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Heizkraftwerk Jena

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Heizkraftwerk Jena
Datei:Heizkraftwerk Jena Luftbild.jpg
Luftbild des Heizkraftwerks Jena-Süd, 2011
Luftbild des Heizkraftwerks Jena-Süd, 2011
Lage

Heizkraftwerk Jena (Thüringen)
Heizkraftwerk Jena (Thüringen)
Koordinaten 50° 53′ 50″ N, 11° 35′ 10″ OKoordinaten: 50° 53′ 50″ N, 11° 35′ 10″ O
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Land Deutschland
Daten

Typ Heizkraftwerk
Primärenergie Fossile Energie
Brennstoff Erdgas (ehemals Schweröl, Braunkohle)
Leistung 197 Megawatt elektrisch (2011)<ref name="e.on" />
242 Megawatt elektrisch (2024)
225 Megawatt thermisch (2011)<ref name="e.on" />
Betreiber Thüringer Energie AG<ref name="e.on" />
Projektbeginn 1969
Betriebsaufnahme 1972
Schornsteinhöhe 185 m
zweiter Schornstein (2019 abgebrochen): 225 m

Das Heizkraftwerk Jena ist ein Heizkraftwerk (HKW) im Ortsteil Winzerla im Süden von Jena, das 1972 in Betrieb ging. Es wurde mehrmals für die Nutzung unterschiedlicher Energieträger umgebaut und wird heute von der Thüringer Energie AG mit Erdgas betrieben, die erzeugte Fernwärme wird an die Stadtwerke Energie Jena-Pößneck geliefert.<ref name="e.on" /> An seinem Standort sind umfangreiche Investitionen geplant, um erneuerbare Energien zu nutzen.

Das Öl- und Kohlekraftwerk (1972 bis 1994)

Das HKW Jena wurde in den Jahren 1968 bis 1972 errichtet, nachdem sich durch die Beschlüsse des Ministerrates der DDR von 1965 zum Ausbau der Zeiss-Werke und der damit verbundenen Zunahme der Bevölkerung, vor allem durch den neuerrichteten Stadtteil Neulobeda, ein umfangreicher Ausbau der Fernwärmeversorgung in Jena notwendig gemacht hatte. Dieser wurde mit Kraft-Wärme-Kopplung realisiert und der Grundstein für das HKW am 17. April 1968 gelegt. Bei ihrer Fertigstellung bestand die Anlage aus dem Heizkraftwerk, einem Umspannwerk und einem 8-geschossigen Mehrzweckgebäude. Das Investitionsvolumen betrug 200 Millionen Mark.<ref name="chronik">Komme e.V., Stadtteilbüro Lobeda (Hrsg.): Neulobeda. Stadtteilchronik 1966–2006. 2. Auflage. Jena 2007, S. 9, Sp. 3.</ref>

Die Inbetriebnahme 1972 führte unmittelbar zur Stilllegung des seit 1967 betriebenen provisorischen Heizwerks in Neulobeda (siehe hier). Das seit 1961 betriebene, von einem mit Stadtgas befeuerten Heizwerk an der Löbstedter Straße (Wärmeleistung 48,5 MW)<ref name="UmwBer92-Jena-Bd1" details="51–54" /> gespeiste Fernwärmenetz im Stadtteil Nord II blieb als Inselanlage erhalten und wurde erst nach 1991 an das HKW Winzerla angeschlossen.

