Kapitalismus
Kapitalismus bezeichnet zum einen eine spezifische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, zum anderen eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte. Zu unterscheiden ist der „moderne“ Kapitalismus, wie er insbesondere von Karl Marx und Max Weber beschrieben und analysiert wurde, vom Kapitalismus als historisches „Weltsystem“, dessen Analyse auf Fernand Braudel (1902–1985) und Immanuel Wallerstein (1930–2019) zurückgeht. In globalgeschichtlicher Betrachtung datierte Friedrich Lenger seinen Beginn auf das späte 15. Jahrhundert, als durch das Aufkommen des weltweiten Fernhandels der frühneuzeitliche Handelskapitalismus entstand. Die Epoche des modernen Kapitalismus bezeichnet eine wirtschaftsgeschichtliche Periode, die im 18. Jahrhundert in Europa mit der industriellen Revolution begann und bis heute andauert.<ref>Allen, Robert C., 1947-: The British industrial revolution in global perspective. Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-86827-3.</ref><ref>Deane, Phyllis.: The first industrial revolution. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge [England] 1979, ISBN 0-521-22667-8.</ref> Sie folgte auf die Epochen des Feudalismus des europäischen Mittelalters bzw. des Merkantilismus zur Zeit des Absolutismus.<ref>Stearns, Peter N.,: The industrial revolution in world history. Boulder 1993, ISBN 0-8133-8596-2.</ref>
Die zentralen Merkmale des Kapitalismus sind in Anbetracht des historischen Wandels und der zahlreichen Kapitalismusdefinitionen sowie ideologischer Unterschiede umstritten. Allgemein wird unter (modernem) Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln – auch bezeichnet als Kapital – und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt (Marktwirtschaft) beruht.<ref>Karl Bachinger, Herbert Matis: Sozioökonomische Entwicklung: Konzeptionen und Analysen von Adam Smith bis Amartya K. Sen. Band 3074, UTB 2008, ISBN 978-3-8252-3074-6, S. 75–76.</ref> Als weitere konstitutive Merkmale werden genannt: die Akkumulation (für manche das „Herzstück“, Hauptmerkmal und Leitprinzip des Kapitalismus),<ref>Herzstück: Gerhard Willke: Kapitalismus. Campus, Frankfurt am Main 2006, S. 16. – Hauptmerkmal: Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. UKV, Konstanz 1999, S. 39. – Leitprinzip: Immanuel Wallerstein: Die strukturelle Krise oder Warum der Kapitalismus sich nicht mehr rentieren könnte. In: Immanuel Wallerstein, Randall Collins, Michael Mann, Georgi Derluguian, Craig Calhoun: Stirbt der Kapitalismus? Fünf Szenarien für das 21. Jahrhundert. Campus, Frankfurt am Main 2014, S. 19.</ref> „freie Lohnarbeit“ und das „Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb“.<ref>Für Max Weber ist das Streben nach Gewinn und immer erneutem Gewinn im kapitalistischen Einzelbetrieb mit dem Kapitalismus identisch, während das bloße „Streben nach Gewinn, nach Geldgewinn, nach möglichst hohem Geldgewinn“ mit Kapitalismus an sich nichts zu schaffen habe. Vgl. Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Mohr, Tübingen 1963, S. 4. Die Webersche Definition korrespondiert mit der Marxschen Definition der kapitalistischen Produktionsweise, der zufolge Gewinne in der Produktion (Mehrwertproduktion) entstehen.</ref>
Die Marktwirtschaft ist älter als der Kapitalismus. Es gab und gibt sie in vielen Gesellschaften und Kulturen und unter vielen Regierungsformen.<ref>Joan Violet Robinson: The historical development of markets. Encyclopædia Britannica, abgerufen am 4. August 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Begriff
Etymologie
Etymologisch leitet sich Kapitalismus ab von Kapital, welches sich selbst von Lateinisch „capitalis“ („den Kopf“ oder „das Leben betreffend“) ableitet, dieses selbst geht auf „caput“ – „Kopf“ zurück. Ab dem 16. Jahrhundert<ref>Wolfgang Schweicker: Zwifach Buchhalten. Petreius, Nürnberg 1549.</ref> findet sich das italienische Lehnwort „capitale“ – „Vermögen“ im Sinne der Kopfzahl eines Viehbestandes, als Gegensatz zu den frisch geworfenen Tieren als „Zinsen“.<ref>Gerhard Köbler: Deutsches Etymologisches Wörterbuch. 1995 (koeblergerhard.de [PDF; 191 kB]).</ref><ref>Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 22. Auflage. Walter de Gruyter, 2002, ISBN 3-11-017472-3 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Nach anderen Quellen machte schon im Lateinischen „caput“ und „capitalis“ einen Bedeutungswandel durch, der im Deutschen durch „Haupt-“ nachvollzogen wird. „Summa capitalis“ war die Hauptsumme in Wirtschaftsrechnungen, woraus „Kapital“ entstanden sei.
Verbreitung
Ausgehend von diesem Wortstamm werden Worte wie Kapital und kapitalistisch bereits im 18. und 19. Jahrhundert gebraucht, jedoch in einem vagen und unspezifischen Sinn.<ref name="HdWW" /> Das französische Wort „capitaliste“ ist erstmals 1753 in Frankreich belegt und meint hier Person, die Güter besitzt.<ref>Alain Rey (Hrsg.): Dictionnaire historique de la langue française. Dictionnaire Le Robert, Paris 1992, ISBN 2-84902-236-5.</ref> Julius von Soden verwendet in National-Oekonomie (1805) „kapitalistisch“, um einen „Überschuss an Genußstoff, ein[en] Vorrat“ zu bezeichnen.<ref name="HdWW">Ingomar Bog: Kapitalismus. In: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften. Band IV. Gustav Fischer u. a., Stuttgart/New York u. a. 1978, S. 419–432.</ref> Theodor Mommsen verwendet das Wort Kapital in seiner Römischen Geschichte (1854–1856).<ref name="HdWW" />
In seinem heutigen Sinn wird es erstmals von Richard de Radonvilliers 1842 verwandt. Weitere Belege für sein Auftreten finden sich bei Pierre Leroux 1848 und im Englischen erstmals bei William Thackeray 1854. Im Englischen geht seine weitere Verwendung wesentlich von David Ricardo aus. Zur Beschreibung einer Klassengesellschaft wird er vor Marx bereits 1840 in Louis Blancs Organisation du travail gebraucht; bereits dort ist er negativ besetzt.<ref name="HdWW" /> Karl Marx und Friedrich Engels sprechen zunächst von „kapitalistischer Produktionsweise“, später im ersten Bande von Das Kapital (1867) von Kapitalist. Das Wort Kapitalismus wird dagegen nur einmal in dem 1885 von Engels herausgegebenen zweiten Band von Das Kapital genannt.<ref>Karl Marx: Das Kapital II, MEW, Berlin 1968, Bd. 24, S. 123</ref> Häufiger findet sich das Wort Kapitalismus in der Korrespondenz und den späteren Schriften von Friedrich Engels.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts häuft sich seine Verwendung und erlangt Bekanntheit insbesondere durch Werner Sombarts Der moderne Kapitalismus (1902) sowie durch Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904).
Trotz der professoralen Genehmigung durch Sombart und Weber wurde der Begriff in der Wirtschaftswissenschaft bis in die späten 1920er-Jahre abgelehnt und für einen sozialistischen Begriff gehalten. Er kam jedoch im Kontext der sowjetischen Oktoberrevolution in den Zeitschriften immer häufiger vor. In den 1920er-Jahren handelte fast jeder Artikel der New York Times, der den Begriff erwähnte, von der Sowjetunion und ihren Herrschern Lenin, Trotzki und Stalin. Mit der Great Depression erfuhr das Wort „Kapitalismus“ eine Konjunktur und hielt Einzug in die amerikanischen Wirtschaftslehrbücher, wo man bald nur noch von zwei Wirtschaftssystemen sprach, den amerikanischen Kapitalismus und den sowjetischen Kommunismus.<ref>Steven G. Marks: »Im russischen Spiegelreich«: Wie amerikanische Vorstellungen des Kapitalismus vom sowjetischen Kommunismus geprägt wurden. In: Martin Aust (Hrsg.): Globalisierung imperial und sozialistisch. Russland und die Sowjetunion in der Globalgeschichte 1851-1991. Frankfurt am Main 2013, S. 334–336.</ref>
Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache gibt relativ zum DWDS-Korpus an, dass das Wort Kapitalismus im 20. Jahrhundert zunehmend benutzt wurde.<ref>DWDS-Verlaufskurve für „Kapitalismus“. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 21. Oktober 2020.</ref>
Wahrnehmung
Kapitalismus ist ein Essentially Contested Concept<ref>Robert D. Johnston, The Radical Middle Class, Princeton University Press, 2003, ISBN 978-0-691-09668-1, S. 81</ref> und wird sehr unterschiedlich wahrgenommen. Bachinger/Matis unterscheiden drei verschiedene Wahrnehmungen.
In der markteuphorischen Wahrnehmung werden Kapitalismus und Marktwirtschaft de facto gleichgesetzt. Kapitalismus wird als entbehrlicher Begriff gesehen, der aus der „sozialistischen Mottenkiste“ komme.<ref name="Karl Bachinger 2008">Karl Bachinger, Herbert Matis: Sozioökonomische Entwicklung: Konzeptionen und Analysen von Adam Smith bis Amartya K. Sen. Band 3074, UTB 2008, ISBN 978-3-8252-3074-6, S. 76</ref>
In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.<ref>Karl Bachinger, Herbert Matis: Sozioökonomische Entwicklung: Konzeptionen und Analysen von Adam Smith bis Amartya K. Sen. Band 3074, UTB 2008, ISBN 978-3-8252-3074-6, S. 77</ref>
In der sozialkritischen Wahrnehmung kommt der Phase des Hochkapitalismus eine besondere Bedeutung zu. Die Durchsetzung des Kapitalismus bewirkte demnach weitreichende Verschiebungen der Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur und einschneidende Brüche in den Lebens- und Arbeitsbedingungen. Es sei der Antagonismus zwischen Kapitaleignern und Kapitallosen (Proletariern) entstanden. Das „industrielle Proletariat“ hätte den Unternehmen als reichliche Reservearmee zur Verfügung gestanden und sei dadurch gezwungen gewesen, niedrige Löhne und materielle Unsicherheit in Kauf zu nehmen. Bei den meisten Industriearbeitern lagen die Löhne damals knapp am Existenzminimum. Frauen und Kinder mussten daher ebenfalls arbeiten gehen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Arbeitszeiten von 16 Stunden pro Tag waren keine Seltenheit. Das rasante Wachstum der städtischen Ballungsräume führte zu einer dramatisch niedrigen Lebenserwartung. Die Polarisierung der Gesellschaft durch die Entstehung der „sozialen Frage“ als Folge des ungehemmten „Manchesterkapitalismus“ ist der soziale und wirtschaftliche Hintergrund der wirkungsmächtigen Kapitalismusanalyse von Karl Marx.<ref>Karl Bachinger, Herbert Matis: Sozioökonomische Entwicklung: Konzeptionen und Analysen von Adam Smith bis Amartya K. Sen. Band 3074, UTB 2008, ISBN 978-3-8252-3074-6, S. 78, 79</ref>
Kapitalismus und Marktwirtschaft
Einige Autoren befürworten anstelle des in Deutschland als wertend verstandenen Begriffs Kapitalismus die neutralere Bezeichnung Marktwirtschaft.<ref name="Gabler">Kapitalismus. In: Gabler Wirtschaftslexikon. 16. Auflage. Band III, K–R, 2004, S. 1643 sq.</ref> Unter angelsächsischen Ökonomen ist der Gebrauch des Begriffs capitalism durchgängig üblich.<ref name="aw-kapitalismus">Artur Woll: Kapitalismus. In: Hermann May (Hrsg.): Lexikon der ökonomischen Bildung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2006, ISBN 3-486-58042-6.</ref> Nach John Kenneth Galbraith wurde der Begriff „market system“ in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt eingeführt, da „capitalism“ durch die Weltwirtschaftskrise in Misskredit geraten war.<ref>John Kenneth Galbraith: Free Market Fraud. In: The Progressive magazine. Januar 1999 (progressive.org).</ref> Einige Politiker, Journalisten und Wissenschaftler bevorzugten den Begriff „Marktwirtschaft“, da die Frage des beherrschenden Einflusses von Unternehmen und allgemein die Frage wirtschaftlicher Macht so nicht thematisiert werden müsse. Lediglich als Bezeichnung für die moderne Finanzwelt habe sich der Begriff Kapitalismus halten können, da hier der Zusammenhang zwischen Vermögen und Macht besonders augenfällig sei.<ref name="Karl Bachinger 2008" />
Andere Autoren unterscheiden zwischen beiden Begriffen. Danach hänge das Vorliegen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung von den Eigentumsverhältnissen der Produktionsmittel ab, eine Marktwirtschaft zeichne sich durch die Koordination der Wirtschaftsprozesse über den Marktmechanismus aus.<ref>Ulrich Baßeler, Jürgen Heinrich: Wirtschaftssysteme. Kapitalistische Marktwirtschaft und sozialistische Zentralplanwirtschaft. Würzburg 1984, S. 13–19.</ref><ref>Erich Weede: Mensch und Gesellschaft. Mohr Siebeck, 1992, ISBN 3-16-145899-0, S. 249 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Beide Merkmale treten im Wirtschaftssystem der kapitalistischen Marktwirtschaft gemeinsam auf. Eine Marktwirtschaft könne theoretisch jedoch ebenso ohne Kapitalismus vorliegen (Beispiel: Sozialistische Marktwirtschaft in Jugoslawien) wie Kapitalismus ohne Marktwirtschaft (was auf die Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland zutreffe).<ref name="Paetzold">Jürgen Pätzold: Soziale Marktwirtschaft. Konzeption – Entwicklung – Zukunftsaufgaben. 6. Auflage. Ludwigsburg, Berlin 1994 (online [abgerufen am 29. Juni 2008]).</ref> Gleichwohl treten die beiden letztgenannten Wirtschaftssysteme vergleichsweise selten auf. Mankiw und andere Autoren verstehen Kapitalismus als Marktwirtschaft mit Privateigentum an Produktionsmitteln, bezweifeln jedoch, dass Marktwirtschaft ohne Privateigentum funktionsfähig ist.<ref>Nicholas Gregory Mankiw: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 3. Auflage. Stuttgart 2004, S. 255.</ref><ref>Ludwig von Mises: Human Action – A Treatise on Economics. 1. Auflage. Ludwig von Mises Institute, Auburn (Alabama) 2007, ISBN 978-0-945466-24-6, S. 678 (mises.org [PDF; 55,7 MB] Erstausgabe: 1948).</ref>
Theoriegeschichte
Vorklassische Ökonomen
Erste für den Kapitalismus grundlegende Ideen finden sich in der spätscholastischen Schule von Salamanca und bei den Physiokraten.
