Neurotheologie
Neurotheologie ist ein Ansatz innerhalb der Neurowissenschaften, religiöses Empfinden und Verhalten beziehungsweise Spiritualität und Transzendenzerfahrungen mit den Methoden der Neurobiologie zu erforschen.
Medizinische Beobachtungen
1975 veröffentlichten Stephen Waxman und Norman Geschwind, dass Patienten mit Schläfenlappenepilepsie auffällige Veränderungen in Selbstgefühl und Verhalten entwickelten, unter anderem intensive Religiosität (hyperreligiosity).<ref>Stephen Waxman, Norman Geschwind: The interictal behavior syndrome of temporal lobe epilepsy. In: Arch Gen Psychiatry Band 32, 1975, S. 1580–1586.</ref>
1998 veröffentlichte Vilaynur S. Ramachandran Verhaltensexperimente mit derselben Art von Patienten, bei denen sich eine erhöhte physiologische Reaktion speziell bei Wörtern religiösen Inhalts gezeigt hatte.<ref>Vilaynur S. Ramachandran, Sandra Blakeslee: Die blinde Frau, die sehen kann. Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins. Teilband 3. Auflage Rowohlt 2002, ISBN 978-3-499-61381-4 (Originaltitel: Phantoms in the Brain: Probing the Mysteries of the Human Mind. Quill William Morrow, New York 1998.)</ref>
Neurochemische Beobachtungen
Die psychoaktive Substanz Psilocybin, die in mehr als 200 Pilzarten vorkommt und die eine lange Kulturgeschichte hat, in den 1950ern erstmals popularisiert vom Ehepaar Valentina Pavlovna und R. Gordon Wasson, wurde im Hinblick auf mögliche medizinische Anwendungen erforscht. Die bereits lange bekannte Häufung von spirituellen, religiösen und mystischen Erlebnissen nach Einnahme der Droge wurde in mehreren Studien bestätigt.<ref>Roland R. Griffiths, William A. Richards, Una D. McCann, Robert Jesse: Psilocybin can occasion mystical-type experiences having substantial and sustained personal meaning and spiritual significance, Psychopharmacology, 2006, Band 187, Ausgabe 3, S. 268–283.</ref><ref>Roland R. Griffiths, William A. Richards, Matthew W. Johnson, Una D. McCann, Robert Jesse: Mystic-type experiences occasioned by psilocybin mediate the attribution of personal meaning and spiritual significance 14 months later, Journal of Psychopharmacology, 2008, Band 22, Ausgabe 6, S. 621–632.</ref><ref>Roland R. Griffiths, Matthew W. Johnson, William A. Richards, Richards BD, Una D. McCann, Robert Jesse: Psilocybin occasioned mystical-type experiences: immediate and persisting dose-related effects. Psychopharmacology 218, 2011: 649–665 PMID 21674151</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Auch wurde gezeigt, dass mystische Erfahrungen in Kombination mit Meditation und anderen spirituellen Praktiken zu positiven therapeutischen Ergebnissen führen können.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Untersuchungen der sichtbaren Wirkung von Psilocybin im Gehirn durch bildgebende Verfahren zeigten keine Regionen gesteigerter Aktivität, sondern stattdessen mehrere bedeutende Schaltzentren mit herabgesetzter Aktivität. Als mögliche Erklärung wurde vorgeschlagen, dass durch die (bereits relativ gut bekannten) neurochemischen Effekte von Psilocybin das normale Gleichgewicht neuronaler Informationsflüsse gestört wird.<ref>Robin Lester Carhart-Harris, David Erritzoe, Tim Williams, James M. Stone, Laurence J. Reed , Alessandro Colasanti, Robin J. Tyacke , Robert Leech, Andrea L. Malizia, Kevin Murphy, Peter Hobden, John Evans, Amanda Feilding, Richard G Wise, David J. Nutt: Neural correlates of the psychedelic state as determined by fMRI studies with psilocybin. In: Proc Natl Acad Sci U S A. 2012, 109:2138-2143. PMID 22308440.</ref>
Weitere – jedoch nicht reproduzierbare – Experimente
Experimente, in denen mit außen am Kopf angelegten, extrem schwachen magnetischen Feldern bei 80 Prozent der Probanden angeblich das Gefühl der Präsenz einer „höheren Wirklichkeit“ erzeugt werden konnte, machten den kanadischen Neurologen Michael Persinger bekannt. Viele seiner religiösen Probanden sprachen davon, von Gott berührt worden zu sein, Atheisten dagegen von einer gefühlten Verbundenheit mit dem Universum. In einer Doppelblind-Studie einer Gruppe um Pehr Granqvist mit Magnetfeldstimulationen nach Persinger zeigte sich jedoch, dass Probanden, deren Helme (mit den Magnetspulen) nicht aktiviert waren, genauso häufig von spirituellen Erlebnissen berichteten wie jene, deren Helme aktiv waren.<ref>Pehr Granqvist, Mats Fredrikson, Patrik Unge, Andrea Hagenfeldt, Sven Valind, Dan Larhammar und Marcus Larsson: Sensed presence and mystical experiences are predicted by suggestibility, not by the application of transcranial weak complex magnetic fields. In: Neuroscience Letters 379, 2005: 1-6 PMID 15849873.</ref>
Bildgebende Verfahren setzte Andrew Newberg von der University of Pennsylvania ein, um der Meditationserfahrung neurowissenschaftlich näher zu kommen. Die Ergebnisse bezog er in neurobiologisch begründbare Theorien zur Bildung von Mythen und Ritualen ein. Unabhängige Wiederholungsstudien zeigen aber unterschiedliche Ergebnisse. So fanden Mario Beauregard und Vincent Paquette von der Université de Montréal mehr Gehirnregionen bei Meditationen besonders aktiviert, als Newberg angenommen hatte.<ref>Mario Beauregard, Vincent Paquette: Neural correlates of a mystical experience in Carmelite nuns. In: Neurosci Lett 405, 2006: 186-190 PMID 16872743.</ref>
In Deutschland beteiligte sich neben anderen der Hirnforscher Detlef Linke an Debatten zum Thema, auch mit populärwissenschaftlichen Büchern wie Religion als Risiko<ref>Detlef B. Linke: Religion als Risiko. Geist, Glaube und Gehirn. Reinbek bei Hamburg 2003, ISBN 3-499-61488-X.</ref> und mit Vorträgen.
