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Luchterhand Literaturverlag

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Luchterhand Literaturverlag
Luchterhand_Logo.svg
Gründung   1924<ref>Wieland Freund: Lektor in Zeiten des Turbokapitalismus. In: Die Welt. 3. November 2001, S. 7.</ref>
Sitz   München, Deutschland
Leitung   Grusche Juncker<ref>Grusche Juncker übernimmt für Georg Reuchlein. In: Börsenblatt. 27. Februar 2018, abgerufen am 16. Juni 2018.</ref>
(Verlegerin)
Ursula Bergenthal<ref name="Börsenblatt (2025)" />
(Verlagsleiterin)
Verlagsnummer   630<ref>Adressbuch für den deutschsprachigen Buchhandel. Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels, abgerufen am 18. Januar 2016.</ref>
Verlagsgruppe   Penguin Random House
Gattung   Belletristik
Website   www.penguin.de

Der Luchterhand Literaturverlag ist ein deutscher Verlag mit Sitz in München. Er gilt als eine der profiliertesten Adressen für deutschsprachige Gegenwartsliteratur und die literarische Moderne. Im Verlag sind Werke von Autoren wie Günter Grass, Christa Wolf<ref>Kurz vor Ladenschluß. In: Der Spiegel. Nr. 2, 1994 (online).</ref><ref name="Spiegel (2001)">Hubert Spiegel: Pfeifen im Ohr. Random House erwirbt den Luchterhand Literaturverlag. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30. Oktober 2001, S. 47.</ref> und Georg Lukács erschienen.

Die Geschichte des Verlags reicht bis 1924 zurück. Der Luchterhand Literaturverlag wurde 1954 in Darmstadt als belletristische Abteilung des Fachverlags Luchterhand gegründet. Ab 1987 im Besitz von Wolters Kluwer, wurde der Literaturverlag 1988 an den Arche Verlag weiterverkauft und 2001 schließlich von der Penguin Random House Verlagsgruppe übernommen.<ref>Random House übernimmt Luchterhand. In: Handelsblatt. 30. Oktober 2001, S. 20.</ref> Diese gehört zu Bertelsmann.

Geschichte

Gründung und frühe Jahre

Hermann Karl Wilhelm Luchterhand gründete 1924 einen nach ihm benannten Fachverlag für Steuern und Recht in Berlin.<ref>Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, S. 14–20.</ref> Zunächst veröffentlichte er ein Informationsblatt zu Steuerthemen, zu den frühen Publikationen zählten außerdem Formblätter und ein Handbuch für Lohnbüros.<ref>Horst Dohm: Hermann Luchterhand Verlag besteht 75 Jahre. Berichte von der 51. Frankfurter Buchmesse. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 14. Oktober 1999, S. 25.</ref> 1934 ernannte er Eduard Reifferscheid zum Prokuristen und zog sich wenige Jahre später ins Privatleben zurück.

Die Gründe für den Ausstieg von Hermann Luchterhand sind bis heute nicht abschließend geklärt.<ref name="Füssel (2007)">Stephan Füssel (Hrsg.): Die Politisierung des Buchmarkts. 1968 als Branchenereignis. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05590-1, S. 248–250.</ref> 1939 erwarben Luchterhand und Reifferscheid Anteile an der Druckerei O. H. Scholz, deren Eigentümer wegen seiner jüdischen Verlobten unter Druck geraten war und 1939 mit ihr nach Großbritannien emigrierte. Es ist umstritten, ob Luchterhand und Reifferscheid dabei die Notlage ausnutzten.<ref>Reinhard Wittmann: Der Kampf zweier geldgieriger Aufsteiger. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. Mai 2018, S. 10.</ref>

Neubeginn und literarisches Profil

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Sitz des Unternehmens im Zuge des Wiederaufbaus von Berlin nach Neuwied verlegt. Hier beteiligte sich unter anderem Alfred Andersch mit seiner Zeitschrift Texte und Zeichen maßgeblich am Aufbau eines zusätzlichen literarischen Programms.<ref name="Hintermeier (2004)" /> Die ersten belletristischen Veröffentlichungen erschienen 1954.<ref>Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, S. 59.</ref> Der Verlag war damals als GmbH & Co. KG organisiert und trug offiziell den Namen „Hermann Luchterhand Verlag GmbH & Co. KG“.<ref>Ein neuer Standort für die Literatur. Luchterhand-Verkauf an hollaendische Kluwer ist perfekt. In: Handelsblatt. 6. August 1987, S. 13.</ref>

