Georg Kiessel
Johann Georg Friedrich Kiessel, auch Georg Kießel (* 31. Oktober 1907 in Nürnberg; † 30. Dezember 1950 in Belgrad) war ein deutscher Jurist, Gestapobeamter, SS-Führer und hingerichteter Kriegsverbrecher.
Leben
Nach dem Schulbesuch studierte Kiessel Rechts- und Staatswissenschaften. Er schloss das Studium 1930 mit dem ersten Staatsexamen ab und promovierte an der Universität Erlangen mit der Dissertation Die Bestimmungen über Hochverrat in den Entwürfen zum neuen Strafgesetzbuch im Vergleich mit dem geltenden Recht unter Berücksichtigung des Republikschutzgesetzes vom 25. März 1930 zum Dr. jur. ab. Im April 1933 bestand er das zweite juristische Staatsexamen.<ref name="Grieser307">Utho Grieser: Himmlers Mann in Nürnberg. Der Fall Benno Martin: …, Nürnberg 1974, S. 307f.</ref>
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat er am 1. November 1933 in den Dienst der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth unter Benno Martin ein.<ref name="Grieser307"/> Kiessel wurde Martins Stellvertreter und leitete auch geschäftsführend die dortige Gestapo.<ref>Andreas Schulz, Günter Wegmann, Dieter Zinke: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei: Lammerding-Plesch. Biblio-Verlag, 2003, ISBN 978-3-7648-2375-7, S. 119.</ref>
Kiessel, der zum 1. Februar 1934 der NSDAP beitrat (Mitgliedsnummer 2.584.531),<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/20081101</ref> amtierte ab 1934 auch als Gaukulturwart. Im Oktober 1935 wurde er Mitglied der Schutzstaffel (SS-Nr. 260.969).<ref name="Grieser307"/> Er wurde zudem Stellvertreter im Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Boykott- und Greuelhetze von Julius Streicher und zog im Rahmen von Arisierungsmaßnahmen in den Aufsichtsrat des Fuldkonzerns in Nürnberg ein.<ref> Susanne Meinl, Jutta Zwilling: Legalisierter Raub - Die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung in Hessen. Frankfurt/M. 2004, ISBN 3-593-37612-1, S. 104</ref> Weiterhin führte er von 1936 bis 1937 die Gaudienststelle der NS-Kulturgemeinde.<ref name="Grieser307"/>
Nach dem Münchner Abkommen war er im letzten Quartal des Jahres 1938 Verbindungsführer des Chefs der Sipo und des SD beim Chef der Zivilverwaltung in Karlsbad. Kiessel wurde 1939 kommissarisch zum Gauwirtschaftsberater im Gau Franken berufen.<ref name="Grieser307"/>
Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er im Juni 1940 zum Dienst in der Militärverwaltung eingezogen, wo er als persönlicher Referent Harald Turners und dessen Stellvertreter im Verwaltungsstab in Paris, Kronstadt, Sofia, Saloniki<ref name="Grieser307"/> und von 1941 bis November 1942 in Belgrad eingesetzt war.<ref>Ekkehard Völkl: Der Westbanat 1941–1944 : die deutsche, die ungarische und andere Volksgruppen, Studia Hungarica, Band 38, Trofenik, München 1991, ISBN 3-87828-192-7, S. 51.</ref> Als Oberkriegsverwaltungsrat war Kiessel in Jugoslawien für die Erschießung von Geiseln und auch die Judenvernichtung mit verantwortlich. Kiessel wurde 1942 das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern verliehen.<ref name="Klee307">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 307.</ref> Im Zuge der Abberufung Turners von diesem Posten wurde auch Kiessel von seiner Stellvertreterfunktion entpflichtet. Ab Januar 1943 war Kiessel bei der Waffen-SS eingesetzt.<ref name="Grieser307"/>
Ab Frühsommer 1944 war Kiessel im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) bei der Abteilung IV (Gestapo) beschäftigt und leitete dort nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 die Auswertestelle der Sonderkommission des 20. Juli. Im Oktober 1944 erreichte er in der SS den Rang eines SS-Obersturmbannführers.<ref name="Grieser307"/>
Ab Dezember 1944 war er als geschäftsführender Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) in Bromberg eingesetzt.<ref name="Grieser307"/> Im Zuge der Eroberung Brombergs durch die Rote Armee wurde Kiessel im Rang eines Oberregierungsrates am 1. April 1945 nach Bremen als Leiter der dortigen Staatspolizeileitstelle versetzt und hatte diese Funktion bis zur Eroberung Bremens durch britische Truppen inne.<ref> Herbert Schwarzwälder: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen Band 4: Bremen in der NS-Zeit (1933–1945). Christians, 1985, ISBN 3-7672-0911-X, S. 48.</ref>
Nach Kriegsende befand sich Kiessel in alliierter Internierung und wurde nach Jugoslawien ausgeliefert.<ref>Susanne Rieger: Eine Villa, die Stadtgeschichte schrieb. Warum die Virchowstraße 19 denkmalschutzwürdig ist. In: Nürnberger Zeitung (online)</ref> Durch ein jugoslawisches Militärgericht wurde Kiessel am 7. März 1947 wegen in Jugoslawien begangener Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und am 30. Dezember 1950 in Belgrad hingerichtet.<ref name="Klee307"/>
Literatur
- Utho Grieser: Himmlers Mann in Nürnberg. Der Fall Benno Martin. Eine Studie zur Struktur des 3. Reiches in der „Stadt der Reichsparteitage“. (= Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte. Band 13) Stadtarchiv Nürnberg, Nürnberg 1974, ISBN 3-87432-025-1.
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- Wolf-Ulrich Strittmatter: Dr. Georg Kiessel: Ein Meister der Intrigen und treuer Diener seines jeweiligen Herrn. In: Wolfgang Proske (Hrsg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer, Bd. 15. NS-Belastete aus Mittelfranken. Kugelberg Verlag, Gerstetten 2022, ISBN 978-3-945893-22-7, S. 100–122.
Weblinks
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Einzelnachweise
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