Klassische Nationalökonomie
Ein bedeutender Theoretiker des Kapitalismus ist der schottische Nationalökonom und Moralphilosoph Adam Smith (1723–1790) mit seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (1776). Obgleich Smith oft als „Vater des Kapitalismus“ oder Ähnliches bezeichnet wird, benutzte er selbst den Ausdruck Kapitalismus noch nicht.<ref>Frank Solomon: Capitalism. An Analysis and Summary of Adam Smith's Wealth of Nations. 2. Auflage. Archway Publishing, Bloomington 2013, S. 8–11.</ref>
Smith beschreibt eine arbeitsteilige Gesellschaft, in der die Menschen Güter tauschen. Den Hang zum Tausch sieht Smith in der menschlichen Natur begründet.<ref></ref> Im Gegensatz zu tierischen Individuen, die unabhängig voneinander leben, muss ein Mensch mit anderen Menschen kooperieren.<ref></ref> Die Individuen tauschen dabei aus Eigennutz.<ref></ref> Die sich entwickelnde Arbeitsteilung bzw. Spezialisierung steigert die Produktivität, die der entscheidende Faktor ist, um den Wohlstand eines Landes zu steigern: sie steigert das Geschick des Arbeiters in seinem Bereich, spart Zeit und regt den Arbeiter dazu an, nützliche Maschinen zu erfinden, die die Arbeit erleichtern.<ref></ref>
Geld ist in der kommerziellen Gesellschaft ein nützliches Tausch- und Rechenmittel. Smith vertritt eine Funktionstheorie des Geldes, wonach der Wert des Geldes aus den Geldfunktionen resultiert.<ref>Ralph Anderegg: Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik. R. Oldenbourg Verlag, München/Wien 2007, S. 19.</ref> Als die Menschen begannen, arbeitsteilig zu produzieren, bemerkten Warenproduzenten, dass sie leichter ihre Güter tauschen konnten, wenn sie über einige Güter verfügten, die fast alle Tauschenden akzeptierten.<ref></ref> Die Menschen bevorzugten mit der Zeit Metalle, da diese lange haltbar und gemäß den Bedürfnissen der Tauschenden beliebig teilbar waren bzw. wieder vereint werden konnten.<ref></ref> Staatliche Autoritäten übernahmen die Kontrolle der Qualität und Quantität des Metallgeldes.<ref></ref> Die klassische Vorstellung, dass Geld neutral ist, findet sich auch bei Smith.<ref name=":3">Ralph Anderegg: Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik. R. Oldenbourg Verlag, München/Wien 2007, S. 155.</ref><ref></ref> Geld ist jedoch zumindest nicht wachstumsneutral, da es den Tausch erleichtert und das reale Wachstum eines Landes fördert.<ref name=":3" />
Die Gesellschaft gliedert sich in drei Hauptklassen: Landbesitzer, Lohnarbeiter und Kapitalbesitzer.<ref name=":2"></ref> Diese verfügen jeweils über die grundlegenden Einkommensquellen Grundbesitz, Arbeit und Kapital, mit denen sie entsprechende Einkommensarten beziehen, nämlich Grundrente, Lohn und Profit.<ref></ref> Dass es sich um Lohnarbeiter handelt, die sich auf Arbeitsmärkten anbieten, impliziert einen Bruch mit feudalen Abhängigkeitsverhältnissen.<ref></ref>
Zwar ist es prinzipiell möglich, dass eine Person mehrere Einkommensquellen hat, wie etwa ein selbstständiger Arbeiter, bei dem Lohn und Profit zusammenfallen, aber Smith hielt solche Fälle für Ausnahmen.<ref></ref> Typischerweise bestellen Arbeiter das Land eines Grundbesitzers und müssen diesem von ihrem Produkt etwas abgeben, so dass er Grundrente bekommt.<ref></ref> Oft haben sie keine Mittel, um sich bis zur Ernte zu erhalten. Ein Pächter zahlt ihnen Lohn und versorgt sie bis dahin. Der Pächter eignet sich einen Teil des Produktes als Profit an. Dieses Prinzip gilt in vielen Branchen: ein Kapitalbesitzer schießt den mittellosen Arbeitern Löhne und Material vor; diese setzen dem Material neuen Wert zu, von dem sich der Kapitalbesitzer einen Teil als Profit aneignet.<ref></ref> Zudem kann der Kapitalbesitzer sein Kapital verleihen, um Zins zu erzielen.<ref></ref> Laut Smith konfligieren die Interessen.<ref>Heinz-J. Bontrup: Lohn und Gewinn. Volks- und betriebswirtschaftliche Grundzüge. 2. Auflage. Oldenbourg Verlag, München/Wien 2008, S. 29–30.</ref> Die besitzende Klasse will den Arbeitern möglichst wenig zahlen, während die Arbeiter möglichst viel wollen. Die Besitzer von Land und Kapital behalten meist die Oberhand: sie können sich aufgrund ihrer geringeren Anzahl leichter organisieren, sie können dank ihres Vermögens länger durchhalten und im Gegensatz zu den Arbeitern verbietet ihnen der Staat es nicht, sich zusammenzuschließen, um die Lohnhöhe zu bestimmen.<ref></ref>
Sowohl in einem Entwurf zum Wealth of Nations als auch in diesem selbst konstatiert Smith, dass in der modernen Gesellschaft Eigentum ungleich verteilt ist, dass Besitzeinkünfte oft auf fremder Arbeit beruhen und dass der Staat diese Verhältnisse schützt; aber Smith hält dem dezidiert die Vorteile entgegen: dank der Arbeitsteilung steigt der Lebensstandard auch der untersten Schichten und die Reallöhne sind höher als in früheren Zeiten, die dem Privatbesitz an Boden und der Kapitalbildung vorausgingen, so dass der Arbeiter das ganze Produkt seiner Arbeit besaß.<ref></ref> Smith bemerkt auch einige negative Folgen der Spezialisierung. Sie bewirkt, dass der einzelne Arbeiter seine körperlichen, geistigen und sozialen Potenziale kaum entfaltet; das Individuum büßt an kämpferischen Fähigkeiten, der Fähigkeit, über das Allgemeinwohl zu urteilen, und den Sinn für kulturelle Freuden ein.<ref></ref> Smith hält das Problem jedoch für lösbar, indem der Staat seine Bürger bildet.<ref></ref> Zudem hält er auch hier die Vorteile entgegen. Je wohlhabender ein Staat ist, desto bessere Armeen und umso größere Sicherheit kann er sich leisten.<ref></ref> Die Gesellschaft als Ganzes betrachtet erwirbt neue Kenntnisse und die Arbeitsteilung sorgt für gegenseitige Abhängigkeit, was den sozialen Zusammenhang stärkt.<ref></ref>
Smith begreift Kapital als einen profitablen Gütervorrat. Wenn jemand über einen hinreichend großen Vorrat verfügt, mit dem er sich über Monate oder Jahre erhalten kann, dann wird er wahrscheinlich einen Teil anwenden wollen, um damit ein Einkommen zu erzielen. Nur diesen Teil des Vorrats nennt Smith Kapital; der restliche Teil, welcher der unmittelbaren Konsumtion bzw. dem Selbsterhalt dient, ist nach Smith kein Kapital.<ref></ref> Smith wendet seinen Begriff auf Individuen und auf Gesellschaften an. Er bemerkt jedoch einen Unterschied. Ein Individuum kann einen Teil seines Gütervorrats, der für den unmittelbaren Konsum gedacht ist, als sein Kapital nutzen, indem es ihn verleiht, vermietet usw. Im Gegensatz dazu kann eine Gesellschaft nur dadurch vermögender werden, indem sie mehr produziert.<ref></ref> In volkswirtschaftlicher Sicht ist der Umfang des Kapitalbegriffs somit auf Güter, die zur Produktion dienen, beschränkt.<ref>Eugen von Böhm-Bawerk: Kapital. In: Ludwig Elster/Adolf Weber/Friedrich Wieser (Hrsg.): Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 4. Auflage. Band 5. Gustav Fischer, Jena 1923, S. 577.</ref> Laut Eugen von Böhm-Bawerk habe Smiths volkswirtschaftlicher Kapitalbegriff den privatwirtschaftlichen zurückgedrängt und die gewöhnliche Bedeutung des wissenschaftlichen Terminus Kapital wesentlich geprägt. Zwar hätten Ökonomen den neuen volkswirtschaftlichen Begriff fruchtbar angewandt, aber Smith und seine Nachfolger hätten nicht klar genug gesehen, dass das Wort Kapital zwei ganz verschiedene Kapitalbegriffe meine: der volkswirtschaftliche Begriff behandle einen Produktionsfaktor und gehöre der Produktionstheorie an, wohingegen der privatwirtschaftliche Begriff eine Einkommens- bzw. Rentenquelle behandle und zur Verteilungstheorie gehöre.<ref>Eugen von Böhm-Bawerk: Kapital. In: Ludwig Elster / Adolf Weber / Friedrich Wieser (Hrsg.): Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 4. Auflage. Band 5. Gustav Fischer, Jena 1923, S. 577: „In der zweiten Periode, die durch A. Smith eingeleitet wird, löste sich vom bisherigen allgemeineren Begriffe der zum Erwerbe dienenden Gütervorräte als ein engerer Begriff jener des Produktivkapitals oder der zur Produktion dienenden Gütervorräte ab. Die Brücke zur Konstruktion dieses neuen Begriffes bildete die von Smith gemachte Bemerkung, daß zwar innerhalb einer wirtschaftenden Gesellschaft einzelne Individuen auch durch Tausch, Verleihen oder Vermieten und dergleichen einen Erwerb ziehen, daß dagegen die wirtschaftende Gesellschaft im ganzen sich nicht anders bereichern könne als durch Produktion neuer Güter: für sie können daher als „Kapital“ nur die zur Produktion dienenden Gütervorräte gelten. Dieser „volkswirtschaftliche“ Kapitalbegriff, der eine für die Analyse der Erscheinungen der volkswirtschaftlichen Produktion wichtige Gütergruppe glücklich hervorhob, überflügelte binnen kurzem den älteren und weiteren „privatwirtschaftlichen“ Kapitalbegriff so vollständig, daß man in wissenschaftlichen Erörterungen sich gewöhnlich auf ihn allein bezog, das „Kapital“ nur nach ihm als einen „Inbegriff produzierter Produktionsmittel“ zu definieren und nur ganz nebenbei anzumerken pflegte, daß für einzelne Individuen auch solche Güter, die nicht der Produktion dienen, wie z. B. vermietete Wohnhäuser oder Möbel, als Kapital aufgefaßt werden können. Indem man es sonach in den wissenschaftlichen Untersuchungen nur mit einem Kapitalbegriffe zu tun zu haben glaubte, geriet man in die oben angedeutete irrtümliche Vermischung und Verwechslung der Rentenquelle Kapital und des Produktionsfaktors Kapital, woran sich eine nicht minder irrtümliche und abträgliche Vermischung gewisser recht verschiedenartiger, aber unter demselben Namen abgehandelter Probleme der Gütererzeugung einerseits und der Güterverteilung andererseits knüpfte.“</ref><ref></ref>
Smith entwickelte eine Produktionskostentheorie des Wertes. Smith hält Arbeit für das universelle Wertmaß für den Tauschwert einer Ware. Gemessen wird der Tauschwert in der Menge fremder Arbeit, die der Warenbesitzer mit seiner Ware kommandieren kann.<ref></ref> In der zivilisierten Gesellschaft wird die Wertgröße typischerweise durch Grundrente, Profit und Lohn reguliert: der natürliche Preis einer Ware deckt sich mit den natürlichen Erträgen der Faktoren Arbeit, Boden und Kapital, die in ihre Produktion eingehen und entsprechend durch die durchschnittliche Lohn-, Renten- bzw. Profitrate bestimmt werden.<ref name=":1"></ref> Die Marktpreise, die sich um die natürlichen Preise bewegen, tendieren langfristig zu den natürlichen Preisen, indem Kapitalakkumulation und Konkurrenz dazu führen, dass Lohn, Grundrente und Profit zu ihren natürlichen Raten tendieren.<ref name=":0">Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 41–42.</ref> Smiths Theorie beeinflusste Jean-Baptiste Say (1767–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) und tauchte später bei Alfred Marshall (1842–1924) auf.<ref name=":0" /> An Smiths Werttheorie wurde kritisiert, dass der Status des Kapitalprofits unklar ist: einerseits soll der Profit dadurch entstehen, dass der Kapitalist sich einen Teil vom Wert, den der Arbeiter den Produktionsmitteln hinzufügt, aneignet; andererseits werden Lohn, Grundrente und Profit als eigenständige, voneinander unabhängige Determinanten der Wertgröße bzw. als ursprüngliche Wertquellen behandelt.<ref>Gerhard Stavenhagen: Geschichte der Wirtschaftstheorie. 4. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1969, S. 57: „Unklar bleibt bei Smith auch die Begründung, warum ein Kapitalzins gezahlt wird. Einerseits vertritt er die Ansicht, daß das Kapital ebenso wie der Boden die Quelle neuer Werte sei, andererseits fehlt auch bei ihm nicht der Gesichtspunkt der Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten, da der Kapitalprofit und die Rente Abzüge darstellen, die die Kapitalisten und Grundbesitzer von den von den Arbeitern allein geschaffenen Werten machen.“</ref><ref name=":1" /> Ersteres hält Joseph Alois Schumpeter (1883–1950) als Vorlage für spätere Ausbeutungstheorien.<ref></ref>
Die Kapitalakkumulation hielt Smith für wesentlich, um den Reichtum eines Landes zu mehren. Um den Wert des Gesamtproduktes eines Landes zu steigern, braucht es typischerweise mehr Kapital, um mehr Arbeiter zu beschäftigen oder eine höhere Produktivität der Arbeit zu erzielen, die durch Arbeitsteilung bzw. bessere Maschinerie erreicht wird.<ref></ref> Smiths Vorstellungen stehen in Zusammenhang mit seinen stoischen Überzeugungen. Demnach waltet ein göttlicher Plan im Universum, der zum Wohle des Ganzen und zu allgemeiner Harmonie tendiert und in dem jedes Ereignis seinen Platz und Sinn hat; der Mensch sollte diese Ordnung sich entfalten lassen.<ref>Alexander Rüstow: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus. Hrsg.: Frank P. und Gerhard Maier-Rigaud. 3. überarbeitete Auflage mit Übersetzungen. Metropolis Verlag, Marburg 2001, S. 47–49 (Erstausgabe: Istanbul 1945).</ref> In Wealth of Nations überträgt Smith dieses Prinzip auf den Bereich der Wirtschaft: indem die Individuen ihre eigenen Interessen verfolgen, fördern sie unbeabsichtigt das Wohl der Allgemeinheit.<ref>Alexander Rüstow: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus. Hrsg.: Frank P. und Gerhard Maier-Rigaud. 3. überarbeitete Auflage mit Übersetzungen. Metropolis Verlag, Marburg 2001, S. 49–50 und S. 57–58 (Erstausgabe: Istanbul 1945).</ref> Die sogenannte unsichtbare Hand wird unter anderem durch die Kapitalakkumulation vermittelt: dass die Kapitalbesitzer nach Profit streben, führt zu höherer Produktivität und zu höheren Reallöhnen; Kapital und Ressourcen werden optimal allokiert, da der Kapitalbesitzer sein Kapital in Branchen anlegen wird, wo er sich den meisten Profit erhofft, und da er in seiner Branche um des Profits willen im Rahmen seiner Möglichkeiten die beste Maschinerie und Arbeitsteilung einführen wird.<ref></ref>
Smith vertraut in wirtschaftliche Freiheit. An einigen Stellen in Wealth of Nations reicht dieses bis zum Glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes: der menschliche Trieb, seine eigene Situation zu verbessern, könne letztlich auch über administrative und politische Fehler siegen.<ref>Alexander Rüstow: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus. Hrsg.: Frank P. und Gerhard Maier-Rigaud. 3. überarbeitete Auflage mit Übersetzungen. Metropolis Verlag, Marburg 2001, S. 57–60 (Erstausgabe: Istanbul 1945).</ref><ref></ref> Smith hält jedoch auch bestimmte Staatsaufgaben für notwendig: der Staat muss das Land vor äußeren Feinden schützen, ein funktionierendes Rechtssystem schaffen sowie für Infrastruktur und Bildungseinrichtungen sorgen.<ref>Alexander Rüstow: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus. Hrsg.: Frank P. und Gerhard Maier-Rigaud. 3. überarbeitete Auflage mit Übersetzungen. Metropolis Verlag, Marburg 2001, S. 58–59 (Erstausgabe: Istanbul 1945).</ref> Ferner plädiert Smith für mehrere Beschränkungen. Das betrifft etwa gesundheitspolizeiliche Maßnahmen, die Berufszulassung, die Notenausgabe von Privatbanken, die Beschränkung des Zinsfußes, Zollregelungen oder die staatliche Förderung von Branchen, die der Verteidigung dienen.<ref>Alexander Rüstow: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus. Hrsg.: Frank P. und Gerhard Maier-Rigaud. 3. überarbeitete Auflage mit Übersetzungen. Metropolis Verlag, Marburg 2001, S. 106–108 (Erstausgabe: Istanbul 1945).</ref> Er betont mehrfach die Gefahr, dass einige Mitglieder der besitzenden Klassen sich zusammenschließen, um Monopole zu bilden; Smith hält es jedoch für unmöglich, derartige Zusammenkünfte mit Gesetzen zu unterbinden, die mit Freiheit und Gerechtigkeit verträglich oder überhaupt umsetzbar sind, und empfiehlt, der Staat sollte solche Zusammenschlüsse nicht begünstigen.<ref>Alexander Rüstow: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus. Hrsg.: Frank P. und Gerhard Maier-Rigaud. 3. überarbeitete Auflage mit Übersetzungen. Metropolis Verlag, Marburg 2001, S. 109 (Erstausgabe: Istanbul 1945).</ref><ref></ref>
Im vierten Buch wendet er sich gegen den vorherrschenden Merkantilismus, der Außenhandel als ein Nullsummenspiel betrachtete. Er entwickelt als Gegenmodell die Theorie vom absoluten Kostenvorteil, bei der durch Arbeitsteilung alle beteiligten Länder profitieren würden. David Ricardo führt Smiths Ideen in der Theorie vom komparativen Kostenvorteil fort.