1950 trat nach dem Tod von Hermann Luchterhand sein Sohn Heinz Luchterhand (1914–1988) als Gesellschafter in den Verlag ein.<ref>Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, S. 19.</ref> Er leitete unter anderem die Niederlassung in Berlin und war bis 1969 Mitglied der Geschäftsleitung.<ref name="Füssel (2007)" /> Ab 1969 fungierte Otto F. Walter neben Eduard Reifferscheid als Verleger für den literarischen Teil, außerdem war er bis 1973 Geschäftsführer des Luchterhand Verlags und anschließend Herausgeber.<ref>Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, S. 20.</ref>

Anfang der 1970er Jahre wurde die Taschenbuchreihe Sammlung Luchterhand gegründet, in der Werke zu den Themen Literatur, Medientheorie, Politik und Sozialwissenschaft erschienen.<ref name="Walter (1975)">Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, S. 22.</ref>

Nachdem sich der Literatur- und Fachverlag in den 1950er und 1960er Jahren parallel entwickelten, wurde 1972 für den Luchterhand Literaturverlag erneut eine Niederlassung in Darmstadt geschaffen. (Schon 1956 bis 1960 hatte es eine Dependance in Darmstadt gegeben<ref>Verlage in Darmstadt. Abgerufen am 25. April 2021.</ref>, die vom Cheflektor Heinz Schöffler geleitet worden war<ref>Schöffler, Heinz. Abgerufen am 25. April 2021.</ref>.) Der Fachverlag blieb in Neuwied.<ref>Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, S. 23.</ref>

Besitzerwechsel und Krise

Auf Initiative von Günter Grass richtete der Luchterhand Literaturverlag im Jahr 1976 einen Autorenbeirat ein, der die „Mitbestimmung der Autoren“ sicherstellen sollte.<ref>Günter Grass: Ein gewichtiger Mann. Zum 80. Geburtstag des Verlegers Eduard Reifferscheid. In: Die Zeit. 11. Mai 1979 (zeit.de [abgerufen am 17. November 2014]).</ref> Unter anderem wollte man auf diesem Weg erreichen, dass die Autoren bei einem eventuellen Verkauf des Verlags ein Mitspracherecht hatten, denn es war, so Günter Grass, „den Autoren nicht länger zuzumuten, dass die Zufälligkeit der Erbnachfolge bei Verlagen in Privatbesitz ihre literarische Arbeit gefährdet“.<ref>Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975.</ref>

Im Zuge der Übernahme des Luchterhand Literaturverlags durch den niederländischen Konzern Wolters Kluwer im Jahr 1987 war die Geschäftsleitung der Ansicht, der Beirat sei bereits Jahre zuvor aufgelöst worden.<ref>Verscherbeltes Gesinde. In: Der Spiegel, 10. August 1987.</ref> Die Entscheidung löste eine beispiellose Protestwelle unter den Autoren aus, die um ihre Mitspracherechte fürchteten.<ref>Delikater Balanceakt. In: Der Spiegel. Nr. 39, 1987 (online).</ref>

Die anhaltende Kritik an Wolters Kluwer führte schließlich dazu, dass der literarische Teil von Luchterhand an Elisabeth Raabe und Regina Vitali vom Arche Verlag weitergereicht wurde. Als Sitz wählte man Zürich, Frankfurt am Main und später Hamburg.<ref name="Wegner (1994)" /> Wolters Kluwer behielt nur den Luchterhand Fachverlag.<ref name="Hintermeier (2004)">Hannes Hintermeier: Luchterhand hat eine neue Verlagsleitung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 15. Juli 2004, abgerufen am 17. November 2014.</ref> Vor der Übernahme arbeiteten rund 200 Personen für Luchterhand, der literarische Teil trug sieben Millionen zum Umsatz von 35 Millionen Deutsche Mark bei.<ref>Luchterhand soll an Kluwer-Gruppe gehen. Autoren suchen neuen Verlag. In: Handelsblatt. 3. August 1987, S. 9.</ref>

