Cytisin
Cytisin ist ein sekundärer Pflanzenstoff des Goldregens und zählt zur Gruppe der Chinolizidin-Alkaloide. Seine Wirkung ähnelt der des Nicotins, da beide Substanzen mit denselben Rezeptoren im Gehirn wechselwirken. Es wird unter den Handelsnamen Asmoken oder Tabex als Medikament zur Raucherentwöhnung vertrieben.
Vorkommen
Cytisin ist das Hauptalkaloid des Goldregens, was aber nur für die Samen und andere Teile mit ruhendem Wachstum gilt. Der Gehalt in den Samen beträgt bis zu 3 Prozent.<ref name="ding">T. Dingermann, K. Hiller, G. Schneider, I. Zündorf: Schneider Arzneidrogen. 5. Auflage. Elsevier 2004, ISBN 3-8274-1481-4, S. 441.</ref>
Pflanzen, in denen dieses Alkaloid gefunden wurde, sind nachfolgend aufgelistet.
- Cytisus canariensis
- Sophora secundiflora (Meskalbohne)
- Laburnum (Goldregen)
- Genista germanica (Deutscher Ginster)
- Styphnolobium japonicum (Japanischer Schnurbaum)
- Gymnocladus dioicus (Geweihbaum)
- Anagyris foetida (Stinkstrauch)
Gewinnung und Darstellung
Cytisin kann ausgehend von Dinicotinsäure synthetisiert werden.<ref name="Tse-Lok Ho">Vorlage:Literatur</ref>
Medizinische Anwendung
Cytisin wirkt stimulierend auf nicotinische Acetylcholinrezeptoren und hat damit einen dem Nicotin ähnlichen Effekt. So wurden im Ersten Weltkrieg Blätter des Goldregens, welche Cytisin enthalten, als Tabakersatz verwendet.<ref>C. Griebel: Die mikroskopische Untersuchung der Tee- und Tabakersatzstoffe. Mitteilung aus der Staatlichen Nahrungsmittel-Untersuchungsanstalt in Berlin. In: Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs-und Genußmittel sowie der Gebrauchsgegenstände. Heft 9/10, 15. Mai 1920. doi:10.1007/BF02125945</ref> Das Cytisin hat dabei aber keinen süchtig machenden Effekt.
Im Jahr 1961 entwickelte der bulgarische Forscher Strashimir Ingilizov aus Cytisin, das er als Inhaltsstoff im Samen des Goldregens (Cytisus laburnum) fand, ein Raucherentwöhnungsmittel.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Seit 1964 wird es in Bulgarien unter dem Markennamen Tabex als solches vertrieben. In den Jahren 1964 bis 1989 war es auch in den Ostblockstaaten zur Raucherentwöhnung erhältlich.<ref>Raucherentwöhnung mit cytisinhaltigen Tabex-Tabletten. (PDF; 1,9 MB) Sonderdruck aus Das deutsche Gesundheitswesen. 1968.</ref> Aufgrund des Kalten Krieges kam es nicht zu einer Zulassung in den westlichen Staaten. Heute findet Cytisin außer in Bulgarien noch in Polen unter verschiedenen Markennamen Verwendung (u. a. Desmoxan, nicht verschreibungspflichtig); seit März 2018 ist der Wirkstoff (internationaler Freiname Cytisiniclin<ref name="who-82" />) ferner als Asmoken in Österreich und seit 2020 auch in Deutschland zugelassen.<ref name="PZ-Asmoken">Vorlage:Internetquelle</ref> Das Präparat wird oral angewendet (eingenommen) und ist verschreibungspflichtig.<ref>Cytisin zum Rauchstopp: Goldregen statt blauer Dunst. In: Pharmazeutische Zeitung, 15. Dezember 2020.</ref>
Es besteht eine Kreuztoleranz zum Nicotin.<ref>G. Habermehl, P. Ziemer: Mitteleuropäische Giftpflanzen und ihre Wirkstoffe. 2. Auflage. Springer-Verlag, 1999, S. 95 f.</ref>
Cytisin ist das pflanzliche Vorbild für das synthetische Vareniclin, welches in den USA unter dem Markennamen Chantix zugelassen ist und seit Oktober 2006 auch in Europa unter dem Namen Champix vertrieben wird.
