Nitroguanidin
Nitroguanidin (abgekürzt auch NiGu oder NQ) ist eine energiereiche, chemische Verbindung aus der Gruppe der Nitroimine, die als Komponente von Treibladungspulvern und Sicherheits-Sprengstoffen Bedeutung besitzt.
Nitroguanidin ist ein extrem unempfindlicher Sprengstoff, der trotz niedriger Detonationsenergie bei einer Dichte von 1,742 g/cm3 eine hohe Detonationsgeschwindigkeit (8344 m/s) und einen hohen Detonationsdruck von 29 GPa erreicht, was an die Leistungsdaten von Hexogen heranreicht<ref name="IHE2">Vorlage:Literatur</ref>.
Gewinnung und Darstellung
Nitroguanidin entsteht bei der Einwirkung von kalter konzentrierter Schwefelsäure auf Guanidiniumnitrat. Es kann auch durch die Umsetzung von Dicyandiamid mit Ammoniumnitrat bzw. auch durch die Reaktion von Harnstoff mit Ammoniumnitrat hergestellt werden.<ref name="IHE">Vorlage:Literatur</ref>
Eigenschaften
Nitroguanidin bildet farblose, orthorhombische, nadelförmige Kristalle aus. Seine röntgenographisch bestimmte Dichte beträgt 1,77 g/cm³, sein Schmelzpunkt liegt bei 239 °C (Subl., Zers.). Nitroguanidin ist nicht hygroskopisch. Es ist schwer löslich in kaltem Wasser, Methanol und Ethanol, löslich in heißem Wasser (langsame Hydrolyse), Säuren und Basen (Zersetzung).<ref name="IHE" /> Es bildet Additionsverbindungen mit Ketonen und Alkoholen.
Nitroguanidin bildet die zwei Kristallhabitus α-Nitroguanidin und β-Nitroguanidin, die diffraktometrisch identisch sind.<ref name="IHE" /> Beide Formen werden durch Umkristallisation aus Wasser, Eisessig oder Ammoniak nicht verändert. Wird β-Nitroguanidin in 96%iger Schwefelsäure gelöst und die Lösung in Wasser eingetragen, so scheidet sich α-Nitroguanidin ab.
Die thermische Zersetzung der Verbindung wird bei Temperaturen oberhalb von 150 °C relevant.<ref name="Cheng">Yanchun Li, Yi Cheng: Investigation on the thermal stability of nitroguanidine by TG/DSC-MS-FTIR and multivariate non-linear regression. In: J. Therm. Anal. Calorim. 100, 2010, S. 949–953 (doi:10.1007/s10973-009-0666-3).</ref> Als Zersetzungsprodukte werden Distickstoffmonoxid, Ammoniak, Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid beobachtet.<ref name="Cheng" />
Explosionskenngrößen
Nitroguanidin ist sehr unempfindlich und detoniert nur nach Initiierung mit einem Zündverstärker. Wichtige Explosionskennzahlen sind:
- Explosionswärme 3062 kJ·kg−1<ref name="Sprengstoffe Treibmittel Pyrotechnika" /> entsprechend einer Temperatur von 2800 K oder 2811 K bei Maximaldichte.<ref name="Doherty">R. Doherty, R. L. Simpson: Comparative Evaluation of several insensitive high explosives, 28th International Annual ICT Conference, June 1997, Karlsruhe, Germany. V-32.</ref>
- Detonationsgeschwindigkeit: 8546 m·s−1 bei der Maximaldichte<ref name="Sprengstoffe Treibmittel Pyrotechnika" />
- Normalgasvolumen: 1075 l·kg−1.<ref name="Explosivstoffe">J. Köhler, R. Meyer, A. Homburg: Explosivstoffe. 10., vollständig überarbeitete Auflage. Wiley-VCH, Weinheim 2008, ISBN 978-3-527-32009-7.</ref>
- Spezifische Energie: 932 kJ·kg−1<ref name="Explosivstoffe" />
- Detonationsdruck: 29 GPa<ref name="IHE2" />
- Bleiblockausbauchung: 305 cm3/10 g<ref name="Explosivstoffe" />
- Schlagempfindlichkeit bis 50 N·m keine Reaktion<ref name="IHE" />
- Reibempfindlichkeit bis 353 N Stiftbelastung keine Reaktion<ref name="IHE" />
- Kritischer Durchmesser bei einer Dichte von 1,52 g/cm3 < 14 mm<ref name="Sprengstoffe Treibmittel Pyrotechnika" />
- Stahlhülsentest bei einem Grenzdurchmesser 1 mm keine Entzündung.<ref name="IHE" />
Die Detonationsgeschwindigkeit, vD, des Nitroguanidins steigt, wie bei allen Sprengstoffen, mit dessen Dichte an. vD folgt im Bereich von 0,3 bis 1,78 g·cm−3 folgendem Gesetz: vD = 1,44 + 4,015·Dichte [mm·µs−1]<ref name="Gibbs">Vorlage:Literatur</ref> (siehe auch nachfolgende Grafik)
Nitroguanidin gehört zu den starken, aber schwer detonierenden Explosivstoffen. Dadurch erklärt sich die starke Abhängigkeit der Detonationsgeschwindigkeit vom Durchmesser. Eine Ladung mit einer Dichte von 0,95 g/cm3 hat in einem Rohr von 20 mm Innendurchmesser eine Detonationsgeschwindigkeit von 4340 m/s.
Verwendung
Nitroguanidin wird in gaserzeugenden pyrotechnischen Sätzen für Airbags und in sogenannten „kalten“ dreibasigen Treibladungspulvern verwendet, welche die Läufe schonen und weniger Mündungsfeuer geben. NiGu wird als extrem unempfindlicher aber leistungsfähiger Explosivstoff in Sprengstoffen wie z. B. AFX-760, IMX-101 und AlIMX-101 verwendet.<ref name="IHE2" />
Nitroguanidin kommt als feinnadeliges LBDNQ (low bulk density nitroguanidine) sowie als körniges HBDNQ (high bulk density NQ) und sehr selten als kugeliges SHBDNQ (spherical high bulk density NQ) in den Handel.
Nitroguanidin ist ein Baustein für Insektizide aus der am schnellsten wachsenden Stoffklasse der Neonicotinoide, deren wichtigste Vertreter Imidacloprid (Bayer Crop Science), Clothianidin (Takeda, Bayer Crop Science), Thiamethoxam (Syngenta) und Dinotefuran (Mitsui Chemicals) sind.<ref>Vorlage:ZNaturforsch</ref>
Struktur
In vielen Quellen wird für Nitroguanidin eine falsche Strukturformel angegeben, wonach NQ ein Nitramin wäre.<ref>J. Köhler, R. Meyer, A. Homburg, Explosivstoffe. 10. Auflage. Wiley-VCH, Weinheim, 2008, S. 216–217.</ref> Allerdings steht durch Neutronenbeugung<ref>C. S. Choi: Refinement of 2-Nitroguanidine by Neutron Powder Diffraction. In: Acta Cryst. B. 37, 1981, S. 1955–1957. doi:10.1107/S0567740881007735.</ref> und 1H- sowie 15N-NMR Experimente<ref>S. Bulusu, R. L. Dudley, J. R. Autera: Structure of Nitroguanidine: Nitroamine or Nitroimine? New NMR Evidence from 15N-Labeled Sample and 15N Spin Coupling Constants. In: Magnetic Resonance in Chemistry. 25, 1987, S. 234–238. doi:10.1002/mrc.1260250311.</ref> eindeutig fest, dass Nitroguanidin ein Nitroimin ist.
Einzelnachweise
<references />