Hans Peter Kraus
Hans Peter Kraus (auch H. P. Kraus oder Hans P. Kraus, oft auch nur HPK; * 12. Oktober 1907 in Wien, Österreich-Ungarn; † 1. November 1988 in Ridgefield (Connecticut)) war ein österreichisch-amerikanischer Buchhändler, Antiquar und Sammler jüdischer Abstammung.
Leben
Nach dem Abschluss der Handelsakademie absolvierte Kraus eine Buchhandelsausbildung bei der Universitätsbuchhandlung R. Lechner in Wien. Dann arbeitete er einige Zeit bei Ernst Wasmuth in Berlin und einige Zeit in Leipzig bei der Buchhandlung und Verlag Anton Hiersemann. Dann eröffnete er 1932 – in einer wirtschaftlich schlechten Zeit – in Wien sein eigenes Buchgeschäft. 1934 erwarb er die Bibliothek Josef Proksch. Im Jahr 1938, nach der deutschen Annexion von Österreich, wurde Kraus von seinem alten Mitarbeiter Alfred Wolf bei der Gestapo als Jude denunziert. Er wurde verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Nach einigen Monaten wurde er in das KZ Buchenwald überführt. Dort wurde er nach acht Monaten freigelassen und kehrte nach Wien zurück, musste Österreich jedoch innerhalb von zwei Monaten verlassen. Sein Geschäft hatte Alfred Wolf schon gestohlen und die gesamte Ware und das Inventar in sein neu gegründetes Antiquariat „Alfred Wolf. Reise- und Versandbuchhandlung, Antiquariat und Export“ im Schottenring 35 in Wien I überführt.<ref>https://www.lexikon-provenienzforschung.org/wolf-alfred-reise-und-versandbuchhandlung-antiquariat-und-export</ref> Das Antiquariat Kraus wurde am 31. Dezember 1938 liquidiert. Kraus konnte gerade noch vor Kriegsbeginn mit seiner Mutter über Stockholm nach New York flüchten.
In New York eröffnete er ein Geschäft, und durch seine Hände gingen einige der wertvollsten Bücher: zum Beispiel das Anhalter Evangelienbuch, das Stundenbuch der Maria von Kleve, verschiedene Gutenberg-Bibeln, seltene Erstausgaben von Caxtons Canterbury Tales, das Voynich-Manuskript, das Missale speciale (früher Constantiense), der St.-Blasien-Psalter und viele andere. 1964 erwarb er Handschriften aus der Sammlung Salman Schocken.
1965 erwarb er das Antiquariat Hellmut Schumann in Zürich. 1956 eröffnete er in Vaduz ein Zeitschriften-Antiquariat, Kraus Periodicals, 1959 in Nendeln/Liechtenstein einen Verlag zum Nachdruck wissenschaftlicher Literatur – Kraus Reprint, der in Millwood (New York) unter dem Namen Kraus-Thomson Organization Ltd. weitergeführt wurde. Der Verlag druckte u. a. die Jahrbücher des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein nach.<ref>Kraus, Hans Peter</ref> 1976 wurde die von 1933 bis Anfang 1940 erschienene deutsche Exilzeitschrift Das Neue Tage-Buch von Leopold Schwarzschild bei Kraus Reprint nachgedruckt.
Seine circa 223 erschienenen Antiquariatskataloge enthalten detaillierte Beschreibungen der Bücher und Handschriften.
Direktor des Antiquariats H. P. Kraus Rare Books in New York City war von 1977 bis 2003 Roland Folter. Nach dem Tod von Kraus’ Frau Hanni (1919–2003) wurde das Geschäft aufgelöst.
Resümee
Hans Peter Kraus war einer der erfolgreichsten Antiquare, vergleichbar mit Händlern wie Bernard Quaritch, Guillaume de Bure und den Gebrüdern Rosenbach. Kraus spezialisierte sich auf mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln. Er soll von sich gesagt haben, er habe „die einzige Buchhandlung in der Geschichte ..., die im Besitz einer Gutenberg-Bibel und gleichzeitig zweier Psalter von 1457 und 1459 ist“. (Gemeint sind die beiden frühesten gedruckten Psalter, von den Nachfolgern Gutenbergs, Johannes Fust und Peter Schöffer.)<ref>Margaret Bingham Stillwell: The Beginning of the World of Books, 1450 bis 1470, Nr. 18 und 27 Veröffentlichung des Lathrop Colgate Harper Litt. D. Trust Fund; Verlag: Bibliografische Society of America, 1972. Eine chronologische Übersicht über die Texte der ersten 20 Jahre der Buchdruckerkunst, mit einem Überblick über die Gutenberg-Dokumente. </ref>
Literatur
- H.P. Kraus: A Rare Book Saga. The autobiography of H.P. Kraus. Putnam, New York 1978, ISBN 0-399-12064-5.
- deutsch: Die Saga von den kostbaren Büchern. SV international, Schweizer Verlags-Haus, Zürich 1982, ISBN 3-7263-6326-2.
- H.P. Kraus: In Retrospect. A catalogue of 100 outstanding manuscripts sold in the last four decades. New York, H.P. Kraus 1978.
- H.P. Kraus: Fifty Years. An anniversary catalogue of 120 outstanding books printed before 1700 and sold by HPK from 1932 to 1982. With a bibliography of all HPK Rare Book Catalogues issued during those years. New York, H.P. Kraus 1982.
- H.P. Kraus: The Kraus saga. In: The Book collector. Sommer 1983, S. 137–150.
- William S. Reese: The End of H. P. Kraus. In: Antiquarian Book Review. 2008 (Volltext).
- Kraus, Hans Peter. In: Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933: Ein biographisches Handbuch. Elbingen: Verband Deutscher Antiquare, 2011, S. 176ff.
- Kraus, Hans Peter, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur 1980, S. 390f.
- Lexikon der österreichischen Provenienzforschung: Kraus, Hans Peter.[1]
Weblinks
- Artikel auf Website von hilobrow.com mit Foto
- Video online auf c-spanvideo.org (anläßlich der Versteigerung und Auflösung seines Geschäfts), 58 min., englisch, Book TV
Einzelnachweise
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