Zum Inhalt springen

Engadiner Zuckerbäcker

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Die Tradition der Engadiner Zuckerbäcker (auch gebräuchlich Bündner Zuckerbäcker) geht auf das 15. Jahrhundert zurück. Seit dieser Zeit reichten die Lebensgrundlagen im Engadin und in den Bündner Südtälern Val Müstair, Puschlav und Bergell nicht mehr aus, um die einheimische Bevölkerung zu ernähren. Fortan waren bis in das 19. Jahrhundert hinein Jugendliche und Familien jüngerer Erwerbstätiger gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und Lohn und Brot in der Fremde zu verdienen.

Während in der Surselva und in Mittelbünden die Jungen sich eher in Söldnerdiensten verdingten<ref>Engadiner Zuckersprösslinge, siehe unter Literatur</ref>, erlernten die Engadiner vornehmlich das Handwerk der Zuckerbäcker.

Blüte in Venedig und Ausweisung

1766 wurden in Venedig 38 von 42 Konfiserien von Bündnern betrieben, was Neid und Argwohn bei den einheimischen Zünften weckte. Die Nachwehen der Bündner Wirren und ein ungeschicktes Politisieren des Freistaats der Drei Bünde beim Versuch der Rückgewinnung der ehemaligen Untertanengebiete im Veltlin führten im gleichen Jahr zur Aberkennung aller Privilegien der Bündner Zuckerbäcker und in deren Folge zu deren – von der Stadt Venedig gewolltem – Exodus.

Verbreitung

Die Bündner Zuckerbäcker lassen sich in 891 Städten nachweisen. Kopenhagen im Norden bis Florenz im Süden, Gibraltar im Westen bis St. Petersburg im Osten (Johann Luzius Isler) sind bekannt.

Bekannte Familien

  • Familie Caflisch aus dem Engadin, Cafés, Kaffeeröstereien und Kolonialwarenläden in Palermo, Neapel, Brindisi und Catania
  • Bartholome Calgher aus Zillis, Konditorei in Odessa
  • Antoni Courtin († 1813) aus Sils, Konditorei in Kopenhagen
  • Christian Hosig (1865–1909) und Ursula Hosig-Frizzoni (1862–1915), Patisserie in Quimper
  • Gebrüder Josty aus Sils Maria, Café in Berlin
  • Angelo Klainguti (1835–1901), Konditorei in Genua
  • Barbara Lardelli, Café in Kopenhagen
  • Giovanni Giacomo Lardelli, Konditorei in Warschau
  • Familie Lardelli, Café Lardely in Pamplona
  • Pier-Roldofo und Annetta Lardi aus dem Puschlav, Swisscafé in Southampton
  • Giovanni Lendi (1852–1890) und Emilia Lendi-Matossi (1858–1941), Café Mendez Nuñez in Vigo
  • Aristide Luminati (1880–1967), Gosport
  • Familie Matossi, Café Suizo in Pamplona
  • Gaudenzio Redolfi und seine beiden Ehefrauen Anna († 1836) und Maria Redolfi-Scartazzini († 1846), Krakau
  • Johannes Risch aus Tschappina, Konditorei in Jakobstadt
  • Antonio Santi († 1806) aus Bergell, Konditorei in Marseille
  • Redolfo und Maria Santi-Redolfi (1761–1820) aus Coltura, Konditorei in Bergamo
  • Jachen Schucan (italianisiert Giacomo Schucani, † 1899), Pasticceria Sandri in Perugia. Letzte Nachfahrin war Carla Schucani (1932–2022), die das "Sandri" in vierter Generation von 1959 bis 2014 führte.<ref>Gaudenz Valentin Looser: Ein Stück Schweizer Geschichte in Perugia kämpft um seine Zukunft. 20 Minuten, 27. April 2025, abgerufen am 22. März 2026.</ref>
  • Edoardo Semadeni (1865–1918) und Anna Semadeni-Hosig (1867–1942), Konditorei in Marseille
  • Silvio und Emilia Semadeni, Café Suizo in Zaragoza
  • Familie Silvestri aus Casaccia, Konditorei Jungfrau in Miskolc
  • Jan Pitschen Sütt aus Samedan, Patisserie Trassin et Sutt in Marseille
  • Alberto und Elisabetta Tognina-Gressly, Patisserie in Blois
  • Salomon († 1863) und Barbara Wolf-Sprecher aus Davos, Literatencafé Chinois in Sankt Petersburg
  • Eugenio und Maria Zala-Semadeni aus , Café Fanconi in Odessa
  • Pietro und Marietta Zanetti-Godenzi aus Puschlav, Café-Restaurant in Glasgow

Arbeitsbedingungen

Kinderarbeit war gang und gäbe, ebenso Lohnauszahlungen erst nach Ende zumeist auf fünf Jahre angelegter Verträge. Die tägliche Arbeitszeit in lichtlosen Backstuben dauerte in der Regel 14 Stunden.

Rückkehrer

Datei:Palazzi Poschiavo1.jpg
Das Villenviertel der Rückkehrer in Poschiavo

Die Heimkehrer errichteten mit ihrem Reichtum zahlreiche Engadinerhäuser und Palazzi, so z. B. in einem eigenen Viertel in Poschiavo. Auch waren sie massgeblich an der Gründung des Lyceum Alpinum in Zuoz und des Höheren Töchterinstituts in Ftan beteiligt.

Literatur

  • Dolf Kaiser: Fast ein Volk von Zuckerbäckern? Bündner Konditoren, Cafetiers und Hoteliers in europäischen Landen bis zum Ersten Weltkrieg. Ein wirtschaftsgeschichtlicher Beitrag. NZZ Verlag, Zürich 1985, ISBN 3-85823-134-7.
  • Ursa Rauschenbach-Dallmaier: Engadiner Zuckerbäckersprösslinge. In: Engadiner Post. 20. September 2011, S. 5.
  • Margrit Schulte Beerbühl: Seducing Europe. Swiss Sugar-Bakers on the move. In: David Garrioch (Hrsg.): The Republic of skill. Artisans, Mobility, Innovation and the Circulation of Knowledge in Premodern Europe. Leiden / Boston 2022, ISBN 978-90-04-51324-2, S. 90–118.
  • Hartmut Bickelmann: Von Davos bis St. Petersburg – Lübeck und die Schweizer Zuckerbäcker. In: Lübeckische Blätter. Nr. 189, 2024, S. 168–170 (Digitalisat [PDF]).
  • Regula Pfeifer: Schau, wenn du willst, heirate ich dich, aber du musst dich schnell entscheiden. In drei Monaten reise ich ab. Zur Geschichte der Bündner Zuckerbäckerfrauen. In: Silke Redolfi, Silvia Hofmann, Ursula Jecklin (Hrsg.): FremdeFrau: Beiträge zur Frauen- und Geschlechtergeschichte Graubündens im 19. und 20. Jahrhundert (= Fraubünden. Band 4). NZZ Verlag, 2009, ISBN 978-3-03823-069-4, S. 15–60.
  • Sven Hirn: Zuckerbäcker aus Graubünden. Zuckerbäcker aus Graubünden in Schweden und Finnland (1. Teil). In: Bündner Monatsblatt: Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur. Heft 1–2, Januar 1977, ISSN 1011-6885, S. 1–29, doi:10.5169/seals-398204.
  • Silva Semadeni: Geboren im 19. Jahrhundert. Geschichten von fünf Puschlaver Frauen. Somedia Buchverlag, Chur 2023, ISBN 978-3-907095-64-5.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />