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Feldartillerie-Material C/73

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Mit dem Begriff Feldartillerie-Material C/73 wurden die nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 neu eingeführten Feldgeschütze bezeichnet. Es handelte sich hierbei um die leichte 8-cm- und die schwere 9-cm-Feldkanone.

Geschichte

Die Entwicklung des Feldartillerie-Materials C/73 geht auf eine persönliche Initiative von Alfred Krupp zurück. Er hatte bereits frühzeitig erkannt, dass auf Grund der Fortschritte bei den Infanteriewaffen über kurz oder lang die Überlegenheit des preußischen Geschützmaterials C/64 bis C/67 nicht mehr vorhanden war, insbesondere nach Einführung des französischen Chassepotgewehrs mit seiner deutlich gesteigerten Reichweite. Außerdem kam hinzu, dass die im europäischen Umland von Preußen in Entwicklung oder Einführung befindlichen Feldgeschütze deutlich höhere Leistungen erwarten ließen. So hatte der neueste französische 7-kg-Hinterlader, die Canon de 7 modèle 1867, eine Anfangsgeschwindigkeit von 395 m/s, der Schweizer 8,4-cm-Hinterlader eine von 396 m/s, der neueste russische 8,67-cm-Hinterlader eine von 510 m/s und der englische sechzehnpfündige Vorderlader eine von 510 m/s.<ref>Diedrich Baedecker. Alfred Krupp und die Entwicklung der Gussstahlfabrik zu Essen. Verlag G.D.Baedecker, Essen 1889, S. 108.</ref> Die preußischen 8- bzw. 9-cm-Feldkanonen besaßen zu diesem Zeitpunkt eine Anfangsgeschwindigkeit von 341 bzw. 323 m/s.

Datei:Feldkanone C73 002.jpg
Preußische Feldkanone C/73

Auf Grund dieser Erkenntnisse stellte sich Krupp um 1865 nun die Aufgabe, ein Feldgeschütz mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 1700 Fuß/sek (535 m/s) herzustellen. In dieser Absicht wurde er durch die Erfahrungen, die er zwischenzeitlich bei der Entwicklung der schweren Geschütze gewonnen hatte, bestärkt.<ref>Wilhelm Berdrow: Alfred Krupp und sein Geschlecht. Verlag Paul Schmidt, Berlin 1937, S. 149.</ref> Es war ihm allerdings auch bewusst geworden, dass mit einzelnen Korrekturen an den bestehenden Geschützen das Ziel nicht erreicht werden konnte, sondern das bestehende System komplett auf den Prüfstand gestellt werden musste. Hierzu gehörten nach seiner Meinung und Erfahrung Änderungen im Rohraufbau, auf dem Gebiet der Geschosse und der Geschossführung, im Pulver und als Konsequenz hieraus die Konstruktion einer neuen Lafette, da die bisherigen Lafetten aus Holz den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen sein würden.<ref>Krupp 1812–1912, Verlag von Gustav Fischer. Jena 1912. S. 228.</ref>

Mit den Versuchen zur Herstellung einer entsprechenden 8-cm-Kanone wurde 1868 begonnen. Die erste Musterlieferung an die Artillerieprüfungskommission (APK) erfolgte im Mai/Juni 1870. Im Rahmen dieser Musterlieferung stellte Krupp auch die ersten Lafetten aus Stahl vor. Bei dieser Ausführung waren die Lafettenwände noch aus mehreren Stahlprofilen zusammengenietet. Im Juni 1871 erfolgte eine weitere Bemusterung eines geänderten 8-cm-Rohres (genauer 7,87 cm). Dieses Rohr hatte eine veränderte Geschossführung, eine Vermehrung der Züge und eine Erweiterung des Verbrennungsraumes. Bei einem Versuchsschießen am 8. Juli 1871 wurde damit die angestrebte Anfangsgeschwindigkeit von 526 m/s erreicht.<ref>Diedrich Baedecker: Alfred Krupp und die Entwicklung der Gussstahlfabrik zu Essen. Verlag G.D. Baedecker. Essen 1889. S. 108.</ref>