Oft wird Smith als Theoretiker eines modernen bzw. industriellen Kapitalismus betrachtet. Kritische Stimmen wie David McNally (* 1953) entgegnen, dass man im Falle von Smith noch von einem agrarisch geprägten Kapitalismus sprechen sollte. Smith betrachtet den Agrarsektor als den produktivsten Sektor und entwickelt ein an der landwirtschaftlichen Produktion orientiertes Wachstumsmodell.<ref name=":2" /> Die Grundbesitzer sollen Politik machen: sie bleiben durch ihren Besitz dem Staatsgebiet verhaftet und profitieren vom wirtschaftlichen Fortschritt ihres Staates; die Produzenten und Händler hingegen neigen dazu, den wirtschaftlichen Fortschritt zu behindern, indem sie Monopole bilden, wenn die Wirtschaft wächst und dabei die durchschnittliche Profitrate zu sinken tendiert.<ref></ref>
Entgegen der späteren historischen Entwicklung bezweifelt Smith, dass eine Joint Stock Company sehr erfolgreich sein kann. Smith behandelt solche Gesellschaften erst in der dritten Ausgabe des Wealth of Nations bzw. im fünften Buch über die Einnahmen des Staates und thematisiert sie als Anbieter öffentlicher Arbeiten und Institutionen, die den Handel in bestimmten Branchen erleichtern sollen.<ref></ref> Unter joint stock company versteht Smith Gesellschaften, die über einen gemeinsamen Stock und einen entsprechenden Profit verfügen, an dem jeder Gesellschafter gemäß seinem Anteil beteiligt wird; zwar können die Gesellschafter nicht zurücktreten und den Geldwert ihres Anteils von der Gesellschaft zurückfordern, aber jeder kann seinen Anteil frei auf andere übertragen; jeder Gesellschafter haftet nur beschränkt; Besitz und Management sind voneinander getrennt.<ref></ref> Smith bemerkt, dass solche Gesellschaften selbst mit Privilegien oft scheitern. Ein wesentlicher Grund ist ihre mangelhafte Organisation: während die Besitzer oft nicht viel vom Geschäft verstehen, gehen die Manager fahrlässiger mit dem Kapital der Gesellschaft um, da es nicht ihr eigenes ist.<ref></ref> Laut Smith können solche Gesellschaften nur in bestimmten Branchen erfolgreich sein, in denen sie routiniert agieren können, wie im Bankwesen, in bestimmten Versicherungsgeschäften sowie bei der Bereitstellung von Wasserkanälen und der öffentlichen Wasserversorgung.<ref></ref> Zudem hält Smith eine Joint Stock Company nur dann für vernünftig, wenn sie der Allgemeinheit nützt und ihr Anliegen relativ große Kapitalsummen erfordert.<ref></ref>
Marxismus
„Kapitalismus“ bezeichnet in der marxistischen Tradition „die auf Warenproduktion, Marktwirtschaft, Investition von Kapital, Lohnarbeit und Profit beruhende Produktionsweise“ als auch die „von der Herrschaft des Kapitals bedingten sozialen, politischen, rechtlichen und kulturellen Verhältnisse als Gesellschaftsordnung“.<ref>Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 7/I, Argument, Hamburg 2008, S. 238.</ref>
Karl Marx (1818–1883) benutzte den Begriff Kapitalismus in seinen Werken selten, stattdessen sprach er von „kapitalistischer Produktionsweise“. Marx wollte in Das Kapital kein sozialistisches System begründen.<ref>Karl Marx: Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie“. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). 9. Auflage. Band 19. Dietz Verlag, Berlin 1987, S. 357 (Erstausgabe: 1962): „Wert. Nach Herrn Wagner ist die Werttheorie von Marx „der Eckstein seines sozialistischen Systems“ (p.45). Da ich niemals ein „sozialistisches System“ aufgestellt habe, so dies eine Phantasie der Wagner, Schäffle e tutti quanti.“</ref> Er kritisierte die Disziplin der politischen Ökonomie hinsichtlich ihres Erkenntnisinteresses und ihrer fundamentalen Kategorien.<ref name=":4">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. In: Ulrich Albrecht/Helmut Volger (Hrsg.): Lexikon der Internationalen Politik. R. Oldenbourg Verlag, München/Wien 1997, S. 298–300.</ref> Er wollte nicht primär den englischen Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts beschreiben. Dieser diente ihm zur Illustration. An erster Stelle erforschte Marx die Bewegungsgesetze, die für die kapitalistische Produktionsweise wesentlich sind, unabhängig davon, wie weit diese Produktionsweise jeweils entwickelt ist.<ref name=":5">Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 12: „Der Physiker beobachtet Naturprozesse entweder dort, wo sie in der prägnantesten Form und von störenden Einflüssen mindest getrübt erscheinen, oder, wo möglich, macht er Experimente unter Bedingungen, welche den reinen Vorgang des Prozesses sichern. Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Dies der Grund, warum es zur Hauptillustration meiner theoretischen Entwicklung dient. Sollte jedoch der deutsche Leser pharisäisch die Achseln zucken über die Zustände der englischen Industrie- und Ackerbauarbeiter oder sich optimistisch dabei beruhigen, daß in Deutschland die Sachen noch lange nicht so schlimm stehn, so muß ich ihm zurufen: De te fabula narratur! An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen. Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.“</ref> Durch den Einblick in deren Funktionsweise wollte Marx zeigen, dass diese Produktionsweise nicht im Interesse der Arbeiter ist, damit diese die bestehenden Verhältnisse umstoßen.<ref name=":4" />
Marx untersucht zunächst die Warenform, die er für fundamental erachtet, um die kapitalistische Produktionsweise verstehen zu können.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 11–12: „[…] Die Wertform, deren fertige Gestalt die Geldform, ist sehr inhaltslos und einfach. Dennoch hat der Menschengeist sie seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht, während andrerseits die Analyse viel inhaltsvollerer und komplizierterer Formen wenigstens annähernd gelang. Warum? Weil der ausgebildete Körper leichter zu studieren ist als die Körperzelle. Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann außerdem weder das Mikroskop dienen noch chemische Reagentien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen. Für die bürgerliche Gesellschaft ist aber die Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware die ökonomische Zellenform. Dem Ungebildeten scheint sich ihre Analyse in bloßen Spitzfindigkeiten herumzutreiben. Es handelt sich dabei in der Tat um Spitzfindigkeiten, aber nur so, wie es sich in der mikrologischen Anatomie darum handelt.“</ref> Eine Ware ist ein Produkt menschlicher Arbeit, das einen Gebrauchswert hat, für andere produziert worden ist und im Tausch auf dem Markt erworben wird.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 55: „Ein Ding kann Gebrauchswert sein, ohne Wert zu sein. Es ist dies der Fall, wenn sein Nutzen für den Menschen nicht durch Arbeit vermittelt ist. So Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz usw. Ein Ding kann nützlich und Produkt menschlicher Arbeit sein, ohne Ware zu sein. Wer durch sein Produkt sein eigenes Bedürfnis befriedigt, schafft zwar Gebrauchswert, aber nicht Ware. Um Ware zu produzieren, muß er nicht nur Gebrauchswert produzieren, sondern Gebrauchswert für andre, gesellschaftlichen Gebrauchswert. {Und nicht nur für andre schlechthin. Der mittelalterliche Bauer produzierte das Zinskorn für den Feudalherrn, das Zehntkorn für den Pfaffen. Aber weder Zinskorn noch Zehntkorn wurden dadurch Ware, daß sie für andre produziert waren. Um Ware zu werden, muß das Produkt dem andern, dem es als Gebrauchswert dient, durch den Austausch übertragen werden.} Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert.“</ref> Im Tauschwert der Ware erscheint ihr abstrakter Wert.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 75: „Der Wert einer Ware ist selbständig ausgedrückt durch seine Darstellung als „Tauschwert“. Wenn es im Eingang dieses Kapitels in der gang und gäben Manier hieß: Die Ware ist Gebrauchswert und Tauschwert, so war dies, genau gesprochen, falsch. Die Ware ist Gebrauchswert oder Gebrauchsgegenstand und „Wert“. Sie stellt sich dar als dies Doppelte, was sie ist, sobald ihr Wert eine eigne, von ihrer Naturalform verschiedene Erscheinungsform besitzt, die des Tauschwerts, und sie besitzt diese Form niemals isoliert betrachtet, sondern stets nur im Wert- oder Austauschverhältnis zu einer zweiten, verschiedenartigen Ware. Weiß man das jedoch einmal, so tut jene Sprechweise keinen Harm, sondern dient zur Abkürzung.“</ref> Gemäß der Gebrauchswert-Tauschwert-Unterscheidung unterscheidet Marx auch verschiedene Arten von Arbeit. Konkrete Arbeit ist Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in einer bestimmten Form, die sinnlich wahrnehmbar ist und einen bestimmten Warenkörper hervorbringt.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 46–47.</ref> Werden zwei Arbeitsprodukte aber getauscht, dann werden sie als Wertdinge einander gleichgesetzt.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 47–48.</ref> Es wird dabei von ihren physischen Aspekten abstrahiert. Die Arbeit, von der im Falle der Arbeitsprodukte noch gesprochen werden kann, ist Verausgabung menschlicher Arbeitskraft unter Abstraktion von ihrer konkreten Form; die abstrakte Arbeit bildet die gemeinsame gesellschaftliche Substanz der Waren, die ihnen als Wertdingen zukommt.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 52: „Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten. Jedoch ist uns auch das Arbeitsprodukt bereits in der Hand verwandelt. Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir auch von den körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen. Es ist nicht länger Tisch oder Haus oder Garn oder sonst ein nützlich Ding. Alle seine sinnlichen Beschaffenheiten sind ausgelöscht. Es ist auch nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit. Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit. Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d. h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“</ref> Wertding zu sein, ist keine physische Eigenschaft einer einzelnen Ware, sondern ein rein soziales Konstrukt, das an der einzelnen Ware nicht fassbar ist, sondern nur in Beziehung zu anderer Ware erscheinen kann.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 62: „Die Wertgegenständlichkeit der Waren unterscheidet sich dadurch von der Wittib Hurtig, daß man nicht weiß, wo sie zu haben ist. Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein. Man mag daher eine einzelne Ware drehen und wenden, wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding. Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann.“</ref> Wert bzw. abstrakte Arbeit ist ein gesellschaftliches Geltungsverhältnis: in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Produkte auf dem Markt tauschen, stellen die Produzenten ihren gesellschaftlichen Zusammenhang über ihre Produkte her; erst im Tausch zeigt sich, ob die individuelle konkrete Arbeit Anteil an der Gesamtarbeit der Gesellschaft hat.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 48–49.</ref> Wie sehr die konkrete Arbeit eines Produzenten als wertbildende abstrakte Arbeit gilt, hängt von drei Reduktionen ab, die die Produzenten durch den Tausch vollziehen: die individuelle Arbeit eines Produzenten wird auf die normalen Produktionsbedingungen bzw. die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit reduziert; neben diesem technischen Aspekt hängt die Wertgröße auch vom zahlungskräftigen Bedürfnis der Gesellschaft ab; schließlich wird komplizierte Arbeit auf einfache Arbeit, die jedes durchschnittliche Individuum verrichten kann, reduziert und gilt wertbildender als die einfache Arbeit.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 49–50.</ref>
Marx kritisiert an den Klassikern nicht nur, dass sie das Wesen der abstrakten Arbeit nicht erkannt hätten, sondern auch, dass sie den Zusammenhang von Wert und Wertform nicht erfasst hätten.<ref>Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Oekonomie. Erstes Heft. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 13. Dietz Verlag, Berlin 1961, S. 42: „Da er [= Benjamin Franklin, d. V.] aber die im Tauschwert enthaltene Arbeit nicht als die abstrakt allgemeine, aus der allseitigen Entäußerung der individuellen Arbeiten entspringende gesellschaftliche Arbeit entwickelt, verkennt er notwendig Geld als die unmittelbare Existenzform dieser entäußerten Arbeit. Geld und Tauschwert setzende Arbeit stehen ihm daher in keinem innern Zusammenhange, sondern Geld ist vielmehr zur technischen Bequemlichkeit in den Austausch äußerlich hereingebrachtes Instrument.“</ref><ref>Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 26.2. Dietz Verlag, Berlin 1967, S. 161: „Die Gestalt nun – die besondere Bestimmung der Arbeit als Tauschwert schaffend oder in Tauschwerten sich darstellend –, den Charakter dieser Arbeit untersucht Ric[ardo] nicht. Er begreift daher nicht den Zusammenhang dieser Arbeit mit dem Geld oder, daß sie sich als Geld darstellen muß. Er begreift daher durchaus nicht den Zusammenhang zwischen der Bestimmung des Tauschwerts der Ware durch Arbeitszeit und der Notwendigkeit der Waren zur Geldbildung fortzugehn. Daher seine falsche Geldtheorie.“</ref> Während die Klassiker Geld als etwas behandeln, das die Warenbesitzer bewusst wählen, weil sie es nützlich finden, um den Warentausch zu erleichtern, fasst Marx Geld als etwas Notwendiges auf. Wert braucht eine angemessene Wertform. Geld ist die selbstständige Wertgestalt, die Wert als solchen verkörpert und als gesellschaftlich allgemeingültige Wertform dient.<ref>Michael Heinrich: Monetäre Werttheorie. Geld und Krise bei Marx. In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Heft 123, Nr. 2, 2001, S. 158–159.</ref> Erst mittels des Geldes können sich Waren als solche aufeinander beziehen; erst dadurch können die individuellen, konkreten Arbeiten als abstrakte Arbeit gelten und die atomisierten Warenproduzenten ihren gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen.<ref>Michael Heinrich: Monetäre Werttheorie. Geld und Krise bei Marx. In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 123. Nr. 2, 2001, S. 159–160.</ref> Marx nimmt an, dass Geld an eine Ware bzw. an Gold gebunden sein muss. Da seit der Auflösung des Bretton-Woods-Systems die Goldbindung aufgehoben ist, wird kritisiert, Marx werde in dieser Hinsicht seinem Anspruch, die wesentlichen Charakteristika der kapitalistischen Produktionsweise zu erfassen, nicht gerecht.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 67–68.</ref>
Die Ware wird dann zum Fetisch. Indem die Privatproduzenten einer arbeitsteiligen Gesellschaft ihre Produkte über einen Markt tauschen, übertragen sie den sozialen Charakter ihrer Arbeit auf Dinge und ihr gesellschaftliches Verhältnis wird ein Verhältnis zwischen Dingen; daher kommt es, dass diejenigen, die in dieser Praxis gefangen sind, Wert für eine dingliche Natureigenschaft einer Ware halten, bzw. ihnen alle Arbeitsprodukte überhistorisch als Waren gelten, unabhängig in welchem sozialen Kontext sie eigentlich erzeugt worden sind.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 70–72.</ref> Wert als soziales Verhältnis, das über Dinge vermittelt ist, wirkt aber insofern tatsächlich als eine objektive Gewalt, als dass sich der soziale Zusammenhang, in dem sich die Warenproduzenten befinden, verselbstständigt und seine Eigendynamik entwickelt hat, die sich dem Einzelnen gegenüber als Sachzwang durchsetzt: kein Einzelner kann die Entwicklung des Warenmarktes völlig sicher vorhersagen oder kontrollieren; jedoch muss sich der Einzelne dieser Entwicklung unterwerfen, denn von dieser hängt ab, ob und wie viele Waren, bzw. zu welchem Wert er diese absetzen kann.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 73.</ref> Auf dem Warenfetisch bauen der Geldfetisch und der Kapitalfetisch auf.
Nach Marx hängen eine entwickelte, verbreitete Warenproduktion und die kapitalistische Produktionsweise eng miteinander zusammen. Oberflächlich betrachtet erscheint die kapitalistische Wirtschaft als Zirkulation von Ware und Geld, welche die übliche Verkehrsform darstellt.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 79.</ref> Jemand produziert eine Ware, die für ihn kein Gebrauchswert ist, verkauft sie gegen Geld und kauft damit Waren, die er konsumieren will, so dass er sein Geld verausgabt hat.<ref name=":6">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 83.</ref> Der Vorgang findet sein Maß am Bedürfnis und sein Ende mit dessen Befriedigung.<ref name=":6" /> Diese einfache Warenzirkulation fasst Marx in der Formel W – G – W (Ware – Geld – Ware).<ref name=":6" /> Nach Marx können Wert und Geld als verselbständigte Form des Werts jedoch nur dann dauerhaft die Wirtschaft dominieren, wenn der Wert eine bestimmte Bewegung durchläuft, nämlich die Kapitalbewegung G – W – G‘ (Geld – Ware – mehr Geld).<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 81–82.</ref> Kapital ist prozessierender Wert bzw. Wert, der sich verwertet und dabei Geld- und Warenform annimmt.<ref name=":6" /> Im Gegensatz zur einfachen Zirkulation ist die Kapitalbewegung ohne immanentes Ende und ohne inneres Maß.<ref name=":7">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 84.</ref> Das Wertwachstum wird zum Selbstzweck.<ref name=":6" /> Kapitalistische Warenproduktion dient also primär der Kapitalverwertung und sekundär der Bedürfnisbefriedigung.<ref name=":7" /> Das Kapital bedarf dabei des Geldes: Die Bewegung beginnt und endet mit Geld; nur mittels des Geldes kann die Identität des Wertes mit sich selbst festgestellt werden.<ref>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 252–253.</ref>
Der Kapitalist als solcher leiht dem Kapital sein Bewusstsein und seinen Willen und wird so zum Träger der Bewegung; das Kapital seinerseits ist das automatische Subjekt: Es ist zwar leblos, aber leitet die Bewegung.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 84–86.</ref> Der Kapitalist muss nach einer größtmöglichen Verwertung seines Kapitals streben, um immer wieder die Mittel zu haben, mit denen er sein Unternehmen modernisieren kann; nur so kann er sich langfristig in der Konkurrenz als Kapitalist erhalten.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 85.</ref>
Die Differenz von G‘ und G nennt Marx Mehrwert. Der Begriff des Mehrwerts hat keine unmittelbare empirische Entsprechung; der Mehrwert erscheint in den Formen Profit, Zins und Grundrente.<ref>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 45.</ref> Diese Formen werden von Marx jedoch erst im dritten Band von Das Kapital behandelt. Das Fehlen eines allgemeinen Begriffes betrachtete Marx als Mangel der Klassiker.<ref>Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 26, Nr. 1. Dietz Verlag, Berlin 1965, S. 60: „Weil Adam [= Adam Smith, d. V.] zwar der Sache nach, aber nicht ausdrücklich in der Form einer bestimmten, von ihren besondren Formen unterschiednen Kategorie den Mehrwert entwickelt, wirft er ihn hernach direkt mit der weiterentwickelten Form des Profits unmittelbar zusammen. Dieser Fehler bleibt bei Ricardo und allen seinen Nachfolgern. Es entstehn daraus […] eine Reihe Inkonsequenzen, ungelöster Widersprüche und Gedankenlosigkeiten, die die Ricardians […] scholastisch durch Redensarten zu lösen suchen.“</ref> Im ersten Band setzt Marx zunächst voraus, dass in der Bewegung G – W – G‘ nur Wertäquivalente gegeneinander getauscht werden, und will erklären, wie Mehrwert möglich ist.<ref name=":8">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 87.</ref> Damit gesamtgesellschaftlich neuer Wert entstehen kann und nicht einfach bestehender Wert zwischen tauschenden Individuen umverteilt wird, muss der Kapitalist auf dem Markt eine Ware finden, die mehr Wert schafft, als sie selbst kostet: die menschliche Arbeitskraft.<ref name=":8" /> Es braucht dazu den doppelt freien Arbeiter: zwar darf er seine Arbeitskraft als Ware verkaufen und Verträge schließen, aber er ist auch frei von Subsistenzmitteln, so dass er seine Arbeitskraft an einen Kapitalisten verkaufen muss.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 88.</ref>
Der Arbeiter erhält nicht den gesamten Wert, den er schafft, sondern den Wert der Arbeitskraft.<ref name=":9">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 90.</ref> Dieser Wert ist gleich derjenigen Lebensmittelmenge, die als notwendig gilt, damit sich eine durchschnittliche Arbeitskraft reproduzieren kann. Der Ausdruck Lebensmittel ist hierbei in einem weiten Sinne zu verstehen: er meint nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Kleidung, Wohnung usw.<ref name=":9" /> Es geht nicht nur um das Nötige zur Erhaltung eines Individuums, sondern auch um das Nötige zur Erhaltung einer Arbeiterfamilie, denn die Klasse als solche muss sich reproduzieren können; ebenso gehören auch Bildungskosten für die heranwachsende Generation dazu.<ref name=":9" /> Was als notwendig gilt, hängt von historischen und moralischen Faktoren ab; das kann von Land zu Land und mit der Zeit variieren. Ferner hängt der Umfang auch davon ab, was die jeweilige Arbeiterklasse als notwendig geltend macht.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 91.</ref>
Das Klassenverhältnis, in dem eine Klasse nicht nur für sich selbst arbeitet, sondern auch ein Mehrprodukt schafft, das sich eine andere Klasse aneignet, nennt Marx Ausbeutung.<ref name=":16">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 13.</ref> Spezifisch für die Ausbeutung im Kapitalismus ist, dass der Arbeiter, im Gegensatz zum Sklaven oder einem leibeigenen Bauern, rechtlich frei und dem Kapitalisten gleichgestellt ist.<ref name=":16" /> Ihr Verhältnis ist jedoch durch Sachzwänge gekennzeichnet: der Arbeiter muss seine Arbeitskraft verkaufen, der Kapitalist muss die Arbeitskraft möglichst ausbeuten.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 15 und S. 18.</ref> Spezifisch ist auch, dass die Ausbeutung nicht primär am Gebrauchswert orientiert ist bzw. dem Konsum des Kapitalisten dient, sondern auf den Tauschwert bzw. auf größtmögliche Verwertung gerichtet ist.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 14–15.</ref> Zudem ist die kapitalistische Ausbeutung durch die Mystifikation der Lohnform schwerer erkennbar: aus den Produktionsverhältnissen selbst entspringt die gängige Vorstellung, wonach mit dem Lohn nicht der Wert der Arbeitskraft, sondern der „Wert der Arbeit“ gezahlt würde.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 94–96.</ref> „Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.“<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 562.</ref> Zu beachten ist, dass Marx keine moralischen Werturteile über den Kapitalisten fällen will. Bekommt der Arbeiter mit seinem Lohn den Wert der Arbeitskraft bezahlt, gilt diese Entlohnung den Regeln des Warentausches als angemessen.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 94.</ref> Somit unterscheidet sich Marx von den moralisierenden so genannten ricardianischen Sozialisten, wie etwa Thomas Hodgskin (1787–1869).<ref>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 61.</ref>
In seinen Frühschriften, unter anderem in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844), betont Marx den Aspekt der Entfremdung.<ref>Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: Karl Marx – Friedrich Engels – Werke. Ergänzungsband I. Dietz Verlag, Berlin/DDR 1968, S. 465–590 (mlwerke.de).</ref> Die Arbeiter würden dem Produkt ihrer Arbeit entfremdet, weil dieses, von den Kapitalisten angeeignet, die Form des Kapitals annehme, das die Arbeiter beherrsche. Wesentliche Potentiale und Entfaltungsmöglichkeiten des menschlichen „Gattungswesens“, das heißt der menschlichen Schaffensmöglichkeiten, würden so „pervertiert“ und durch eine subtile Form der Knechtschaft ersetzt, auch wenn diese auf einer scheinbaren, jedoch nur juristischen Freiheit beruhe. Arbeit sei im Kapitalismus nicht eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung, sondern durch den Lohnarbeiterstatus erzwungene Arbeit. Es ist umstritten, ob Marx' Entfremdungstheorie in Das Kapital noch relevant ist, da Marx schon vor dem Erscheinen seines Hauptwerkes mit der Annahme eines festen menschlichen Gattungswesens gebrochen hatte.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 19–20.</ref>
