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Der wunderbare Mandarin

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Der „Wunderbare Mandarin“, Szene

Der wunderbare Mandarin (ungarischer Originaltitel A csodálatos mandarin) op. 19 (Sz 73, BB 82) ist eine einaktige Tanzpantomime des ungarischen Komponisten Béla Bartók auf eine Vorlage von Menyhért Lengyel. Die Uraufführung am 27. November 1926 in Köln löste wegen der angeblich unmoralischen Handlung einen Theaterskandal aus. Anschließend verbot der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer die weitere Aufführung des Werkes. 1928 arbeitete Bartók das Werk zu einer Suite um, die ebenso wie das vollständige Werk in verschiedenen Einspielungen vorliegt.

Datei:Bartók Béla 1927.jpg
Béla Bartók 1927

Handlung der Tanzpantomime

Bartóks Tanzpantomime Der wunderbare Mandarin spielt in der damaligen Gegenwart. Im Gegensatz zu seinem „optimistisch gestimmten Ballett“ Der holzgeschnitzte Prinz (1914–1916), das Märchenmotive aufgreift und mit einem Happy End schließt, thematisiert Bartók in diesem Werk die „Häßlichkeit und Widerlichkeit der zivilisierten Welt“<ref>Everett Helm: Béla Bartók mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1986, ISBN 3-499-50107-4, S. 85.</ref> mit einer „katharsisähnlichen Lösung“ des Konflikts.<ref>Everett Helm: Béla Bartók mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1986, S. 86.</ref>

In dem Werk treten nur sieben Solotänzer auf:

  • Der Mandarin
  • Das Mädchen
  • Älterer Freier
  • Jüngerer Freier
  • Drei Strolche

Die Tanzpantomime ist so konzipiert, dass die drei „Strolche“ und das Mädchen bis zum Schluss auf der Bühne präsent sind, während die Freier, dargestellt von verschiedenen Tänzern, nacheinander auftreten.

Schauplatz der Handlung ist ein schäbiges Vorstadtzimmer. Drei Zuhälter, im Stück „Strolche“ genannt, zwingen ein junges Mädchen zur Prostitution. Ihre Aufgabe ist es, vom Fenster aus Freier heranzulocken (Erstes, zweites und drittes „Lockspiel“), die anschließend von den Strolchen ausgeraubt werden. Nach zwei mittellosen Freiern tritt als dritter Gast der Mandarin, ein wohlhabender Chinese, auf. Dreimal versuchen die Strolche, den Mandarin zu ermorden, aber er kann nicht sterben, bis ihn das Mädchen umarmt. Bartók selbst beschrieb die Handlung der Tanzpantomime vor der Drucklegung bei Universal Edition nur kurz und ging kaum auf den Symbolgehalt des Werkes ein, wie die „Entfremdung“ und das Schwanken des Mandarins zwischen „absoluter Gefühlskälte“ und „einer verzehrenden Leidenschaft“<ref>Analyse von Leo Black, zitiert bei: Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 131.</ref>:

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Musik

Besetzung

Die szenische Aufführung des gesamten Werkes erfordert neben den Tänzern einen gemischten Chor und ein großes Orchester in folgender Besetzung:

Die Aufführungsdauer der Tanzpantomime beträgt etwa 30 Minuten.

Stilistisch

Der wunderbare Mandarin gehört wie Strawinskis Sacre du printemps zum musikalischen Expressionismus und gilt als Bartóks kompromisslosestes Werk, das sich „rücksichtslos modern“, ohne „gefühlvolle Innigkeit“ gibt. Bartók zeigt in diesem Werk eine meisterhafte Klangfarbentechnik.<ref>Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 132–133, mit Bezug auf eine Analyse von Leo Black.</ref> Er verwendet Posaunenglissandi und schrille Signal-Collagen.<ref>Peter Petersen, in: Beiheft der CD mit der Schola Cantorum New York und den New Yorker Philharmonikern unter Pierre Boulez, Sony 1971, S. 11.</ref> Beim abschließenden Todeskampf und der „Verklärung“ des Mandarins, der in der Konzertsuite fehlt, verwendet Bartók neben einem Vokalisen singenden gemischten Chor an einigen Stellen sogar Vierteltöne der Violinen.<ref>Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 134.</ref>

Bartók charakterisiert die Strolche und mit ihnen die Großstadt-Atmosphäre durch hämmernde 6/8-Akkorde, das Mädchen durch Quint-Intervalle und Klarinettensoli zu Beginn der drei „Lockspiele“. Der zweite Freier, ein schüchterner Jüngling, zu dem das Mädchen Zuneigung empfindet, weist „›positive‹ Tonfolgen in einer neuartigen, zukunftsweisenden Diatonik“ auf. Das Leitintervall des Mandarins schließlich ist die kleine Terz, verbunden mit schneidend dissonanten Akkorden.<ref>Hartmut Fladt, in: Beiheft zur Einspielung des kompletten Balletts unter Claudio Abbado, DGG 410598-2, 1983.</ref>

