Helmut Knochen
Helmut Knochen (* 14. März 1910 in Magdeburg; † 4. April 2003 in Offenbach am Main) war ein deutscher SS-Führer, der bis zum SS-Standartenführer aufstieg. Knochen war in Paris der Befehlshaber der Sicherheitspolizei (BdS) für das besetzte Frankreich.
Leben
Knochen studierte Deutsch, Englisch und Sport an den Universitäten Leipzig, Halle und Göttingen, wo er 1935 promoviert wurde.<ref>Brunner, S. 35. Auch die folgenden Angaben zur Biografie weitgehend nach Brunner.</ref> Noch vor der „Machtergreifung“ trat er zum 1. Januar 1933 der NSDAP (Mitgliedsnummer 1.430.331)<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/21301024</ref> sowie 1932 der SA bei und wurde im selben Jahr in Göttingen Hauptamtsleiter V des NSD-Studentenbundes.<ref name="Klee320">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 320.</ref> Als solcher war er ein Gegner der in Göttingen traditionell starken Korporationen, denen er „getarnte Reaktion“ vorwarf und die er zu bekämpfen versuchte. Im Juni 1934 vollzog er in der Deutschen Studentenzeitung einen publizistischen Frontalangriff:
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}} In einem offenen Brief forderte der Erlanger Burschenschafter Ludwig Faßold Knochen zur Rücknahme seiner Verleumdungen auf und verlangte vergeblich Satisfaktion. Die Ereignisse führten in der Folge zu den Göttinger Krawallen.<ref>Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution – Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD, Federsee-Verlag Bad Buchau 2025, ISBN 978-3-948502-24-9, S. 358–359.</ref>
Am 1. September 1936 ging Knochen auf Vermittlung von Franz Six zum SD-Oberabschnitt West in Düsseldorf und trat der SS (SS-Nummer 280.350) bei. 1937 ging er als Referent zum SD-Hauptamt nach Berlin. Anerkennung erhielt er dort für sein Mitwirken im Venlo-Zwischenfall. 1940 wurde Knochen mit Herbert Hagen nach Frankreich abgeordnet, wo er 1942 zum SS-Standartenführer befördert wurde.
Ab Juni 1940 war Knochen Beauftragter des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD in Paris, wo er mit einigen Mitarbeitern gegen Juden und Kommunisten vorging.<ref>Peter Lieb: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg – Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44, München 2007, S. 63</ref> Bereits Anfang 1941 kehrte er nach Berlin zurück und übernahm im Reichssicherheitshauptamt in der Amtsgruppe VI (Auslandsnachrichtendienst) die Leitung des Bereiches Erkundung weltanschaulicher Gegner im Ausland (IV E). Ein Jahr später wurde er zum Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Frankreich befördert und bekleidete diesen Posten bis zum September 1944.<ref name="Klee320" /> Zusammen mit seinem Vorgesetzten, dem Höheren SS- und Polizeiführer Carl Oberg, und seinem Stellvertreter, KdS (Kommandeur der Sicherheitspolizei) Kurt Lischka, setzte er in Paris die Deportationen französischer und ausländischer Juden in deutsche Vernichtungslager durch. Die von ihm geführte Einsatzgruppe 42 (Frankreich) wurde hauptsächlich zur Partisanenbekämpfung und zu Sonderaufträgen beim Aufspüren von Widerstandsgruppen der Résistance eingesetzt. Einer seiner Assistenten war hier SS-Scharführer Erich Heinrichsohn. Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten gehörte Knochen zur Leibstandarte SS Adolf Hitler.
Sein Gestapo-Kollege Heinz Röthke verfasste am 12. Februar 1943, zwischen zwei Deportationszügen, die vom Sammellager Drancy nach Auschwitz fuhren, den Convois Nr. 47 (11. Febr.) und Nr. 48 (13. Febr.), ein Telegramm, dessen Empfang als Kopie Knochen und Carl Oberg beide mit ihrer Paraphe bestätigten. Unter dem Titel Die Endlösung der Judenfrage in Frankreich, Register-Nr. XXVI-71, schreibt Röthke an Heinrich Müller: Um zu verhindern, dass französische Juden deportiert werden, hat die französische Polizei am 11. Februar 1300 nicht-französische Juden festgenommen und von sich aus an uns ausgeliefert. Die werden deportiert werden, genauso wie die französischen Juden.<ref>Rückübersetzung aus dem Französischen, nach Quelle.</ref> Der Schlusssatz verdeutlicht, dass die Gestapo/SS trotz gegenteiliger Versuche der Vichy-Behörden, die auch in Paris die Polizei dirigierten, plante, ausnahmslos alle Juden in Vernichtungslager zu schicken, was mit Ausnahme von Untergetauchten auch geschah.