Die Grundlage der Mehrwertproduktion ist das industrielle Kapital. Während Marx im ersten Band von Das Kapital den unmittelbaren Produktionsprozess behandelt, erschließt er im zweiten Band die Einheit von Produktion und Zirkulation. Wie Marx im zweiten Band beschreibt, durchläuft das industrielle Kapital die Bewegung G – W … P … W‘ – G‘.<ref name=":10">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 131–132.</ref> In der ersten Zirkulationsphase G – W kauft der Kapitalist Waren bzw. Produktionsmittel und Arbeitskraft.<ref name=":10" /> Im Produktionsprozess überträgt der Arbeiter den Wert der Produktionsmittel auf die neue Warenmenge W‘ und schafft einen Neuwert.<ref name=":10" /> Der Neuwert umfasst einen Teil, der dem Lohn entspricht, und den anderen Teil eignet sich der Kapitalist beim Verkauf als Mehrwert an.<ref name=":11">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 99.</ref> Marx spricht daher im Falle der Produktionsmittel von konstantem Kapital und im Falle des Kapitals, das in Löhne investiert worden ist, von variablem Kapital, da es hier zu einer Wertänderung kommt.<ref name=":11" /> In der zweiten Zirkulationsphase W‘ – G‘ wird die höherwertige Warenmenge gegen mehr Geld verkauft, als ursprünglich vorgeschossen worden ist.<ref name=":10" /> Spezifisch für das industrielle Kapital ist der Formwandel: das Kapital startet als Geldkapital, erzeugt als produktives Kapital bzw. als Produktionsmittel und Arbeitskraft neuen Wert und geht zum Warenkapital über, das wieder zur Geldform zurückkehrt, so dass das Kapital sich verwertet hat und einen neuen Kreislauf beschreiten kann; in der Form des Handelskapitals und des zinstragenden Kapitals, die eigentümliche Kreisläufe durchlaufen, kann sich das Kapital den Mehrwert zwar aneignen, aber nicht erzeugen.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 133–134.</ref>
Der Verwertungsgrad wird mittels der Mehrwertrate m / v gemessen.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 100.</ref> Der Kapitalist versucht sein Kapital möglichst zu verwerten, indem er die Arbeitszeit verlängert (absoluter Mehrwert) oder die Produktivkraft der Arbeit erhöht (relativer Mehrwert).<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 102–107.</ref> Schießt er Mehrwert als Kapital vor, so spricht Marx von Akkumulation.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 122.</ref>
Die Profitform des Mehrwerts macht die Ausbeutung schwerer erkennbar. Marx unterscheidet im dritten Band von Das Kapital den Mehrwertbegriff vom Profitbegriff. Ersterer ist der Begriff seiner wissenschaftlichen Analyse, um ein gesellschaftliches Verhältnis bzw. um Ausbeutung aufzudecken. Mit dem Profitbegriff wird der Mehrwert m ins Verhältnis zum ganzen vorgeschossenen Kapital G bzw. c + v gesetzt.<ref name=":12">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 141–142.</ref> Zwar ist dem Kapitalisten klar, dass der Profit entsteht, indem er Arbeitskraft und Produktionsmittel anwendet, aber er glaubt, dass sowohl das konstante Kapital c als auch das variable Kapital v wertschaffend ist. Die Ansicht, dass das konstante Kapital Wert schafft, wird durch die Mystifikation des Lohnes begünstigt.<ref name=":12" /> Der Profitbegriff mystifiziert somit das Bewusstsein: in der Vorstellung wird der eigentliche Sachverhalt ins Gegenteil verkehrt und der Wertzuwachs erscheint als Frucht des Kapitals.<ref name=":12" />
Das Verhältnis der Einzelkapitale zum gesellschaftlichen Gesamtkapital untersucht Marx auf verschiedenen Ebenen. Im ersten Band betrachtet Marx das Gesamtkapital eher als Summe der Einzelkapitale.<ref>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 193.</ref> Indem die Einzelkapitale akkumulieren, akkumuliert das Gesamtkapital; ceteris paribus konzentriert der Kapitalist mehr Kapital bzw. Produktionsmittel und Arbeitskraft in seinen Händen; diese Konzentration ermöglicht, dass sich Teile eines Kapitals loslösen und eigenständig werden.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 653–654: „Jedes individuelle Kapital ist eine größere oder kleinere Konzentration von Produktionsmitteln mit entsprechendem Kommando über eine größere oder kleinere Arbeiterarmee. Jede Akkumulation wird das Mittel neuer Akkumulation. Sie erweitert mit der vermehrten Masse des als Kapital funktionierenden Reichtums seine Konzentration in den Händen individueller Kapitalisten, daher die Grundlage der Produktion auf großer Stufenleiter und der spezifisch kapitalistischen Produktionsmethoden. Das Wachstum des gesellschaftlichen Kapitals vollzieht sich im Wachstum vieler individuellen Kapitale. Alle andren Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt, wachsen die individuellen Kapitale, und mit ihnen die Konzentration der Produktionsmittel, im Verhältnis, worin sie aliquote Teile des gesellschaftlichen Gesamtkapitals bilden. Zugleich reißen sich Ableger von den Originalkapitalen los und funktionieren als neue selbständige Kapitale. Eine große Rolle spielt dabei unter anderem die Teilung des Vermögens in Kapitalistenfamilien. Mit der Akkumulation des Kapitals wächst daher auch mehr oder minder die Anzahl der Kapitalisten. Zwei Punkte charakterisieren diese Art Konzentration, welche unmittelbar auf der Akkumulation beruht oder vielmehr mit ihr identisch ist. Erstens: Die wachsende Konzentration der gesellschaftlichen Produktionsmittel in den Händen individueller Kapitalisten ist, unter sonst gleichbleibenden Umständen, beschränkt durch den Wachstumsgrad des gesellschaftlichen Reichtums. Zweitens: Der in jeder besondren Produktionssphäre ansässige Teil des gesellschaftlichen Kapitals ist verteilt unter viele Kapitalisten, welche einander als unabhängige und miteinander konkurrierende Warenproduzenten gegenüberstehn. Die Akkumulation und die sie begleitende Konzentration sind also nicht nur auf viele Punkte zersplittert, sondern das Wachstum der funktionierenden Kapitale ist durchkreuzt durch die Bildung neuer und die Spaltung alter Kapitale. Stellt sich die Akkumulation daher einerseits dar als wachsende Konzentration der Produktionsmittel und des Kommandos über Arbeit, so andrerseits als Repulsion vieler individueller Kapitale voneinander.“</ref> Sie bilden somit das Material für die Zentralisation: indem die Kapitale miteinander konkurrieren und dabei das Kreditsystem nutzen, treiben sie die Verschmelzung der Kapitale an.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 654–655: „Die Gesetze dieser Zentralisation der Kapitale oder der Attraktion von Kapital durch Kapital können hier nicht entwickelt werden. Kurze tatsächliche Andeutung genügt. Der Konkurrenzkampf wird durch Verwohlfeilerung der Waren geführt. Die Wohlfeilheit der Waren hängt, caeteris paribus, von der Produktivität der Arbeit, diese aber von der Stufenleiter der Produktion ab. Die größeren Kapitale schlagen daher die kleineren. Man erinnert sich ferner, daß mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise der Minimalumfang des individuellen Kapitals wächst, das erheischt ist, um ein Geschäft unter seinen normalen Bedingungen zu betreiben. Die kleineren Kapitale drängen sich daher in Produktionssphären, deren sich die große Industrie nur noch sporadisch oder unvollkommen bemächtigt hat. Die Konkurrenz rast hier im direkten Verhältnis zur Anzahl und im umgekehrten Verhältnis zur Größe der rivalisierenden Kapitale. Sie endet stets mit Untergang vieler kleineren Kapitalisten, deren Kapitale teils in die Hand des Siegers übergehn, teils untergehn. Abgesehn hiervon bildet sich mit der kapitalistischen Produktion eine ganz neue Macht, das Kreditwesen, das in seinen Anfängen verstohlen, als bescheidne Beihilfe der Akkumulation, sich einschleicht, durch unsichtbare Fäden die über die Oberfläche der Gesellschaft in größern oder kleinern Massen zersplitterten Geldmittel in die Hände individueller oder assoziierter Kapitalisten zieht, aber bald eine neue und furchtbare Waffe im Konkurrenzkampf wird und sich schließlich in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Zentralisation der Kapitale verwandelt.“</ref> Im zweiten Band stellt Marx fest, dass das Gesamtkapital durch die Einzelkapitale gebildet wird, die über die Warenzirkulation miteinander verbunden sind; damit sich das Gesamtkapital reproduzieren bzw. akkumulieren kann, müssen die Elemente des Gesamtproduktes in bestimmten quantitativen und Wertverhältnissen zueinander stehen.<ref name=":13">Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 194.</ref> Im dritten Band beschreibt er, wie dadurch, dass die Einzelkapitale miteinander konkurrieren, die einzelnen Profitraten dazu tendieren, sich zu einer allgemeinen bzw. durchschnittlichen Profitrate auszugleichen.<ref name=":13" /> Wenn es möglich ist, wird Kapital dorthin fließen, wo die Verwertungsbedingungen besser sind. Es wird aus Branchen mit schlechteren Verwertungsbedingungen abgezogen, so dass dort der Konkurrenzdruck abnimmt und die Preise steigen können; es fließt in Branchen mit besseren Verwertungsbedingungen, wodurch der Konkurrenzdruck zunimmt und die Preise sinken.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 144–145.</ref>
Im ersten und zweiten Band von Das Kapital setzte Marx voraus, dass Waren gemäß ihrer Werte getauscht werden. Die allgemeine Profitrate, die Marx im dritten Band entwickelt, impliziert jedoch zweierlei: einerseits ist es so, dass Preise typischerweise nicht den Wert einer Ware adäquat ausdrücken; andererseits ergibt sich, dass die Gesamtmasse des Mehrwerts zwischen den Kapitalisten umverteilt wird. Jeder Kapitalist bekommt einen Profit, dessen Größe davon abhängt, wie viel Kapital der betreffende Kapitalist angewandt hat.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 145–146.</ref> Marx‘ Versuch, Werte in Produktionspreise umzurechnen, wird bis heute als Transformationsproblem diskutiert.
Marx‘ Studien des Kreditsystems sind unfertig.<ref>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 284–285.</ref> Es wird aber im dritten Band von Das Kapital deutlich, dass er dem Kreditsystem eine zentrale Rolle zukommen lässt. Das wachsende Kreditsystem aus Banken und Kapitalmärkten vermittelt die Bewegung des zinstragenden Kapitals.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 158.</ref> Es bestimmt strukturell die Akkumulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals: die Kreditmittel sind wichtig, damit der gesamtgesellschaftliche Mehrwert realisiert werden kann; das Kreditsystem ermöglicht es dem einzelnen Kapitalisten, über seine eigenen finanziellen Grenzen hinauszugehen, schneller zu akkumulieren und in neue Produktionsweisen zu investieren; schließlich wird auch der Mechanismus, der zur allgemeinen Profitrate führt, vor allem durch Kreditflüsse zwischen verschiedenen Branchen vermittelt.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 165–168.</ref> Marx' Ansatz widerspricht somit der Annahme, dass Geld neutral ist.<ref>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 300.</ref>
Während sich moderne ökonomische Theorien, wie etwa Theorien neoklassischer Art, oft an Gleichgewichtsmodellen orientieren, scheint die Dichotomie von Gleichgewicht und Ungleichgewicht auf Marx‘ Kapitalauffassung nicht anwendbar zu sein.<ref name=":14">Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 313–315.</ref> Die Kapitaldynamik, die zu endloser und maßloser Verwertung tendiert, bewegt die Kapitalisten zur Steigerung des absoluten Mehrwerts und zur Steigerung des relativen Mehrwerts.<ref name=":14" /> Letzteres impliziert eine steigende Mehrwertrate und eine steigende Kapitalzusammensetzung, die zwei wichtige Faktoren für das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate darstellen.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 148–151.</ref> Dieses Gesetz wird oft als Kern Marxscher Krisentheorie behandelt. Auch unabhängig von diesem Gesetz finden sich in Das Kapital verstreute Bemerkungen über Krisen, aufgrund derer sich dafür argumentieren lässt, dass die kapitalistische Produktionsweise notwendig zu Krisen tendiert.<ref>Michael Heinrich: Monetäre Werttheorie. Geld und Krise bei Marx. In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Heft 123, Nr. 2, 2001, S. 170.</ref> Das Saysche Theorem kritisierend erblickt Marx bereits in der Existenz des Geldes die Möglichkeit der Krise, indem Geld als Schatz festgehalten und die Warenzirkulation unterbrochen wird: nach dem Tauschakt W – G wird Geld festgehalten, ohne dass damit wieder gekauft wird.<ref>Michael Heinrich: Monetäre Werttheorie. Geld und Krise bei Marx. In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Heft 123, Nr. 2, 2001, S. 160., Online frei zugängliche PDF.</ref> Die Steigerung des relativen Mehrwerts tendiert dazu, krisenhaft zu verlaufen. Die konkurrierenden Kapitalisten streben nach Extraprofit und steigern dazu vor allem mittels neuer Maschinensysteme die Produktivkraft der Arbeit, wodurch sie typischerweise mehr als zuvor produzieren. Die Konsumtion wird hingegen systematisch beschränkt: die Logik der Profitmaximierung verlangt eine Minimierung der Arbeitskosten bzw. der Löhne und damit der Massennachfrage; zudem investieren Kapitalisten nur dann in neue Produktionsmittel, wenn sie sich davon Profit erhoffen und diese Investition profitabler erscheint, als das betreffende Kapital als zinstragendes Kapital anzuwenden. Somit sind Produktion und Konsumtion gegensätzlich bestimmt, woraus eine Tendenz zur Überproduktion entspringt.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 170–173.</ref>
Nach Marx sind die ökonomischen Formen wie Kapital, Geld, Ware und Lohnarbeit nicht von überhistorischer Gültigkeit. Bereits in vorneuzeitlichen Gesellschaften gab es Menschen, die eine Wertsumme gewinnbringend einsetzten. Das betraf eher das zinstragende und das Handelskapital. Dass Produktion und Handel überwiegend gewinnorientiert betrieben werden, ist hingegen primär ein Phänomen der Neuzeit.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 15–16.</ref> Es gilt nicht überhistorisch, dass jedes Arbeitsprodukt eine Ware ist. In frühmittelalterlichen Gesellschaften etwa produzierten viele Menschen primär für den Eigenbedarf oder für Abgaben an den Grundherren und kaum, um ihre Produkte auf einem Markt zu tauschen.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 37.</ref> Die Existenz von Warenproduktion und -zirkulation wie auch die Verwendung von Geld erfordern nicht, dass die meisten Arbeitsprodukte einer Gesellschaft Waren sind. Es brauchte noch den doppelt freien Arbeiter.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 184: „Seine [= des Kapitals, d. V.] historischen Existenzbedingungen sind durchaus nicht da mit der Waren- und Geldzirkulation. Es entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschließt eine Weltgeschichte. Das Kapital kündigt daher von vornherein eine Epoche des gesellschaftlichen Produktionsprozesses an.“</ref> Erst damit nehmen die meisten Arbeitsprodukte Warenform an.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 184: „Was also die kapitalistische Epoche charakterisiert, ist, daß die Arbeitskraft für den Arbeiter selbst die Form einer ihm gehörigen Ware, seine Arbeit daher die Form der Lohnarbeit erhält. Andrerseits verallgemeinert sich erst von diesem Augenblick die Warenform der Arbeitsprodukte.“</ref> Marx nannte den Prozess, der den doppelt freien Arbeiter hervorbrachte, ursprüngliche Akkumulation. Er skizzierte diese am Beispiel Englands. Feudalherren verdrängten Bauern vom Land, um Schafzucht zu betreiben. Der Staat half mit Gesetzen, Enteignete an die Disziplin der Fabrik zu gewöhnen.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 209–210.</ref> Die Mystifikationen und Fetischismen hängen zusammen und gipfeln in der trinitarischen Formel.<ref>Karl Marx: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 181.</ref> Die Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital erscheinen als voneinander unabhängige Wertquellen: demnach erzeugt die Arbeit den Lohn, das Kapital den Profit und der Boden die Grundrente.<ref name=":15">Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 183–185.</ref> Wer über diese Wertquellen verfügt, kann sich einen Teil des gesellschaftlichen Wertproduktes aneignen und bekommt meist das, was sein Faktor an Wert abgegeben hat.<ref name=":15" /> Die für die kapitalistische Produktionsweise charakteristischen ökonomischen Formen Ware, Lohnarbeit, Kapital und Grundbesitz erscheinen als überhistorische Formen menschlichen Wirtschaftens.<ref name=":15" /> Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden somit verdinglicht. Erde und Kapital werden lebendige gesellschaftliche Akteure.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Buch III: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 25. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 838: „Im Kapital – Profit, oder noch besser Kapital – Zins, Boden – Grundrente, Arbeit – Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenhang der Bestandteile des Werts und des Reichtums überhaupt mit seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmtheit vollendet: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame Ia Terre als soziale Charaktere, und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben.“</ref>
Die Arbeiterklasse kann ihren Lebensstandard steigern, indem sie sich organisiert und die Produktivitätssteigerungen für höhere Reallöhne nutzt oder z. B. dadurch, dass sie die Arbeitszeit durch einen gesetzlichen Normalarbeitstag begrenzt.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 117–120.</ref><ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 315–320.</ref> Die kapitalistische Produktionsweise besitzt aber Mechanismen, die die Lohnhöhe zugunsten des Kapitals regulieren.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 124–125.</ref> Zudem stellen Krisen die Errungenschaften der Arbeiterklasse bzw. des Staates immer wieder in Frage.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 173.</ref> Schließlich tendieren die kapitalistische Produktionsweise und deren Imperativ der Profitmaximierung dazu, ihre eigenen Fundamente, die Natur und den Arbeiter, zu untergraben, indem sie beide frühzeitig erschöpfen, wenn sie nicht daran gehindert werden.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 115–116.</ref>
Der grenzenlose Ausdehnungsdrang des Kapitals, der die Bourgeoisie „über die ganze Erdkugel jagt“, sei letztlich nichts als eine verzweifelte Flucht nach vorn, um den der kapitalistischen Gesellschaft systematisch inhärenten Widersprüchen durch Eroberung neuer Märkte zu entkommen. Mit dem letztlich unausweichlichen Unerträglichwerden dieser Widersprüche schlage schließlich die weltgeschichtliche Stunde der sozialistischen Revolution durch das Proletariat. Das Kapital, so Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei (1848), produziere seine eigenen „Totengräber“. Die Grundlagen einer neuen Gesellschaftsordnung legt die kapitalistische Produktionsweise selbst: im Zuge der Kapitalzentralisation entstehen Produktionsmittel, die nur kollektiv genutzt werden können, die Arbeitsteilung wird global und die Wissenschaft zur gesellschaftlichen Produktivkraft.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 790: „Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes.“</ref> In Aktiengesellschaften und Genossenschaften erblickt Marx assoziative Besitzformen und somit Übergangsphänomene, in denen der Privatbesitz an Kapital unter kapitalistischen Verhältnissen überwunden ist.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Buch III: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 25. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 452: „Bildung von Aktiengesellschaften. Hierdurch: 1. Ungeheure Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion und Unternehmungen, die für Einzelkapitale unmöglich waren. Solche Unternehmungen zugleich, die früher Regierungsunternehmungen waren, werden gesellschaftliche. 2. Das Kapital, das an sich auf gesellschaftlicher Produktionsweise beruht und eine gesellschaftliche Konzentration von Produktionsmitteln und Arbeitskräften voraussetzt, erhält hier direkt die Form von Gesellschaftskapital (Kapital direkt assoziierter Individuen) im Gegensatz zum Privatkapital, und seine Unternehmungen treten auf als Gesellschaftsunternehmungen im Gegensatz zu Privatunternehmungen. Es ist die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst.“</ref><ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Buch III: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 25. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 456: „Die Kooperativfabriken der Arbeiter selbst sind, innerhalb der alten Form, das erste Durchbrechen der alten Form, obgleich sie natürlich überall, in ihrer wirklichen Organisation, alle Mängel des bestehenden Systems reproduzieren und reproduzieren müssen. Aber der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist innerhalb derselben aufgehoben, wenn auch zuerst nur in der Form, daß die Arbeiter als Assoziation ihr eigner Kapitalist sind, d. h. die Produktionsmittel zur Verwertung ihrer eignen Arbeit verwenden. Sie zeigen, wie, auf einer gewissen Entwicklungsstufe der materiellen Produktivkräfte und der ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsformen, naturgemäß aus einer Produktionsweise sich eine neue Produktionsweise entwickelt und herausbildet. Ohne das aus der kapitalistischen Produktionsweise entspringende Fabriksystem könnte sich nicht die Kooperativfabrik entwickeln und ebensowenig ohne das aus derselben Produktionsweise entspringende Kreditsystem. Letztres, wie es die Hauptbasis bildet zur allmählichen Verwandlung der kapitalistischen Privatunternehmungen in kapitalistische Aktiengesellschaften, bietet ebensosehr die Mittel zur allmählichen Ausdehnung der Kooperativunternehmungen auf mehr oder minder nationaler Stufenleiter. Die kapitalistischen Aktienunternehmungen sind ebensosehr wie die Kooperativfabriken als Übergangsformen aus der kapitalistischen Produktionsweise in die assoziierte zu betrachten, nur daß in den einen der Gegensatz negativ, und in den andren positiv aufgehoben ist.“</ref> Die kommunistische Gesellschaft wird ein „Verein freier Menschen“, die ihre gesellschaftlichen Produktionsmittel dazu nutzen, um nach ihren Bedürfnissen und nach einem gemeinsamen Plan zu produzieren und ihr Produkt untereinander zu verteilen.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 92–93: „Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. […] Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten. Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.“</ref> Dieser Verein emanzipiert sich von Klassenverhältnissen und überwindet die ökonomischen Formen Ware, Geld und Kapital samt deren Fetischismen: die Gesellschaftsmitglieder bestimmen ihren gesellschaftlichen Zusammenhang selbst, anstatt diesem Zusammenhang als verselbständigtem Sachzwang gegenüberzustehen.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 226–227.</ref> Marx betont die allseitige Bildung der Arbeiter und einen hohen Stand der Technik und Wissenschaft bzw. Produktivität der Genossenschaften als Fundamente der neuen Gesellschaft.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 229–230.</ref>
Marx ging es in Das Kapital nicht um eine Periodisierung.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 27–30 und S. 223–224.</ref><ref name=":5" /> In marxistischer Tradition wird der Kapitalismus in die Phasen Früh- oder Übergangskapitalismus, Konkurrenzkapitalismus, Monopolkapitalismus, Imperialismus unterteilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spalteten sich die „Schulen“ in Staatsmonopolistischer Kapitalismus (orthodoxer Marxismus) und Spätkapitalismus (westlicher Marxismus).
