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Mykenische Religion

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Die Religion der mykenischen Kultur des griechischen Festlandes der späten Bronzezeit ist sowohl durch archäologische Funde als auch durch Schriftquellen bekannt. Sie ist ein Spiegelbild irdischer Verhältnisse und ähnelt insofern der späteren griechischen Religion der klassischen Antike. Ihr Jenseitsbezug ist jedoch unklar.

Mykenische Heiligtümer

Die Heiligtümer der Mykener lagen sowohl innerhalb der Paläste und Städte als auch, wenn auch seltener, in eigenen Gebäuden im Freien.<ref name="Schofield146" /> Damit waren vermutlich viele Menschen von der offiziellen Kultausübung ausgeschlossen.

In Mykene lag das Heiligtum innerhalb der Befestigungsmauern. Es bestand aus fünf mit Fresken verzierten Gebäudekomplexen.<ref name="Schofield146" /> Die Fresken befanden sich teilweise zwischen dem sog. Haus von Tsountas und dem Südwestgebäude,<ref name="Schofield146" /> im Südwestgebäude selbst<ref>Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 152.</ref> oder auch im Raum der Fresken.<ref name="ReferenceA">Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 150.</ref> Im Heiligtum standen ein großer Opferherd und eine Terrakotta-Badewanne, die vielleicht für Baderituale genutzt wurde.<ref name="ReferenceA" /> Auch fand sich eine Bank mit Kulthörnern.<ref name="ReferenceA" /> Zahlreiche männliche und weibliche Terrakotta-Figurinen mit individuellen Zügen, die im Kultzentrum im Raum der Sockel und im Raum der Götzen gefunden wurden, stellten wohl die verehrten Gottheiten dar.<ref>Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 151 f.</ref> v. Das Heiligtum in Tiryns bestand aus mehreren frei stehenden Gebäuden, die überwiegend Figuren von Göttinnen enthielten, aber auch einen abgebrochenen tönernen Phallus und bewaffnete Götterfiguren orientalischen Ursprungs („smiting gods“).<ref name="Schofield157" />

Das Heiligtum in Ayios Konstantinos auf der Halbinsel Methana diente der Verehrung eines männlichen Gottes. Es bestand aus drei Kammern und beinhaltete Dreifüße, Gefäße für Trankopfer (Rhyta (Einzahl Rhyton)), Kylikes (Einzahl Kylix), einen Becher und eine Schöpfkelle, verschiedenste Tonfiguren, eine gestufte Steinbank, eine Plattform und einen Opferherd.<ref name="Schofield157" />

Das Heiligtum von Phylakopi auf der Insel Melos diente der Verehrung von Gottheiten beiderlei Geschlechts. Es gliederte sich in ein Ost- und ein Westheiligtum. Vor dem Eingang des Westschreins stand ein heiliger Stein. Die Altäre der Gottheiten waren wahrscheinlich nach Geschlecht der jeweiligen Gottheit getrennt. Es fanden sich wieder zahlreiche Terrakotta- und Tonfiguren, darunter die „Lady of Philakopi“.<ref name="Schofield157" />

Das Heiligtum von Aya Irini auf der Insel Kea enthielt hingegen zahlreiche fast lebensgroße Terrakotta-Figurinen weiblicher Gottheiten.<ref>Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 158 f.</ref>

Mykenische Kultpraktiken

Datei:Mycenae Museum Fresco.jpg
Freskodarstellung einer Göttin oder Priesterin aus Mykene

Opfergaben wurden von den Eliten des Palastes auch an weit entfernten Orten und nicht nur im eigenen Palast dargebracht, so z. B. auch in Amnisos und nicht nur in Knossos.<ref name="Schofield161" /> Als Opfergaben kamen Goldgefäße, Wolle, Gerste, Feigen, Mehl, Wein, Olivenöl, parfümiertes Öl, Honig,<ref name="Schofield161" /> kleine Dosen und Büchsen, Rosensträuße und Tonfigurinen in Frage.<ref name="Schofield162" /> Als Opfertiere wurden Kühe, Schweine, Ziegen, Schafe und wilde Eber genutzt.<ref name="Schofield162" /> Auch Menschenopfer könnten existiert haben.<ref name="Schofield163" /> Auf Fresken werden die Opferrituale meist von Frauen ausgeführt, aber auch der König (wanax) übernahm eine wichtige Rolle.<ref name="Schofield161" /> Es können auch rituelle Bankette ausgerichtet worden sein.<ref name="Schofield163" />