Nach Kriegsende
Im Juni 1946 wurde er durch ein britisches Militärgericht in Wuppertal wegen Mordes an gefangenen britischen Piloten in den Vogesen im Rahmen der Fliegerprozesse zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt, stattdessen erfolgte am 1. Juli 1947 die Auslieferung an Frankreich. Dort wurde er am 10. Oktober 1954 durch ein französisches Militärtribunal in Paris ebenfalls zum Tode verurteilt. 1958 wurde das Urteil in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, im Dezember 1962 erfolgte die Freilassung aus französischer Haft. Besonders der Präsident der pfälzischen Landeskirche Hans Stempel hatte sich für die inhaftierten Kriegsverbrecher eingesetzt, die in der deutschen Öffentlichkeit als „Kriegsgefangene“ bezeichnet wurden.<ref>Brunner: Der Frankreich-Komplex. Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2004, S. 118</ref> Gegen Knochen wurde in der Folge kein Prozess mehr durchgeführt.
Zurück in Deutschland wohnte Knochen zunächst in Baden-Baden, später in Hahnenklee bei Clausthal-Zellerfeld. Aus seiner ersten Ehe ging ein Sohn hervor. Ab 1963 lebte er in Offenbach am Main. Helmut Knochen war als Versicherungsvertreter tätig und heiratete 1982 ein zweites Mal. Knochen wurde Mitglied der Stillen Hilfe, einer Organisation, die sich hauptsächlich für inhaftierte NS-Täter einsetzte.<ref name="Klee320" /> Wegen Meineids wurde er 1968 angeklagt, weil er vor dem Landgericht Offenburg als Zeuge ausgesagt hatte, dass er von dem Judenmord nichts gewusst habe.<ref>Brunner: Der Frankreich-Komplex. Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2004, S. 332</ref> Knochen ging danach anders vor und schob Amnesie vor, da er das „schmerzhafte Geschehen verdrängt hätte“.<ref>Brunner: Der Frankreich-Komplex. Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2004, S. 337</ref> Im Prozess gegen Modest Graf von Korff<ref>Modest Alfred Leonard Graf von Korff, 1974 als Ministerialrat pensioniert, siehe Brunner: Der Frankreich-Komplex. Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2004, S. 175–176</ref>, KdS von Chalons-sur-Marne, wurde er 1987 schließlich zu einem „unerreichbaren Beweismittel“, als er zwar vier Stunden täglich Golf spielen, aber aus gesundheitlichen Gründen als Zeuge nicht vorgeladen werden konnte.<ref>Brunner: Der Frankreich-Komplex. Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2004, S. 372</ref> Auch hier ging es um die Frage, ob die Kommandeure der Sicherheitspolizei gewusst hatten, dass die Deportierten in Auschwitz-Birkenau vergast wurden. Auch Ministerialrat Korff wurde mangels Beweisen freigesprochen.
Ehe und Familie
Bis 1943 war Knochen mit Erika... verheiratet. Nach ihrer Scheidung heiratete seine frühere Frau 1943 den SS-Führer Herbert Packebusch. Sie starb im Januar 1944 in Warschau durch Suizid.
Siehe auch
- René Bousquet (1909–1993) war 1942/43 als Generalsekretär der Polizei der Gegenpart auf Seiten des Vichy-Regimes
- Alex Capus, Léon und Louise (Roman), München 2012, ISBN 978-3-423-14128-4, S. 213 ff.: Helmut Knochen tritt als historische Person im Roman auf.<ref>Vgl. hierzu Alex Capus: Das kleine Haus am Sonnenhang. München 2024. S. 67–69.</ref>
Literatur
- Ahlrich Meyer: Die deutsche Besatzung in Frankreich. Widerstandsbekämpfung und Judenverfolgung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-14966-1.
- Ahlrich Meyer: Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6.
- Claudia Moisel: Frankreich und die deutschen Kriegsverbrecher. Politik und Praxis der Strafverfolgung nach dem Zweiten Weltkrieg. (= Norbert Frei (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Band 2) Wallstein, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-749-7.
- Bernhard Brunner: Der Frankreich-Komplex. Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland. Wallstein, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-693-8.
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- Frank Gutermuth, Arno Netzbandt: Die Gestapo, Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin 2005, ISBN 3-89479-201-9.
Weblinks
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}}
}}
}} – ARTE-Interview mit Serge Klarsfeld 2004
- Reichssicherheitshauptamt – zentrale NS-Terrorbehörde Wer von Europol spricht, darf das RSHA nicht vergessen (1999)
Einzelnachweise
<references />
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- Täter des Holocaust
- Anglist
- Person (Reichssicherheitshauptamt)
- Person (deutsche Besetzung Frankreichs 1940–1945)
- Zum Tode verurteilte Person (NS-Kriegsverbrechen)
- SS-Mitglied
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- Deutscher
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