Maria Carmi
Maria Carmi (* 3. März 1880 in Florenz als Eleonora Erna Gilli genannt Norina; † 4. August 1957 in Myrtle Beach) war eine italienische Schauspielerin schweizerischer Abstammung, die durch ihre Mitwirkung in dem von ihrem ersten Ehemann Karl Gustav Vollmoeller verfassten Mysterienspiel Das Mirakel bekannt wurde.
Leben
Norina Gilli kam als jüngstes von fünf Kindern des Konditormeisters Luigi Gilli und dessen Ehefrau Emma Gilli, geb. Troll in Florenz zur Welt.<ref>Frederik D. Tunnat: Maria Carmi – Europas erste Film- und Theaterdiva, Edition Vendramin, Berlin 2015, S. 21</ref> Luigi Gillis Urgroßvater war aus Graubünden in die Toskana ausgewandert und hatte im Jahr 1733 die Konditorei Gilli im Zentrum von Florenz begründet.<ref>https://caffegilli.com/en/history/</ref>
Norina wuchs in Florenz und Fiesole auf, verbrachte die Sommermonate aber in Samedan, Graubünden, wo die Familie ein Haus im Ortskern besaß<ref>Maria Carmi Biografie S. 22</ref> Nachdem sie 1894 lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankt war, brachten ihre Eltern sie erst nach Samedan, von dort nach St. Moritz in eine Spezialklinik für Lungenkranke<ref>Maria Carmi Bio S. 23</ref>.
Durch die Brüder Züst, Auswanderer aus der Schweiz, Gründer der Züst-Automobilfabriken, lernte Norina 1903 ihren Ehemann Karl Gustav Vollmoeller kennen.<ref>Maria Carmi Bio S. 25</ref> Im Mai 1904 heiratete das Paar in San Salvatore al Monte in Florenz.<ref>Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach, Brief Vollmoellers Herbst 1942</ref> Gabriele D’Annunzio war einer der Trauzeugen.<ref>Maria Carmi Bio S. 34/35</ref> Das junge Paar lebte in Vollmoellers Villa in Sorrent am Golf von Neapel, ab 1906 in Turin und in der Villa Il Pozzino in Castello, die Vollmoeller für Norina erworben hatte.<ref>Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach, Brief Vollmoellers Herbst 1942</ref> Hier war Rainer Maria Rilke Ostern 1908 Gast der Vollmoellers.<ref>Rainer Maria Rilke, Mathilde Vollmoeller: Paris tut not Briefwechsel, Göttingen 2001, S. 12–15f</ref> Im Spätsommer 1904 ereignete sich in der Villa Arlotta ein Skandal, als sich André Gide Vollmoeller homosexuell näherte, worauf dieser ihn erbost aus dem Haus warf.<ref>Ruth Landshoff-Yorck: Klatsch, Ruhm und kleine Feuer, Erinnerungen Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin, 1963, S. 80</ref> Im selben Jahr waren Arthur Schnitzler und seine Frau Olga in Sorrent zu Besuch.<ref>Siehe das Tagebuch von Schnitzler, [1]. Siehe auch Postkarte mit Dank und Briefe Arthur Schnitzlers im Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach</ref>
Im Jahr 1906 überredete Vollmoeller Norina, ihn bei seiner Arbeit über Pier Jacobo Martelli zu unterstützen. Unter Norinas Pseudonym Maria Carmi wurde das Buch im Jahr 1906 im Verlag Bernardo Seeber Florenz veröffentlicht.<ref>Maria Carmi: Pier Jacopo Martelli, Bernardo Seeber, Florenz 1906</ref>
Im Herbst 1907 reiste Norina nach Berlin, wo sie Gast bei Sabine Lepsius und deren Mann Reinhold Lepsius war.<ref>Sabine Lepsius: Stefan George: Geschichte einer Freundschaft. Berlin: Verlag Die Runde, 1935 und Sabine Lebsius: Ein Berliner Künstlerleben um die Jahrhundertwende: Erinnerungen. München: Georg Müller Verlag, 1972, S. 207,225</ref> Das raue Berliner Klima ließ ihre Lungenkrankheit wieder ausbrechen. Sie fuhr nach Davos in ein Lungensanatorium, wo sie mehrere Monate behandelt wurde.<ref>Frederik D. Tunnat: Maria Carmi Biografie</ref> Insofern war sie nicht in der Lage, wie oft behauptet, zwischen 1907 und 1909 Schauspielunterricht bei Max Reinhardt zu nehmen. Dies beweist auch Ernst Sterns Äußerung in seinen Erinnerungen: „Jene Frau Carmi kam aus Florenz … Obwohl Dilettantin, verkörperte sie in idealer Weise<ref>Ernst Stern: Bühnenbildner bei Max Reinhardt, Henschel Vlg. Berlin, 1955, S. 61</ref>“ [die Madonna]. Auch mehrere Stellen im Briefwechsel Rilkes mit Mathilde Vollmoeller der Jahre 1907 bis 1909 bestätigen Norinas Abwesenheit von Berlin.<ref>Rainer Maria Rilke, Mathilde Vollmoeller: Paris tut not. Briefwechsel</ref>
