Focke-Achgelis Fa 330
| Focke-Achgelis Fa 330 | |
|---|---|
| Fa 330 der Salis Collection | |
| Typ | Tragschrauber |
| Entwurfsland | |
| Hersteller | Focke-Achgelis GmbH |
| Erstflug | Juni 1942 |
| Indienststellung | 1943 |
| Produktionszeit | 1942–1945 |
| Stückzahl | etwa 200<ref>Henrich Focke: Mein Lebensweg. Die Memoiren des Bremer Luftfahrt-Pioniers. Kurze-Schönholz und Ziesemer, Bremen 1996, ISBN 3-931148-91-2, S. 59.</ref> |
Der Focke-Achgelis Fa 330 „Bachstelze“ war ein motorloser Kleintragschrauber, der für den Einsatz auf U-Booten und Schiffen bestimmt war.
Entwicklung
Der Anstoß zur Entwicklung des Fa 330 geht auf den bei Focke-Achgelis tätigen Testpiloten Carl Bode zurück, der bei einem Aufenthalt bei der E-Stelle Rechlin im Jahr 1941 von dem Problem der U-Boot-Waffe erfuhr, gegnerische Schiffe bei Überwasserfahrt in den Weiten des Atlantiks optisch rechtzeitig ausmachen zu können, da der Sichtbereich der nur wenige Meter über der Wasseroberfläche agierenden Beobachtungsposten sehr begrenzt und dadurch die Gefahr, selbst entdeckt zu werden, sehr hoch war. Versuche mit einem Flettner Fl 265 als „fliegendem Auge“ hatten sich von Überwassereinheiten aus zwar als erfolgreich erwiesen, doch für den Einsatz auf U-Booten war dieser Hubschrauber zu groß.<ref>Enno Springmann: Focke. Flugzeuge und Hubschrauber von Henrich Focke 1912–1961. Aviatic, Oberhaching 1997, S. 162.</ref> Bei einer Werksbesprechung wurde die Thematik von Bode geschildert und der anwesende Henrich Focke stimmte zuerst der Entwicklung eines Kleinsthubschraubers zu. Berechnungen zeigten jedoch, dass die Konstruktion zu kompliziert und zu schwer ausfallen würde, da ein Antrieb mit mindestens 60 PS Leistung nötig war. Daraufhin regte Ingenieur Reinhold Gensel die Entwicklung eines Tragschraubers an. Dieser Vorschlag wurde an das Reichsluftfahrtministerium weitergereicht, das im Herbst 1941 einen Entwicklungsauftrag erteilte. Darauf folgend wurde bei Focke-Achgelis mit der Konstruktion eines geschleppten Tragschrauberdrachens unter der Tarnbezeichnung Entwurf 19, später Bachstelze,<ref>Christian König: FA 330 Bachstelze: Die Bachstelze auf See. In: Klassiker der Luftfahrt, Nr. 1. Motor Presse, Stuttgart 2023, ISSN 1860-0654, S. 28.</ref> unter der Leitung von Paul Klages begonnen.
