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Noreia (Noricum)

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Datei:Kimbern Teutonen Wanderung.png
Wanderzüge der Kimbern und Teutonen

Noreia war ein antiker Ort im östlichen Alpenraum. Gaius Iulius Caesar vermittelt den Eindruck, dass Noreia die Hauptstadt des Königreichs Noricum war.<ref>Otto H. Urban, Herwig Wolfram: Der lange Weg zur Geschichte: die Urgeschichte Österreichs. Ueberreuter, Wien 2000, ISBN 3-8000-3773-4, S. 368.</ref> Noreia wurde schon von Plinius dem Älteren († 79 n. Chr.) zu den untergegangenen Städten des Abendlandes gerechnet.<ref>Plinius der Ältere: Naturalis historia 3,19,131: "in hoc situ... interiere ...Tauriscis Noreia ..."; Emil Lorenz: Die Lage Noreias. In: Tagespost, Graz, v. 29. Dezember 1929, S. 19 f.</ref><ref>Verena Gassner, Sonja Jilek, Sabine Ladstätter: Am Rande des Reiches. Die Römer in Österreich. Ueberreuter, Wien 2002, ISBN 3-8000-3772-6, S. 39.</ref> Eine Reihe von Orten in Kärnten und in der Steiermark ist in Betracht gezogen worden. Eine Gleichsetzung mit der (ebenfalls nicht lokalisierbaren) keltischen Stadt Nyrax muss als reine Spekulation angesehen werden. Es wird häufig als Ort der Schlacht bei Noreia 113 v. Chr. genannt, was nicht gesichert ist.

Lokalisierung

„Der Streit um die Lage Noreias ist uralt“.<ref>Herbert Stejskal: Kärnten. Geschichte und Kultur in Bildern und Dokumenten von der Urzeit bis zur Gegenwart, Universitätsverlag Carinthia, Klagenfurt 1985, ISBN 3-85378-220-5, S. 15.</ref> Auf Grund antiker Entfernungsangaben – 1200 Stadien von Aquileia – glaubte man bereits im 18. Jahrhundert eine Lage bei Murau<ref>August von Wersebe: Über die Völker und Völker-Bündnisse des alten Teutschlands: Nochmals versuchte größtenteils auf ganz neue Ansichten gegründete Erläuterungen, Hahnsche Hofbuchhandlung, Hannover 1826, S. 268.</ref> oder Neumarkt in der Steiermark errechnen zu können, eine Ortsbestimmung, die sich seither in zahlreichen Nachschlagewerken findet, aber in der Wissenschaft immer wieder in Zweifel gezogen wurde. Mit dem attischen Stadionmaß Strabons würde die Entfernung 213 km betragen, die Entfernung auf modernen Verkehrswegen zwischen Aquileia und Neumarkt in der Obersteiermark beträgt jedoch 249 km. Selbst nach römischen Stadien (223 km) ist man auf dem Weg von Aquileia her noch immer in Kärnten (die Entfernung Aquileia – St. Veit an der Glan beträgt 216 km, zur steirischen Landesgrenze 238 km). Nach der „Festlegung“ der Lage Noreias bei Neumarkt waren deren Verfechter sogar verleitet, die Entfernungsdiskrepanz durch eine rückwirkende Korrektur der Angabe Strabons von 1200 auf 1500 Stadien zu erklären.<ref>Emil Lorenz: Die Lage Noreias. In: Tagespost, Graz, v. 29. Dezember 1929, S. 19f.</ref>

Noreia müsse mit der ausgegrabenen, namenlosen keltisch-römischen Stadt auf dem Magdalensberg in Kärnten identisch sein, war eine andere Annahme. Auch auf dem Zollfeld sowie im Kärntner Glantal beim Noreia-Heiligtum der lokalen keltischen Fruchtbarkeitsgöttin in Hohenstein in der Gemeinde Liebenfels<ref>Emil Lorenz: Die Lage Noreias. In: Tagespost, Graz, v. 29. Dezember 1929, S. 19f. (ganzer Text).</ref> wurde Noreia vermutet. Desgleichen wurde es auf der Gurina bei Dellach im Gailtal,<ref>Paul Reinecke: Die Gurina im Gailtal, WPZ 1 5 (1928) S. 27.</ref> bei Lölling bzw. Semlach / Hüttenberg (Franz Ertl, 1969)<ref>Günter Wuzella: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Versuche der Lokalisierung von Noreia . Science Club Klagenfurt 10. September 2008 (Memento vom 21. April 2014 im Internet Archive)</ref> oder beim steirischen Wildbad Einöd geortet,<ref>Walter Zitzenbacher, Wolfgang Arnold, Hans R. Gutjahr: Landeschronik Steiermark: 3000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern, C. Brandstätter, 1988, ISBN 3-85447-255-2, S. 34.</ref> das die Tabula Peutingeriana als „Poststation Noreia“ verzeichnet, doch ist die originale römische Vorlage der berühmten Straßenkarte immerhin fast ein halbes Jahrtausend nach der angeblichen „Schlacht bei Noreia“ entstanden. Sogar im Quellgebiet der Save, weitab von den anderen Orten, hat man Noreia vermutet.<ref>Klio: Beiträge zur alten Geschichte, Verlag der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1940, S. 289.</ref> Die jüngste, durchaus ernst zu nehmende Theorie für die Lage Noreias von Paul Gleirscher, der es 2001 noch auf dem Maria Saaler Berg vermutete,<ref> <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Wuzella: Versuche der Lokalisierung von Noreia . Science Club Klagenfurt 10. September 2008 (Memento vom 21. April 2014 im Internet Archive) </ref> betrifft die Gračarca, einen Höhenzug am Klopeiner See in Kärnten, wo eine eisenzeitliche Siedlung und mehrere keltische Fürstengräber gefunden wurden.<ref>Österreich Journal: Noreia in Südkärnten lokalisiert.</ref>