Mykenische Begräbnisriten

Die Mykener bestatteten ihre fürstlichen Toten in aufwendig erbauten großen Tholosgräbern mit zahlreichen Grabbeigaben aus Gold und Bernstein, aber auch mit persönlichen Besitztümern der Toten, symbolischen Tonfiguren und selbst mit geopferten Hunden und Pferden, teilweise wohl auch mit geopferten Dienern. Dies lässt auf einen Glauben an ein Leben nach dem Tode schließen.<ref>Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 164–169.</ref>

Mykenische Gottheiten

Die anthropomorphen mykenischen Gottheiten sind das Abbild einer Adelsgesellschaft. Hinzu kommen personifizierte Naturmächte und Tiergestalten. Die Formen ihrer ikonographischen Darstellung sind vielfältig. So gibt es Terrakotta-Figurinen von auf Thronen sitzenden Göttinnen. Mykenische Fresken zeigen eine kriegerische Göttin mit Eberzahnhelm und Greif auf dem Arm.<ref name="Schofield155" /> Eine Elfenbeinschnitzerei zeigt zwei Göttinnen mit einem Kind.<ref>Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 134.</ref> Ein mykenisches Fresko zeigt entweder eselsköpfige Dämonen<ref name="Schofield155" /> oder Kultfunktionäre in Eselsmasken.

Zahlreiche mykenische Gottheiten sind aus Linear-B-Texten bekannt (siehe Tabelle). Viele der mykenischen Gottheiten sind auch aus klassischen griechischen Kultur bekannt (z. B. Artemis, Hera, Hermes). Es gibt aber auch textlich erwähnte Gottheiten, die in späterer Zeit unbekannt waren (z. B. Drimios, Mnasa, Poseidaeia).

Mykenischer Name Gottheit Schreibung Linear B Überlieferungsort Aufgaben, Bedeutung des Namens Entsprechung in der klassischen griechischen Mythologie
*Apeljōn / *Huperjōn [a/u?]-pe-ro2-ne Dat. Knossos Apollon<ref>Ivo Haynal: Die griechisch-anatolischen Sprachkontakte zur Bronzezeit – Sprachbund oder loser Sprachkontakt?. Universität Innsbruck, S. 3.</ref> oder Hyperion
Arēs a-re Dat. Knossos Ares<ref name="Hawkes226" />
Artemis
Artimis
a-te-mi-to Gen.,
a-ti-mi-te Dat.
Pylos Artemis<ref name="Hawkes226" />
Athānās Potnia a-ta-na po-ti-ni-ja Dat. Knossos „Herrin von Athen“<ref>José Luis García Ramón: Mycenaean Omomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpurgo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2, Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 235.</ref> Athene<ref name="Schofield160" />
*Daidalos da-da-re-jo-de Allativ (Schreinname) Knossos nachgewiesen im Schreinnamen Daidaleion<ref name="Hawkes226" /> Daidalos
Diwia di-u-ja, di-wi-ja Gen., Dat. Pylos weibliches Gegenstück zu Zeus<ref>Thomas G. Palaima: Sacrificial Feasting in the Linear B Documents. Hesperia 73, 2004, S. 219.</ref> Dia, Beiname mehrerer Göttinnen
Diwonūsos di-wo-nu-so-jo Gen.,
di-wo-nu-so Dat.
Chania, Pylos Dionysos<ref name="Schofield160" />
Domspotās (?) do-po-ta Dat. Pylos „Herr des Hauses“
Drīmios di-ri-mi-jo Dat. Pylos Sohn von Zeus<ref>José Luis García Ramón: Mycenaean Omomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpurgo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2, Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 230.</ref> evtl. Beiname von Ares.
*Dzēus di-wo Gen.,
di-wo Dat.
Chania, Knossos, Pylos Zeus<ref name="Schofield160" />
Eleuthia e-re-u-ti-ja Dat. Knossos Geburt<ref name="Schofield160" /> Eileithyia<ref name="Schofield160" />
Enesidāhōn e-ne-si-da-o-ne Dat. Knossos Ennosidas (Poseidon)
Enūwalios e-nu-wa-ri-jo Dat. Knossos Krieg Enyalios, (Sohn des Ares)<ref name="Schofield160" />
Gwowia qo-wi-ja Dat. Pylos „Kuh“
Erīnnūs e-ri-nu, e-ri-nu-we Dat. Knossos Erinys, Beiname der Aphrodite und Demeter
*Hāphaistos a-pa-i-ti-jo (theophorer Männername)<ref>José Luis García Ramón: Mycenaean Omomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpurgo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2, Louvain-la-Neuve-Warpole 2011, S. 231.</ref> Knossos Hephaistos<ref name="Schofield160" />
Hērā e-ra Dat. Pylos Hera<ref name="Schofield160" />
Hermahās e-ma-a-o2 Gen.,
e-ma2 Dat.
Knossos, Pylos, Theben Hermes<ref name="Schofield160" />
Hikkwō (Dual) i-ku-wo-i-pi Dat.Dual Knossos „die beiden Stuten“ Demeter und Kore?
Iphemedehia i-pe-me-de-ja Dat. Pylos Iphimedeia<ref name="Schofield160" />
Komāwenteia ko-ma-we-te-ja Dat. Pylos, Theben „Langhaarige“
Kwhērasia qe-ra-si-ja Dat. Knossos
Mallinēus (?) ma-ri-ne-wo Gen.
ma-ri-ne-we Dat.
Knossos, Theben hat e mit Wolle (gr. mallós) zu tun
Mnāsā ma-na-sa Dat. Pylos
Mātēr Thehiā ma-te-re te-i-ja Dat. Pylos „Göttliche Mutter“
Paiāwōn pa-ja-wo-ne Dat. Knossos „Retter“; Heilkunst<ref name="Schofield161" /> Paieon (Apollon)<ref name="Schofield160" />
Pāntes Thehoi pa-si-te-o-i Dat.Plural Knossos „Alle Gottheiten“, Götterkollektiv
Pereswā (?) pe-re-82 Dat. Pylos
Posidāhehia po-si-da-e-ja Dat. Pylos Paredros von Poseidon<ref>Angelos Chaniotis: Das antike Kreta. München 2004, S. 41.</ref>
Poseidāhōn po-se-da-o Nom.,
po-se-da-o-no Gen.,
po-se-da-o-ne Dat.
Knossos, Pylos „Gewässerherr“; Hauptgott in Pylos Poseidon<ref name="Hawkes226" />
Potnia po-ti-ni-ja Gen., Dat. Knossos, Mykene,
Pylos, Theben
„Herrin“; Hauptgöttin in Pylos; bezeichnet möglicherweise unterschiedliche Göttinnen<ref>Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 159.</ref>
Potnia Aswia po-ti-ni-ja a-si-wi-ja Dat. Pylos „Herrin von Aswia“ (= Kleinasien?)
Potnia Daburinthohio da-pu2-ri-to-jo po-ti-ni-ja Dat. Knossos „Herrin des Labyrinths“ Ariadne ?<ref name="Hawkes226" />
Potnia Hikkweia [po]-ti-ni-ja i-qe-ja Dat. Pylos „Pferdeherrin“
Sītōn Potnia si-to-po-ti-ni-ja Dat. Mykene „Kornherrin“ Demeter<ref name="Hawkes226" />
Trīshērōs ti-ri-se-ro-e Dat. Pylos „Dreiheld“ evtl. Ahnengottheit