In der Pulverfrage konnte er auf die Erfahrungen, die er bei der Entwicklung der schweren Ringrohrkonstruktionen gewonnen hatte, zurückgreifen. Hierbei hatte er erkannt, dass sich das bisher benutzte feinkörnige Pulver mit seiner hohen Verbrennungsgeschwindigkeit für gezogene Rohre nicht eignete und für diese Rohre ein Pulver mit einer geringeren Verbrennungsgeschwindigkeit erforderlich war. Aus diesen Überlegungen entstand in der Zusammenarbeit mit der Ritterschen Pulverfabrik in Hamm a. d. Sieg um 1868 ein grobkörniges Geschützpulver mit einer Korngröße von 6 bis 10 mm und einer Dichte von 1,65 bis 1,75.<ref>Krupp 1812–1912.Verlag von Gustav Fischer. Jena 1912. S. 228.</ref> Von Preußen wurde dieses Pulver allerdings dann noch einmal modifiziert und als grobkörniges Geschützpulver C/73 mit einer Korngröße von 4 bis 10 mm eingeführt.<ref>Georg Ortenburg: Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Millionenheere: Verlag Bernard & Graefe. Bonn 1992. S. 48.</ref>

In der weiteren Erprobung kam es allerdings noch einmal zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Krupp und der APK. Krupp hatte schon 1869 bei seinen Versuchen festgestellt, dass der zur Geschossführung bisher verwendete Bleimantel oberhalb einer Anfangsgeschwindigkeit von 440 m/s wegen seiner ungenügenden Festigkeit nicht mehr ausreichte, und zur Abhilfe den Granaten eine Kupferdrahtführung gegeben. Gleichzeitig mit dieser Änderung wurde auch die Anzahl der Züge von 12 auf 18 erhöht. Von der APK wurden diese Änderungen allerdings nicht akzeptiert, und so verschoss sie Granaten mit einem Bleimantel aus einem Geschütz, welches Krupp für Granaten mit einer Kupferdrahtführung konstruiert hatte. Als Folge dieser Vorgehensweise konnte die Anfangsgeschwindigkeit von 526 m/s später nicht mehr erreicht werden.<ref>Krupp 1812–1912, Verlag von Gustav Fischer. Jena 1912, S. 229.</ref>

Nach einer Reihe weiterer Änderungen und nachdem zu dem ursprünglichen Versuchsgeschütz mit einem Kaliber von 7,85 cm sich noch ein weiteres Geschütz mit einem Kaliber von 8,8 cm hinzugesellt hatte, erhielten sie beide im Jahr 1873 die Festlegungen, mit denen sie unter der Bezeichnung „Feldartillerie-Material C/73“ zur Einführung gelangten.<ref>Krupp 1812–1912. Verlag von Gustav Fischer. Jena 1912. S. 227.</ref> Im Zeitraum zwischen Oktober 1873 und Januar 1874 erhielt Krupp Bestellungen über etwa 2500 Rohre. Diese waren bis zum 1. Juni 1875 ausgeliefert.<ref>Wilhelm Berdrow: Alfred Krupp und sein Geschlecht. Verlag Paul Schmidt, Berlin 1937, S. 162.</ref>

Technik

Datei:Rundkeil c73.tif
Kruppscher Rundkeil einer C/73<ref>Die Vorlage zu diesem Bild stammt aus: Brockhaus' Konversationslexikon, 14. Auflage, 1894 bis 1896, 7. Band, S. 914 – Fig. 24.</ref>
Datei:Liderung C73.tif
Liderung einer C/73

Bei diesen neuen Geschützen wurden erstmals Mantelrohre verwendet, da Krupp die Feststellung gemacht hatte, dass bei einer höheren Ladung, welche zur Erzielung der gewünschten Anfangsgeschwindigkeit erforderlich war, die Festigkeit der Massivrohre nicht mehr ausreichend war. Der Mantel umschloss etwa 2/3 des Seelenrohres. Das Seelenrohr endete an der Vorderkante des Keilloches. Als Verschluss wurde der sogenannte „einfache Kruppsche Rundkeil“ in der Konstruktion von 1866 verwendet. Das wesentliche Merkmal dieses Verschlusses bestand darin, dass die rückwärtige Fläche des einteiligen Verschlusskeiles halbrundförmig ausgebildet ist und er eine oben liegende Verschlussschraube hatte. Zum Öffnen und Schließen des Verschlusses war im Gegensatz zu früheren Ausführungen nur noch eine halbe Umdrehung des Verschlusses erforderlich, da bei dieser Ausführung die Gewindegänge der Verschlussschraube halbseitig entfernt waren und somit nach einer halben Umdrehung der Keil freiliegend herausgezogen werden konnte. Die Begrenzung dieser Bewegung erfolgte durch eine Grenzschraube, welche in der Bodenfläche des Rohres angebracht war. Zur Liderung wurde der Liderungsring C/73 eingesetzt. Entgegen der ursprünglichen Bemusterung von 1870 wurden die Lafetten jetzt aus gepressten Stahlprofilen gefertigt.