Entstehung

Der wunderbare Mandarin gehört neben der Oper Herzog Blaubarts Burg und dem Ballett Der holzgeschnitzte Prinz (A fából faragott királyfi) zu den drei Bühnenwerken Bartóks. Nach den erfolgreichen Uraufführungen der beiden vorgenannten Werke plante Bartók zunächst eine weitere Oper, wartete aber vergeblich auf ein Libretto. Nachdem er in der Zeitschrift Nyugat (Abendland) Menyhért Lengyels groteskes Pantomime-Stück „Der wunderbare Mandarin“ gelesen hatte, fand er Gefallen an dem Sujet und traf im Juni 1918 mit Lengyel eine Vereinbarung über die Vertonung des Stückes. Noch im selben Monat begann er mit der Konzeption des Werkes, das in seiner Vorstellung die Stadt und die „Antinatur“ charakterisieren sollte:<ref>Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 126–127.</ref> „Ich mache mir schon Gedanken zum Mandarin; es wird eine höllische Musik, wenn sie gelingt. Am Anfang – eine ganz kurze Einleitung vor noch geschlossenem Vorhang – erklingt schrecklicher Lärm, Geklirre, Gepolter und Getute: ich führe die werten Zuhörer aus dem weltstädtischen Straßentrubel hinaus zu einem Apachenlager.“<ref>Zitat bei Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 126.</ref>

Trotz des Zusammenbruchs der Habsburger Doppelmonarchie und der anschließenden politischen Umwälzungen in Ungarn vollendete Bartók 1919 die Klavierfassung des Werkes, die er in einem privaten Konzert vortrug. Nach dem Scheitern der ungarischen Räteregierung und dem Beginn des Horthy-Regimes schwanden jedoch zunächst die Aussichten auf eine Aufführung, und so begann Bartók erst 1923 mit der Instrumentation, die er bis 1924, als eine Aufführung in Budapest geplant war, abschloss.<ref>Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 128.</ref> Auch dieser Plan zerschlug sich, und so erfolgte erst 1926 die Uraufführung in Köln.

Rezeption

Datei:Opernhaus-Habsburgerring.jpg
Das alte Kölner Opernhaus am Habsburgerring, Ort der Uraufführung

Die Kölner Uraufführung der Tanzpantomime im Anschluss an Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg unter dem ungarischen Dirigenten Eugen Szenkar<ref>{{#switch:

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Bartók, der nach dem Kölner Fiasko und einem eher verhaltenen Erfolg in Prag<ref>Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 128.</ref> das Werk retten wollte, arbeitete es 1928 zu einer etwa 18-minütigen Konzertsuite um, wobei er etwa zwei Drittel der Musik des Gesamtwerks übernahm.<ref>Paul Griffith in: Beiheft zu Georg Soltis Einspielung: Der wunderbare Mandarin (Suite), CD Decca 430 352-2, 1990.</ref> Diese Suite, in der die Schlussapotheose mit dem leuchtenden Mandarin und dem Chor entfiel, wurde am 15. Oktober 1928 in Budapest unter der Leitung von Ernst von Dohnányi uraufgeführt.<ref> Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, S. 284.</ref>

Erst nach der Wiederaufführung der Tanzpantomime in der Choreographie von Aurel von Milloss 1942 an der Mailänder Scala<ref>{{#switch:

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Auch die musikalische Qualität des Werkes wurde spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs allgemein erkannt. Hans Renner beschrieb beispielsweise 1959 in Reclams Konzertführer die Konzertsuite als „brueghelsche Höllenphantastik“, aber auch als „großartige Musik […] eines kompromißlosen Neuerers“, bei dem „schroffe atonale Klangballungen inmitten impressionistisch oszilierender Farbmischungen“ stehen. Stilistisch siedelte er Bartóks Werk „klanglich etwa zwischen Debussy und Schönberg stehend“ an.<ref>Hans Renner: Reclams Konzertführer, Stuttgart 1959, Ausgabe 1961, S. 650.</ref>

Heutzutage gehört das Werk sowohl zum Bühnenrepertoire als auch, meist in der Fassung als Suite, zum Konzertrepertoire.

Literatur

  • Tibor Tallián: Béla Bartók: Sein Leben und Werk. Corvina, Budapest 1988, ISBN 963-13-2325-0, S. 124–135
  • Annette von Wangenheim: Béla Bartók, "Der wunderbare Mandarin". Von der Pantomime zum Tanztheater. Steiner, Overath bei Köln, 1985, ISBN 3-924953-01-5
  • Daniel-Frédéric Lebon: Béla Bartóks Handlungsballette in ihrer musikalischen Gattungstradition. Köster, Berlin 2012, ISBN 978-3-89574-810-3

Aufzeichnungen

Gesamtaufnahmen

Während die Suite aus dem wunderbaren Mandarin in zahlreichen Aufnahmen vorliegt, existieren nur wenige Aufnahmen des gesamten Balletts.

Daneben liegt auch eine Fassung für zwei Klaviere auf CD vor.

Verfilmung der Tanzpantomime

Weblinks

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Einzelnachweise

<references />

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