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Körpersozialisation

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Körpersozialisation beschreibt den Prozess der Anpassung an und der Aneignung von gesellschaftlichen sozialen Normen (Sozialisation) durch den Menschen, welche über und durch den menschlichen Körper geschieht. Die Interaktion von menschlichen Körpern und der menschliche Körper an sich spielen in verschiedenen soziologischen Theorien eine Rolle. Besondere Beachtung findet Körpersozialisation im Bereich der Körpersoziologie.

Körper und Sozialisation

Der Soziologe Robert Gugutzer schreibt zur Rolle des menschlichen Körpers bei Sozialisation:

„Der menschliche Körper ist ein durch und durch soziales Phänomen: Was auch immer Menschen mit ihrem Körper tun, welche Einstellung sie zu und welches Wissen sie von ihm haben, ist geprägt von der Kultur, Gesellschaft und Epoche, in der diese Körperpraktiken, -vorstellungen und -bewertungen auftreten.“<ref>Robert Gugutzer: Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte. 18/2007, S. 4 (bpb.de).</ref>

Der menschliche Körper ist laut Gugutzer also kein „natürliches“ Produkt der Biologie, sondern ein „soziales Phänomen“, welches durch Sozialisation geformt wird.

Gerade für die sozialwissenschaftliche Analyse ist der Körper grundlegend, da, so der Soziologe Thomas AlkemeyerVorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Bestandsaufnahme der aktuellen Debatte um Körpersozialisation

Als Bestandsaufnahme der aktuellen Debatte um und über Körpersozialisation und sozialisierte Körper fasst der Soziologe Uwe H. Bittlingmayer zusammen: „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Thomas Alkemeyer fasst über die Beschreibung von Bewegung des Körpers und die Interaktion von Körpern innerhalb einer körperbezogenen (Sozialisations-)Debatte zusammen: „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Weitergabe von gesellschaftlichen Strukturen über die Sozialisation von Körpern

Laut dem französischen Soziologen Marcel Mauss bildet sich über Interaktion eine „soziale Motorik“ aus, anhand derer sich Schicht- und Gesellschaftszugehörigkeit erkennen lässt. Dabei findet eine Formung und Prägung des Körpers „durch materielle Kultur“ wie Techniken, Werkzeugen und Handlungen statt.<ref name="Mauss1935">Marcel Mauss: Die Techniken des Körpers. Fischer, Frankfurt am Main 1989. (Hrsg.): Soziologie und Anthropologie 2. zuerst erschienen in Journal de Psychologie Normale et Pathologique. Band 32, Heft 3–4, 1935</ref>

Laut Mauss wirkt sich dabei die Sozialisation der körperlichen Haltung auf die Psyche, die Motorik und auf Sichtweisen aus.<ref name="Mauss1935" /> Der Soziologe und Philosoph Pierre Bourdieu beschreibt Körpersozialisation in seiner Habitustheorie. Bourdieu schreibt von einer „Stillen Pädagogik“<ref name="Bourdieu128">Bourdieu: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-28666-8, S. 128, französisch erschienen 1980.</ref> über welche Sozialisation im Verborgenen stattfindet. Er beschreibt, wie „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= werden.

Über diese „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= ist es laut Bourdieu möglich, über eine Sozialisation des Körpers und seiner Interaktionen „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= Er geht davon aus, dass Körper über Interaktion geformt werden. Dabei ist der „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Der Körper spielt also in Bourdieus Konzept von Strukturvermittlung (seiner Habitustheorie) eine grundlegende Rolle, da „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Durch Körpersozialisation reproduzierte soziale Ungleichheit

Sowohl in Beiträgen der aktuellen Gendertheorie als auch in Pierre Bourdieu Habitustheorie wird explizit die Reproduktion von sozialer Ungleichheit über Körpersozialisation thematisiert. Pierre Bourdieu beschreibt dazu sozialklassenspezifische Körperkonzepte, in der Gender-Debatte wird darauf eingegangen, inwieweit Körper geschlechts- beziehungsweise genderspezifisch sozialisiert werden.

Reproduktion von (Sozial-) klassenspezifischen Körperkonzepten

Pierre Bourdieu geht davon aus, dass über den Körper gesellschaftliche Strukturierungs-Strukturen aufgenommen und so manifestiert werden. Laut Bourdieu werden über die Sozialisation des Körpers so gesellschaftliche Strukturen und explizit auch soziale Ungleichheit weitergegeben.

So schreibt Uwe H. Bittlingmayer, dass Bourdieu „Vorlage:Str trim“, weiter stellt Bittlingmayer fest, dass „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= davon ausgeht, dass Ungleichheit nicht nur Ausdruck in unterschiedlichen Körperkonzepten findet, sondern auch über diese reproduziert wird.