Technische Daten

Datei:D. V. E. Nr. 197, schwere 9 cm Protze 73.png
Schwere 9-cm-Protze 73
Datei:D. V. E. Nr. 197, 9 cm Lafette 73.png
Lafette der 9-cm-Kanone C/73
Leichte Feldkanone Schwere Feldkanone
Kaliber (mm) 78,5 88
Rohr Mantelrohr
Rohrmaterial Gussstahl
Verschlusssystem Rundkeil
Rohrgewicht (kg) 390 450
Geschossführung Blei<ref>Später wurde diese jedoch durch die Kupferdrahtführung ersetzt.</ref>
Granate (Typ) Wandgranate C/73
Ringgranate C/76
Gewicht der Granate (kg) 5,07 7,0
Reichweite Granate (m) 6800 7000
Schrapnell (Typ) Röhrenschrapnell C/73
Gewicht des Schrapnell (kg) 5,439 9,002
Füllkugeln im Schrapnell 175 270
Geschützladung (Typ) grobkörniges Geschützpulver C/73
Geschützladung (kg) 1,25 1,50
Anfangsgeschwindigkeit (m/s) 465 444
Quelle: Meyers Konversationslexikon<ref>Meyers Konversationslexikon. 4. Auflage, Band 7 von 1885 bis 1892, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien.</ref>

Mündungsenergie

Die tatsächlich mit der 9-cm-Kanone erzielte Leistungssteigerung lässt sich am besten mit einem Vergleich der Mündungsenergien (die damalige Bezeichnung lautete „lebendige Kraft“) darstellen. Während die 6-Pfünder-Feldkanone C/61 eine Mündungsenergie von ca. 36 mt hatte, betrug diese bei der 9 cm-Feldkanone C/73 bereits ca. 76 mt (Metertonne). Es handelt sich hierbei um eine heute nicht mehr übliche Bezeichnung. Heute wird die Mündungsenergie oder Geschossenergie in Joule angegeben. Die früher übliche Benennung in mkg oder mt wurde nach der Formel E = <math>\tfrac {M\cdot v^2}{2\ g}</math> berechnet, worin M die Geschossmasse, v die Anfangsgeschwindigkeit und g die Erdbeschleunigung (9,81 m/s²) bezeichnet.<ref>Meyers Konversationslexikon. 4. Auflage. Band 10 von 1885 bis 1892. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien. S. 132, Stichwort: Kraft.</ref>

Flugabwehrkanone

Da die 9-cm-Feldkanone C/73 und die C/73/91 keinen Rohrrücklauf hatte, betrug die Feuergeschwindigkeit nur drei Schuss die Minute. Als Flugabwehrkanone für den Fronteinsatz war sie deshalb kaum sinnvoll einsetzbar. Anders sah es im Heimatgebiet und im rückwärtigen Operationsgebiet aus. Dort wurde die Waffe oftmals als Flugabwehrkanone auf speziellen Lafetten eingesetzt.<ref name="Muther64" /> Dabei kam es meist in Batterien zu je vier Geschützen zum Einsatz. Damit konnte wirkungsvolles Sperrfeuer abgegeben werden.