In den 1990er Jahren geriet der Luchterhand Literaturverlag in wirtschaftliche Schwierigkeiten.<ref>Matthias Wegner: Gefahr im Verzug. Wie der Luchterhand Verlag seine Autoren vertröstet. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 18. Februar 1994, S. 37.</ref> Schriftsteller wie Günter Grass veröffentlichten keine Werke mehr im Verlag.<ref name="Wegner (1994)">Matthias Wegner: Luchterhand am Ende? Pannen und Pleiten beim traditionsreichen Literaturverlag. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. Januar 1994, S. 27.</ref> Die Schulden betrugen zum damaligen Zeitpunkt vier Millionen Deutsche Mark.<ref name="Mayer-List (1995)">Irene Mayer-List: Pferde, Farmen und Verlage. In: Die Zeit. 8. Dezember 1995 (zeit.de [abgerufen am 17. November 2014]).</ref> Deshalb verkauften die Eigentümer 1994 die Mehrheit am Luchterhand Literaturverlag an Dietrich von Boetticher.<ref>Angela Schader: Luchterhand gerettet? Neue finanzielle Basis. In: Neue Zuercher Zeitung. 5. März 1994.</ref><ref>Tatjana Kerschbaumer: Ein Jahr auf Bewährung. Letzte Ausfahrt Niederbayern. In: Der Tagesspiegel. 19. Juni 2014, abgerufen am 7. August 2018.</ref><ref name="Mayer-List (1995)" /> Anschließend wurde der Sitz – mit Gerald Trageiser<ref>Er wollte nicht im Rampenlicht stehen: Früherer Luchterhand-Verleger Gerald J. Trageiser ist tot. In: Börsenblatt. 10. Dezember 2025, abgerufen am 10. Februar 2026.</ref> als Verleger – nach München verlegt.<ref>Luchterhand Verlag an Wirtschaftsanwalt verkauft. In: Süddeutsche Zeitung. 7. März 1994, S. 11.</ref> Nach der Übernahme publizierte unter anderem Christa Wolf wieder bei Luchterhand.<ref>Luchterhand Literaturverlag: Neue Übernahme. „Volk und Welt“ ergänzt Programm. In: Handelsblatt. 21. April 1995, S. 13.</ref>

Teil von Penguin Random House

2001 erwarb die Verlagsgruppe Random House den Luchterhand Literaturverlag.<ref>Luchterhand Literaturverlag rückwirkend zum 30.9. von Verlagsgruppe Random House übernommen. In: Buchmarkt. 29. Oktober 2001, abgerufen am 17. November 2014.</ref> Dietrich von Boetticher begründete den Verkauf des Luchterhand Literaturverlags damit, dass der Umsatz deutlich steigen müsse, um erfolgreich arbeiten zu können. Das wäre aber nur unter dem Dach eines Konzerns möglich. Luchterhand beschäftigte zum Zeitpunkt der Übernahme rund ein Dutzend Mitarbeiter.<ref name="Spiegel (2001)" /> Einzelne Kommentatoren beurteilten das Programm zuvor als „erfolglos“.<ref>One Family. Random House wird den Luchterhand Verlag kaufen. In: Süddeutsche Zeitung. 30. Oktober 2001, S. 18.</ref>

2005 beauftragte man Georg Reuchlein als Verleger mit der Führung von Luchterhand.<ref name="Puff-Trojan (2004)">Andreas Puff-Trojan: Hausinternes Stühlerücken bei Luchterhand. In: Tagesanzeiger. 17. Juli 2004, S. 43.</ref><ref>Georg Reuchlein und Regina Kammerer übernehmen zum 1. Januar 2005 die Luchterhand-Programmverantwortung von Gerald Trageiser – zusätzlich zu ihren bisherigen Aufgaben. In: Buchmarkt. 15. Juli 2004, abgerufen am 25. November 2014.</ref> Seit 2018 leitet Grusche Juncker als Verlegerin den Literaturverlag.<ref>Grusche Juncker wird Nachfolgerin von Georg Reuchlein. In: Buchreport. 27. Februar 2018, abgerufen am 1. August 2018.</ref> Im Mai 2025 kam Ursula Bergenthal als Verlagsleiterin zu Luchterhand.<ref name="Börsenblatt (2025)">Verlagsleitung von btb und Luchterhand: Ursula Bergenthal wird Nachfolgerin von Regina Kammerer. In: Börsenblatt. 1. April 2025, abgerufen am 10. Februar 2026.</ref>