Datei:Heizkraftwerk jena.jpg
Heizkraftwerk im Winter

Das Heizkraftwerk wurde nach der Inbetriebnahme mit schwerem Heizöl betrieben. Während der weltweiten zweiten Ölkrise baute man es ab 1979 teilweise auf den einheimischen Energieträger Braunkohle um; die Ölkessel wurden nur noch bei hohem Wärmebedarf (Außentemperatur unter −5 °C) und als Reserve benutzt. Für die Abgasreinigung erhielt das Kraftwerk eine Entstaubungsanlage, jedoch keine Rauchgasentschwefelung. Pro Jahr wurden rund 800.000 Tonnen Kohlendioxid und 18.000 Tonnen Schwefeldioxid ausgestoßen<ref name="UmwBer92-Jena-Bd1" details="51–54">Iris Pudenz: Umweltbericht 1992 der Stadt Jena, 1. Band: Luft. Stadt Jena, Dezernat für Umweltschutz und öffentliche Einrichtungen, Jena 1992 (77 S.).</ref>. Die Kohleverbrennung erforderte den Bau des zweiten großen Schornsteines (225 Meter), um die schadstoffreichen Abgase aus dem tief eingeschnittenen Saaletal abzuleiten.<ref>maf: Schornstein in Jena-Winzerla muss weichen - Thüringen verliert sein höchstes Bauwerk. (thueringen24.de [abgerufen am 4. August 2018]).</ref> Während bei der Ölfeuerung ein einfaches Anschlussgleis vom Bahnhof Göschwitz her genügt hatte, wurde für den Antransport der Braunkohle eine umfangreiche Anschlussbahn mit Abstellgleisen, Auftauhalle und Entladungseinrichtungen für alle gängigen Typen offener Güterwagen gebaut. Täglich konnten bis zu 6000 Tonnen Kohle entladen werden. Die Asche wurde per Bahn von einer Verladeanlage an der Lobedaer Straße in die Wismut-Bergbauregion bei Gera transportiert, um dort als Versatzmaterial zu dienen. Der Betrieb erfolgte ab den 1980er Jahren mit Dampfspeicherlokomotiven, nur ersatzweise mit einer Diesellok der DR-Baureihe V 60.<ref>Werner Drescher: Die Saalbahn. EK-Verlag, Freiburg, 2004. ISBN 3-88255-586-6, Seite 148</ref>

Das Gaskraftwerk (1994 bis heute)

Nach der politischen Wende in der DDR wurde die Gasversorgung von Stadtgas auf das energiereichere Erdgas umgestellt, und die aufwändige Kohleverbrennung konnte eingestellt werden. Der letzte Kohlezug erreichte das Kraftwerk am 20. Juni 1994<ref>Gleisplan Göschwitz und Foto der Anschlussbahn mit dem letzten Kohlezug in: Udo Kandler: Eisenbahnjournal, Sonderausgabe II/2000 Saalebahn. Hermann Merker Verlag, Fürstenfeldbruck. S. 61, Bilder 120,122</ref>. Nach Verbrauch des Kohlevorrates wurde das Kraftwerk teilweise stillgelegt und am 16. September 1996 nach Umbau auf Erdgas und Probebetrieb offiziell wieder in Betrieb genommen. In dieser Ausbaustufe zählte es als größtes Dampfkraftwerk Thüringens zu den modernsten GuD-Kraftwerken in Deutschland; die elektrische Leistung betrug 197 Megawatt und die Fernwärmeleistung 225 MW.<ref name="e.on" /> 2011 erfolgte ein nochmaliger Umbau mit Wärmespeicher, Sommerkessel und effizienterer Betriebsweise.

2022 kamen fünf Gasmotoren mit je 12,6 Megawatt<ref>MAN Energy Solutions: Neues Kraftwerk in Jena soll CO2-Emissionen halbieren. 22. Juli 2019, abgerufen am 13. Januar 2025.</ref> hinzu; die Gasturbinen müssen dann nur noch im Winter betrieben werden. Die Investition rentiert sich durch einen bis 2037 laufenden Fernwärme-Abnahmevertrag. In dieser Ausbaustufe werden noch 150.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr emittiert<ref>Pressemitteilung der TEAG vom 27. Juni 2018: Investition im TEAG-HKW Jena senkt CO2-Emissionen um fast die Hälfte. Abgerufen am 24. September 2019.</ref>, und der Wirkungsgrad des Kraftwerks einschließlich der ausgekoppelten Fernwärmeleistung stieg von zuvor 70 auf über 90 Prozent. Nach diesem Umbau sind folgende Wärme- und Stromerzeugungsanlagen vorhanden (nach Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur, Stand 21. November 2024)<ref>Bundesnetzagentur: Kraftwerksliste. Abgerufen am 19. Januar 2025.</ref>:

Anzahl Einbaujahr Anlagenart Bruttoleistung
(MW) je Anlage
elektr. Leistung
(MW) je Anlage
1 1996 Gegendruck-
Dampfturbine
26,0 25,0
1 1996 Kondensations-
Dampfturbine
40,0 39,0
3 1996 Gasturbinen 40,0 39,0
5 2022 Gasmotoren 12,6 12,2