Die Siedlung, die wir auf der Gracarca lokalisiert haben, ist die typische Höhensiedlung von naturhafter Wehrhaftigkeit, wie sie sozusagen immer als Vorbild zur Suche galt. Sie ist sehr großflächig und nimmt im Lauf von eintausend Jahren vor Christus einen enormen Aufstieg. Der Höhepunkt ist in den letzten 300 Jahren v. Chr. erreicht und liegt somit in der bewußten Zeit.<ref>Österreich-Journal: Noreia in Südkärnten lokalisiert (DOC-Datei; 25 kB).</ref>

2012 stellte Reinhard Stradner, ein österreichischer Berufsoffizier und Militärhistoriker, aufgrund militärwissenschaftlicher Grundlagen<ref>[1] Reinhard Stradner: NOREIA - Ein neuer Ansatz zur Lokalisierung des norischen Stammeszentrums, Diplomarbeit, Graz 2012.</ref> die Theorie auf, dass Noreia im Raum Knappenberg, Kärnten, zu lokalisieren sei.<ref>[2] Reinhard Stradner: NOREIA - Der militärwissenschaftliche Ansatz zur Lokalisierung des norischen Stammeszentrums, Milizverlag, Salzburg 2014, ISBN 978-3-901185-50-2.</ref> Auch andere Hobbyarchäologen wollen Noreia aufgrund von Keramikfunden aus der Zeit 3000 bis 3500 v. Chr. im Kärntner Görtschitztal lokalisieren.<ref>Vom HCB-Skandal zum „Tal der Könige“. In: orf.at vom 13. März 2016.</ref>

Kuriosum

Im Jahr 1929 wurde bei archäologischen Grabungen in St. Margarethen am Silberberg (Gemeinde Mühlen) in der Steiermark das vermeintliche Noreia entdeckt.<ref>Walther Schmidt (sic!): Noreia. In: "Tagespost" Nr. 269, Graz, 29. September 1929, S. 15.</ref> Daraufhin wurde der Ort mit Datum vom 26. März 1930 sogar offiziell in Noreia umbenannt.<ref>Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 34 (1984) Verein für Volkskunde, Wien 1984, S. 21.</ref> Seither wird auf Grund dieses modernen Ortsnamens vielfach die Lage auch des keltischen Noreia als in der Steiermark angegeben. Im Laufe der Jahre verdichteten sich jedoch die Zweifel an der Echtheit der Fundstücke, und inzwischen wurde der Nachweis erbracht, dass es sich bei den ausgegrabenen Objekten um die Reste einer mittelalterlichen Siedlung handelt.<ref>Karin Erika Trummer: Noreia – St. Margarethen am Silberberg: eine mittelalterliche Bergsiedlung. 2 Bde., Diss. Graz 1994
im Druck als: K.E. Trummer-Haas: Noreia. Von der fiktiven Keltensiedlung zum mittelalterlichen Adelssitz. Eine historische und archäologische Spurensuche bis 1600, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2007, ISBN 3-205-77584-8.</ref><ref>Sonja Haider: @1@2Vorlage:Toter Link/www.kleinezeitung.at[[Kategorie:Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Botmarkierungen Skriptfehler: Ein solches Modul „Archivbot“ ist nicht vorhanden.]]Streit um die sagenhafte Königsstadt Noreia bei Mühlen. Kleine Zeitung, 14. März 2008 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2022. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot</ref>

Heute ist sich die Wissenschaft darüber einig, dass die Funde am Silberberg tatsächlich in keinem Zusammenhang mit Noreia stehen.<ref>Wolfgang Slapansky: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Das Rätsel um Noreia, ORF 1 Dimensionen, 27. Dezember 2007 (Memento vom 22. Januar 2009 im Internet Archive)</ref><ref>Peter Kisser: 7000 Jahre Vergangenheit: unverwüstliches Österreich Zsolnay, Wien 1981, ISBN 3-552-03307-6, S. 50 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>

