Chlorofaser
Chlorofasern (Kurzzeichen CLF) sind eine Gattung von chlorhaltigen Polyvinylfasern mit mehr als fünfzig Prozent Gewichtsanteilen Chlor, wobei sich zwei Gruppen von Chlorofasern unterscheiden lassen: die aus dem Standardpolymeren Polyvinylchlorid(PVC) und seinen Modifikationen erzeugten und die aus strukturell verändertem Polyvinylchlorid gewonnenen Fasern.<ref>Walter Loy: Chemiefasern für technische Textilprodukte. 2., grundlegende überarbeitet und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86641-197-5, S. 66.</ref><ref>Aad Schaap, Katharina Kowol, Andreas Flachenecker: Terminology of Man-Made Fibres, BISFA 2017, S. 12.</ref><ref>Hans-J. Koslowski: Chemiefaser – Lexikon. 12., erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-87150-876-9, S. 55.</ref> Die PVC-Standardfaser werden aus dem reinen Polymeren PVC, das durch Polymerisation aus dem Monomeren Vinylchlorid entsteht, nach dem Trockenspinnverfahren gewonnen.<ref>Walter Loy: Chemiefasern für technische Textilprodukte. 2., grundlegende überarbeitet und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86641-197-5, S. 66.</ref> DP-Grad liegt zwischen 1000 und 2500.<ref> Ursula Völker, Katrin Brückner: Von der Faser zum Stoff – Textile Werkstoff- und Warenkunde. 35., aktualisiert Auflage. Verlag Dr. Felix Büchner. Hamburg 2014, ISBN 978-3-582-05112-7, S. 76.</ref> Die Gattung der Chlorofasern hat nur noch eine geringe Marktbedeutung.
Geschichte
Bereits am 4. Juli 1913 wurde in einem deutschen Patent<ref>Deutsches Patent DE 281877. Chemische Fabrik Griesheim-Elektron in Frankfurt am Main: Verfahren zur Herstellung einer auf Hornersatz, Films, Kunstfäden, Lacke u. dgl. verarbeitbaren plastischen Massen.</ref>, das auf Forschungsarbeiten von Fritz Klatte beruhte<ref> Hermann Klare: Geschichte der Chemiefaserforschung. Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 68.</ref> vorgeschlagen, das Polymerisationsprodukt des Chlorvinyls in heißem Chlorbenzol zu lösen und aus der Lösung durch Einpressen in ein Fällbad künstliche Fäden zu erspinnen.<ref> Robert Bauer: Unternehmen Chemiefaser bei der deutschen Farbenindustrie. Verlag für Wirtschaftspraxis, Frankfurt am Main 196, S. 60.</ref> Es ist als Grundpatent für die Synthesefasern zu werten.<ref> Stefan Mecheels, Herbert Vogler, Josef Kurz: Kultur- & Industriegeschichte der Textilien. Wachter GmbH, Bönnigheim 2009, ISBN 978-3-9812485-3-1, S. 423.</ref> Allerdings blieb der praktische Erfolg zunächst versagt, da es dem seinerzeitigen Stand von Wissenschaft und Technik weit vorauseilte.<ref> Rudolf Pummerer (Hrsg.): Chemische Textilfasern Filme und Folien – Grundlagen und Technologie. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1953, S. 574.</ref>