Siehe auch

  • Minoische Religion zur altägäischen Religion des bronzezeitlichen Kreta, welche auch unter mykenischer Herrschaft fortlebte und in kretischen Linear B-Texten ihren Niederschlag fand.

Literatur

  • Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009, ISBN 978-3-8053-3943-8, S. 144–169.
  • Jaquetta Hawkes: Geburt der Götter – An den Quellen griechischer Kultur. Hallwag AG Bern, Bern, 1972, ISBN 3-444-10107-4, S. 226 f.
  • Thomas G. Palaima: Sacrificial Feasting in the Linear B Documents. Hesperia 73, 2004, S. 217–246.
  • Badisches Landesmuseum Karlsruhe: Zeit der Helden: Die „dunklen Jahrhunderte“ Griechenlands 1200 – 700 v.Chr. Primus-Verlag, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-89678-389-9.
  • Angelos Chaniotis: Das antike Kreta. C.H.Beck, München 2004, ISBN 3-406-50850-2.
  • José Luis García Ramón: Mycenaean Omomastics. In: Yves Duhoux, Anna Morpurgo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2, Peeters, Louvain-la-Neuve-Warpole 2011.
  • Stefan Hiller: Mycenaean Religion and Cult. In: Yves Duhoux, Anna Morpurgo Davies: A Companion to Linear B: Mycenaean Greek Texts and their World. Volume 2, Peeters, Louvain-la-Neuve-Warpole 2011.

Einzelnachweise

<references> <ref name="Hawkes226"> Jaquetta Hawkes: Geburt der Götter – An den Quellen griechischer Kultur. Bern 1972, S. 226. </ref> <ref name="Schofield146"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 146 f. </ref> <ref name="Schofield155"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 155. </ref> <ref name="Schofield157"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 157 f. </ref> <ref name="Schofield160"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 160. </ref> <ref name="Schofield161"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 161 f. </ref> <ref name="Schofield162"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 162. </ref> <ref name="Schofield163"> Louise Schofield: Mykene, Geschichte und Mythos. Mainz 2009, S. 163. </ref> </references>