Programm

Datei:Ich bekenne, ich habe gelebt (Pablo Neruda, 2003).jpg
Ich bekenne, ich habe gelebt von Pablo Neruda (2003)

Das literarische Programm von Luchterhand besteht seit dem Jahr 1954.<ref>Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, S. 59.</ref> Der Verlag veröffentlichte diverse Werke zahlreicher bedeutender Autoren: So erschien hier zum Beispiel Die Vorzüge der Windhühner, das erste Buch von Günter Grass, gefolgt 1959 von dem Roman Die Blechtrommel.<ref>In der Krise. Luchterhand-Literaturverlag vor dem Aus? In: Der Tagesspiegel. 8. Januar 1994.</ref>

Des Weiteren waren unter anderem Peter Bichsel, Michail Bulgakow, Max von der Grün, Peter Härtling, Helmut Heissenbüttel, Günter Herburger, Arno Holz, Ernst Jandl, Hermann Kant, Kurt Marti, Pablo Neruda, Anna Seghers, Michael Scharang, Robert Wolfgang Schnell, Claude Simon, Alexander Solschenizyn, Jörg Steiner, Carl Sternheim, Gabriele Wohmann, Christa Wolf, William Butler Yeats und andere im Programm von Luchterhand vertreten.<ref name="Walter (1975)" />

Einen nennenswerten Anteil am Programm hatten bis in die 1990er Jahre Lizenzausgaben von DDR-Autoren.<ref>Michael Bitala: Neue Leitung fuer Luchterhand. Verlag kommt nach Muenchen – Hanser-Lektor wird neuer Chef. In: Süddeutsche Zeitung. 7. Juni 1994, S. 16.</ref> 1993 verkaufte man die „Sammlung Luchterhand“ an dtv.<ref>Uwe Rada: Erfolg und Krise hausgemacht. In: Die Tageszeitung. 2. Oktober 1993, S. 33.</ref>

Derzeit sind bei Luchterhand Werke von über 100 Schriftstellern lieferbar, jährlich erscheinen rund zwei Dutzend neue Titel. Zu den bekannteren Werken der letzten Zeit gehören Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil, Gleis 4 von Franz Hohler, Vor dem Fest von Saša Stanišić, Die Liebe unter Aliens von Terézia Mora, oder Unterleuten von Juli Zeh. 2019 wurde das im Luchterhand Literaturverlag veröffentlichte Buch Herkunft von Saša Stanišić mit dem Deutschen Buchpreis geehrt.

Auszeichnungen

Kritik

Novelle „Bozena“

1994 erhielt ein Rechtsstreit zwischen dem Luchterhand Literaturverlag und Kiepenheuer & Witsch größere Aufmerksamkeit. Gegenstand des Verfahrens war die Novelle „Bozena“ von Peter Härtling, auf die sich der Luchterhand Literaturverlag bereits vor dem Wechsel des Schriftstellers zu Kiepenheuer & Witsch eine Option gesichert hatte.<ref>Rechtsstreit um Haertlings „Bozena“ geht weiter. In: Der Tagesspiegel. 10. August 1994.</ref> Das Landgericht Hamburg bestätigte daraufhin eine einstweilige Verfügung, welche die Auslieferung des Titels verhinderte.<ref>Gericht bestätigt Verfügung über Härtling. In: Stuttgarter Zeitung, 10. August 1994</ref>

Der Autor äußerte sein Unverständnis über die Entscheidung und kritisierte den Verlag, der die „Ware Literatur und Sklaven Autor“ zurückfordern wolle.<ref>Gericht bestätigt: Härtlings „Bozena“ darf nicht erscheinen. Peter Härtlings neue Novelle „Bozena“ kommt vorerst nicht in die Buchläden. In: Bonner General-Anzeiger. 10. August 1994, S. 14.</ref> Von einer „Verhöhnung des freien Schaffens“ war die Rede.<ref>Härtling: Verhöhnung des freien Schaffens. In: Stuttgarter Zeitung. 12. August 1994.</ref> Andere Beobachter bezeichneten den Rechtsstreit als „neuen Tiefpunkt in der Geschichte des Hauses Luchterhand“.<ref>Ein Fall des Hauses Luchterhand. In: Stuttgarter Zeitung. 10. August 1994.</ref>