Cytisin ähnelt in seiner Wirkung anderen Acetylcholinrezeptoragonisten wie neben dem Nicotin des Tabaks auch Anatoxin A einiger Cyanobakterien, Epibatidin der Baumsteigerfrösche und Arecolin der Betelnüsse.<ref name="YamamotoCasida1999">Vorlage:Literatur</ref><ref name="PMID19660486">R. Aráoz, J. Molgó, N. Tandeau de Marsac: Neurotoxic cyanobacterial toxins. In: Toxicon. Band 56, Nummer 5, Oktober 2010, S. 813–828, doi:10.1016/j.toxicon.2009.07.036. PMID 19660486 (Review).</ref><ref name="PMID23086230">B. T. Green, S. T. Lee, K. D. Welch, J. A. Pfister, K. E. Panter: Fetal muscle-type nicotinic acetylcholine receptor activation in TE-671 cells and inhibition of fetal movement in a day 40 pregnant goat model by optical isomers of the piperidine alkaloid coniine. In: The Journal of pharmacology and experimental therapeutics. Band 344, Nummer 1, Januar 2013, S. 295–307, doi:10.1124/jpet.112.199588. PMID 23086230.</ref><ref name="PMID7476906">V. Gerzanich, X. Peng, F. Wang, G. Wells, R. Anand, S. Fletcher, J. Lindstrom: Comparative pharmacology of epibatidine: a potent agonist for neuronal nicotinic acetylcholine receptors. In: Molecular pharmacology. Band 48, Nummer 4, Oktober 1995, S. 774–782. PMID 7476906.</ref><ref name="PMID1956992">K. C. Raffaele, A. Berardi, P. P. Morris, S. Asthana, J. V. Haxby, M. B. Schapiro, S. I. Rapoport, T. T. Soncrant: Effects of acute infusion of the muscarinic cholinergic agonist arecoline on verbal memory and visuo-spatial function in dementia of the Alzheimer type. In: Progress in neuro-psychopharmacology & biological psychiatry. Band 15, Nummer 5, 1991, S. 643–648. PMID 1956992.</ref>
Analytik
Die qualitative und quantitative Bestimmung von Cytisin gelingt nach angemessener Probenvorbereitung sowohl in Blut- als auch in Plasmaproben<ref>J. Carlier, J. Guitton, L. Romeuf, F. Bévalot, B. Boyer, L. Fanton, Y. Gaillard: Screening approach by ultra-high performance liquid chromatography-tandem mass spectrometry for the blood quantification of thirty-four toxic principles of plant origin. Application to forensic toxicology. In: J Chromatogr B Analyt Technol Biomed Life Sci. Band 975, 15. Jan 2015, S. 65–76. PMID 25438245</ref> und in Urinproben<ref>S. H. Jeong, D. Newcombe, J. Sheridan, M. Tingle: Pharmacokinetics of cytisine, an α4 β2 nicotinic receptor partial agonist, in healthy smokers following a single dose. In: Drug Test Anal. Band 7, Nr. 6, Jun 2015, S. 475–482. PMID 25231024</ref> durch Kopplung der HPLC mit der Massenspektrometrie.
Weblinks
- S3-Leitlinie „Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung“. (PDF; 7 MB) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).
- Seminararbeit zur Vorlesung Toxikologie der Naturstoffe SS 1999: Cytisin (PDF; 70 kB) urhahn.net
- Andreas Kelich: Enzyklopädie der Drogen. catbull.com
- Cytisine for Smoking Cessation. In: Arch Intern Med., 2006, Band 166, S. 1553–1559.
- Raucherentwöhnung mit cytisinhaltigen Tabex-Tabletten. (PDF; 1,9 MB) Sonderdruck aus Das deutsche Gesundheitswesen. 1968
Einzelnachweise
<references />