Oberweiser Konferenz
Vorlage:Österreichbezogen Die Oberweiser Konferenz (auch Oberweiser Geheimgespräch) war eine Zusammenkunft führender Vertreter der ÖVP mit ehemals hochrangigen Nationalsozialisten am 28. Mai 1949 in Oberweis (Gemeinde Laakirchen). Erörtert wurden die Bedingungen für eine Unterstützung der Volkspartei durch die „Ehemaligen“.
Vorgeschichte
In den ersten Nachkriegsjahren waren die etwa 500.000 registrierten NSDAP-Mitglieder vom Wahlrecht ausgeschlossen. Bei der Nationalratswahl 1949 sollten Minderbelastete jedoch wieder ihre Stimme abgeben dürfen; um dieses Wählerpotenzial bemühten sich in der Folge beide Großparteien. Die Gründung des VdU im März 1949 ließ die ÖVP eine Spaltung des bürgerlichen Lagers befürchten; aus diesem Grund intensivierte man die eigenen Bemühungen um die Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten. In der Steiermark versuchten besonders Alfons Gorbach und der Ennstaler Kreis, die Brücke zum „nationalen“ Lager zu schlagen; in Oberösterreich stand der ÖAAB-Obmann Alfred Maleta im Zentrum dieser Politik. Sowohl Gorbach als auch Maleta waren selbst während der NS-Zeit im KZ gewesen und konnten daher ihr Vorgehen auch gegenüber den Besatzungsmächten einigermaßen gut rechtfertigen.
Die Konferenz
In der dem Schwiegervater von Alfred Maleta gehörenden Villa Thonet ({{Coordinate{{#ifeq:|y|Simple|Complex}}|NS=47.951776|EW=13.817996|type=landmark|region=AT-4|globe=|dim=250|elevation=|pop=|lw=|name={{#invoke:Coordinates/kml|kmlTitle|1=Villa Thonet (heute: Landhaus Traunegg), Oberweis 18, 4664 Gschwandt}}|article=|text=ICON0|sortkey=|tooltip=|tooltipformat=|map=|mapsize=|maplevel=|maptype=|maplabel=|maplayer=|mapcaption=}}{{#if:|{{#switch:5
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}}}}), Oberweis, Laakirchen, kam es am 28. Mai 1949, dem Christi-Himmelfahrts-Tag, zu einem mehrstündigen Gespräch. Laut Sozialistischer Korrespondenz<ref>Sozialistische Korrespondenz. Erscheinungsverlauf: nachgewiesen 1946–1991,242. Pressedienst der SPÖ, Wien.</ref> waren zugegen:<ref>Faschisten in der ÖVP. (…) Die Teilnehmer an der Geheimkonferenz. In: Burgenländische Freiheit. XIX. Jahrgang. Nr. 24/1949, S. 2, Spalte 1, Mitte.</ref>
ÖVP:
- Julius Raab (1891–1964), Abgeordneter zum Nationalrat, Parlamentsklubobmann, Repräsentant der Bundespartei
- Alfred Maleta (1906–1990), Abgeordneter zum Nationalrat
- Karl Brunner (1889–1964), Abgeordneter zum Nationalrat, Vertreter von Alfons Gorbach (1898–1972)
- Albert Schöpf (1906–1980), Landesparteiobmann der ÖVP Oberösterreich
- Ernst Hodel (1887–1964), Bezirkshauptmann von Gmunden
- diverse lokale ÖVP-Funktionäre
Ehemalige:
- Wilhelm Höttl (1915–1999), SS-Obersturmbannführer, Mitarbeiter im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD), Wien
- Theo Wührer, Adjutant von Ernst Kaltenbrunner (1903–1946)
- Erich Führer (1900–1987), Wiener Rechtsanwalt und Nationalsozialist
- Manfred Jasser (1909–1992), NS-Journalist (siehe: Franz Klautzer)
- Taras Borodajkewycz (1902–1984), ein zu den Nationalsozialisten übergelaufener dimittierter CVer
- Walter Pollak, Führer in der Hitlerjugend,<ref>Oliver Rathkolb: Die paradoxe Republik. Österreich 1945 bis 2005. Zsolnay, Wien 2005, ISBN 3-552-04967-3, S. 173.</ref> Wien
- Hermann Raschhofer (1905–1979), Braunau
- Franz Allitsch, Vorsitzender des steiermärkischen Amnestieausschusses<ref>Siegfried Beer (Hrsg.): Die „britische“ Steiermark. 1945–1955. Selbstverlag der Historischen Landeskommission für Steiermark, Graz 1995, ISBN 3-901251-09-X, S. 72.</ref>
- P.N. Strohschneider, steiermärkischer Amnestieausschuss
- Friedrich Heiss, Verleger, Linz
- P.N. Stadlbauer, Linz