Schließlich lenkte der Luchterhand Literaturverlag ein und verzichtete auf seinen Unterlassungsanspruch, sodass „Bozena“ ausgeliefert werden konnte.<ref>Härtling kann erscheinen. In: Süddeutsche Zeitung. 16. August 1994, S. 11.</ref>

Scholz-Druckerei

2012 berichtete Die Tageszeitung, der Verlag habe sich während der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig bereichert.<ref name="Gessler (2012)">Philipp Gessler: Das braune Kapitel. Luchterhand Verlag in Nazi-Zeit. In: Die Tageszeitung. 11. August 2012, abgerufen am 1. August 2018.</ref> Die Medien kritisierten, der Verlag habe dieses Kapitel nicht ausreichend aufgearbeitet.<ref>Jetzt aufarbeiten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 15. August 2012, S. 25.</ref>

Anlass für die Vorwürfe war der Kauf einer Berliner Druckerei im Jahr 1939. Eduard Reifferscheid und Heinz Luchterhand zahlten dem Eigentümer Otto Heinrich Scholz einen außergewöhnlich niedrigen Preis und drängten ihn später aus dem Betrieb.<ref>Hat der Verlag von den Nazis profitiert? In: Bonner General-Anzeiger. 15. August 2012, S. 10.</ref> Scholz war aufgrund seiner jüdischen Verlobten von den Nationalsozialisten verfolgt worden. Das Ehepaar schloss nach Kriegsende einen Vergleich mit dem Verlag und erhielt eine Entschädigung.<ref name="Gessler (2012)" />

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2012 erklärte der Luchterhand Literaturverlag, der Sachverhalt sei wegen der Eigentümerwechsel im Haus bisher nicht bekannt gewesen.<ref>Luchterhand will Vorwürfe zu Nazi-Zeit aufarbeiten. In: Die Welt. 14. August 2012, abgerufen am 12. November 2014.</ref> Man kündigte eine „rückhaltlose Aufklärung“ der Vergangenheit an.<ref>Luchterhand verspricht Aufklärung. Vorwurf: Verlag an NS-Unrecht beteiligt. In: Der Tagesspiegel. 12. August 2012, abgerufen am 12. November 2014.</ref> Dafür wurde Siegfried Lokatis verpflichtet, Professor für Buchwissenschaft an der Universität Leipzig.<ref>Luchterhand lässt Vorwürfe der Bereicherung in der Nazi-Zeit von Siegfried Lokatis aufarbeiten. In: Buchmarkt. 24. Oktober 2012, abgerufen am 12. November 2014.</ref> 2018 legte er mit Sophie Kräußlich und Freya Leinemann eine Studie vor, die sich mit der Geschichte des Verlags während der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt.<ref>Grautöne. Verlagsgeschichte Luchterhands in der NS-Zeit. In: Börsenblatt. 28. Juni 2018, abgerufen am 1. August 2018.</ref><ref>Luchterhand Verlag: Ehrliche Aufarbeitung der NS-Zeit. Siegfried Lokatis im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske. In: Deutschlandfunk. 27. Juni 2018, abgerufen am 10. Februar 2026.</ref> Sie kommt zu keinem eindeutigen Ergebnis, da viele Dokumente abhandengekommen und Spuren vernichtet worden seien. Es gebe aber keine Belege dafür, dass der Verlag ein „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ gewesen sei.<ref>Studie über den Luchterhand-Verlag im Nationalsozialismus. In: Der Tagesspiegel. 27. Juni 2018, abgerufen am 1. August 2018.</ref>

Literatur

  • Otto F. Walter: Luchterhand: Die ersten 50 Jahre. 1924–1974. Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1975, DNB 208291229 (Bibliothek des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels).
  • Konstantin Ulmer: VEB Luchterhand? Ein Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben. Christoph Links, Berlin 2016, ISBN 978-3-86153-930-8 (christoph-links-verlag.de [abgerufen am 1. August 2018]).
  • Siegfried Lokatis, Sophie Kräußlich, Freya Leinemann: Luchterhand im Dritten Reich. Verlagsgeschichte im Prozess. Hauswedell, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-7762-1318-8 (hauswedell.de [abgerufen am 1. August 2018]).

Weblinks

  • Website des Luchterhand Literaturverlags

Einzelnachweise

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Koordinaten: 48° 7′ 57″ N, 11° 37′ 19,8″ O

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