Die Herstellung von Filamenten aus Polyvinylchlorid wurde erstmals im Jahre 1931 von Emil Hubert und Mitarbeitern bei der I. G. Farben in Wolfen durchgeführt, die auf einem Patent von Emil Hubert, Heinrich Pabst und Hermann Hecht beruhte.<ref>Deutsches Patent DE 666 264. I. G. Farbenindustrie Akt.-Ges. in Frankfurt, Main: „Verfahren zum Naßspinnen von Kunstfäden aus Polymerisationsprodukten“. Patentiert am 20. Oktober 1931.</ref> Es wurden die ersten in textiltechnischer Hinsicht vollwertigen synthetischen Fasern erzeugt. Allerdings war das Verfahren zur Verspinnung von in Cyclohexanon gelöstem PVC in eine 30%ige Essigsäure großtechnisch nicht umsetzbar, weil Geruchsbelästigung durch das Essigsäurespinnbad zu groß war und die Rückgewinnung des hoch siedenden Cyclohexanons Schwierigkeiten bereitete.<ref> Rudolf Pummerer (Hrsg.): Chemische Textilfasern Filme und Folien – Grundlagen und Technologie. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1953, S. 576.</ref><ref> Hermann Klare: Geschichte der Chemiefaserforschung. Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 70.</ref> 1932 schlug Hubert vor, PVC schrittweise nachzuchlorieren, um damit möglicherweise ein acetonlösliches Zwischenprodukt zu erhalten.<ref> Robert Bauer: Unternehmen Chemiefaser bei der deutschen Farbenindustrie. Verlag für Wirtschaftspraxis, Frankfurt am Main 1962, S. 63.</ref> Beim Nachchlorieren wird der Chlorgehalt im PVC bis auf 63–65 % erhöht. Die Regularität der Struktur wird herabgesetzt, die Intensität der zwischenmolekularen Wechselwirkungen vermindert und damit ein besseres Lösen in üblichen Lösungsmitteln möglich.<ref>Zakhar Aleksandrovič Rogowin: Chemiefasern: Chemie – Technologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart/New York 1982, ISBN 3-13-609501-4, S. 317.</ref> Die Nachchlorierung wurde technisch von Curt Schönburg und Mitarbeitern im Werk Bitterfeld beruhend auf einem Patent von Schöneburg<ref>Deutsches Patent DE596 911. I. G. Farbenindustrie Akt.-Ges. in Frankfurt a. M.: „ Verfahren zur Darstellung von Kunstmassen aus Vinylchloriden“. Patentiert am 24. Mai 1932.</ref> realisiert. Es wurde festgestellt, dass man aus dem acetonlöslichen Produkt Fasern und Filamente erhalten konnte. Die Erzeugung der nachchlorierten PVC-Fasern, der sogenannten PeCe-Fasern, wurde 1934 in Wolfen aufgenommen, nachdem herausgefunden wurde, dass sich die acetonischen Spinnlösungen einfach in Wasser verspinnen ließen.<ref> Hermann Klare: Geschichte der Chemiefaserforschung. Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 72.</ref> Ab 1938 wurden die Fasern in Wolfen auch großtechnisch hergestellt.<ref> Autorenkollektiv: Textile Faserstoffe.Zweite, verbesserte Auflage. Fachbuchverlag, Leipzig 1967, S. 548.</ref> Polyvinylchlorid wurde in Faserform in großem Ausmaß während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland fabriziert. 1940/44 waren es ca. 2500 Tonnen in den Fabriken Wolfen, Dormagen und Freiburg i. B.<ref> Herbert M. Ulrich. Handbuch der chemischen Untersuchung der Textilfaserstoffe – Zweiter Band: Chemismus, Eigenschaften und Einsatz der textilen (nicht veränderten) Faserstoffe und ihre Prüfung. Springer-Verlag, Wien 1956, S. 585.</ref> Die PeCe-Fasern wurden später in der DDR unter dem Handelsnamen Piviacid weiterhin in Wolfen produziert.