Die Wärmespeicher des HKW wurden um 600 Megawattstunden Kapazität (drei Behälter zu je 2960 Kubikmeter Wasser mit 10 bar Druck und 130 Grad Celsius) auf 1050 MWh vergrößert und können das Netz für rund zwölf Stunden bis zu drei Tagen (je nach Jahreszeit) allein versorgen.<ref>TEAG: Neue Ideen auf altem Fundament. 10. Februar 2021, abgerufen am 13. Januar 2025.</ref>

Etwa die Hälfte aller Jenaer Wohnungen werden durch das Kraftwerk mit Heizungswärme und Warmwasser versorgt. Einige Groß- und Industriekunden (Zeisswerke in der Innenstadt, Göschwitz und Lichtenhain; Beutenberg-Campus, Uni-Klinikum Bachstraße und Am Steiger) erhielten auch Heiz- und Prozessdampf, werden aber größtenteils seit den 1990er Jahren mit Warmwasser beliefert.<ref name="UmwBer92-Jena-Bd1" details="63 f." /> Das letzte am HKW angeschlossene Dampfnetz (zum Zeiss-Standort Lichtenhain) wurde im Mai 2025 stillgelegt.<ref>Stadtwerke Jena: Stadtwerke legen Hochtemperatur-Fernwärmenetz still. Abgerufen am 5. Februar 2025.</ref><ref>Stadtwerke Jena: Bauarbeiten schneller erledigt. Abgerufen am 7. Juni 2025.</ref>

Der elektrische Netzanschluss des HKW erfolgt auf der 110-kV-Hochspannungsebene in das Stromnetz des Verteilnetzbetreibers TEN Thüringer Energienetze.<ref>Kraftwerksliste Bundesnetzagentur (bundesweit; alle Netz- und Umspannebenen) Stand 02.07.2012. (Microsoft-Excel-Datei, 1,6 MiB) Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 22. Juli 2012; abgerufen am 21. Juli 2012.</ref>

Sonstiges

Datei:Hkwjena.jpg
Kraftwerk aus nordöstlicher Richtung (vom Gleisdreieck Jena-Burgau)
Datei:HKW-Jena Schornsteinabbruch 2019-06-10 2.jpg
Großer Schornstein des HKW Jena im Abbruch, 10. Juni 2019

Das Stadtbild im Süden Jenas wurde über mehrere Jahrzehnte durch die beiden Schornsteine geprägt. Der 225 Meter hohe, seit 1994 nicht mehr benötigte Schornstein der Kohleverbrennung war bis zum Frühjahr 2019 das höchste Bauwerk Thüringens. Am 28. Juni 2018 begann die Vorbereitung zum Abbruch, der schließlich am 11. April 2019 startete<ref>mdr Thüringen: Teag beginnt Abriss von Jenas höchstem Schornstein. Abgerufen am 24. September 2019.</ref> und rund 4 Monate dauerte. Dabei wurde analog des Abrisses der Schornsteine in Gera mittels Spinnenbagger von oben nach unten gearbeitet, der entstehende Schutt fiel ins Innere<ref>Projektseite der ausführenden Firma mb-Spezialabbruch: HKW Jena - Rückbau von 225 Meter Stahlbetonschornstein in drei Phasen. Abgerufen am 24. September 2019.</ref>. Ein zeitweise diskutierter Abbruch des 185 Meter hohen Nachbarschornsteins<ref>Teag investiert 70 Millionen Euro in Jena. In: Thüringer Allgemeine. (thueringer-allgemeine.de [abgerufen am 4. August 2018]).</ref>, zur Zeit (2025) nach dem Sender Bleßberg und vor dem Jentower das zweithöchste Bauwerk in Thüringen, wird vorerst nicht weiter verfolgt; im November 2025 wurde noch Dampf durch den Schornstein abgeleitet.

Siehe auch

Weblinks

Commons: Heizkraftwerk Jena – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references> <ref name="e.on">Jena. E.ON Thüringer Energie AG, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 8. August 2011; abgerufen am 3. August 2011.</ref> </references>