Am 31. Juli 1911 in Tutzing, am Starnberger See, kam es zu einer schicksalhaften Begegnung zwischen Norina Vollmoeller und Max Reinhardt. Karl Gustav Vollmoeller kam von einem Besuch bei Gustav Klimt in Unterach am Attersee zurück, um seine Frau und Max Reinhardt in Tutzing zu treffen. Als Norina auf die beiden Männer zu kam, soll Max Reinhardt gegenüber Vollmoeller geäußert haben: „Da kommt unsere Madonna“.<ref>Schriftliche Notiz Vollmoellers im Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach</ref> Norina Vollmoeller musste mühsam überzeugt werden, als Nicht-Schauspielerin die Rolle zu übernehmen.<ref>Siehe Briefe zwischen 30. Juli 1911 an Heymel bis 29. August 1911 an Hanns von Gumppenberg im Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach</ref>
Durch ihre Hauptrolle in Vollmoellers The Miracle, das am 23. Dezember 1911 in der Londoner Olympia Hall Premiere hatte, wurde sie unter ihrem Künstlernamen Maria Carmi zur weltweiten Berühmtheit. Die großen englischen, US-amerikanischen und deutschen Zeitungen waren voll des Lobes für Maria Carmis Schauspiel.<ref>Siehe z. B. New York Times v. 14. Januar 1912, Berliner Tageblatt vom 30. April 1914</ref> Nach einer Sondervorstellung von Vollmoellers „Mirakel“ anlässlich des Eucharistischen Weltkongresses in Wien 1912 empfing Papst Pius X. das Ehepaar Vollmoeller am 28. Juni 1914 im Vatikan in Privataudienz.<ref>New York Times v. 11. Juli 1912</ref> Im Interview mit der NYT äußerte Maira Carmi: „I was presented by the Prussian Embassy, but his Holiness at once recognized me as an Italian, saying: A German name, but Venetian eyes. And a Florentine nose, your Holiness, I replied, explaining that I was born in Tuscany.“
Vor und während des Ersten Weltkriegs war sie eine sehr gefragte Diva des deutschen und italienischen Stummfilms.
Durch die kriegsbedingte Abwesenheit ihres Mannes, der im Auftrag der Kulturabteilung des deutschen Außenministeriums gemeinsam mit seinem Freund Harry Graf Kessler in der Schweiz tätig war, lebte sich das Paar auseinander.<ref>Johannes von Guenther: Ein Leben im Ostwind. Zwischen Petersburg und München. Erinnerungen. Biederstein, München 1969, S. 343</ref> In Berliner Diplomatenkreisen lernte Maria Carmi 1916 den georgischen Fürsten Georges Vasili Matchabelli (1885–1935) kennen. Trotz ihrer noch bestehenden Ehe mit Vollmoeller nutzte sie eine Gastspieltournee des Deutschen Theaters im Mai 1917 nach Schweden, um sich im Standesamt Stockholm in Bigamie mit Fürst Matchabelli zu verheiraten.<ref>Frederik D. Tunnat: Maria Carmi Biografie S. 171–179, sowie Heiratsurkunde Archiv Standesamt Stockholm</ref>
Nach Ende des Krieges und der Scheidung von Vollmoeller Anfang 1921 kehrte Maria Carmi nach Italien zurück.<ref>Siehe Briefwechsel zwischen Vollmoeller und seinem Schwager W. Knoll in seinem Nachlass im DLA Marbach.</ref> Ohne die Protektion ihres Ex-Mannes vom italienischen Film gemieden, wirkte Carmi kurze Zeit als Theaterschauspielerin in Italien. Ende 1923 zogen die Matchabellis in die USA<ref>Siehe Einbürgerungsanträge von Norina und Georges Matchabelli, Archiv der Stadt New York, Standesamt (mit Bestätigung der Eheschließung 1917 in Stockholm)</ref>, wo sie mehrere Jahre erneut in Vollmoellers The Miracle am Broadway und an Theatern in verschiedenen Großstädten auftrat. Carmi, nun Fürstin Norina Matchabelli, gründete 1924 gemeinsam mit ihrem Mann die Prince Matchabelli Perfume Company. 1933 reichte Fürst Matchabelli die Scheidung ein, da seine Frau eine führende Jüngerin des Gurus Meher Baba und Mitbegründerin dessen amerikanischer Niederlassungen geworden war. Wie stark sich ihre Persönlichkeit unter dem Einfluss Meher Babas veränderte, beschreibt die Schriftstellerin Mercedes de Acosta, eine nahe Freundin, in ihren Erinnerungen.<ref>Mercedes de Acosta, Here Lies the Heart. New York, 1960</ref> De Acosta beschreibt auch, wie Norina sich im Auftrage ihres Gurus bemühte, Greta Garbo für dessen Sekte zu gewinnen.