Eine nachchlorierte PVC-Faser entsprechend der PeCe-Faser wurde unter dem Handelsnamen Chlorin in den 50er Jahren auch in der Sowjetunion hergestellt.<ref> Robert Bauer: Chemiefaserlexikon. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 1960, S. 94.</ref><ref>Zakhar Aleksandrovič Rogowin: Chemiefasern: Chemie – Technologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart/New York 1982, ISBN 3-13-609501-4, S. 318.</ref>
In den USA ging man einen anderen Weg, um lösliche Ausgangsstoffe für die Fasererspinnung zu erhalten. Man konzentrierte sich auf Mischpolymerisate. Beruhend auf Entwicklungsarbeiten bei Union Carbide and Carbon Corporation mit dem daraus hervorgegangenem Patent<ref>US-Patent 1 990 685 „Process For Fractionating Vinyl Resins And The Product Obtained Thereby“. Angemeldet am 28. März 1931, erteilt am 12. Februar 1935.</ref> wurden ab 1935 Fasern aus dem Copolymer von Vinylchlorid und Vinylacetat (vorzugsweise 87 bis 90 % Vinylchlorid und 10 bis 13 % Vinylacetat) erzeugt und unter dem Handelsnamen Vinyon verkauft.<ref> Menachem Lewin (Hrsg.): Handbook of Fiber Chemistry. Third Edition. Taylor & Francis Group, Boca Raton 2007. ISBN 978-0-8247-2565-5, S. 313.</ref><ref> Rudolf Pummerer (Hrsg.): Chemische Textilfasern Filme und Folien – Grundlagen und Technologie. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1953, S. 589.</ref> Diese Faser wurde 1947 durch eine Mischpolymerisat aus Vinylchlorid und Acrylnitril(60:40) abgelöst, die unter der Bezeichnung Vinyon N auf den Markt kam.<ref> Stefan Mecheels, Herbert Vogler, Josef Kurz: Kultur- & Industriegeschichte der Textilien. Wachter GmbH, Bönnigheim 2009, ISBN 978-3-9812485-3-1, S. 424.</ref><ref> Rudolf Pummerer (Hrsg.): Chemische Textilfasern Filme und Folien – Grundlagen und Technologie. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1953, S. 590.</ref> Diese Faser, die später den Handelsnamen Dynel trug, war textil gut verarbeitbar und besaß einen erhöhten Erweichungstemperaturbereich.<ref> Walter Loy: Chemiefasern für technische Textilprodukte. 2., grundlegende überarbeitet und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86641-197-5, S. 68.</ref> Für die Faserherstellung eignete sich auch ein Mischpolymerisat, das aus 15 % Vinylchlorid und 85 % Vinylidenchlorid bestand. Sie wurde durch Dow Chemical unter der Bezeichnung Saran hergestellt und in den ersten Jahren nach 1945 bekannt.<ref> Hermann Klare: Geschichte der Chemiefaserforschung. Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 186.</ref>
In Japan wurde schon 1952 von der Denka Co., Japan im industriellen Maßstab mit der Produktion von sehr feinen PVC-Filamenten für künstliche Perückenhaare begonnen. Die Faser erhielt 1971 den Markennamen Toyokalon. Solche dünnen Fasern konnten in hoher Qualität nur durch ein Schmelzspinnverfahern erhalten werden.<ref>S. J. Eichhorn, J.W.S. Hearle, M. Jaffe, T. Kikutani: Handbook of textile fibre structure. Volume1: Fundamementels and manufactured polymer fibers. Woodhead Publishing Ltd., Cambridge 2009, ISBN 978-1-84569-380-0, S. 319.</ref><ref>Website von Denka. Abgerufen am 11. Juli 2021.</ref> Von der Teijin Company wurde eine Löungsmittelmischung aus Aceton und Benzen gefunden, die bei erhöhter Temperatur eine geeignete Lösung von PVC ermöglichte, die in einem Trockenspinnverfahren eine PVC-Faser ergab. Nach dieser Methode wurde von der Teikoku Rayon Co. Ltd. ab 1956 die Produktion dieser Faser unter dem Handelsnamen Teviron mit einer Produktionsmenge von 5 t/Tag gestartet.<ref>S. J. Eichhorn, J.W.S. Hearle, M. Jaffe, T. Kikutani: Handbook of textile fibre structure. Volume1: Fundamementels and manufactured polymer fibers. Woodhead Publishing Ltd., Cambridge 2009, ISBN 978-1-84569-380-0, S. 319.</ref><ref> Robert Bauer: Chemiefaserlexikon. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 1960, S. 104.</ref>