System Metz

Das System Metz nutzte von der 9-cm-F.K. C/73 / C/73/91 das Geschützrohr, Teile der Lafette, Achse und die Räder. Der hintere Teil der Lafette wurde abgeschnitten. Der vordere Teil der Lafettewurde auf der Achse weiter nach hinten versetzt. Dadurch gewann man ein größeres Höhenrichtfeld. Der Rückstoß wurde durch zwei, vor der Achse und am Sockel, befestigte Federsäulen verringert.<ref name="Muther65" /> Für das seitliche Richten wurde das Geschütz auf einen Holzsockel gesetzt um Hilfe eines Richtbaumes geschwenkt.<ref name="Muther66" />

System Plett

Das System Plett als Luftabwehrlafette für die 9-cm-F.K. C/73 / C/73/91 hatte sich am effektivsten bewährt. Dieses System verwendete allerdings nur das Geschützrohr, welches auf einem eisernen Rahmensockel verschraubt war. Dieser Sockel war auf einer hölzernen Bettung montiert. Der Rückstoß wurde durch Federn unter der Bettung teilweise abgebremst. Durch die neue Lafettenkonstruktion wurde einen Höhenrichtbereicht von −10 Winkelgrad bis + 70 Winkelgrad erreicht. Mit Hilfe einer Zanhbogenrichtmaschine wurde die Konstruktion seitlich gerichtet. Durch den freien Rahmensockel war ein Schwenken um 360 Winkelgrad möglich. Die Visiereinrichtung bestand aus einem Stangenaufsatz und einem Korn. Wenn das Geschütz stark nach oben ausgerichtet wurde, musste das Bodenstück des Rohres zum Laden hochgehoben werden. Das System Plett konnte nitch transportiert werden und wurde nur ortsfest eingesetzt.<ref name="Muther64" />

System Schaafhausen

Das System Schaafhausen war ebenfalls eine ortsfesten Lafettenkonstruktion. Hier wurden von der 9-cm-F.K. C/73 / C/73/91 das Geschützrohr, die Lafettenwände und die Achse ohne Räder genutzt. Die Lafettenwände waren durch ein eingefügtes Blech höher gelegt worden. Sie ruhten auf einem Sockel, auf dem ein um 360 Winkelgrad drehbarer Betonkegel montiert war. Um den Rückstoß abzufedern, wurden an der Achse zwei Federn angebracht. Das seitliche Richten wurde durch das Schwenken des Lafettenschwanzes durchgeführt. Der Höhenrichtbereich betrug zwischen +40 Winkelgrad und +68 Winkelgrad.<ref name="Muther65" />

System Schnetzler

Das System Schnetzler war für den Einsatz der 9-cm-F.K. C/73 / C/73/91 im rückwärtigen Operationsgebiet vorgesehen. Hier war ein Stellungswechsel schnell und einfach durchführbar. Von der Feldkanone wurde hier das Geschützrohr auf einem fahrbaren Holzsockel mit einer Rohrwiege gelagert. Um den Rückstoß bei der Schussabgabe zu verringern, wurden vorgespannte Vohrholfedern verbaut. Zusätzlich verfügte das System über eine Reibungsbremse. Die Höhenrichtmaschine ermöglichte eine Richtbereich von −5 Winkelgrad bis +77 Winkelgrad. Das seitliche Eichten erfolgte durch eine Laufrolle am Lafettenschwanz, welche durch einen Antrieb bewegt wurde.<ref name="Muther65" />

System Wohlgemuth

Das System Wohlgemuth konnte ebenfalls nur ortsfest eingesetzt werden. Ein Transport war aufgrund der Größe und des Gewichts nach dem Aufbau nicht mehr möglich. Hier wurden von der 9-cm-F.K. C/73 / C/73/91 das Geschützrohr und die Lafette ohne Räder verwendet. Das Geschützrohr war auf einem, auf Lafettenwänden aufgesetzten, Bock gelagert. Der Vorderteil der Lafette ruhte auf einem Sockel, welcher drehbar auf einer Mörserbettung gelagert war. Mit der alten Höhenrichtmaschine der Feldkanone konnte das Geschützrohr zwischen +14 Winkelgrad und +65 Winkelgrad in der Höhr gerichtet werden. Die Seitenrichtung war um 360 Winkelgrad möglich und wurde das Schwenken des Lafettenschwanzes mit einem Richtbaum vorgenommen. An der Bettung selber befanden sich Gradeinteilungen für die Ausrichtung des Geschütztes. Wie auch beim System Plett bestand die Zieleinrichtung aus einem Stangenaufsatz mit Korn.<ref name="Muther65" />

Literatur

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Einzelnachweise

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