Heritage-Film
Als Heritage-Film (auch heritage film oder heritage cinema; abgeleitet von englisch heritage = Erbe) wird ein Untergenre des Historienfilms bezeichnet, das vor allem im Vereinigten Königreich besonders populär ist. Wurde der Begriff zunächst von der englischsprachigen Filmkritik zur Bewertung eines bestimmten Typus von während der Regierungszeit Margaret Thatchers entstandenen Kostümfilmen benutzt, werden heute ein Großteil der seit 1981 produzierten britischen Historienfilmen als Heritage-Filme bezeichnet.
Ausgehend von dem oscarprämierten Drama Die Stunde des Siegers und den von James Ivory und Ismail Merchant produzierten Literaturverfilmungen entstanden in diesem Genre einige der international erfolgreichsten Werke der britischen Filmindustrie in den 1980er und 1990er Jahren. Zu den Heritage-Filmen zählen auch die als Austenmania oder Janespotting bezeichnete Welle von Jane-Austen-Verfilmungen Mitte der 1990er Jahre sowie die Adaptionen von Werken William Shakespeares und weiteren englischen Literaturklassikern. Zur gleichen Zeit entstanden für das britische Fernsehen zahlreiche Miniserien und Fernsehserien, die ebenfalls dem Genre zugerechnet werden.
Beschreibung des Filmgenres
Der Begriff Heritage-Film wurde 1993 von dem britischen Filmhistoriker Andrew Higson geprägt. Er beschreibt ein Untergenre des Historienfilms, in dem für gewöhnlich keine bedeutenden historischen Ereignisse oder Persönlichkeiten im Mittelpunkt stehen, sondern bevorzugt individuelle Schicksale der britischen Oberschicht behandelt werden.<ref>Jörg Helbig: Geschichte des britischen Films. J.B. Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-01510-6, S. 276.</ref> Dieser Blick auf die Geschichte ist dabei eher nostalgisch geprägt. Kennzeichnend für Heritage-Filme sind eine piktoralistische Bildführung sowie eine üppige und detailgetreue Ausstattung, bei der oft nationale Kulturgüter in Szene gerückt werden.<ref>Sarah Street: British National Cinema. Routledge, London 1997, ISBN 0-415-06735-9, S. 103.</ref> Viele dieser historischen Bauten wurden nach ihrer Verwendung als Schauplatz eines Heritage-Films zu gut besuchten Touristenattraktion. Als Zielgruppe des Heritage-Films gilt ein Publikum, das älter als der normale Kinogänger ist, einer höheren Gesellschaftsschicht angehört, und einen hohen Frauenanteil aufweist.<ref>Brian McFarlane (Hrsg.): The Encyclopedia of British Film, S. 339.</ref>
Mit dem Heritage-Film verbindet man vor allem werkgetreue Adaptionen klassischer englischer Literatur von Autoren wie Charles Dickens, Jane Austen, die Geschwister Brontë oder E. M. Forster. Doch auch die Shakespeare-Verfilmungen der 1980er und 1990er Jahre, Adaptionen modernerer Historienromane wie Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrig blieb und Filmbiografien wie Richard Attenboroughs Gandhi oder John Maddens Ihre Majestät Mrs. Brown mit Judi Dench als Königin Victoria werden zu dem Genre gezählt. Auch das „Raj Revival“ der 1980er Jahre, das mit mehreren Filmen und Fernsehserien ein neues Interesse an der Geschichte Britisch-Indiens weckte, wird dem Genre zugeordnet.<ref>Sheldon Hall: The Wrong Sort of Cinema: Refashioning the Heritage Film Debate, S. 192–193.</ref>
Ähnlich wie bei der British New Wave der 1960er Jahre griffen die Produzenten der Heritage-Filme auf bewährte Stammschauspieler zurück. Darsteller wie Helena Bonham Carter, Anthony Hopkins, James Wilby oder Hugh Grant stehen ebenso wie das Regie- und Produzententeam Ismail Merchant und James Ivory stellvertretend für die Heritage-Filme der 1980er und 1990er Jahre.<ref>Jörg Helbig: Geschichte des britischen Films. J.B. Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-01510-6, S. 279.</ref>
Auch wenn der Filmhistoriker Charles Barr bereits 1986 die während des Zweiten Weltkriegs entstandenen britischen Historienfilme als „‚heritage‘ film“ bezeichnet hatte,<ref>Charles Barr: All Our Yesterdays: 90 Years of British Cinema. British Film Institute, London 1986, ISBN 0-85170-179-5, S. 12.</ref> beschränkt sich die Filmwissenschaft größtenteils auf das britische Kino der 1980er und 1990er Jahre bei der Definition und Diskussion des Heritage-Films. Einige Filmhistoriker beschreiben das Genre allerdings als eine europäische Filmbewegung, vor allem das französische Kino brachte mit Filmen wie Die Wiederkehr des Martin Guerre oder Jean Florette Werke hervor, die stilistisch den britischen Heritage-Filmen entsprachen<ref>Guy Austin: Contemporary French Cinema: An Introduction. Manchester University Press, Manchester 1996, ISBN 0-7190-4610-6, S. 142–170.</ref>. Auch der deutsche Film durchlief seit Mitte der 1990er Jahre eine ähnliche Entwicklung, Filme wie Comedian Harmonists, Aimée & Jaguar und Gripsholm überzeugten vor allem durch ihre detailgetreue Wiedergabe des Zeitkolorits.<ref>Lutz Koepnick: “Amerika gibt’s überhaupt nicht”: Notes on the German Heritage Film. In: Agnes C. Mueller (Hrsg.): German Pop Culture: How “American” Is It?. University of Michigan Press, Ann Arbor 2004, ISBN 0-472-11384-4, S. 191–208.</ref>