Entgegen seinem Sechs-Bücher-Plan in Zur Kritik der Politischen Oekonomie. Erstes Heft schrieb Marx selbst kein Buch über die Rolle des Staates; Ansätze einer Staatstheorie entwickelte erst Friedrich Engels (1820–1895), etwa in Anti-Dühring und Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats.<ref>Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 202.</ref>
Neoklassische Theorie
Die Neoklassische Theorie hat wesentliche Grundlagen der modernen Wirtschaftswissenschaft entwickelt. Diese geht davon aus, dass die wirtschaftlichen Akteure sich rational verhalten (Modell des sog. Homo oeconomicus) und versuchen, ihren eigenen Nutzen zu maximieren. Dieser Nutzen muss dabei nicht zwangsläufig monetärer Nutzen, also finanzieller Gewinn sein. Es kann sich ebenso gut um einen Zugewinn an emotionalem Nutzen (also Glück und Fröhlichkeit), Zugewinn an Rechten und Einfluss, an ideellem Nutzen oder Ähnliches sein. Durch diese Ausrichtung am ökonomischen Prinzip kann der Markt – unter sehr restriktiven und oft nicht realistisch vorhandenen Annahmen – für eine optimale Verteilung knapper Ressourcen sorgen. Voraussetzungen für einen Markt, der optimal funktioniert, sind beispielsweise vollständige Information, atomistische Akteure und Freiwilligkeit der Teilnahme am Markt. Sind diese Annahmen nicht erfüllt, so sagt die Neoklassische Theorie ein sogenanntes Marktversagen voraus.
Historische Schule
Ältere Historische Schule
Die ab 1850 in Deutschland aufkommende Historische Schule der Nationalökonomie lehnt die auf die Klassische Nationalökonomie und den Rationalismus zurückgehende Vorstellung von allgemein geltenden Wirtschaftsgesetzen ab, sondern sucht stattdessen ihre – oft auch soziologischen – Erkenntnisse durch die Herausarbeitung von historischen Entwicklungsgesetzen zu untermauern. Die allgemeinen Gesetze der Klassischen Nationalökonomie hätten nur Gültigkeit für das kapitalistische Wirtschaftssystem.
Ihre wichtigsten Vertreter sind Wilhelm Roscher, Bruno Hildebrand und Gustav von Schmoller.
Jüngere Historische Schule
Georg Friedrich Knapp unterscheidet den Kapitalismus durch das Aufkommen von Großbetrieben von früheren Wirtschaftsepochen.
Karl Bücher beschreibt in seiner klassisch gewordenen Entstehung der Volkswirtschaft (1917) Kapitalismus als die Wirtschaftsepoche, bei der alle ökonomischen Verhältnisse über ihre Beziehung zum Kapital definiert werden. Werner Sombart wandte sich in der zweiten Auflage von Der moderne Kapitalismus entschieden gegen diese Charakterisierung. Richard Passow wandte ein, dass dies dem üblichen wirtschaftswissenschaftlichen Gebrauch zuwiderlaufe.<ref name="HdWW" />
Jüngste oder Dritte Historische Schule
Die sogenannte Jüngste Historische Schule charakterisiert den Kapitalismus über eine auftretende kapitalistische Gesinnung und begründete die soziologische Untersuchung des Kapitalismus.
Werner Sombart sah diese Gesinnung in Erwerbsprinzip, Rationalität und Individualismus manifestiert. Er entwarf in Der moderne Kapitalismus (1902) die verbreitete Einteilung des Kapitalismus in die Entwicklungsphasen Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus. Im Spätkapitalismus sah er in den zunehmenden Staatseingriffen erste Anzeichen eines Entwicklungsgesetzes hin zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Von ihm stammt der später von Joseph Schumpeter verbreitete Begriff der „schöpferischen Zerstörung“.<ref>Werner Sombart: Krieg und Kapitalismus. München 1913, S. 207.</ref>
Max Weber versteht und erklärt den Kapitalismus als okzidentalen Rationalismus und stellt das in allen Gesellschaftsebenen umgreifende Rationalitätsstreben in den Mittelpunkt.<ref>In: Hans-Peter Müller: Max Weber. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2007.</ref> Alle Entscheidungen im kapitalistischen System basieren auf Nutzen- bzw. Gewinnmaximierung. Dabei kann ein soziales Handeln unterstellt werden, das zweckrational orientiert ist. „Kapitalistische Wirtschaftsakte“ sind bestimmt durch „Erwartung von Gewinn durch Ausnützung von Tausch-Chancen“.<ref>Hans-Peter Müller: Max Weber: eine Einführung in sein Werk. UTB 2007, ISBN 3-8252-2952-1, S. 79</ref>
Der Staat, die Bürokratie und das Recht geben dem aufkommenden (Früh-)Kapitalismus für seine Entfaltung eine gefestigte gesellschaftliche Form. Religion in Gestalt von Kultur als soziales Handeln ist dabei die stärkste Macht hinsichtlich rational-methodischer Lebensführung.
Weber stellt in seinem Buch Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus die These auf, dass der Kapitalismus in Nordwesteuropa und den USA aus religiösen Gründen entstanden sei und eine – im geistigen Sinne – Weiterentwicklung der Reformationsbewegung darstelle (vgl. das protestantische Arbeitsethos und die protestantische Ethik allgemein). Da dies für Japan nicht haltbar war, untersuchte Weber die (funktional entsprechende) Rolle der Samurai.
Sombart hingegen sieht in der Ausbreitung des Luxus die wesentliche Ursache für die Entstehung des Kapitalismus: In Liebe, Luxus und Kapitalismus. Über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung (zweite Auflage 1922; Titel der ersten Auflage 1913: Luxus und Kapitalismus) führt er Umwälzungen in der europäischen Gesellschaft seit den Kreuzzügen auf eine Veränderung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander („Säkularisation der Liebe“: Trennung von Liebe und Ehe) zurück, was wiederum eine veränderte (zunehmend luxuriöse) Lebensführung der herrschenden Klassen zur Folge gehabt habe. Um die stark zunehmende Nachfrage nach Luxusgütern zu befriedigen, seien in vielen zentralen Industriebereichen kapitalistische bzw. großbetriebliche Produktionsweisen entstanden.
Arthur Spiethoff bezog eine vermittelnde Position („anschauliche Theorie“) zwischen der historisierenden Charakterisierung des Kapitalismus in der Historischen Schule und der reinen Theorie der klassischen und neoklassischen Nationalökonomie.
Österreichische Schule
Ältere und jüngere Österreichische Schule
Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich in Wien um Carl Menger die Österreichische Schule. Diese lehnte geschichtsrelativistische und geschichtsdeterministische Kapitalismustheorien ab. Ökonomische Gesetze gelten für sie immer und überall und ergeben sich aus der Knappheit der Güter und der subjektiven Beziehung der Menschen zu jenen.
Die Österreichische Schule lehnt den Homo oeconomicus der Klassischen Nationalökonomie als unrealistisch ab und bezieht auch außerwirtschaftliche Ziele in ihre Theorie ein.<ref>Ludwig von Mises: Human Action – A Treatise on Economics. 1. Auflage. Ludwig von Mises Institute, Auburn (Alabama) 2007, ISBN 978-0-945466-24-6, S. 62–64 (mises.org [PDF; 55,7 MB] Erstausgabe: 1948).</ref> Staatsinterventionismus in das Wirtschaftssystem wird generell abgelehnt (Ölflecktheorem).
Ludwig von Mises hielt den Kapitalismus für das einzig logisch mögliche Wirtschaftssystem. Der Sozialismus sei nicht funktionsfähig aufgrund der Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus. Mises schreibt: „Die Wirtschaftsforschung hat den Beweis erbracht, dass keine andere denkbare Wirtschaftsordnung den gleichen Grad von Prosperität erreichen könnte wie der Kapitalismus. Sie hat alle zugunsten von Sozialismus und Interventionismus vorgebrachten Beweisgründe völlig zu entkräften gewußt.“<ref>Mises, Ludwig von. 1957. „Die Wahrheit über den Interventionismus“. Monatsblätter für freiheitliche Wirtschaftspolitik, 3:10 (Okt. 1957) 599–607. S. 600. Siehe new.mises.de/public_home/article/287</ref>
Für Österreichische Ökonomen ist das Gewinnstreben der kapitalistischen Gesellschaft kein charakteristisches Merkmal, da für die Produktion zur Bedürfnisbefriedigung eine Wertsteigerung der entsprechenden Güter angestrebt werden muss, d. h. zwischen der „kapitalistischen“ Produktion für Profit und der „sozialistischen“ Produktion für Bedürfnisse gibt es keinen Unterschied.<ref>Ludwig Pohle, Georg Halm: Kapitalismus und Sozialismus. Julius Springer, Berlin 1931, S. 12 ff. Mises: Socialism: An Economic and Sociological Analysis, 5: Profitability and Productivity. Liberty Fund, Indianapolis 1981</ref> Der Unterschied bestehe nur darin, dass im Kapitalismus „Gewinn“ durch sinnvolle Kostenrechnung erst rational erzielbar wird.
Nach Mises ergibt sich der Gewinn des Unternehmers daraus, dass er die zukünftigen Bedürfnisse der Verbraucher besser vorhersieht als seine Konkurrenten und sein Kapital dementsprechend einsetzt.<ref>Ludwig von Mises: Human Action – A Treatise on Economics. 1. Auflage. Ludwig von Mises Institute, Auburn (Alabama) 2007, ISBN 978-0-945466-24-6, S. 292, 536 (mises.org [PDF; 55,7 MB] Erstausgabe: 1948).</ref> Zur Monopolbildung vertrat Mises, dass Monopole in einer freien Marktwirtschaft nicht entstehen können bzw. nicht von Dauer seien. Monopole entstünden immer nur durch staatliche Intervention.<ref>Ludwig von Mises: Liberalismus. 1927, S. 80 ff.</ref>
Die bedeutendsten Vertreter der Österreichischen Schule sind Ludwig von Mises (Human Action (1949)) und der Nobelpreisträger Friedrich von Hayek. Der Thatcherismus beruht in Teilen auf Hayeks Analyse (The Road to Serfdom (1944)).
Joseph Schumpeter
Joseph Alois Schumpeter (1883–1950) definierte einen funktionierenden Kapitalismus als das „liberale Modell einer interventionsfreien Wirtschaft, in der nur die Gesetze des freien Marktes gelten und in der keine monopolistischen Strukturen bestehen, denen es möglich ist, mithilfe der Staatsmacht partielle Interessen auf Kosten der Allgemeinheit durchzusetzen.“<ref>Joseph Schumpeter: Aufsätze zur Soziologie. Tübingen 1953.</ref>
Als zentralen Impuls der kapitalistischen Wirtschaft betrachtete Schumpeter den Unternehmer. Die Unternehmerfunktion besteht nur darin, Innovationen einzuführen.<ref>Kerstin Burmeister: Die Vorstellungen Joseph Alois Schumpeters vom dynamischen Unternehmer. In: Francesca Schinzinger (Hrsg.): Unternehmer und technischer Fortschritt. Harald Boldt Verlag im R. Oldenbourg Verlag, München 1996, S. 25–30.</ref><ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 111: „Unternehmung nennen wir die Durchsetzung neuer Kombinationen und auch deren Verkörperungen in Betriebsstätten usw., Unternehmer die Wirtschaftssubjekte, deren Funktion die Durchsetzung neuer Kombinationen ist und die dabei das aktive Element sind.“</ref> Der Unternehmer als solcher muss kein Kapitalbesitzer sein, der sein eigenes Vermögen riskiert; er muss auch nicht aus einer bestimmten Klasse kommen und ist auf keine Gesellschaftsform festgelegt.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 111: „[…] wir nennen Unternehmer erstens nicht bloß jene „selbständigen“ Wirtschaftssubjekte der Verkehrswirtschaft, die man so zu nennen pflegt, sondern alle, welche die für den Begriff konstitutive Funktion tatsächlich erfüllen, auch wenn sie, wie gegenwärtig immer häufiger, „unselbständige“ Angestellte einer Aktiengesellschaft — aber auch Privatfirma —, wie Direktoren, Vorstandsmitglieder usw. sind […] Wir sprechen zweitens von Unternehmern nicht bloß für jene historischen Epochen, in denen es Unternehmer als besondere soziale Erscheinung gibt, sondern wir knüpfen Begriff und Namen an die Funktion und an alle Individuen, die diese in irgendeiner Gesellschaftsform tatsächlich ausfüllen, seien sie auch Organe einer sozialistischen Gemeinschaft oder Herren eines Fronhofes oder Häuptlinge eines primitiven Stammes.“</ref> Er muss auch kein Erfinder sein.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 129: „Die Funktion des Erfinders oder überhaupt Technikers und die des Unternehmers fallen nicht zusammen. Der Unternehmer kann auch Erfinder sein und umgekehrt, aber grundsätzlich nur zufälligerweise. Der Unternehmer als solcher ist nicht geistiger Schöpfer der neuen Kombinationen, der Erfinder als solcher weder Unternehmer noch Führer anderer Art.“</ref> Zu den Innovationen zählen im Wesentlichen neue Waren, neue Produktionsweisen, neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte sowie die Neuordnung einer Industrie, wie z. B. durch Herstellung oder Zerbrechen eines Monopols.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 100–101.</ref>
Schumpeter fasste Kapital monetär auf.<ref>Bärbel Näderer: Die Entwicklung der Geldtheorie Joseph A. Schumpeters. Statische und dynamische Theorie des Geldes im kapitalistischen Marktsystem (Volkswirtschaftliche Schriften, Heft 398). Duncker & Humblot, Berlin 1990, S. 90–93.</ref> Kapital besteht in Zahlungsmitteln, mit denen der Unternehmer die Güter auf dem Markt kauft, die er für seine Unternehmung braucht. Das können beispielsweise Land, Rohstoffe, Maschinen oder Arbeitsleistungen sein.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 166.</ref> Die gekauften Güter hingegen sind kein Kapital.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 167: „Das Kapital einer Unternehmung ist aber auch nicht der Inbegriff aller ihren Zwecken dienenden Güter. Denn das Kapital steht der Güterwelt gegenüber: Es werden Güter für Kapital gekauft - „Kapital wird in Gütern investiert“ -, aber eben darin liegt die Erkenntnis, daß seine Funktion eine von der der erworbenen Güter verschiedene ist. […] Das Kapital ist das Mittel der Güterbeschaffung.“</ref> Geld ist demnach nicht bloßes Tauschmittel, sondern erlangt Kapitalfunktion.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 172–173: „In einer entwicklungslosen Volkswirtschaft gibt es danach kein „Kapital“ oder, anders gesagt, das Kapital erfüllt seine charakteristische Funktion nicht, ist kein selbständiges Agens, sondern verhält sich neutral. Oder, noch anders, die verschiedenen Formen allgemeiner Kaufkraft erscheinen nicht unter dem Aspekte, den das Wort Kapital verkörpert: Sie sind einfach Tauschmittel, technische Mittel zur Durchführung der gewöhnlichen Umsätze. Damit ist ihre Rolle hier erschöpft — sie haben keine andre als diese technische Rolle, so das man von ihnen absehen kann, ohne etwas sehr Wesentliches zu übersehen. Bei der Durchsetzung neuer Kombinationen werden Geld und seine Surrogate aber zu einem wesentlichen Faktor, und das drücken wir eben aus, indem wir sie nun als Kapital bezeichnen.“</ref> Kapital ist ebenso ein Herrschaftsmittel: es ist nichts weiter als der Hebel des Unternehmers, um diese Güter zu beherrschen.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 165: „Das Kapital ist nichts andres als der Hebel, der den Unternehmer in den Stand setzen soll, die konkreten Güter, die er braucht, seiner Herrschaft zu unterwerfen, nichts andres als ein Mittel, über Güter zu neuen Zwecken zu verfügen oder als ein Mittel, der Produktion ihre neue Richtung zu diktieren. Das ist die einzige Funktion des Kapitals und mit ihr ist seine Stellung im Organismus der Volkswirtschaft gekennzeichnet.“</ref>
Dass Innovationen über einen Markt vermittelt werden, ist ein spezifisches Merkmal der kapitalistischen Wirtschaftsform.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 165: „Jene Wirtschaftsform, in der die für neue Produktionen nötigen Güter ihren Bestimmungen im Kreislauf durch die Intervention der Kaufkraft entzogen werden, d. h. durch Kauf auf dem Markte, ist die k a p i t a l i s t i s c h e Wirtschaft, während jene Wirtschaftsformen, in denen das durch irgendeine Befehlsgewalt oder durch Vereinbarung aller Beteiligten geschieht, die k a p i t a l l o s e Produktion darstellen.“</ref> Spezifisch ist auch der Umstand, dass mittels Kredit die zur Innovation erforderlichen Güter transferiert werden.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 104–105: „Diesen Kredit bereitzustellen ist offenbar die Funktion jener Kategorie von Wirtschaftssubjekten, die man „Kapitalisten“ nennt. Ebenso offenbar ist das die der „kapitaiistischen“ [sic] Wirtschaftsform eigene Methode — und wichtig genug, um als ihre differentia specifica zu dienen — die Volkswirtschaft in neue Bahnen zu zwingen, ihre Mittel neuen Zielen dienstbar zu machen, im Gegensatz zur Methode der geschlossenen oder Planwirtschaft jeder Art, die einfach in der Ausübung der Befehlsgewalt des leitenden Organs besteht.“</ref> Zentral sind hierbei Banken, die ex nihilo Geldmittel schaffen, denen kein Güterangebot entgegensteht.<ref>Eduard März: Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von Joseph A. Schumpeter in ihrer Beziehung zum Marxschen System. In: Wirtschaft und Gesellschaft. Wirtschaftspolitische Zeitschrift der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. 6. Jahrgang, Heft 3, 1980, S. 256–257.</ref> Im Gegensatz dazu stehen Planwirtschaften. In diesen gibt es kein Kapital in diesem Sinne. Durch Befehl werden die für die Innovation erforderlichen Produktionsmittel aus einem Bereich abgezogen und in einen anderen transferiert.