Laut der Soziologin Paula-Irene Villa ist „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Auch andere Soziologen betonen die Rolle von bestimmten Körperkonzepten bei der Weitergabe von Sozialisationsmustern. So schreibt Alkemeyer über Disziplinierung über und Reproduktion von Körperbildern im Dritten Reich: „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= So wurde laut ihm auch im NS-Regime „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= gehuldigt, um im Sinne des Regimes „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Gesellschaftliche Strukturen (Denk-,Wahrnehmungs- und Handlungsmuster) werden also über den menschlichen Körper und seine Metaphern sowohl manifestiert als auch über die Interaktion sozialisierter Körper reproduziert.

Geschlechts- und genderspezifische Körpersozialisation

In der Gender-Debatte spielt eine geschlechtsspezifische Körpersozialisation eine wichtige Rolle, weil, so stellt der Sportwissenschaftler Jürgen Baur fest, „Vorlage:Str trim“ und „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= werden. Es findet also eine gender-spezifische Körpersozialisation statt.

Grundlegend für die Weitergabe von (Gender-)Strukturen ist, laut der Soziologin Regine Gildemeister, die Wahrnehmung und Interaktion von Körpern. Dazu schreibt Gildemeister, dass „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref= beruht (siehe auch doing Gender).

Gestützt wird diese These der Rolle von Körperinteraktion bei Sozialisation auch mit Bourdieu, der, wie der Soziologe Uwe H. Bittlingmayer feststellt, davon ausgeht, dass Körper „Vorlage:Str trimVorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Kritik an Bourdieus Konzept von Körpersozialisation

Pierre Bourdieus Konzept von Körpersozialisation sowie der Weitergabe gesellschaftlicher Strukturen in seiner Habitustheorie werden kritisiert. So stellt der Philosoph und Soziologe Stephen Turner fest, dass Körpersozialisation im Sinne Bourdieus für die Sozialisationsforschung wichtige Fragen nicht beantwortet.<ref name="Turner44">Stephen Turner: The Social Theory of Practices: Tacit Knowledge and Presuppositions. Polity Press, Oxford 1994, b: S. 44.</ref><ref name="Schmidt123" />

Er fragt „Vorlage:Str trim“ (deutsch: „Wie werden Muster und Praktiken aufgenommen, wenn das die richtige Metapher ist, wie kommen sie, wohin auch immer das sein mag, in eine Person und wo gehen sie dort hin? (…)und in welcher Form werden sie übertragen?“)Vorlage:": Ungültiger Wert: ref=

Weiter unterstellt Turner logische Inkonsistenz, da er der Meinung ist, dass die von Bourdieu beschriebene verborgene Weitergabe („Stille Pädagogik“) von Vorannahmen und Mustern nicht möglich ist, ohne diese in offenkundiges Verhalten umzusetzen. Laut Turner muss diese Interaktion also jenseits eines Verborgenseins stattfinden, da die Weitergabe von Mustern auf gegenseitigem Wahrnehmen beruht.

Neurobiologische Aspekte von Körpersozialisation

Laut Robert Schmidt erfährt die Diskussion über Körpersozialisation neue Impulse durch aktuelle Erkenntnisse aus der Neurobiologie. Er führt an, dass gerade die von Bourdieu vorgebrachten Überlegungen zu unbewusster Sozialisation über Körperinteraktion, also unbewusster Interaktion, von aktuellen Forschungsergebnissen zu Spiegelneuronen untermauert wird.<ref name="Schmidt123" />

Siehe auch

Literatur

  • A. Stach: Einübung eines kritischen Blicks auf den weiblichen Körper–Die Sendung Germany’s next Topmodel und ihre Bedeutung für die Körpersozialisation junger Frauen und Männer. In: Körper• Geschlecht• Affekt. Springer Fachmedien Wiesbaden 2013, S. 117–135.
  • Renate Nestvogel: Weibliche Körpersozialisation in interkultureller Perspektive. Doris Schuhmacher-Chilla (Hrsg.): Das Interesse am Körper Strategien und Inszenierungen in Bildung, Kunst und Medien. Klartext, Essen 2000, S. 34–64.
  • U. Preuss-Lausitz: Körpersozialisation und Modernisierung: Freundschaft und Kooperation zwischen Jungen und Mädchen. In: Zwischen Dramatisierung und Individualisierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1998, S. 109–123.
  • M. Rudlof: Die Produktion von Männlichkeit: Zur Gefühls- und Körpersozialisation des Jungen in der Moderne. In: Ethnologica. 22, 1997, S. 53–60.
  • U. Preuss-Lausitz: Körper und Politik. Zur historischen Veränderung der Körpersozialisation im 20. Jahrhundert. In: deutsche jugend. H. 7–8, 1987.

Einzelnachweise

<references />