Als Andrew Higson 1993 das Genre des Heritage-Films definierte, war diese Definition verbunden mit einer Kritik an der ideologischen Grundhaltung dieser Historienfilme. Mit der Romantisierung der Vergangenheit und mit der Fokussierung auf die gehobenen Gesellschaftsschichten repräsentierten die Heritage-Filme den durch die konservative Regierung geprägten Thatcherismus in der britischen Gesellschaft.<ref>Andrew Higson: Re-presenting the National Past: Nostalgia and Pastiche in the Heritage Film, S. 126–128.</ref> Higson bemängelte, dass die zu starke Ausrichtung auf die visuelle Gestaltung der Filme die in den literarischen Vorlagen vorhandene Ironie und Kritik an dem Gesellschaftssystem verblassen ließ.<ref>Andrew Higson: Re-presenting the National Past: Nostalgia and Pastiche in the Heritage Film, S. 120.</ref> Demgegenüber sieht die Filmhistorikerin Sarah Street vor allem in den E.-M.-Foster-Verfilmungen von Merchant Ivory durchaus gesellschaftskritische Elemente, die den literarischen Vorlagen entsprächen.<ref>Sarah Street: British National Cinema, S. 104–105.</ref>
Es gilt inzwischen als umstritten, ob die Heritage-Filme von Natur als konservativ oder liberal sind.<ref>Andrew Higson: English Heritage, English Cinema: Costume Drama Since 1980, S. 69–71.</ref> Die zum Teil heftige Debatte über den Begriff „Heritage-Film“<ref>John Hill: The Heritage Film: Issues and Debates. In: John Hill (Hrsg.): British Cinema in the 1980s. Oxford University Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-874256-8, S. 73–98.</ref> führte Mitte der 1990er Jahre zu alternativen Definitionen, so wurden Filme wie Sally Potters Virginia-Woolf-Verfilmung Orlando oder Christopher Hamptons Filmbiografie Carrington mit ihrem unnostalgischen Blick auf die Vergangenheit als „Post-Heritage-Filme“ bezeichnet<ref>Claire Monk: Sexuality and the Heritage. In: Sight and Sound, Nr. 5, 1995, S. 33.</ref>. Spätestens seit dem Amtsantritt des Labour-Premierministers Tony Blair im Jahr 1997 könne man nach Ansicht der Filmwissenschaftlerin Claire Monk nicht mehr von einer „ideologischen Substanz“ des Heritage-Films sprechen.<ref>Claire Monk: The British heritage-film debate revisited. In: Claire Monk, Amy Sargeant (Hrsg.): British Historical Cinema: The History, Heritage and Costume Film. Routledge, London 2002, ISBN 0-415-23810-2, S. 194–195.</ref> Damit verbunden ist eine freie Verwendung und Bedeutung des Begriffes „Heritage-Film“, der sich nun mehr an den stilistischen Genre-Merkmalen als an ideologischen Inhalten der Filme orientiert.<ref>Eckart Voigts-Virchow: "Corset Wars". An Introduction to Syncretic Heritage Film Culture since the Mid-1990s. In: Eckart Voigts-Virchow (Hrsg.): Janespotting and Beyond: British Heritage Retrovisions since the Mid-1990. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2004, ISBN 3-8233-6096-5, S. 14–16.</ref>
Literatur
- Sheldon Hall: The Wrong Sort of Cinema: Refashioning the Heritage Film Debate. In: Robert Murphy (Hrsg.): The British Cinema Book. British Film Institute, London 2001, ISBN 0-85170-852-8, S. 191–199.
- Andrew Higson: Re-presenting the National Past: Nostalgia and Pastiche in the Heritage Film. In: Lester Friedman (Hrsg.): Fires Were Started: British Cinema and Thatcherism. University of Central London Press, London 1993, ISBN 1-85728-072-5, S. 109–129.
- Andrew Higson: English Heritage, English Cinema: Costume Drama Since 1980. Oxford University Press, Oxford 2003, ISBN 0-19-925902-X.
- Brian McFarlane (Hrsg.): The Encyclopedia of British Film. 3rd Edition. Methuen, London 2008, ISBN 978-0-413-77660-0.
- Sarah Street: British National Cinema. Routledge, London 1997, ISBN 0-415-06735-9.
Weblinks
- Theo Bender, Hans Jürgen Wulff: Heritage Movies. In: Lexikon der Filmbegriffe. {{#invoke:URIutil|{{#ifeq:1|1|linkISSN|targetISSN}}|1610-420X|0}}{{#ifeq:1|0|[!]
}}{{#ifeq:0|1
|{{#switch:00
|11= (print/online)
|10= (print)
|01= (online)
}}
}}{{#ifeq:0|0
|{{#ifeq:0|0
|{{#if:{{#invoke:URIutil|isISSNvalid|1=1610-420X}}
|
|{{#invoke:TemplUtl|failure|ISSN ungültig}}}}}}
}}.
Einzelnachweise
<references />