Der erste Prototyp war nach wenigen Monaten vollendet und wurde zur Erprobung zum großen Windkanal von Chalais-Meudon bei Paris transportiert, wiederum auf Vorschlag Bodes, der dort ab Mai 1942 in ihm die ersten Fesselflüge durchführte. Die ersten Freiflüge wurden zwischen dem 4. und 6. Juni bei der E-Stelle Travemünde an Bord des Flugsicherungsschiffes Greif durchgeführt, weitere zwischen dem 8. und 19. Juni. Anschließend wurden Ende des Monats von Bode in Meudon die ersten elf Piloten sowie eine Gruppe angehender Ausbilder in die Handhabung des Fa 330 eingewiesen. Die Einsatzerprobung führte Bode ab dem 28. Juli 1942 an Bord des Hilfskreuzers Komet durch.<ref>Steve Coates: Deutsche Hubschrauber 1930–1945. Motorbuch, Stuttgart 2004, ISBN 3-613-02379-2, S. 96/97.</ref> Die ersten Tests von einem U-Boot aus wurden im August 1942 erfolgreich absolviert. Einige Fa 330 wurden auch an Land auf der Autobahn Bautzen–Dresden erprobt, wobei die Ladeflächen von Opel-Blitz-Lastkraftwagen als Startrampen dienten. Weitere erhielten ein Radfahrwerk und wurden mittels Winden- oder Flugzeugschlepp zur Ausbildung eingesetzt. Die Serienproduktion als Fa 330 A-1 begann im Herbst 1942.<ref name="KdL, 1/2023">König, S. 31.</ref>
Die Existenz des Tragschraubers blieb den Alliierten lange Zeit verborgen. Erst als am 2. Mai 1944 eine britische Einheit das an der somalischen Küste gestrandete U-Boot U 852 untersuchte und darin eine Bachstelze vorfand, wurde dessen Existenz bekannt.<ref>Peter W. Cohausz: Focke-Achgelis Fa 330 mit interessanter Geschichte: Bachstelze für Ostindien-U-Boote. In: Flugzeug Classic, 7. Jg., Nr. 1. GeraMond, München 2006, ISSN 1617-0725, S. 71.</ref> Es sollen rund 200 Exemplare der Fa 330 bei Weserflug in Hoykenkamp endmontiert worden sein. Einige davon kamen 1945 nach Großbritannien und wurden bei dem Airborne Forces Experimental Establishment, RAF Beaulieu, untersucht.<ref>Bert Hartmann: Focke-Achgelis Fa 330 'Bachstelze'. Abgerufen am 21. April 2022.</ref> Ein weiterer Prototyp wurde nach dem Krieg in Frankreich als SNCASO SE-3101 fertiggestellt,<ref name="Parsch">Andreas Parsch: German Military Aircraft Designations (1933–1945). Abgerufen am 21. April 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> weitere 20 wurden aus vorhandenen Baugruppen zusammengebaut. Auch in den USA wurden einige Fa 330 getestet.<ref>Cohausz, S. 72.</ref>
Da der Einsatz von einem U-Boot aus ein schnelles Abtauchen des U-Bootes verhinderte, wenn Fluggerät und Pilot nicht zurückgelassen wurden, war der Erfolg des Musters sehr begrenzt. Im weiteren Verlauf wurde die Möglichkeit einer Modifikation der Fa 330 zu einem Hubschrauber mittels eines 60-PS-Motors geprüft, jedoch als nicht machbar erachtet. Stattdessen wurde der äußerlich recht ähnliche, jedoch weitgehend eigenständige Fa 336 entworfen. Das Konzept enthielt ebenso einen 60-PS-Motor sowie einen konventionellen Heckrotor zum Drehmomentausgleich, kam aber aufgrund mangelnder Entwicklungskapazitäten nie über das Reißbrett hinaus.<ref>Focke-Achgelis Fa.336. Abgerufen am 21. April 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Beschreibung
Der Fa 330 konnte bereits bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h starten. Er gewann allein durch die Geschwindigkeit des U-Bootes und durch den Wind an Auftrieb (Autorotation). Die Konstruktion war äußerst einfach gestaltet; sie bestand aus einer Stahlrohrkonstruktion sowie einem dreiblättrigen Hauptrotor mit 7,31 m Durchmesser.
Der Tragschrauber ließ sich zusammenklappen, wurde aber nicht im Innenraum von Schiffen oder U-Booten verstaut, sondern außerhalb in zwei mit wasserdichten Deckeln verschließbaren großen Druckbehältern (60 cm Durchmesser), die senkrecht am Turm des U-Bootes montiert waren. Einer der Behälter enthielt Rotorblätter und -kopf, der andere Rumpfgerüst, Steuerung und Leitwerk.
Der Start erfolgte von einem Starttisch, der im sogenannten Wintergarten des U-Bootes montiert war. Der gleichzeitig als Beobachter agierende Pilot hatte eine stark vergrößerte Sichtweite, was das Auffinden von Zielen verbessern sollte. Betrug die Sichtweite vom Turm des U-Boots in der Regel nicht mehr als 5 sm, konnte von der Bachstelze aus eine Entfernung von bis zu 25 sm überblickt werden, da der Tragschrauber am 300 m langen Schleppseil eine Höhe von ca. 120 m erreichte.
