Marktfundamentalismus
Als Marktfundamentalismus, Marktradikalismus oder Marktideologie<ref name="Stuerner">Rolf Stürner: Markt und Wettbewerb über alles? Gesellschaft und Recht im Fokus neoliberaler Marktideologie. 2007, ISBN 978-3-406-56884-8, S. 144, 141 und 127</ref> kritisieren Gegner eines extremen Wirtschaftsliberalismus und Libertarismus wirtschaftspolitische Positionen, die ihrer Meinung nach das Problemlösungspotential von Marktmechanismen zu hoch und das des Staates als zu gering einschätzen.
Herkunft
Der Ausdruck „Marktfundamentalismus“ wurde durch George Soros 1998 popularisiert, aber bereits 1991 von Jonathan Benthall, John Langmore und John Quiggin benutzt.<ref>Jonathan Benthall: Inside Information on ‚the Market’. In: Anthropology Today, August 1991, Band 7, Nr. 4, S. 1–2.</ref><ref>George Soros: Die Krise des globalen Kapitalismus (The crisis of Global Capitalism). Alexander Fest Verlag, Berlin 1998.</ref><ref>J. Langmore, J. Quiggin: Work For All. 1995.</ref> Soros stellte seine Kritik in Die Krise des globalen Kapitalismus dar:
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Bedeutung
Laut Soros glauben Marktfundamentalisten „dass Märkte ein Gleichgewicht anstreben und dass dem Allgemeinwohl am besten gedient ist, wenn man den Teilnehmern erlaubt, ihre Eigeninteressen zu verfolgen.“<ref>George Soros: Soros sieht schlimmste Krise seit 60 Jahren Welt Online vom 25. Januar 2008</ref> Damit verstünden sie die Finanzmärkte jedoch falsch, weil ihre Theorie eines Gleichgewichts nur auf die Welt der Physik anwendbar sei. Statt eines Gleichgewichts sieht Soros eine „reflexive Interaktion zwischen dem, was die Teilnehmer erwarten, und dem, was tatsächlich passiert“, diese sei von zentraler Bedeutung für das Verständnis aller ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Phänomene. (vgl. S. 23)
Noch wichtiger ist jedoch für Soros das Versagen des Marktmechanismus im „Nichtmarktsektor“, womit er die kollektiven Interessen der Gesellschaft meint, die Werte, „welche auf Märkten keinen Ausdruck finden.“ (S. 25)
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Die Sozialwissenschaftler Margaret Somers und Fred Block definieren Marktfundamentalismus als „heutige Form der Vorstellung, dass die Gesellschaft als Ganzes einem System selbstregulierender Märkte untergeordnet werden sollte. Marktfundamentalismus ist extremer als die (und darf nicht verwechselt werden mit den) abgestuften Meinungen der meisten Mainstream-Ökonomen. Er ist ebenfalls sehr verschieden vom komplexen Gemisch an politischen Linien, die in aktuell existierenden Marktgesellschaften verfolgt werden.“<ref>Margaret R. Somers, Fred Block: From Poverty to Perversity: Ideas, Markets, and Institutions over 200 Years of Welfare Debate. In: American Sociological Review, April 2005, Band 70, Nr. 2, S. 260 f. {{
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Jürgen Habermas beklagt das „sozialdarwinistische Potential“<ref name="Habermas – Marktfundamentalismus und Sozialdarwinismus">Jürgen Habermas: Nach dem Bankrott. In: Die Zeit, Nr. 46/2008.</ref> des Marktfundamentalismus. Auch Christoph Butterwegge hält den Neoliberalismus für eine Spielart des Sozialdarwinismus.<ref>{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}| |}}}}{{#if:|{{{autor}}}: }}{{#if:|{{#if:Neoliberalismus als Spielart des Sozialdarwinismus|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=Neoliberalismus als Spielart des Sozialdarwinismus}}]{{#if:| ({{{format}}})}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://www.derstandard.at/story/1363706934087/neoliberalismus-als-spielart-des-sozialdarwinismus%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=Neoliberalismus als Spielart des Sozialdarwinismus}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://www.derstandard.at/story/1363706934087/neoliberalismus-als-spielart-des-sozialdarwinismus}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=Neoliberalismus als Spielart des Sozialdarwinismus}}}}]}}{{#if:| ({{{format}}}{{#if:derStandard.at{{#if: 2019-12-29 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}