Religiöse Deutungen
Vereinzelt zu beobachten sind Versuche religiöser Deutungen neurobiologischen Geschehens, etwa bei Laurence McKinneys Buch Neurotheology,<ref>Laurence O. McKinney: Neurotheology. Virtual Religion in the 21st Century. American Institute for Mindfulness, 1994, ISBN 0-945724-01-2.</ref> das sich um eine neurologische Legitimation des Buddhismus bemüht. Es gibt darüber hinaus Untersuchungen, die philosophische und neurowissenschaftliche Bestätigungen für den im Buddhismus beschriebenen illusionären Charakter des Selbst herausarbeiten wollen,<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> sowie Debatten in der modernen Bewusstseinsphilosophie über die Frage, ob es nicht-selbstbezügliche Erfahrung geben kann.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Literatur
- Andrew Newberg, Eugene D’Aquili, Vince Rause: Der gedachte Gott, Piper, München 2003, ISBN 3-492-24138-7.
- Gerald Wolf: Wissenschaftsromane
- Der HirnGott, dr. ziethen verlag 2005; 2. Auflage Sich Verlag 2008, ISBN 978-3-9811692-8-7.
- Glaube mir, mich gibt es nicht. Sich Verlag 2009, ISBN 978-3-9812628-0-3. Das Gottesmodul. Glaube mir, mich gibt es nicht! 2019, ISBN 978-1-5210-7253-0.
- Detlef Linke: Identität, Kultur und Neurowissenschaften. In: Werner Gephart, u. a.: Religion und Identität im Horizont des Pluralismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main (1999) 72–80, ISBN 3-518-29011-8.
- Sharon Begley, Anne Underwood: Religion and the Brain. In: Newsweek. (USA), 7. Mai 2001.
- Ury Hafner: Gott im Kopf. Wie die Wissenschaft den Glauben erklärt. In: Stapferhaus Lenzburg (Hrsg.): Glaubenssache. Ein Buch für Gläubige und Ungläubige. (Glaubenssache: Ein Buch zum Glaubensalltag der Gegenwart) Baden 2006, 54–60, ISBN 3-03919-038-5.
- Rüdiger Vaas: Gott und Gehirn. In: Peter R. Sahm u. a. (Hrsg.): Der Mensch im Kosmos. Discorsi Verlag, Hamburg 2005, S. 181–208, ISBN 3-9807330-8-4.
- Angelika Karger, Ahmed Karim: Zur Kritik der Neurotheologie. In: Forum Technik, Theologie, Naturwissenschaften. Nr. 16, München 2006, S. 19–36. ISBN 3-89675-956-6.
- Rüdiger Vaas, Michael Blume: Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt – Die Evolution der Religiosität. Hirzel, Stuttgart 2009; 2. Auflage 2009; 3. Aufl. 2012. ISBN 978-3-7776-1634-6.
- Michael Blume: Neurotheologie. Hirnforscher erkunden den Glauben. Tectum Wissenschaftsverlag, Marburg 2009, ISBN 978-3-8288-9933-9.
- Torsten Passie, Jan Oliver Warncke, Thomas Peschel, Ulrich Ott: Neurotheologie. In: Der Nervenarzt Band 84, 2013, S. 283–293, Übersichtsartikel, doi:10.1007/s00115-011-3384-6
Weblinks
- Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: „Neurotheologie“
- Sabine Müller, Henrik Walter: „Religiöse Gehirne: Neurotheologie und die neurowissenschaftliche Erforschung religiöser Erfahrungen“, in: Nervenheilkunde 12/2010, S. 684–689 (freier Download)
- Marcus Knaup: „Wohnt Gott im Gehirn?“, in: sciencegarden - Magazin für junge Forschung 03/2007
- Lisa Peter: „Religion - Hirngespinst oder evolutionärer Vorteil?“, in: In.Put (Wissenschaftsmagazin Universität Tübingen) 03/2007
- Christa Tamara Kaul: Warum der Mensch glaubt (Telepolis)
- Hans Goller: Religiöses Erleben und Hirntätigkeit. Eine Auseinandersetzung mit der Neurotheologie, Audiodateien der Konferenz „Ich denke, also bin ich Ich?“ 2005
- Ulrich Schnabel: Unterm Mystikhelm. Hirnforscher erkunden die Wirkung religiöser Überzeugungen auf Körper und Psyche. Wie die Naturwissenschaft auszog, Gott zu suchen – und dabei den Glauben fand. ZEIT Online, 07/2010.
Einzelnachweise
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