Im bewussten Gegensatz zu den Gleichgewichtsbetrachtungen der Neoklassik bzw. von Léon Walras (1834–1910) betonte Schumpeter, dass die kapitalistische Wirtschaftsform aus ihrer inneren Dynamik heraus Ungleichgewichte schafft.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. XXII-XXIII.</ref><ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 94–99.</ref> Ein Unternehmer, der als Erster eine Innovation einführt, mit der er bspw. billiger produziert als seine Konkurrenten, kann zum Marktpreis verkaufen, um so einen Unternehmergewinn zu erzielen; dieser Gewinn wird ihm aber wieder strittig gemacht: einerseits durch Imitatoren, die seine Monopolstellung aufheben, andererseits durch gesteigerte Kosten der entsprechenden Produktionsfaktoren, da die Nachfrage nach ihnen steigt.<ref>Eduard März: Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von Joseph A. Schumpeter in ihrer Beziehung zum Marxschen System. In: Wirtschaft und Gesellschaft. Wirtschaftspolitische Zeitschrift der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. 6. Jahrgang, Heft 3, 1980, S. 256.</ref> Die Innovation ist das wesentliche Moment in der Konkurrenz. Durch sie verändert sich auch die Zusammensetzung der bürgerlichen Klasse: erfolgreiche Unternehmer konkurrieren oft andere nieder und sie bzw. ihre Familie steigen in höhere Schichten auf; die bloßen Verwalter von ererbten Vermögen hingegen verschwinden meist nach einigen Generationen.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 7. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 238–239.</ref>
Schumpeter vertrat in Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie die Auffassung, dass der Kapitalismus aus seiner inneren Dynamik heraus untergehen wird. Er sah ihn zunächst als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Jedoch produziere er zunehmend eine „Krise des Steuerstaats“, indem er den Staat schwäche. Die kapitalistische Dynamik führe zur Automatisierung des Fortschritts und folglich dazu, dass die Unternehmerfunktion an Bedeutung verlieren werde.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 10. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020, S. 171–172.</ref> Der Unternehmer als Abenteurer, der seiner Intuition folge, werde zunehmend durch Spezialisten ersetzt, die routiniert und sicher berechnend etwas erfänden; an die Stelle der willensstarken Persönlichkeit, die einer Vision folge, werde rationalisierte und spezialisierte Büroarbeit treten.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 10. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020, S. 173–174.</ref> Die erfolgreichen Unternehmer, die in die Kapitalistenklasse aufsteigen, und der Teil der Bourgeoisie, der sich zwischen dem unternehmerischen Abenteurer und dem bloßen Verwalter von ererbten Besitz bewegt, schaffen jedoch die Erträge, aus denen die ganze Klasse lebt.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 10. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020, S. 174–175.</ref> Die Einkommen der industriellen Kapitalisten würden zu Gehältern für normale administrative Arbeit in riesigen stark bürokratisierten Industrieeinheiten; die Kapitalistenklasse werde ihre Funktion einbüßen.<ref>Joseph Alois Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 10. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020, S. 175: „Die vollkommen bürokratisierte industrielle Rieseneinheit verdrängt nicht nur die kleine oder mittelgroße Firma und „expropriiert“ ihre Eigentümer, sondern verdrängt zuletzt auch den Unternehmer und expropriiert die Bourgeoisie als Klasse, die in diesem Prozeß Gefahr läuft, nicht nur ihr Einkommen, sondern, was unendlich viel wichtiger ist, auch ihre Funktion zu verlieren.“</ref>
Ordoliberalismus
Der Ordoliberalismus fordert eine Wirtschaftsordnung, in der ein durch den Staat geschaffener Ordnungsrahmen den ökonomischen Wettbewerb und die Freiheit der Bürger auf dem Markt gewährleisten soll.<ref>Hans-Rudolf Peters: Wirtschaftspolitik. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2000, ISBN 3-486-25502-9, S. 150.</ref> Durch die Einbettung der historisierenden Betrachtungsweise in eine allgemein geltende Ordnungstheorie erscheint für Walter Eucken der analytische Nutzen des Begriffs „Kapitalismus“ für die Wirtschaftswissenschaften zweifelhaft.<ref>Walter Eucken: Die Grundlagen der Nationalökonomie. 9. Auflage. 1990, S. 87.</ref> Er nennt die marxistische Verwendung des Begriffs „Hypostase“ und „säkularisierte Gnosis“.<ref>Walter Eucken: Grundsätze der Wirtschaftspolitik. 6. Auflage. UTB Mohr/Siebeck, Tübingen 1990, S. 206 sq.</ref> Wirtschaftsordnungen bestehen vielmehr zeitlos nebeneinander zur Lösung von Knappheitsproblemen und sozialen Interessenskonflikten. Kapitalismus und Sozialismus sind demnach mit ihren historischen und wertenden Konnotationen überflüssig. Auf diese Ordnungstheorie geht die heutige Verwendung von Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft zurück.
Keynesianismus
Der Keynesianismus geht auf das 1936 erschienene Werk Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von John Maynard Keynes zurück, das den Grundstein für einen Paradigmen-Wechsel in der Nationalökonomie legte. Das Werk ist in erster Linie eine Kritik der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts der Neoklassik und der von ihr geforderten minimalistischen Rolle des Staates im Wirtschaftsprozess. Es wird bis heute kontrovers diskutiert, unbestritten ist aber, dass Keynes sich darum verdient gemacht hat, das Denken in gesamtwirtschaftlichen Größen wie Konsum, Sparen, Investition und Einkommen auf eine neue Grundlage zu stellen.
Keynesianer halten den Kapitalismus für inhärent instabil. Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Endnachfrage (u. a. der Investitionen) bergen demnach die Gefahr eines anhaltenden gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichts mit hoher Arbeitslosigkeit, aus dem sich die Wirtschaft allein aufgrund der von den (Neo-)Klassikern betonten „Selbstheilungskräfte“ des Marktes nicht befreien könne. Keynesianer fordern daher, durch konjunkturpolitische Maßnahmen das reale Wirtschaftswachstum anzukurbeln.<ref name="Keynesianismus">Gabler Wirtschaftslexikon, Keynesianismus</ref>
Monetarismus
Im Gegensatz zu Keynesianern, die den gesamten Instrumentenkasten staatlicher Wirtschaftspolitik fordern (insbesondere eine antizyklische Finanzpolitik), setzt der Monetarismus den Schwerpunkt auf die stabilisierende Wirkungen einer mittelfristig orientierten Geldpolitik.<ref name="Keynesianismus" /> Nach monetaristischer Analyse tendiert der Kapitalismus bei flexiblen Preisen zu einem stabilen Gleichgewicht. Es wird daher lediglich empfohlen, eine kontinuierliche trendorientierte Geldmengenpolitik zu betreiben, die für die monetäre Alimentierung des realen Wachstums sorgt. Das Ziel der Preisniveaustabilität genießt Vorrang, weil diese als Voraussetzung für das Funktionieren des marktwirtschaftlichen Anpassungsprozesses angesehen wird. Dagegen werde das Beschäftigungsziel von selbst erreicht, wenn dem freien Spiel des Marktes Raum geschaffen wird. Der Staat solle sich im Wesentlichen auf ordnungs- und wettbewerbspolitische Aufgaben beschränken. Interventionen können z. B. beim Vorliegen von externen Effekten angezeigt sein, müssen aber in jedem Einzelfall begründet werden.<ref>Gabler Wirtschaftslexikon, Monetarismus</ref> Milton Friedman vertritt unter Verweis auf die demokratischen Entwicklungen in Europa, Amerika und Teilen von Asien, dass kapitalistische Gesellschaften langfristig zu Rechtsstaat und Demokratie tendieren.<ref>Milton Friedman: Kapitalismus und Freiheit. Eichborn, 2002, ISBN 3-8218-3960-0.</ref>
Libertarismus und Anarchokapitalismus
Libertäre und anarchokapitalistische Theoretiker verweigern den europäischen Staaten und den USA seit Mitte des 20. Jahrhunderts überhaupt die Bezeichnung „kapitalistisch“ und sehen fortschreitende sozialistische Tendenzen: Der Kapitalismus sei zugunsten eines Mischsystems aufgegeben worden; alle von Kapitalismuskritikern gerügten ökologischen und sozialen Mängel seien in Wahrheit durch staatliche Intervention entstanden und nicht das Ergebnis des freien Marktes.<ref>Beispielhaft Ludwig von Mises: Human Action – A Treatise on Economics. 1. Auflage. Ludwig von Mises Institute, Auburn (Alabama) 2007, ISBN 978-0-945466-24-6, S. 829 (mises.org [PDF; 55,7 MB] Erstausgabe: 1948).</ref> So auch David D. Friedman, der mit The Machinery of Freedom (1971) eine anarchokapitalistische Theorie entwarf.
Ayn Rand war eine russisch-amerikanische Philosophin und Schriftstellerin, die für ihre objektivistische Philosophie bekannt ist, die individuelle Freiheit, rationalen Egoismus und den Kapitalismus als ethisches und politisches Ideal propagiert; sie definierte den Kapitalismus als ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das auf individueller Freiheit, freiem Handel und privatem Eigentum basiert, und schätzte ihn als das einzige System ein, das die individuelle Freiheit und die Rechte des Einzelnen am besten schützt und fördert, während es auch den Wohlstand und Fortschritt der Gesellschaft insgesamt fördert. Hierbei erhebt sie in ihren Romanen Atlas Shrugged und The Fountainhead die Rolle des Unternehmers als das Glied der Gesellschaft, welcher Produktivität, Wohlstandschaffung und allgemeinen Fortschritt der Gesellschaft ermöglicht.<ref>Capitalism: the Unknown Ideal. In: AynRand.org. Abgerufen am 12. Februar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Hierbei tragen diese den Namen John Galt und Howard Roark, welche kompromisslos ihre Eigeninteressen gemäß dem rationalen Egoismus vertreten und der sozialistischen und egalitären Gesellschaft, welche in beiden Romanen dargestellt wird, Widerstand leisten.<ref>Egoist Heroes and Heroines : Ayn Rand. Abgerufen am 12. Februar 2024.</ref>
Neuere Ansätze
Auf Basis neoklassischer Theorie argumentierend<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Michel Husson: Le capital au XXIe siècle. Richesse des données, pauvreté de la théorie ( des Vorlage:IconExternal vom 29. April 2014 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref> führt Thomas Piketty in seinem 2013 erschienenen Werk Le capital au XXIe siecle (deutsch Das Kapital im 21. Jahrhundert) aus, dass Ungleichheit kein zufälliges, sondern ein notwendiges Merkmal des Kapitalismus sei.<ref name="theweek.com">theweek.com</ref> Piketty plädiert dafür, die Ungleichheit bspw. durch eine progressive Einkommensbesteuerung bzw. Vermögenssteuern zu begrenzen.