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Friedhelm Hengsbach verweist auf den seiner Ansicht nach „marktradikalen Bezugspunkt“ der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft, die „idealtypische Konstruktion des vollkommenen Marktes“.<ref>Friedhelm Hengsbach: Soziale Marktwirtschaft – Konstrukt, Kampfformel, Leitbild? In: Nils Goldschmidt, Michael Wohlgemuth: Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft. 1. Auflage. Mohr Siebeck, 2004, ISBN 978-3-16-148296-0, S. 164</ref>
Der ehemalige Weltbankvorsitzende Joseph E. Stiglitz vertrat 2001 in seiner Dankesrede für den Wirtschaftsnobelpreis die Ansicht, dass der Washingtoner Konsens auf „marktfundamentalistischen Grundsätzen“ basiere.<ref>Joseph E. Stiglitz: Information and Change in the Paradigm in Economics. In: American Economic Review, Juni 2002, Band 92, Nr. 3, S. 460, 461.</ref><ref>Joseph E. Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung. 4. Auflage. Goldmann, München 2004, S. 106</ref> Die zugrundeliegende „Ideologie“ beruhe auf der Verabsolutierung des Adam Smith zugeschriebenen Modells, nachdem Marktkräfte die Volkswirtschaft wie von unsichtbarer Hand zu effizienten Ergebnissen führen würden.<ref>Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung. 4. Auflage. 2004, S. 105 f.</ref> Dabei bleibe unberücksichtigt, dass das Marktsystem vollständigen Wettbewerb und vollkommene Information erfordere.<ref>Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung. 4. Auflage. 2004, S. 106.</ref> Fundamentalistisch sind nach Stiglitz Vorstellungen, dass „die Märkte sich selbst regulieren, Ressourcen effizient verteilen und den Interessen der Öffentlichkeit dienen“. Diese Ansichten seien eine interessengeleitete politische Doktrin, die keine Grundlage in der ökonomischen Theorie habe.<ref name="Stiglitz – Kritik am Marktfundamentalismus">Joseph E. Stiglitz: Das Ende des Neoliberalismus? Project Syndicate, 2008; abgerufen am 26. Juni 2009.</ref> Stiglitz bezeichnete die weltweite Finanzkrise 2008 als Ende des von ihm gesehenen Marktfundamentalismus.<ref>{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}| |}}}}{{#if:Michael Hesse|Michael Hesse: }}{{#if:|{{#if:Ideengeschichte Die Liberalen und der Staat|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=Ideengeschichte Die Liberalen und der Staat}}]{{#if:Nachrichtenartikel| (Nachrichtenartikel)}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ideengeschichte-die-liberalen-und-der-staat-11715508.html%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=Ideengeschichte Die Liberalen und der Staat}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ideengeschichte-die-liberalen-und-der-staat-11715508.html}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=Ideengeschichte Die Liberalen und der Staat}}}}]}}{{#if:Nachrichtenartikel| (Nachrichtenartikel{{#if:FAZ.net2012-04-21{{#if: 2009-04-07 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}
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Kritik des Begriffs
Jagdish Bhagwati beklagt einen antimarktwirtschaftlichen Fundamentalismus, der jetzt überall wachse. Anders als z. B. Stiglitz vermag er während der Regierungszeit des US-Präsidenten George W. Bush keinen Marktfundamentalismus zu erkennen. Statt Deregulierung habe er viel gescheiterte Regulierung gesehen, was meist mit Lobbyismus zu tun habe.<ref>Finanzprodukte sind wie Feuer. Sueddeutsche.de, 11. November 2008. {{#switch:
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Auch Bryan Caplan kritisiert die Verwendung des Schlagworts. Für den ökonomischen Mainstream sei der populäre Vorwurf des „Marktfundamentalismus“ schlicht falsch und töricht. Selbst Milton Friedman, der sehr viel marktfreundlicher sei als der Durchschnitt der Ökonomen, räume offen Schwachstellen des Marktes ein und habe keinen quasi-religiösen Glauben an die Unfehlbarkeit des freien Marktes. Die einzigen plausiblen Kandidaten für „Marktfundamentalismus“ seien die Nachfolger von Ludwig von Mises, insbesondere sein Schüler Murray Rothbard und das Ludwig von Mises Institute. Diese würden aber meist nur miteinander diskutieren, weil sie sich weitab des ökonomischen Mainstreams befinden würden. Caplan meint, dass anstelle eines Marktfundamentalismus ein quasi-religiöser Demokratiefundamentalismus verbreitet sei.<ref>Bryan Douglas Caplan: The myth of the rational voter: why democracies choose bad policies. Princeton University Press, 2007, S. 183 ff., 185</ref>
Nach dem Soziologen Wolfgang Krohn diene „die Prägung des Wortes Marktfundamentalismus der moralischen Diskreditierung einer neo-liberalistischen Haltung“. Sie nutze dabei deren Gegnerschaft gegen moralischen Fundamentalismus, um klarzustellen, dass „die Vorwürfe des Fundamentalismus und der Scheinheiligkeit gelegentlich auch an die Adresse scheinbar entmoralisierter Akteure zurückgegeben werden, wenn diese sich auf die unerbittliche Sachlogik funktionaler Imperative der Funktionssysteme berufen, um manifest unethische Praktiken zu veredeln.“<ref>Wolfgang Krohn: Funktionen der Moralkommunikation</ref>
Siehe auch
Literatur
- Lee Boldeman: The cult of the market: economic fundamentalism and its discontents. AU E Press, Canberra 2007; epress.anu.edu.au (PDF; 1,7 MB)
- Klaus Dörre, Kerstin Jürgens, Ingo Matuschek (Hrsg.): Arbeit in Europa. Marktfundamentalismus als Zerreißprobe. Campus, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-593-50178-9.
- Jean Gadrey: New Economy, New Myth, 2001, ISBN 978-0-415-30142-8 (speziell Kapitel Market diversity and regulation und The limits of the market; Original: ISBN 978-2-08-080023-7)
- Richard Kozul-Wright, Paul Rayment: The Resistible Rise of Market Fundamentalism. Rethinking Development Policy in an Unbalanced World. Zed Books, London 2008, ISBN 978-1-84277-636-0.
- Walter Otto Ötsch: Mythos Markt, Mythos Neoklassik. Das Elend des Marktfundamentalismus. Metropolis, Weimar (Lahn) 2018, ISBN 978-3-7316-1278-0.
- Peter Schönhöffer (Hrsg.) u. a.: Pax Christi – Kommission Weltwirtschaft: Der Gott Kapital. Anstöße zu einer Religions- und Kulturkritik. LIT-Verlag, Münster 2006, ISBN 3-8258-9316-2
- Franz Josef Radermacher: Ökosoziale Grundlagen für Nachhaltigkeitspfade – Warum der Marktfundamentalismus die Welt arm macht. In: GAIA, 2004, 13, Nr. 3, S. 170–175.
- George Soros: Die Krise des globalen Kapitalismus (The crisis of Global Capitalism). Alexander Fest Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-8286-0097-2
- Joseph E. Stiglitz: Chancen der Globalisierung. Siedler, Berlin 2006
Weblinks
- Philipp Ther: Der Neoliberalismus. Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 5. Juli 2016.
Einzelnachweise
<references />
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Zitat
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:"
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:URL
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Linktext
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:Datum
- Wikipedia:Weblink offline fix-attempted
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Toter Link/URL fehlt
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Parameter:ISSN
- Libertarismus
- Globalisierungskritischer Begriff
- Politisches Schlagwort