Main 1986.
  • Christa Wolf (Hrsg.): Karoline von Günderode. Der Schatten eines Traums. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Der Morgen, Berlin 1981. (häufige Neuauflagen, auch in der BRD. Darin von Wolf als Autorin: K. v. G. dieses wieder in Marlis Gerhardt (Hrsg.): Essays berühmter Frauen. Insel, Frankfurt 1997, ISBN 3-458-33641-9, S. 137–169)
  • Rainer Brüning: Karoline von Günderrode. Dichterin, 1780-1806. In: Lebensbilder aus Baden-Württemberg, Bd. 22 (2007), S. 153–181.
  • Hans Peter Buohler: Karoline von Günderrode. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Begr. von Walther Killy, hrsg. von Wilhelm Kühlmann u. a. Zweite, vollst. überarb. Auflage. Band 4, de Gruyter, Berlin / New York 2009, ISBN 978-3-11-021389-8, S. 500–502.
  • Ursula Krechel: Schwester der Erde und des Lufthauchs: Karoline von Günderrode. In: Stark und Leise. Pionierinnen. Random House, München 2017, ISBN 978-3-442-71538-1, S. 29–48.
  • Ute Weinmann: Karoline von Günderrode : eine Annäherung an die Lebensgeschichte der Dichterin und an ihre Spuren in Winkel ab 1806, Wiesbaden : Reichert Verlag, 2023, ISBN 978-3-7520-0725-1
  • Friederike Middelhoff, Martina Wernli: Noch Zukunft haben: zum Werk Karoline von Günderodes. J.B.Metzler Verlag, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-662-67901-2
  • Marina Rauchenbacher: *Karoline von Günderrode* Eine Rezeptionsstudie. Königshausen und Neumann Verlag. Würzburg 2014, ISBN 978-3-8260-5586-7
Belletristische Literatur und Dramen
  • Bettine von Arnim: Die Günderode. Briefroman. 1840 (Digitalisat und Volltext Bd. 1, Bd. 2)
  • Tina Reuter: Waisen des Lebens. St. Wendel 2008, ISBN 978-3-9812149-3-2 (das Leben von Günderrodes als Stiftsdame als Motiv in einem Briefroman)
  • Waltraud Schade: Tod am Rhein. Ein Schauspiel. Books on Demand, Norderstedt 2006, ISBN 3-8334-5442-3.
  • Waltraud Schade: Bettine Brentano und Karoline von Günderrode. Ein Gespräch. Frank & Timme, Berlin 2006, ISBN 3-86596-081-2.
  • Albert Steffen: Karoline von Günderrode. Drama in fünf Akten. Schöne Wissenschaften, Dornach 1946.
  • Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends. Aufbau, Berlin 1979, ISBN 3-423-08321-2. (Erzählung über eine mögliche, aber fiktive Begegnung der Günderrode mit Heinrich von Kleist)

Weblinks

Commons: Karoline von Günderrode – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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