Als Vermittler fungierte der ehemalige Diplomat Theodor Hornbostel. Berichte über den Inhalt der Gespräche sind widersprüchlich: So soll die Forderung nach 25 Nationalratsmandaten für NS-Belastete (entsprechend 500.000 Stimmen) gestellt worden sein, was die Teilnehmer der Konferenz jedoch später bestritten.<ref>vgl. Siegfried Beer (Hrsg.): Die „britische“ Steiermark. 1945-1955. Selbstverlag der Historischen Landeskommission für Steiermark, Graz 1995, ISBN 3-901251-09-X, S. 66 f.</ref> Auch die Abschaffung des Verbotsgesetzes und anderer gesetzlicher Maßnahmen wurde diskutiert; etwa die Wiedereinführung des passiven Wahlrechts für sämtliche ehemaligen NSDAP-Mitglieder. Borodajkewycz forderte die Entlassung des Justizministers Josef Gerö und einen den „Nationalen“ genehmen ÖVP-Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl (genannt wurden Heinrich von Srbik bzw. Egbert Mannlicher (1882–1973)<ref>Faschisten in der ÖVP. In: Burgenländische Freiheit. XIX. Jahrgang. Nr. 24/1949, S. 1, oben.</ref>). Die 25 Mandatare sollten zudem im Parlament vom Klubzwang befreit sein.<ref>Michael Gehler (Hrsg.), Hubert Sickinger (Hrsg.): Politische Affären und Skandale in Österreich. Von Mayerling bis Waldheim. Kulturverlag, Thaur/Wien/München 1995, ISBN 3-85400-005-7, S. 490 f.</ref> Der spätere Bundeskanzler Julius Raab soll bei der Konferenz – unter Berufung auf seine Vergangenheit als Funktionär der Heimwehr – geäußert haben: „Meine Herren, i' war nie a Demokrat“.<ref>Alfred Maleta: Der Sprung aufs Podest misslang. In: diepresse.com, 15. Jänner 2010, abgerufen am 7. Oktober 2012.</ref>
Die Teilnehmer selbst bestritten jedoch, dass irgendwelche Zusagen gemacht oder gefordert wurden und sprechen von einer eher informellen Zusammenkunft, die vor allem wahlstrategische Gründe hatte. Alfred Maleta äußerte später in einem Interview:
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Folgen
Die Konferenz, deren Zustandekommen bereits mehrere Tage zuvor in der VdU-Parteizeitung Neue Front angekündigt worden war, erregte international Aufsehen, auch The New York Times berichtete darüber. Einige der Teilnehmer wurden in der Folge der Konferenz von der Staatspolizei in Wien kurzzeitig verhaftet, wahrscheinlich im Auftrag des SPÖ-Innenministers Oskar Helmer. Die Arbeiter-Zeitung berichtete unter der Schlagzeile Packelei zwischen ÖVP. und Nazi. Ein Vorstoß des faschistischen Flügels der Volkspartei;<ref>Arbeiter-Zeitung, Nr. 135/1949, 11. Juni 1949, S. 1.</ref> Vizekanzler Adolf Schärf erklärte bei einer Wahlveranstaltung in Wels, er sei überzeugt, die ÖVP würde sogar Adolf Hitler um eine Wahlempfehlung bitten, sofern dieser noch lebte.<ref>Lothar Höbelt: Von der vierten Partei zur dritten Kraft. Die Geschichte des VdU. Graz (u. a.) 1999, ISBN 3-7020-0866-7, S. 85 f.</ref> Ähnliche Kontakte der SPÖ zu früheren NS-Funktionären fanden während derselben Zeit in Ried im Innkreis statt, gelangten jedoch im Gegensatz zur Konferenz von Oberweis nicht zur Kenntnis der Öffentlichkeit.<ref>Stefan Karner: Die Steiermark im 20. Jahrhundert. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Verlag Styria, Graz (u. a.) 2000, ISBN 3-222-12770-0, S. 350.</ref> Im August 1949 kam es in Gmunden zu einer Konferenz ehemaliger Nationalsozialisten (u. a. Erich Kernmayr) mit SPÖ-Innenminister Helmer, wobei dieser erklärte: „Wenn ich die Nazi net betreu, betreut sie der Maleta in Oberweis“.<ref>Wilhelm Svoboda: Die Partei, die Republik und der Mann mit den vielen Gesichtern. Oskar Helmer und Österreich II. Eine Korrektur. Böhlau Verlag, Wien u. a. 1993 ISBN 3-205-98086-7, S. 104.</ref>
Nach Bekanntwerden der Oberweiser Konferenz trat der frühere Sozialminister Josef Dobretsberger aus Protest aus der ÖVP aus und wurde Vorsitzender der Demokratischen Union, die jedoch nicht über den Status einer Splitterpartei hinauskam und schließlich mit der KPÖ ein Wahlbündnis einging.<ref>Kurt Skalnik: Parteien. In: Erika Weinzierl (Hrsg.), Kurt Skalnik (Hrsg.): Österreich. Die Zweite Republik. Band 2. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1972, ISBN 3-222-10704-1, S. 225.</ref>
Bei der Nationalratswahl 1949 verloren beide Großparteien gleichermaßen an den VdU; über Vorfeldorganisationen wie den BSA und die „Junge Front“ von Ernst Strachwitz gelang es beiden Parteien in den Folgejahren jedoch, viele ehemalige Nationalsozialisten an sich zu binden. Zu einer offenen Zusammenarbeit mit prominenten Nationalsozialisten nach dem Muster der Oberweiser Konferenz kam es jedoch nicht mehr.
Einzelnachweise
<references />