Soziologie
Einschlägige Lexika der Soziologie definieren den Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit den Merkmalen: Güterproduktion unter Bedingungen des Privateigentums an den Produktionsmitteln, über das eine Minderheit verfügt, während die Mehrheit ein Lohnarbeitsverhältnis eingehen muss. Triebkraft der wirtschaftlichen Prozesse ist das Interesse der Produktionsmittelbesitzer an der Vermehrung des eingesetzten Kapitals, d. h. an Profitmaximierung und Akkumulation.<ref>Beispielsweise Werner Fuchs-Heinritz/Rüdiger Lautmann/Otthein Rammstedt/Hanns Wienold (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. 4. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 323 ff. Ähnlich auch in Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 410). 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4, S. 403 und in Günter Endruweit/Gisela Trommsdorf (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. Lucius & Lucius, Stuttgart ²2002, S. 264.</ref>
Max Weber betrachtete den Kapitalismus als „die schicksalsvollste Macht unseres modernen Lebens“.<ref>Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Mohr Siebeck, Tübingen 1963, Vorbemerkung, S. 4.</ref> Keineswegs sei er gleichzusetzen mit dem „Streben nach maximalem Gewinn“,<ref name="Max Weber 1963">Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Mohr Siebeck, Tübingen 1963, Vorbemerkung, S. 10.</ref> vielmehr trage er zur Bändigung des irrationalen Triebes schrankenloser Erwerbsgier bei. Ihm zufolge beruhe ein kapitalistischer Wirtschaftsakt auf der Erwartung von Gewinn durch die Wahrnehmung von friedlichen Erwerbschancen. Allerdings sei Kapitalismus identisch „mit dem Streben nach Gewinn, im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb: nach immer erneutem Gewinn: nach Rentabilität.“<ref>Dirk Käsler, Max Weber: eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung, Campus Verlag, 2003, ISBN 3-593-37360-2, S. 179</ref><ref>Richard Swedberg: Grundlagen der Wirtschaftssoziologie, hrsg. von Andrea Maurer, VS Verlag, Wiesbaden 2009, S. 92</ref> Weber unterscheidet zwischen rationalem Kapitalismus, Politischem Kapitalismus und traditionellem Handelskapitalismus.<ref name="Richard Swedberg 2009">Richard Swedberg: Grundlagen der Wirtschaftssoziologie, hrsg. von Andrea Maurer, VS Verlag, Wiesbaden 2009, S. 50.</ref> Der rationale Kapitalismus (= „bürgerlicher Betriebskapitalismus“<ref name="Max Weber 1963" />), der um den modernen Typ des Marktes konzentriert ist, habe sich nur im Westen entwickelt.<ref name="Richard Swedberg 2009" />
Die Kritische Theorie sah in der Ideologie des gerechten Tausches die zentrale Rechtfertigungsstrategie des kapitalistischen Ausbeutungssystems.<ref>Theodor W. Adorno: Soziologie und empirische Forschung. In: ders: Gesammelte Schriften, Band 8: Soziologische Schriften I. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 209. – Jürgen Habermas: Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘. Suhrkamp 1969, S. 71f.</ref> Walter Benjamin charakterisiert den Kapitalismus als eine „essentiell religiöse Erscheinung“ zur „Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben“.<ref>Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion. In: Dirk Baecker (Hrsg.): Kapitalismus als Religion. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2003, S. 16.</ref> Die Soziologen Dirk Baecker und Christoph Deutschmann haben den Benjaminschen Gedanken aufgegriffen und ihn in den Kontext der sozioökonomischen Situation der Jahrtausendwende unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus ohne gesellschaftspolitische Alternative gestellt. Laut Dirk Baecker „glaubt diese Gesellschaft an den Kapitalismus“, seit „die soziologische Alternative nicht mehr verfügbar ist und damit die Form der Gesellschaft nicht mehr Gegenstand einer ideologisch begründeten politischen Entscheidung ist“.<ref>Dirk Baecker (Hrsg.): Einleitung zu Kapitalismus als Religion. Berlin 2003, S. 3.</ref> Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka teilt die Ansicht, dass gegenwärtig „überlegene Alternativen zum Kapitalismus nicht erkennbar“ sind.<ref>Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus. Beck, München 2013, S. 128.</ref>
Wirtschaftswissenschaften
Laut Duden Wirtschaft ist „Kapitalismus“ ein unter den Produktions- und Arbeitsbedingungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts und des beginnenden 19. Jahrhunderts geprägter Begriff. Er beschreibe eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der Privateigentum an Produktionsmitteln, das Prinzip der Gewinnmaximierung und Marktwirtschaft typisch sind, wobei Kapitalbesitz die Voraussetzung für die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und das Weisungsrecht über die Arbeitskräfte ist. Die Arbeiter waren typischerweise besitzlos und von den wenigen Kapitalbesitzern wirtschaftlich abhängig. Die Gesellschafts- und Wirtschaftsverhältnisse der damaligen Zeit seien mit den gegenwärtigen Produktionsbedingungen nicht zu vergleichen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Wirtschaftsordnungen der westlichen Industrieländer durch eine große Anzahl von Sozial- und Wirtschaftsgesetzen reformiert und starke Gewerkschaften sorgten für einen Kräfteausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Auch habe der wirtschaftlich-technische Fortschritt gerade in marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnungen zu erheblichen sozialen Fortschritten geführt und für große Teile der Bevölkerung seien solide Wohlstandsverhältnisse entstanden. Der Begriff Kapitalismus beschreibe deshalb die heute existierende marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung der westlichen Industrieländer nicht richtig.<ref>Duden Wirtschaft von A bis Z: Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 5. Aufl. Mannheim: Bibliographisches Institut 2013, Stichwort: Kapitalismus, online.</ref>
Nach Ansicht des Gabler Wirtschaftslexikons ist „Kapitalismus“ eine „historisierende und, v. a. durch die Vertreter des Marxismus, wertende Bezeichnung für die neuzeitlichen kapitalistischen Marktwirtschaften mit dominierendem Privateigentum an den Produktionsmitteln und dezentraler Planung des Wirtschaftsprozesses.“ Versuche zur Periodisierung der Wirtschaftsgeschichte beruhten auf individuellen Wertungen und es werde nicht beachtet, dass es Grundprobleme des Wirtschaftens gebe, die in jeder Wirtschaftsordnung gelöst werden müssten. Der Kapitalismus werde unterschiedlich charakterisiert und die Unterteilung in unterschiedliche Phasen sei nicht einheitlich. Die prinzipiell übereinstimmende Auffassung in den einzelnen Theorien sei, dass der Kapitalismus eine Übergangserscheinung sei und sich mit systemimmanenter Zwangsläufigkeit selbst zerstöre: Die marxistische Theorie leite aus dem historischen Materialismus den Übergangscharakter des Kapitalismus ab. Demgegenüber sahen Ökonomen wie Werner Sombart und Joseph Schumpeter zunehmende Machtkonzentration, immer größer werdende Unternehmen und zunehmende Zurückdrängung der Vertragsfreiheit durch kollektive Absprachen und zunehmende Bürokratisierung und Staatseingriffe als Indizien für die zukünftige zwangsläufige Vorherrschaft des Sozialismus. Da laut Gabler jedoch wissenschaftslogisch keine zwingenden Aussagen über die zukünftige geschichtliche Entwicklung abgeleitet werden könnten, sei die im Kapitalismus-Begriff implizierte Annahme des Übergangscharakters nicht zu beweisen.<ref>Kapitalismus. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler Verlag</ref>
Die Vielfalt der Versuche, den Begriff „Kapitalismus“ zu definieren, bestätige nach Meinung des Handwörterbuchs der Wirtschaftswissenschaft die Meinung derer, die ihn für den wissenschaftlichen Gebrauch untauglich halten. Auch Komposita wie Früh-, Hoch-, Spät-, Staats-, Finanzkapitalismus oder viele mehr legten den Verdacht nahe, dass diese Komposita mittels völlig unterschiedlicher Merkmale definiert wurden. Anstelle der Nutzung des Begriffs Kapitalismus wird eine Schärfung und Erweiterung der Ordnungstheorie vorgeschlagen.<ref>Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft: Handelsrechtliche Vertretung bis Kreditwesen in der Bundesrepublik Deutschland. Band 4 von Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft: (HdWW): zugl. Neuaufl. d. Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Willi Albers (Hrsg.), Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 1978, ISBN 3-525-10254-2, S. 421–431</ref>
Für Franz Oppenheimer und seinen Schüler Ludwig Erhard<ref>Volker Kruse: Geschichte der Soziologie, UTB, 2012, ISBN 978-3-8252-3833-9, S. 172</ref> war Kapitalismus ein Wirtschaftssystem, das Ungleichheit geradezu statuiere. Erhard schrieb:
„Etwas hat mich so tief beeindruckt, daß es für mich unverlierbar ist, nämlich die Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit. Er erkannte den ‚Kapitalismus‘ als das Prinzip, das zur Ungleichheit führt, ja das die Ungleichheit geradezu statuiert, obwohl ihm gewiß nichts ferner lag als eine öde Gleichmacherei. Auf der anderen Seite verabscheute er den Kommunismus, weil er zwangsläufig zur Unfreiheit führt. Es müsse einen Weg geben – einen dritten Weg –, der eine glückliche Synthese, einen Ausweg bedeutet. Ich habe es, fast seinem Auftrag gemäß, versucht, in der Sozialen Marktwirtschaft versucht, einen nicht sentimentalen, sondern einen realistischen Weg aufzuzeigen.“<ref>Ludwig Erhard: Franz Oppenheimer, dem Lehrer und Freund. In: Karl Hohmann, Ludwig Erhard: Gedanken aus fünf Jahrzehnten. Reden und Schriften. S. 858–864</ref>
Für Erhard und Alfred Müller-Armack ging es dabei um die Frage der Sozialen Gerechtigkeit, darüber hinaus sahen sie Reallohnsteigerungen in Höhe des Produktivitätsfortschritts aber auch als notwendig an, damit Angebot und Nachfrage zum Ausgleich kommen.<ref>Jeremy Leaman, Attiya Waris: Tax Justice and the Political Economy of Global Capitalism, 1945 to the Present. Berghahn Books, 2013, ISBN 978-0-85745-882-7, S. 47, 48</ref>
Thomas Piketty analysierte in seinem vieldiskutierten Buch Le capital au XXIe siecle (deutsch Das Kapital im 21. Jahrhundert) 2013, dass Ungleichheit ein notwendiges Merkmal des Kapitalismus sei, wenn der Staat nicht korrigierend eingreife.<ref name="theweek.com" />
Unter angelsächsischen Ökonomen wie z. B. die Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und Joseph E. Stiglitz ist der Gebrauch des Begriffs capitalism durchgängig üblich als Bezeichnung der westlichen Wirtschaftssysteme.<ref name="aw-kapitalismus" />
Kulturevolutionsforschung
Ausgehend von neueren Entwicklungsmodellen der Kulturevolutionsforschung<ref>Miriam N. Haidle, Michael Bolus, Mark Collard et al.: The Nature of Culture: An Eight-Grade Model for the Evolution and Expansion of Cultural Capacities in Hominins and other Animals. In: Journal of Anthropological Sciences, Jg. 93, 2015, S. 43–70.</ref> wurde gezeigt, dass sich die Entstehung und Verbreitung des Investitionskapitalismus, der die neuzeitliche Kultur und die Moderne charakterisiert,<ref>Vgl. Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus. München: C. H. Beck 2013, S. 20 f.</ref> mit der ab dem Mittelalter sich verbreitenden neuen Form der technologischen Nischenkonstruktion erklären lässt.<ref>Vgl. Davor Löffler: Generative Realitäten I. Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2019, S. 524–545</ref> Der Investitionskapitalismus tritt diesem Forschungsparadigma nach koevolutionär mit der Technologie der „zusammengesetzten Maschine“<ref>Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2006, S. 54–62.</ref> wie etwa Windmühlen oder Getrieben auf, die aus einer Vielzahl in Reihe geschalteter einfacher Maschinen bestehen (in der Antike die „‚mächtigen Fünf‘ der Leistungserhöhung“<ref>Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2006, S. 34.</ref> schiefe Ebene, Keil, Schraube, Hebel und Rad). Die zusammengesetzte Maschine weist technikgeschichtlich erstmals die Möglichkeit zur kontinuierlichen Verbesserung und Innovation auf, denn Effizienz, Effektivität und Funktionalität von zusammengesetzten Maschinen sind kontinuierlich optimierbar und veränderbar.<ref>Vgl. Davor Löffler: Generative Realitäten I. Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2019, S. 509–516.</ref>
Im Gegensatz zur Münze als ökonomischem Medium der Antike, das Märkte und Produktionsorte desselben Entwicklungsstandes ökonomisch miteinander verknüpft und zu einer auf Thesaurierung zielenden Wirtschaft führt („horizontale Kopplung“<ref>Vgl. Davor Löffler: Generative Realitäten I. Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2019, S. 491.</ref>), ermöglicht das Kapital in der Neuzeit gezielt in Innovationen der zusammengesetzten Maschinen zu investieren. Das Kapital bildet das ökonomische Medium, das Produktionsorte und Märkte unterschiedlicher Entwicklungsstände virtuell-medial über die Entwicklungszeit hinweg koppelt und die Inwertsetzung zukünftiger Entwicklung ermöglicht („vertikale Kopplung“<ref>Vgl. Davor Löffler: Generative Realitäten I. Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2019, S. 542–545</ref>). Aus dieser kulturevolutionär-zivilisationstheoretischen Perspektive folgt, dass die Technologie der zusammengesetzten Maschine die technikgeschichtlich-materielle Grundlage der Mehrwertproduktion, der kapitalistischen Klassenstruktur, des Wachstums- und Fortschrittsbegriffs sowie des „linearen Zeitregimes“<ref>Aleida Assmann: Zeit aus den Fugen. Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne. München: Hanser 2013, S. 19–21.</ref> bildet.<ref>Vgl. Davor Löffler: Generative Realitäten I. Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2019, S. 561–574; Davor Löffler: Distributing Potentiality. Post-Capitalist Economies and the Generative Time Regime. In: Identities, Jg. 15, Nr. 1–2, 2018, S. 8–44, S. 29–35.</ref>
Geschichte
Vorgeschichte
Privateigentum und verschiedene andere Merkmale des Kapitalismus finden sich in unterschiedlich starker Ausprägung bereits ab der neolithischen Revolution.<ref>Uwe Wesel: Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften. Suhrkamp, 1985, ISBN 3-518-57723-9.</ref> Der Autor Peter Temin vertritt die Meinung, dass bereits im Römischen Reich eine Marktwirtschaft existierte.<ref>Peter Temin: A Market Economy in the Early Roman Empire. In: University of Oxford – Discussion Papers in Economic and Social History. Nr. 39, März 2001 (online [PDF; 120 kB]).</ref> Andere sehen im Kalifat vom 9. bis zum 12. Jahrhundert bereits wesentliche Merkmale des Kapitalismus: Geldwirtschaft, Marktwirtschaft, Frühformen der Gesellschaft („mufawada“ und „mudaraba“) und Kapital („al-mal“).<ref>Jairus Banaji: Islam, the Mediterranean and the rise of capitalism. In: Journal Historical Materialism. Band 15. Brill Publishers, 2007, S. 47–74, doi:10.1163/156920607X171591.</ref><ref>Maya Shatzmiller: Labour in the Medieval Islamic World. Brill Publishers, 1997, ISBN 90-04-09896-8, S. 402–403.</ref><ref>Subhi Y. Labib: Capitalism in Medieval Islam. In: The Journal of Economic History. Band 29, 1969, S. 79–96.</ref> Jürgen Kocka geht davon aus, dass mit der Existenz von individuellen Eigentumsrechten, Märkten und Kapital Frühformen des Kapitalismus im mittelalterlichen China, der arabischen Welt und im Europa der Renaissance gegeben waren.<ref>Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus, München: C. H. Beck 2013</ref>
Demgegenüber vertreten marxistische Historiker die Auffassung, dass von Kapitalismus erst mit der verallgemeinerten Produktion für den Markt, die sich zum ersten Mal in England ausgebreitet hat, zu sprechen ist.
Handelskapitalismus
Im Mittelalter trat eine Phase nachhaltiger wirtschaftlicher Veränderungen ein, die als kommerzielle Revolution bezeichnet wird. Laut einer These von Ferdinand Tönnies entstanden in Europa der Fernhandel und mit ihm erste Institutionen, die wesentliche Merkmale des Kapitalismus trugen ab dem 13. Jahrhundert. Diese Verspätung sei maßgeblich bedingt durch die territoriale Zersplitterung und die kleinräumlichen Gerichtsbarkeiten gewesen. Das Aufkommen des Fernhandels<ref>Ferdinand Tönnies: Geist der Neuzeit. [1934]. In: Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Band 22. Berlin / New York 1998, S. 29 et passim</ref> in Oberitalien (Venedig, Pisa, Genua, Florenz) und in Portugal, sodann ausgeprägt im 15. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Belgien und der Niederlande mit den Zentren Brügge und Antwerpen und noch später in den deutschen Hansestädten, war erst möglich, nachdem die Kaufleute selbst das Stadtregiment übernahmen und eine eigene Rechtsordnung mit eigenen Streitkräften aufbauten.<ref>David Graeber: Schulden. Stuttgart 2012, S. 306f.</ref>
Protoindustrialisierung
Die sich entwickelnden Produktivkräfte Englands und der nördlichen Niederlande drängten die feudalistischen Gesellschaftsstrukturen erfolgreich mit der frühbürgerlichen Revolution zurück und ermöglichten die freie Entfaltung des Marktes. Damit lagen die Voraussetzungen für die Protoindustrialisierung und Entstehung des Frühkapitalismus vor.
Industrialisierung
Der Industriekapitalismus nahm seinen Ausgang in dem am Ende des 18. Jahrhunderts entstehenden Fabriksystem, und zwar in den Baumwollspinnereien Englands.<ref>James Fulcher: Kapitalismus. Reclam Stuttgart 2007, S. 12.</ref> Die gleichzeitig mit der Industriellen Revolution entstandenen Fabriken konnten dank der mechanischen Spinnmaschine (Spinning Jenny) den Engpass in der Nachfrage nach zu Garn gesponnener Baumwolle beseitigen und vollends mit der weiteren Erfindung des mechanischen Webstuhls eine gewaltige Produktionssteigerung bei der Erzeugung von gewebten Textilien herbeiführen, für die es auf den Binnen- und Außenmärkten eine große Nachfrage gab. Auch in Branchen der Metallerzeugung und anderen Gewerben wurden Fabriken für eine neue Klasse „industrieller Kapitalisten“<ref>Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 777 ff.</ref> zu Profit generierenden Anlageobjekten. In ihnen erstellten Lohnarbeiter in einer neuen, maschinenvermittelten Arbeitsteilung ein „gesellschaftliches“ Produkt.
Während Marx (wie die Klassiker) noch davon ausging, dass unter dem Regime der kapitalistischen Produktionsweise den Lohnarbeitern nur ein Lohn gezahlt würde, der zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft erforderlich sei, zwangen die Arbeiter durch ihre kollektive Organisierung in Gewerkschaften und Arbeiterparteien die ökonomischen Eliten, sie an den erzielten Produktionsfortschritten und Wohlstandsgewinnen des sich entfaltenden Industriekapitalismus zu beteiligen. Deshalb traten prognostizierte Verelendungstendenzen der Arbeiterklasse – ebenso wie die sich zuspitzenden Klassenkämpfe mit einem proletarischen Umsturz der kapitalistischen Produktionsweise (Weltrevolution) – bisher nicht in dem von Marxisten erwarteten Ausmaß ein. Stattdessen wurde der Industriekapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert zur weltweit dominierenden Gesellschaftsformation, obwohl zeitweilig auch nichtkapitalistische Industriegesellschaften im sowjetischen Herrschaftsbereich und nach nationalen Revolutionen in ehemaligen Kolonialgebieten entstanden.
Die Ungleichheit des Reichtums und der Entwicklungschancen war das große Thema der klassischen Ökonomen Thomas Malthus, David Ricardo sowie Karl Marx,<ref>Marx 1865 in Lohn, Preis und Profit
(MEW 16, S. 101–152. Z. B. S. 110: „… mache euch auf die wirkliche Lohnsteigerung aufmerksam, die in Großbritannien von 1849 bis 1859 stattfand. Euch allen ist die Zehnstundenbill bekannt, oder vielmehr die Zehneinhalbstundenbill, die seit 1848 in Kraft ist. Dies war eine der größten ökonomischen Veränderungen, die unter unsern Augen vorgegangen. Es war das eine plötzliche und unfreiwillige Lohnsteigerung nicht etwa in einigen lokalen Geschäftszweigen, sondern in den führenden Industriezweigen, durch die England den Weltmarkt beherrscht. Sie brachte eine Lohnsteigerung unter ausnehmend ungünstigen Umständen.“
und S. 111: „Während ebenderselben Periode, in der die Einführung der Zehnstundenbill und die nachfolgende Lohnsteigerung vor sich ging, erfolgte in Großbritannien aus Gründen, die aufzuzählen hier nicht der Ort ist, eine allgemeine Steigerung der Landarbeiterlöhne.“
sowie S 112: „Feststellung, daß von 1849 bis 1859 die Durchschnittsrate der Landarbeiterlöhne Großbritanniens eine Steigerung von ungefähr 40 % erfuhr.“
Aber auch: „Ricardo hat richtig bemerkt, daß die Maschinerie ständig mit der Arbeit konkurriert und oft nur eingeführt werden kann, wenn der Preis der Arbeit eine bestimmte Höhe erreicht hat, doch ist die Anwendung von Maschinerie bloß eine der vielen Methoden, die Produktivkraft der Arbeit zu steigern. Genau dieselbe Entwicklung, die die ungelernte Arbeit relativ überflüssig macht, vereinfacht andrerseits die gelernte Arbeit und entwertet sie.“ „Das gleiche Gesetz findet sich noch in andrer Form. Mit der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit wird die Akkumulation des Kapitals beschleunigt, selbst trotz einer relativ hohen Lohnrate.“ [150]
und: „gleichzeitig mit dem Fortschritt der Akkumulation findet eine fortschreitende Veränderung in der Zusammen- <151> setzung des Kapitals statt. Der Teil des Gesamtkapitals, der aus fixem Kapital – Maschinerie, Rohstoffen, Produktionsmitteln in allen erdenklichen Formen – besteht, nimmt stärker zu, verglichen mit dem andern Teil des Kapitals, der in Arbeitslohn oder im Ankauf von Arbeit ausgelegt wird. Dies Gesetz ist mehr oder weniger präzis festgestellt worden von Barton, Ricardo, Sismondi, Professor Richard Jones, Professor Ramsay, Cherbuliez u. a.“
„Diese wenigen Andeutungen werden genügen, um zu zeigen, daß die ganze Entwicklung der modernen Industrie die Waagschale immer mehr zugunsten des Kapitalisten und gegen den Arbeiter neigen muß und daß es folglich die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion ist, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken oder den Wert der Arbeit mehr oder weniger bis zu seiner Minimalgrenze zu drücken.“ [151] „Gleichzeitig, und ganz unabhängig von der allgemeinen Fron, die das Lohnsystem einschließt, sollte die Arbeiterklasse die endgültige Wirksamkeit dieser tagtäglichen Kämpfe nicht überschätzen. Sie sollte nicht vergessen, dass sie gegen Wirkungen kämpft, nicht aber gegen die Ursachen dieser Wirkungen; daß sie zwar die Abwärtsbewegung verlangsamt, nicht aber ihre Richtung ändert; daß sie Palliativmittel anwendet, die das Übel nicht kurieren.“ S. 152) belegt allenfalls die Annahme relativer, nicht jedoch absoluter Verelendungstendenz.</ref> von denen jeder argumentiert hat, dass die wirtschaftliche Entwicklung letztlich die gesellschaftlichen Gegensätze verschärfen müsste. Doch haben sie den technologischen Wandel unterschätzt, der letztlich allen Schichten eine deutliche Wohlstandszunahme beschert hat.