Nach Matchabellis Tod 1935 erbte sie trotz Scheidung einen mehrstelligen Millionenbetrag, den sie Meher Baba schenkte. Norina Matchabelli wurde Meher Babas Sprecherin, da dieser ein Schweigegelübde abgelegt hatte und nur mittels einer Tafel mit seiner Umwelt kommunizierte. Dank Norinas exzellenter Kontakte zur Filmgemeinde Hollywoods, über die sie durch ihren Ex-Mann Karl Vollmoeller verfügte, versuchte sie zwei Mal, einen Film über Meher Baba drehen zu lassen. Beide Male gelang es ihr, Vollmoeller für die Erarbeitung es Drehbuches zu gewinnen, doch beide Projekte, für die sich namhafte Künstler engagierten, scheiterten an den unrealistischen Vorstellungen und Einwänden Meher Babas. Die Kopien der Drehbücher befinden sich in Vollmoellers Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Obwohl lebensbedrohlich erkrankt, lebte Norina viele Jahre in ärmlichsten Verhältnissen in Indien, im Ashram ihres Gurus, bis der fortschreitende Krebs eine Behandlung in den USA erforderlich machte. Auch hier setzte sie sich noch vom Krankenbett aus intensiv für die Belange ihrer Sekte ein. Norina Matchabelli alias Maria Carmi verstarb 1957 im kurz zuvor errichteten Glaubenszentrum der Baba-Sekte in Myrtle Beach.
Filmografie
- 1913: Das Mirakel
- 1913: Eine venezianische Nacht
- 1914: L’Accordo in minore
- 1914: Sperduti nel buio
- 1914: Therese Raquin
- 1915: Fluch der Schönheit
- 1915: Der Hermelinmantel
- 1915: Die rätselhafte Frau
- 1915: Spinolas letztes Gesicht
- 1916: Das Wunder der Madonna
- 1916: Für den Ruhm des Geliebten
- 1916: Aphrodite
- 1916: Homunculus, 4. Teil: Die Rache des Homunculus
- 1916: Der Pfad der Sünde
- 1916: Der Letzte eines alten Geschlechtes
- 1916: Die Richterin von Solvingsholm
- 1916: Das Haus der Leidenschaften
- 1916: Der Fluch der Sonne
- 1916: Der Weg des Todes
- 1917: Wenn Tote sprechen
- 1917: Die Memoiren der Tragödin Thamar
- 1917: Rächende Liebe
- 1917: Das Spitzentuch der Fürstin Wolkowska
- 1918: Wenn die Sonne sinkt
- 1920: Per il passato
- 1921: Forse che si, forse che no
Werk
- Maria Carmi: Pier Jacopo Martelli, Bernardo Seeber Verlag, Florenz 1906
Literatur
- Frederik D. Tunnat: Karl Vollmoeller – Dichter und Kulturmanager, Eine Biographie, 2008
- Frederik D. Tunnat: Karl Vollmoeller – Ein Leben im Zeichen des Mirakels, 2011
- Frederik D. Tunnat: Maria Carmi – Europas erste Film- und Theaterdiva, Edition Vendramin 2015
- Ernst Stern: Bühnenbildner bei Max Reinhardt, Henschel Vlg. Berlin, 1955
- Rainer Maria Rilke, Mathilde Vollmoeller: Paris tut not. Briefwechsel., Herausgegeben von Barbara Glauert-Hesse, Wallstein Verlag, Göttingen 2001
- Sabine Lepsius: Ein Berliner Künstlerleben um die Jahrhundertwende: Erinnerungen. München: Georg Müller Verlag, 1972
- Ursula von Mangoldt:Auf der Schwelle zwischen Gestern und Morgen. Begegnungen und Erlebnisse Barth, 1963
- Hedda Eulenberg: Im Doppelglück von Kunst und Leben, 1952
- Bündner Kalender. 2010, S. 81–86
- Vittorio Martinelli: Maria Carmi – Schauspielerin. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, Lg. 24 (1994)
- Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films. Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Band 1: A – C. Erik Aaes – Jack Carson. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-340-3, S. 679.
Film
- „Die Prinzessin von Samedan“ von Claudia Knapp, Dokumentarfilm, CH 2016, 25 Minuten<ref>https://www.samedan.ch/public/upload/assets/1793/10_2016.pdf</ref>
Weblinks
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- Porträtfotografien in der britischen National Portrait Gallery
Einzelnachweise
<references />
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- Theaterschauspieler
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- Gestorben 1957
- Frau
- Karl Gustav Vollmoeller
- Italienischer Emigrant in den Vereinigten Staaten