Um den Tragschrauber auf einem U-Boot einsatzbereit zu machen, waren sieben Minuten notwendig; das Einpacken erfolgte in zwei Minuten. In Notfällen konnte der Pilot den Rotor abwerfen und dann mit dem Rest des Geräts an einem Fallschirm hängend landen. Mehr als 112 dieser einfachen, aber für ihre Zeit technisch hoch entwickelten Geräte wurden gebaut und auf den U-Booten des Typs IX D 2 eingesetzt.
Technische Daten
| Kenngröße | Daten<ref>Peter Alles-Fernandez (Hrsg.): Flugzeuge von A bis Z. Band 2. Bernard & Graefe, Koblenz 1988, ISBN 3-7637-5905-0, S. 240.</ref> |
|---|---|
| Besatzung | 1 |
| Rotorkreisdurchmesser | 7,32 m |
| Rotorkreisfläche | 42,00 m² |
| Länge | 4,42 m |
| Höhe | 1,67 m (mit Startschlitten)<ref name="KdL, 1/2023"/> |
| Leermasse | 68 kg |
| Rüstmasse | 75 kg<ref name="KdL, 1/2023"/> |
| Startmasse | 175 kg<ref name="KdL, 1/2023"/> |
| Mindestgeschwindigkeit | 25 km/h<ref name="KdL, 1/2023"/> |
| Einsatzgeschwindigkeit bei 300 m Schleppseillänge |
35 km/h in 100 m Höhe<ref name="KdL, 1/2023"/> 50 km/h in 200 m Höhe<ref name="KdL, 1/2023"/> 80 km/h in 250 m Höhe<ref name="KdL, 1/2023"/> |
Erhaltene Flugzeuge
Eine Reihe von Fa 330 sind erhalten und werden ausgestellt:
- Hubschraubermuseum Bückeburg, Deutschland<ref>Focke-Achgelis Fa 330 BACHSTELZE. Hubschraubermuseum Bückeburg, abgerufen am 21. April 2022.</ref>
- Deutsches Technikmuseum Berlin, Deutschland
- Deutsches Museum München, Deutschland
- Imperial War Museum Duxford, Vereinigtes Königreich
- Musée de l’air et de l’espace, Frankreich<ref>Focke-Achgelis Fa 330-A-0 Bachstelze. In: www.museeairespace.fr. Abgerufen am 21. April 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Siehe auch
Literatur
- Gerhard Freund: Himmelfahrtskommando "Bachstelze" – Der Einsatz des antriebslosen Tragschraubers Fa 330 im U-Boot-Krieg des Zweiten Weltkrieges. Märchenstraßen-Verlag, Steinau 2014, ISBN 978-3-9816145-1-0.
- Christian König: FA 330 Bachstelze: Die Bachstelze auf See. In: Klassiker der Luftfahrt. Nr. 1. Motor Presse, 2023, ISSN 1860-0654, S. 28–33.
- Herbert Ringlstetter: Focke Achgelis Fa 330: Tragschrauber an der Leine. In: Flugzeug Classic. Nr. 7. GeraMond, 2011, ISSN 1617-0725, S. 32–37.
- Peter W. Cohausz: Focke-Achgelis Fa 330 mit interessanter Geschichte: Bachstelze für Ostindien-U-Boote. In: Flugzeug Classic. Nr. 1. GeraMond, 2006, ISSN 1617-0725, S. 70–72.
- Steve Coates: Deutsche Hubschrauber 1930–1945. Motorbuch, Stuttgart 2004, ISBN 3-613-02379-2, S. 94 ff.
- Enno Springmann: Focke. Flugzeuge und Hubschrauber von Henrich Focke 1912–1961. Aviatic, Oberhaching 1997, S. 161–167.
Weblinks
- Weitere Bilder und Informationen bei luftarchiv.de
- Start eines Fa 330 von einem U-Boot aus (YouTube-Video)
- Übersicht zu den Hubschrauber-Entwicklungen von Focke-Achgelis
- Focke-Achgelis Fa 330A-1 Bachstelze (Water Wagtail)
- Focke-Achgelis Fa 330 "Bachstelze", 1942
- Nachbau aus Petersfehn Höhepunkt der Ausstellung
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Fa 223 Drache | Fa 224 Libelle | Fa 225 | Fa 266 Hornisse | Fa 269 | Fa 283 | Fa 284 Fliegender Kran | Fa 330 Bachstelze | Fa 336 Vorlage:Klappleiste/Ende