Mehrdeutigkeit

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es nicht nur einen einzigen Ort gab, der Noreia hieß.<ref>Richard Heuberger: @1@2Vorlage:Toter Link/homepage.uibk.ac.atS 165, Anm. 21: "vgl. u. a.:" (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2019. Suche im Internet Archive ) (PDF-Datei; 1,30 MB)
Ulrich Kahrstedt: Studien zur politischen und Wirtschafts-Geschichte der Ost- und Zentralalpen vor Augustus. In: Göttinger gelehrte Nachrichten, phil.-hist. Klasse, Göttingen 1927, S. 5,
Paul Reinecke, Bayrischer Vorgeschichtsfreund 6, (1926) S. 36 und
Franz Miltner, Carinthia 1/131 (1941), S. 291.</ref> Das Wort könnte einfach nur „norische Stadt“ bedeuten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />So Claudia Fräß-Ehrfeld 1974 (Memento vom 21. April 2014 im Internet Archive)</ref> Für eine Mehrfachverwendung des Namens sprechen u. a. etwa zwei gleichlautende Einträge in der Tabula Peutingeriana, der Kopie aus dem 12. Jahrhundert einer spätrömischen Straßenkarte. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass es sich beim zweimaligen Eintrag einer Straßenstation mit Namen Noreia nur um einen Schreibirrtum handelt, worauf bereits im 19. Jahrhundert hingewiesen wurde.<ref>Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien,hg.: Anthropologische Gesellschaft in Wien 1886, S. 66.</ref> Auch weil auf der Karte z. B. sowohl das längst untergegangene Pompeji als auch das viel später gegründete Konstantinopel aufscheinen, ist ihre faktische Detailgenauigkeit in Frage gestellt worden.

Der griechische Geschichtsschreiber Strabon und über ein Jahrhundert später auch Appian von Alexandria berichten, dass im Jahre 113 v. Chr. Kimbern und Teutonen über ein römisches Heer unter dem Konsul Cn. Papirius Carbo in der Schlacht „bei Noreia“ siegten. Es ist aber weder geklärt, welche Entfernung die Erwähnung eines Ortsnamens in einem Gebiet mit wenigen bekannten Städten bedeutet, noch, ob der Ort der Schlacht überhaupt mit dem Hauptort des norischen Königreichs identisch ist. Wie groß die Unsicherheit ist, mag man daran erkennen, dass beispielsweise Sempronius Asellio, ein jüngerer Zeitgenosse des Polybios, Noreia gar nach Gallien verlegt,<ref>Richard Heuberger: @1@2Vorlage:Toter Link/homepage.uibk.ac.atTaurisker und Noriker. Sonderdruck der Ammann-Festgabe, hg. vom sprachwissenschaftlichen Institut der Univ. Innsbruck S. 162 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2019. Suche im Internet Archive ) (PDF-Datei; 1,30 MB).</ref> was darauf zurückzuführen sein mag, dass die Noriker lange – auch noch bei Livius – als „transalpine Gallier“ bezeichnet wurden. Die Quelle, aus der Asellio die Angabe übernahm, Noreia liege in Gallien, muss allerdings geschrieben worden sein, ehe der Kimbernkrieg mit der Schlacht bei Noreia begann, denn die Römer gebrauchten bereits gegen 120 v. Chr. den Landesnamen Norikum und bezeichneten schon vor 113 v. Chr. alle Bewohner des norischen Königreichs als Noriker.

Literatur

  • Verena Gassner, Sonja Jilek, Sabine Ladstätter, Herwig Wolfram: Am Rande des Reiches: die Römer in Österreich. Ueberreuter, Wien 2002, ISBN 3-8000-3772-6.
  • Karin Erika Haas-Trummer: Noreia. Von der fiktiven Keltensiedlung zum mittelalterlichen Adelssitz. Eine historische und archäologische Spurensuche bis 1600, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2007, ISBN 3-205-77584-8 (online).
  • Karin Erika Trummer: Noreia – St. Margarethen am Silberberg: eine mittelalterliche Bergsiedlung. 2 Bände, Dissertation, Graz 1994.
  • Stefan Seitschek: Noreia in Überlieferung, Archäologie und Forschung. Diplomarbeit, Wien 2007.
  • Stefan Seitschek: Noreia – Viele Antworten, keine Lösung. In: Keltische Forschungen 3. 2008, S. 221–244.
  • Reinhard Stradner: Noreia – Ein neuer Ansatz zur Lokalisierung des norischen Stammeszentrums. Diplomarbeit, Graz 2012 (obvsg.at [PDF; 17 MB]).
  • Reinhard Stradner: Noreia – Der militärwissenschaftliche Ansatz zur Lokalisierung des norischen Stammeszentrums. Milizverlag, Salzburg 2014, ISBN 978-3-901185-50-2.
  • Karl Strobel: Noreia. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 21, Walter de Gruyter, Berlin / New York 2002, ISBN 3-11-017272-0, S. 320–323.

Weblinks

Anmerkungen

<references />

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