In den vergangenen 300 Jahren ist die Weltwirtschaft inflationsbereinigt im Schnitt um 1,6 Prozent jährlich gewachsen. Die Vermögen wuchsen schneller. Historisch gesehen liegt deren Wachstumsrate eher bei vier Prozent, wenn man die Erträge vor Abzug der Steuern betrachtet. Laut Thomas Piketty war die Vermögenswachstumsrate bis zum 19. Jahrhundert in der Geschichte tatsächlich meist größer als die der Wirtschaft und damit des Gesamteinkommens und wird es seiner Ansicht nach auch im 21. Jahrhundert bleiben. Die größere Gleichheit in dieser Beziehung im 20. Jahrhundert bis nach dessen Mitte erklärt sich Piketty mit den großen politischen Umwälzungen, den Weltkriegen und den schweren Wirtschaftskrisen dieser Zeit, die den hergebrachten Vermögen deutlich zugesetzt haben.<ref>Markus Diem Meier: [Unbekannter Artikel]. In: Tages Anzeiger, 26. März 2014</ref>
Spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird die Rolle von Bankiers und Financiers zunehmend bedeutender. Monopole und Kartelle häufen sich; die Unternehmenseigentümer delegieren den Produktionsprozess an Manager. Das Bankensystem, die Unternehmensverflechtungen und der Aktienmarkt werden zunehmend komplexer.<ref></ref> In marxistischer Diktion wird diese Phase auch als Zeit des „Finanzkapitalismus“, „Monopolkapitalismus“ oder „Staatsmonopolkapitalismus“ bezeichnet.<ref></ref> Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden Boom und Depressionen (1857/58, 1873) zum sich häufenden Problem. Auch außerhalb der marxistischen Geschichtsdeutung wird auf die enorme Zahl von Monopolen und Trusts hingewiesen.
Weltwirtschaftskrise und Stabilisierung
Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich ein Finanzkapitalismus entwickelt, der keiner Kontrolle unterlag. Dieser brach in der Weltwirtschaftskrise beginnend ab 1929 zusammen. Es entwickelte sich eine schwere weltweite Rezession zu einer Phase der Depression. Der Staat musste eingreifen und schuf Institutionen der Stabilisierung. In den USA erfolgten im Rahmen des New Deal unter Präsident Franklin D. Roosevelt bedeutende Wirtschafts- und Sozialreformen.<ref>Gerhard Willke: Kapitalismus. Campus Verlag, 2006, ISBN 978-3-593-38199-2, S. 25</ref>
Auch die Soziale Marktwirtschaft war das Resultat eines gesellschaftlichen Lernprozesses, der durch die Weltwirtschaftskrise angestoßen worden war.<ref>Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart. München 2011, S. 97.</ref> Die ordnungspolitische Alternative hatte sich in Deutschland bereits Mitte der 1930er Jahre auf die Alternativen zwischen „gelenkter Marktwirtschaft“ ordoliberalen Typs und der „marktwirtschaftlichen Lenkungswirtschaft“ keynesianischen Typs verengt.<ref>Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart. München 2011, S. 93.</ref> Nach dem Zweiten Weltkrieg begründeten vor allem Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack in Regierungsverantwortung die Soziale Marktwirtschaft. Anstelle eines reinen bzw. ungezügelten Kapitalismus sollte staatliche Rahmensetzung das Funktionieren der Marktwirtschaft absichern. Diese Idee beruhte auf ordoliberalen Theorien. Die Soziale Marktwirtschaft sollte der Verwirklichung von sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit dienen.<ref>Stephan Wirz, Philipp W. Hildmann, Soziale Marktwirtschaft: Zukunfts- oder Auslaufmodell?: ein ökonomischer, soziologischer, politischer und ethischer Diskurs, Theologischer Verlag Zürich, 2010, ISBN 978-3-290-20059-6, S. 46</ref> Nach Erhards Vorstellung sollte eine gut funktionierende, weil gelenkte Marktwirtschaft Wohlstand für alle bringen. Eine breite Vermögensbildung aller Gesellschaftsschichten sollte als Volkskapitalismus gefördert werden.<ref>Gerhard Kutzenberger: Mitbestimmung der Aktionäre. Duncker & Humblot, 1964, S. 46.</ref> Seine Zielvorstellung war die Utopie einer entproletarisierten Gesellschaft von Eigentumsbürgern, die staatlicher Sozialpolitik nicht mehr bedürften.<ref>Gerd Habermann: Müssen Utopien sozialistisch sein?. In: ORDO, Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Lucius & Lucius, Stuttgart 2004, Band 55, ISBN 3-8282-0275-6, S. 114.</ref> In der Praxis kam der Volkskapitalismus jedoch nicht voran, es wuchs vielmehr die Einsicht in die Unzulänglichkeit der sich aus dem Marktmechanismus ergebenden Verteilung von Einkommen und Vermögen. Bereits in den 1950er Jahren war der Trend zur Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen mit Händen greifbar. Trotz relativ niedriger Beiträge waren die Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung für die Altersvorsorge der Arbeitnehmer wichtiger als jede andere Einkunftsquelle und das Volumen der gesetzlichen Rentenversicherung übertraf bei weitem das Volumen der Vermögensbildung der privaten Haushalte.<ref>Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945. München 2011, S. 190–192.</ref><ref>so auch Stefan Remke: Gewerkschaften und Sozialgesetzgebung. Band 33 von Veröffentlichungen des Instituts für Soziale Bewegungen: Darstellungen. 2005, ISBN 3-89861-380-1, S. 58.</ref> Die bismarcksche Sozialstaatlichkeit wurde deshalb nicht nur beibehalten, sondern ausgebaut. Die Formel Soziale Marktwirtschaft wurde seit 1957 von der Erhardschen Auslegung als Volkskapitalismus zu einer Marktwirtschaft mit eigenständiger Sozialstaatlichkeit umgedeutet. Erst dadurch wurde der Begriff Soziale Marktwirtschaft zur zentralen Konsens- und Friedensformel des mittleren Weges.<ref>Lutz Leisering: Der deutsche Nachkriegssozialstaat – Entfaltung und Krise eines zentristischen Sozialmodells. In: Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Die Bundesrepublik Deutschland: eine Bilanz nach 60 Jahren. Böhlau, Köln/Weimar 2008, ISBN 978-3-412-20237-8, S. 425.</ref>
Das so entstandene deutsche Kapitalismusmodell wird auch als Rheinischer Kapitalismus bezeichnet.<ref>Michel Albert Interview mit der Wirtschaftswoche</ref>
Globalisierung und Zerfall des Realsozialismus
Die Geschichte des Kapitalismus war stets eng mit der Internationalisierung des Handels verknüpft. Der Prozess des Abbaus von Handelsschranken (GATT 1948) und die daraus folgende internationale Verflechtung des Handels und Kapitalverkehrs, insbesondere seit Abschaffung des Bretton-Woods-Systems, werden als Globalisierung bezeichnet. Einige Autoren bestreiten jedoch, dass die Globalisierung im 20. Jahrhundert stärker als in früheren Epochen ist.<ref></ref>
Die Folgen dieser Entwicklung sind umstritten: Globalisierungskritiker machen den Kapitalismus für die Fortdauer oder Verschärfung der weltweiten Kluft zwischen Arm und Reich verantwortlich.<ref>Beispielhaft: Eine andere Welt ist möglich! In: attac/Publik-Forum. Band 50, 13. Mai 2002 (Online [PDF]).</ref> Globalisierungsbefürworter machen dagegen geltend, dass die Übernahme des westlichen Wirtschaftssystems und der Abbau von Handelsschranken die einzige Möglichkeit sei, Armut einzudämmen, und sprechen angesichts des globalen Bevölkerungswachstums von der „Unvermeidlichkeit des Kapitalismus“.<ref name="aw-kapitalismus" />
Nach dem Untergang der Sowjetunion und des Realsozialismus sprachen einige Beobachter vom Ende der Geschichte,<ref>Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte. 1992, ISBN 3-463-40132-0.</ref> bei dem Kapitalismus und Demokratie als einzige Regierungs- und Wirtschaftssysteme überlebt hätten.
Nach Ende des Globalisierungsoptimismus nimmt seit einigen Jahren die Diskussion darüber an Intensität zu, ob Kapitalismus und Demokratie langfristig vereinbar sind.<ref>Z. B. Christoph Deutschmann: Ist globaler Kapitalismus mit politischer Demokratie vereinbar? In: Leviathan, September 2005, 33. Jg., Heft 3, S. 325–336; Michael Steber: Legitimität und politische Partizipation. In: Mandana Bigi u. a. (Hrsg.): Demokratie, Recht und Legitimität im 21. Jahrhundert. VS Verlag, Wiesbaden 2008, S. 13–27. Elmar Altvater, Ulrich Beck u. a.: Demokratie oder Kapitalismus? Blätter Verlag, Berlin 2013.</ref>
Die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff prägte den Begriff Überwachungskapitalismus und sieht darin eine analoge Entwicklung wie im Industriekapitalismus.<ref>Shoshana Zuboff: »Es gibt eine unerträgliche Sehnsucht in vielen von uns«. In: Der Spiegel. 29. September 2018 (spiegel.de – Spiegel-Gespräch).</ref>
Varianten des Kapitalismus in der Diskussion
Karl Marx verwendet selbst kaum den Begriff Kapitalismus.<ref>Im Kapital taucht der Begriff „Kapitalismus“ nur einmal auf (Band 2, MEW 24, S. 123), im Gegensatz zum häufig verwendeten Adjektiv „kapitalistisch“.</ref> In der marxistischen Tradition fand er indessen nicht nur eine breite Rezeption, sondern erfuhr auch eine Auffächerung in Varianten wie Organisierter Kapitalismus, Neo- und Spätkapitalismus, Finanz- und Konkurrenzkapitalismus oder auch Monopol- und Staatsmonopolistischer Kapitalismus. In den jüngeren Diskussionen der Wirtschaftswissenschaft und der Soziologie wurden weitere neue Komposita geprägt, die zum Teil große Resonanz in der Öffentlichkeit erfahren haben, wie etwa Rheinischer Kapitalismus, Kasino-Kapitalismus, Finanzmarkt-Kapitalismus, Hyperkapitalismus und Turbokapitalismus sowie die politischen Schlagwörter wie Killerkapitalismus, Raubtierkapitalismus oder Heuschreckenkapitalismus.
Zudem wurden realsozialistische Wirtschaftssysteme innerhalb der Linken kritisch auch als Staatskapitalismus beschrieben.<ref>So insbesondere in den Theorietraditionen des Anarchismus und Rätekommunismus sowie des Trotzkismus. Zu ersteren vgl. Rudolf Rocker: Wir und die Marxisten. In: Der Syndikalist. 15. Februar 1919 (marxists.org). Zum Rätekommunismus vgl. Gruppe internationaler Kommunisten: 60 Thesen über den Bolschewismus. In: Anton Pannekoek, Paul Mattick (Hrsg.): Marxistischer Anti-Leninismus. 2. Auflage. Ça ira, Freiburg 2007, ISBN 3-924627-22-3. Zum Trotzkismus vgl. Tony Cliff: Staatskapitalismus in Rußland. Sozialistische Arbeitergruppe, Frankfurt 1975 (marxists.org).</ref>
Kritik
Literatur
Primärliteratur
Klassische Nationalökonomie
- Frédéric Bastiat: Oeuvres économiques. Presses Universitaires de France, Paris 1983, ISBN 2-13-037861-7 ([www.bastiat.org Online]).
- David Ricardo: On the Principles of Political Economy and Taxation. London 1817 (dlisv03.media.osaka-cu.ac.jp [DjVu]).
- Jean-Baptiste Say: Traité d’économie politique. 2006, ISBN 2-7178-5318-9 (Erstausgabe: 1803).
- Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. 1776, ISBN 3-8252-2655-7.
Marxismus
- Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 1867 (telota.bbaw.de Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung II. „Das Kapital“ und Vorarbeiten. [abgerufen am 23. August 2014]).
- Ernest Mandel: Der Spätkapitalismus. Versuch einer marxistischen Erklärung. Suhrkamp, 1973, ISBN 3-518-10521-3.
Historische Schule
- Eduard Heimann: Soziale Theorie des Kapitalismus. Theorie der Sozialpolitik. Suhrkamp, 1981, ISBN 3-518-11052-7.
- Gustav von Schmoller: Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Wirtschaft und Finanzen, 1989, ISBN 3-87881-038-5 (Erstausgabe: 1900, Faksimile).
- Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus. 1902, ISBN 3-428-01420-0.
- Werner Sombart: Die Ordnung des Wirtschaftslebens. Springer, 2007, ISBN 978-3-540-72253-3.
Joseph Schumpeter
- Joseph Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 1942, ISBN 3-8252-0172-4.
- Joseph Schumpeter: The March into Socialism. American Economic Review, 1950.
Österreichische Schule
- Friedrich Hayek: Die Verfassung der Freiheit. 1960, ISBN 3-16-145844-3.
- Friedrich Hayek: Capitalism and the Historians. Oxford University Press, Oxford 1963, ISBN 0-226-32072-3.
- Ludwig von Mises: Human Action – A Treatise on Economics. 1. Auflage. Ludwig von Mises Institute, Auburn (Alabama) 2007, ISBN 978-0-945466-24-6 (mises.org [PDF; 55,7 MB] Erstausgabe: 1948).
- Arthur Seldon: Capitalism. Wiley-Blackwell, London 1990, ISBN 0-631-12558-2.
Soziologie
- Karin Claessens, Dieter Claessens: Kapitalismus als Kultur. Entstehung und Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979.
- Werner Sombart: Krieg und Kapitalismus. München 1913.
- Werner Sombart: Luxus und Kapitalismus. Duncker & Humblot, München 1913.
- Ferdinand Tönnies: Geist der Neuzeit. Buske, Leipzig 1935.
- Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. 1904, ISBN 3-89996-428-4.
Keynesianismus
Ordoliberalismus, Neoliberalismus
- Walter Eucken: Die Grundlagen der Nationalökonomie. 9. Auflage. 1990.
- Milton Friedman: Kapitalismus und Freiheit. München 1976.
- Peter Koslowski, James M. Buchanan: Ethik des Kapitalismus. 6. Auflage. Mohr Siebeck, 1998, ISBN 3-16-147014-1 (Erstausgabe: 1982).
- Alfred Müller-Armack: Entwicklungsgesetze des Kapitalismus. Berlin 1932.
- Ayn Rand, Nathaniel Branden, Alan Greenspan, Robert Hessen: Capitalism: The Unknown Ideal. 1966, ISBN 0-451-14795-2.
- Hernando de Soto: El Misterio del Capital. 2002, ISBN 950-07-2238-0.
Sekundärliteratur
Einführungen
- Tom Bottomore: Theories of Modern Capitalism. Allen & Unwin, London 1985.
- Ingomar Bog: Kapitalismus. In: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften. Band IV. Gustav Fischer u. a., Stuttgart/New York u. a. 1978, S. 419–432.
- Gerhard Willke: Kapitalismus. Campus, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-593-38199-0.
- James Fulcher: Kapitalismus. 2. Auflage. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-018876-7.
- Geoffrey Ingham: Capitalism. Wiley & Sons, 2008, ISBN 978-0-7456-3648-1.
- Jürgen Kromphardt: Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus: von seiner Entstehung bis zur Gegenwart. 4. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, UTB 1017, Göttingen 2004, ISBN 3-8252-1017-0.
- Hannes Leidinger: Kapitalismus. UTB, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-3019-7.
- Gunilla Budde (Hrsg.): Kapitalismus. Historische Annäherung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-30131-9.
Geschichte
- Elmar Altvater: Kapitalismus – Zur Bestimmung, Abgrenzung und Dynamik einer geschichtlichen Formation. In: Erwägen Wissen Ethik. Heft 3, 2002, S. 281–291 (evoeco.forschungsseminar.de).
- Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Band 2: Der Handel; Band 3: Aufbruch zur Weltwirtschaft. Kindler, München 1986.
- Sven Beckert: Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Werner Roller, Sigrid Schmid und Thomas Stauder, Rowohlt, Hamburg 2025, ISBN 978-3-498-00591-7.
- Sören Brandes, Malte Zierenberg (Hrsg.): Praktiken des Kapitalismus. In: Mittelweg 36, 26. Jahrgang, Heft 1, Februar/März 2017 (Einleitung, PDF).
- Jürgen Kocka, Marcel van der Linden (Hrsg.): Capitalism. The Reemergence of a Historical Concept. London 2016.
- Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-65492-3.
- Friedrich Lenger: Der Preis der Welt. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus. C.H. Beck Verlag, München 2023, ISBN 978-3-406-80834-0.
- Jannis Milios: Eine zufällige Begegnung in Venedig. Die Entstehung des Kapitalismus als Gesellschaftssystem. Dietz Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-320-02364-5.
- Larry Neal, Jeffrey Williamson (Hrsg.): The Cambridge History of Capitalism. 2 Bände. Cambridge 2014.
- Michael Perelman: The Invention of Capitalism: The Secret History of Primitive Accumulation, Duke UP 2000, ISBN 978-0-8223-2491-1
- Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus. Die Geschichte einer andauernden Revolution. Rowohlt, Berlin 2019, ISBN 978-3-871-34754-2.
- Immanuel Wallerstein: The Capitalist World-Economy. Cambridge University Press, Cambridge 1979.
- Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. Laika-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-942281-67-6.
Politikwissenschaft
- Peter A. Hall, David W. Soskice (Hrsg.): Varieties of capitalism: the institutional foundations of comparative advantage. Oxford University Press, Oxford 2001, ISBN 0-19-924775-7.
Soziologie
- Jens Beckert: Imagined Futures: Fictional Expectations and Capitalist Dynamics. Harvard University Press, Cambridge MA 2016.
Literaturwissenschaft
- Urs Urban: Die Ökonomie der Literatur. Zur literarischen Genealogie des ökonomischen Menschen. Aisthesis, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8498-1305-5.
Filme
- Carmen Losmann: Oeconomia (Dokumentarfilm, 2020)
Weblinks
- Literatur von und über Kapitalismus im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Bücher zum Thema „Kapitalismus“ in der Staatsbibliothek zu Berlin
- Politikwissenschaftliche Literatur zum Thema Kapitalismus und Kapitalismuskritik in der Annotierten Bibliografie der Politikwissenschaft
- Das Kapitalozän – Erdzeitalter des Geldes Vortrag von Harald Lesch vom 2. Dezember 2018 aus dem Audimax der TU Ilmenau im YouTube-Kanal von iSTUFF
Einzelnachweise
<references />