In Frankreich liefen die Entwicklungsarbeiten für Chlorofasern bei der Société Rhodiaceta, Lyon. Dort gelang es Jacques Corbiere und seinen Mitarbeitern 1941 ein Trockenspinnverfahren zu entwickeln, das auf der Löslichkeit von Polyvinylchlorid in einem Gemisch von Schwefelkohlenstoff und Aceton beruhte.<ref>Französische Patent FR 913 164: Nouvelles solutions de dérivés polyvinyliques et leur procédé de fabrication. Angemeldet am 21. Juni 1941.</ref><ref> Rudolf Pummerer (Hrsg.): Chemische Textilfasern Filme und Folien – Grundlagen und Technologie. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1953, S. 587.</ref> Die Faserproduktion begann 1949 unter dem Markennamen Rhovyl.<ref> Menachem Lewin (Hrsg.): Handbook of Fiber Chemistry. Third Edition. Taylor & Francis Group, Boca Raton 2007. ISBN 978-0-8247-2565-5, S. 313.</ref> Seit dieser Zeit entwickelte die Rhovyl SAS ständig ihr PVC-Faser-Sortiment und produziert bis heute in ihrem Werk in Tronville-en-Barrois, Frankreich verschiedene Fasersortimente.
Herstellung
Die PVC-Fasern werden meistens wie Rhovyl und Tevriron durch Trockenspinnen erzeugt. Auch Nassspinnverfahren waren und sind noch im Einsatz, genauso wie Schmelzspinnverfahern.<ref> Menachem Lewin (Hrsg.): Handbook of Fiber Chemistry. Third Edition. Taylor & Francis Group, Boca Raton 2007. ISBN 978-0-8247-2565-5, S. 316/321.</ref> Bedeutung könnte auch die Erzeugung von PVC-Nanofasern mittels Elektrospinnen erlangen.<ref>[1] Website MDPI. Abgerufen am 11. Juli 2021.</ref>
Eigenschaften und Anwendung
Chlorofasern aus Standard-PVC sind nicht entflammbar, sie brennen nicht und haben keine Tropfenbildung. Mit einem LOI-Wert von 49 liegen sie über vergleichbaren Fasern.<ref> Wolfgang Bobeth (Hrsg.): Textile Faserstoffe. Beschaffenheit und Eigenschaften. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1993, ISBN 3-540-55697-4, S. 279.</ref><ref> Walter Loy: Chemiefasern für technische Textilprodukte. 2., grundlegende überarbeitet und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86641-197-5, S. 66.</ref> Die Fasern sind absolut hydrophob, nehmen also keine Feuchtigkeit auf, weshalb die Werte für Trocken- und Nassreißfestigkeit und Trockenbruch- und Nassbruchdehnung gleich sind. Chlorofasern haben eine sehr gute Chemikalienresistenz sowohl gegenüber Säuren, als auch gegenüber Laugen. Sie zeigen keine Verrottungserscheinungen und sind witterungs- und lichtbeständig.<ref> Walter Loy: Chemiefasern für technische Textilprodukte. 2., grundlegende überarbeitet und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86641-197-5, S. 67.</ref> Polyvinylidenfasern wie Saran sind ebenfalls unbrennbar bzw. schwer entflammbar. Sie zeichnen sich durch eine Beständigkeit gegenüber aliphatischen Kohlenwasserstoffen, wie Benzin und Diesel, aus, weshalb sie für die Herstellung von Benzinfiltern eingesetzt werden können. Einsatzschwerpunkte sind neben technischen Textilien, Heimtextilien, Unterwäsche und Perücken.
Einzelnachweise
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