Cauchy-Relationen
Die Cauchy-Relationen beschreiben Symmetrieeigenschaften des Elastizitätstensors eines Materials.
Beschreibung
Die Cauchy-Relationen geben häufig näherungsweise vorhandene Symmetrieeigenschaften des Elastizitätstensor wieder:
- <math>c_{iijk} = c_{ijik}</math>
mit <math>i \neq j,k</math>. Dabei ist der Elastizitätstensor <math>c_{ijkl}</math> ist folgendermaßen über ein verallgemeinertes Hookesches Gesetz definiert, das Spannungen (Spannungstensor <math>\sigma_{ij}</math>) mit Verformungen (Verzerrungstensor <math>\varepsilon_{ij}</math>) verknüpft:
- <math>\sigma_{ij} = \sum_{kl} c_{ijkl}\varepsilon_{kl}</math>
mit <math>i,j,k,l = 1,2,3</math>. Allgemein ist der Elastizitätstensor ein Tensor 4. Stufe mit 81 Komponenten. Durch die Cauchy-Relationen kann die Anzahl zu bestimmenden Komponenten reduziert werden. Nach der (Kristall-)Gittertheorie haben die Cauchy-Relationen Gültigkeit, wenn folgende Voraussetzungen mehr oder weniger (siehe Einschränkungen) erfüllt sind:
- es wirken reine Zentralkräfte zwischen den Bausteinen,
- die einzelnen Bausteine sitzen innerhalb des Kristallgitters in einem Symmetriezentrum,
- es sind keine Anharmonizitäten vorhanden, d. h., bei der Bildung des Gitterpotentials nach den Bewegungen/Verschiebungen der Bausteine verschwinden Glieder höherer Ordnung (größer 2. Ordnung),
- die thermische Energie der Substanzen ist vernachlässigbar und
- fehlende Initialspannungen.
Einschränkungen
Eine strenge Gültigkeit der Cauchy-Relationen ist nicht zu erwarten, da insbesondere Punkt 4. nicht exakt erfüllt werden kann. Sogar bei tiefen Temperaturen werden die Cauchy-Relationen von keiner Substanz erfüllt.
Die Abweichungen von den Cauchy-Relationen <math>g_{mn}</math> sind ein Tensor 2. Stufe mit neun Komponenten und lassen sich als
- <math>c_{iijk} - c_{ijik} = g_{mn}(-1)^{m \cdot n(m-n)/2}</math>
mit <math>m \neq i,j</math> sowie <math>n \neq i,k</math> und <math>m,n,i,j,k = 1,2,3</math> beschreiben. Die Transformation des Tensors liefert beim Wechsel des kartesischen Bezugssystems mit den Grundvektoren <math>e_{p}</math> direkt den Beweis dafür. So ist
- <math>g'_{mn} = \sum_{p,q} a_{mp}a_{nq}g_{pq}</math>
mit <math>g'_{mn}</math> als Komponenten dieses Tensors in einem neuen Bezugssystem mit den Grundvektoren <math>e'_{m}</math>, die sich aus den Grundvektoren <math>e_{p}</math> anhand von
- <math>e'_{m} = \sum_{p} a_{mp}e_{p}</math>
ergeben. Daraus folgen physikalisch wichtige Invarianzeigenschaften aus den Abweichungen der Cauchy-Relationen. Die Komponenten <math>g_{mm}</math> mit <math>m = 1,2,3</math> verhalten sich z. B. invariant gegenüber einer Drehung des kartesischen Bezugssystems um die Achse <math>e_{m}</math>. <math>g_{mm}</math> ist daher eine charakteristische Größe der Ebene, die senkrecht auf <math>e_{m}</math> steht. Folglich finden die Bindungsmerkmale der atomaren Bausteine einer homogenen und quasihomogenen Substanz Ausdruck in der skalaren Invariante <math>G = g_{11} + g_{22} + g_{33}</math>.
Beispielsweise werden kristalline Materialien mit kubischer Symmetrie und isotrope Substanzen (wie Glas) nur durch eine unabhängige Komponente <math>g</math> beschrieben. Bei Substanzen mit vorherrschender Ionen-, Metall-, Van-der-Waals- und Wasserstoffbrückenbindungen ist der Querkontraktionskoeffizient <math>c_{iijj}</math> größer als der entsprechende Scherwiderstand <math>c_{ijij}</math> und somit <math>g_{mm} > 0</math>. Oft besitzen diese Substanzen Strukturen mit maximaler Packungsdichte der atomaren Bausteine. Gerichtete Bindungsanteile sprich kovalente Bindungen oder eine beträchtliche richtungsabhängige Überlappung der Elektronenwolken in Substanzen zeigen <math>g_{mm} < 0</math>. Beispiele hierfür sind Gerüstsilikate, Magnesiumoxid, Beryllium, Aluminiumoxid (Korund), Gläser reich an Siliciumdioxid (je größer der Siliciumdioxid-Gehalt, desto kleiner <math>g</math>) und Lithiumfluorid. Kovalente Bindungen tragen zu höheren Scherwiderständen und zu niedrigen Querkontraktionskoeffizienten bei. Strukturell und chemisch verwandte Kristallarten und isotype Stoffreihen zeigen folgende Merkmale:
- Durch die Substitution von Hauptgruppenelementen durch Nebengruppenelemente oder durch Bausteine mit geringerer Symmetrie innerhalb von Strukturen einer Substanz nimmt <math>g_{mm}</math> zu. Dies wird verursacht durch steigende Querkontraktionskoeffizienten und sinkende Scherwiderstände.
- Ist die Polarisierbarkeit der substituierten Bausteine größer, so nimmt <math>g_{mm}</math> leicht zu.
- Da für Substanzen mit simpler Struktur <math>\mathrm d \log(g_{mm}) / \mathrm dT</math> oftmals positiv ist, erhöht sich mit zunehmender Temperatur die Abweichung der Cauchy-Relationen. Stoffe mit asymmetrischen Bausteinen folgen nicht diesem Verhalten.
Festzuhalten ist noch die Tatsache, dass auch nur feine Unterschiede in der Struktur einiger Stoffe sich auf die <math>g</math>-Werte niederschlagen. Diese Werte dienen somit als Indikator für Strukturdifferenzen.
Literatur
- G. Leibfried: Mechanische und thermische Eigenschaften der Kristalle. In: S. Flügge (Hrsg.): Handbuch der Physik. Band VII, 1. Auflage, Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955.
- S. Haussühl: Die Abweichungen von den Cauchy-Relationen. In: Physik der kondensierten Materie. Band 6, Nr. 3, 1967, ISSN 0722-3277, S. 181–192, doi:10.1007/BF02422715.