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Protagoras

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Vorlage:Hinweisbaustein Protagoras (Vorlage:GrcS; * vermutlich um 490 v. Chr. in Abdera; † vermutlich um 411 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph. Er zählt zu den bedeutendsten Sophisten. Für ihn war der Mensch das Maß aller Dinge und die Existenz der Götter bezweifelte er. Seine Schriften sind nicht erhalten.

Leben

Die Lebensdaten des Protagoras sind nicht bekannt. Üblicherweise nimmt man an, dass er um 490 v. Chr. geboren wurde und um 411 v. Chr. gestorben ist.<ref name="GdGdP28">George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 28–43, hier: S. 28.</ref> Die wenigen vorliegenden Informationen zu seiner Biographie sind widersprüchlich und unsicher. Sein Vater hieß Artemon oder Maiandrios.<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 9,50.</ref> Seine Heimatstadt war ziemlich sicher Abdera, es wird aber auch von Teos gesprochen.<ref>Diels/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker 80A1 = Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 9,50.</ref> Möglicherweise wohnte der persische Herrscher Xerxes im Haus des reichen Vaters von Protagoras, als er auf dem Weg ins von ihm angegriffene Griechenland war.<ref>Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80A2 = Flavius Philostratos, Vitae sophistarum 1,10,1.</ref> Falschinformationen dürften sein, dass er Schüler des (wahrscheinlich älteren) Demokrit, auch dass er erst Holzträger und dann Sekretär des Demokrit gewesen sein soll.<ref name="GdGdP28"/> Während seiner Aufenthalte in Athen setzte sich Protagoras vermutlich für den mächtigen Politiker Perikles ein, von dem er in der Folge beauftragt wurde, die Gesetze der neugegründeten Stadt Thurioi zu entwerfen.<ref name="GdGdP29">George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 28–43, hier: S. 29.</ref> Es ist umstritten, wie oft Protagoras sich in Athen aufgehalten und wie lange er dort gewohnt hat; jedenfalls soll er 411 v. Chr. infolge eines Asebieprozesses aus Athen verbannt worden, daraufhin nach Sizilien abgereist und bei der Überfahrt ertrunken sein.<ref name="GdGdP29"/> Auch über den Umfang seiner politischen Tätigkeit in Athen gibt es innerhalb der Forschung verschiedene Ansichten.<ref name="GdGdP29"/> Nach dem Zeugnis Platons, der einen Dialog namens Protagoras verfasst hat, war Protagoras ein wichtiger und erfolgreicher Lehrer. So habe der Sophist mehr Geld verdient als der berühmte Phidias samt zehn weiteren Bildhauern.<ref>Platon, Menon 91d.</ref>

Lehre

Homo-Mensura-Satz (Der Mensch ist das Maß aller Dinge)

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Die bekannteste sophistische Lehraussage überhaupt ist ein von Protagoras überlieferter, zu einem geflügelten Wort<ref>Axel W. Bauer: Was ist der Mensch? Antwortversuche der medizinischen Anthropologie. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013 (2014), S. 437–453, hier: S. 437 (Der Mensch als Maß der Dinge).</ref> gewordener Satz, der sogenannte Homo-Mensura-Satz (die Bezeichnung ist von der lateinischen Übersetzung abgeleitet). Er lautet: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass (oder: wie) sie sind, der nichtseienden, dass (oder: wie) sie nicht sind.“<ref>Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80B1 = Platon, Theaitetos 152a. Im griechischen Text zitiert Sokrates im Gespräch mit Theaitetos diesen Ausspruch des Protagoras: {{#invoke:Vorlage:lang|flat}}; Platon, Theaitetos 151e-152a.</ref> Sowohl die genaue Übersetzung wie die Interpretation dieses Satzes sind umstritten. Platon ordnet den Satz der verlorenen Schrift Alḗtheia (Wahrheit) zu, Sextus Empiricus der ebenfalls verlorenen Schrift Katabállontes (Niederwerfende Reden); möglicherweise sind die beiden identisch.

Platon, bei dem der Satz überliefert ist, interpretiert: „Nicht wahr, er meint dies so: Wie ein jedes Ding mir erscheint, ein solches ist es auch mir, und wie es dir erscheint, ein solches ist es wiederum dir.“<ref>Platon, Theaitetos 152a.</ref> Es wäre dann aber schwer, auch nur die Behauptung aufzustellen, dass es sich bei einem Wind um einen kalten handle, da er dem einen möglicherweise kalt erscheine, der andere ihn als warm wahrnehme. Und auch eine allgemein gültige Definition, was Gerechtigkeit sei, wäre schwer zu geben: „Wie einer jeden Stadt Gerechtes und Gutes scheint, so ist es für sie, solange sie davon überzeugt ist.“<ref>Platon, Theaitetos 167c.</ref> Eine andere Interpretation geht davon aus, dass der Mensch gemeint sei. Nicht die einzelne Person, sondern „der Mensch allgemein“ wäre dann das Maß aller Dinge. Die Dinge wären so, wie sie „dem Menschen“ erscheinen; eine Position, die an die Erkenntnistheorie Kants erinnert.<ref>George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 28–43, hier: S. 32.</ref> Eine wiederum andere Interpretation liefert der Nationalökonom Leopold Kohr. Demnach ist der einzelne Mensch das Maß aller Dinge, nicht die Nation, die Ethnie, die Partei, das Universum, die Zeit usw. Deshalb sollten alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Unternehmungen des Menschen dieses Maß „der einzelne Mensch“ im Auge behalten, da sie sonst in Maßlosigkeit ausufern würden.

Eine umfassende Neuinterpretation legte 2023 Lenz Prütting vor. Danach sei Protagoras der erste gewesen, der zu verkünden gewagt habe: „Weil wir über die Existenz der Götter nichts wissen und darüber auch nichts wissen können, müssen wir eben den Menschen selbst zum Maß aller Dinge bestimmen“. In welcher Einstellung dies geschehe, sei indes eine ganz andere Frage, und welche Menschen man dabei zum Maß aller Dinge erheben könne/dürfe/solle/müsse, sei wieder eine andere und extrem schwierige Frage. Diese Frage bildet den Kern der Untersuchung. Sie beschreibt daher die Entstehung des Homo-mensura-Satzes in der Antike und seine Rezeptionsgeschichte bis heute und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass dieser Satz nicht durch einzelne Personen, bestimmte Typen oder gar bestimmte Kollektive verkörpert werden kann, sondern allein in anthroponomen Strukturen zu suchen sei, die allen Menschen zu eigen sind.<ref>Lenz Prütting: Das Maß aller Dinge: Eine anthropologische Studie zum Homo-mensura-Satz des Protagoras und seiner Rezeptions-Geschichte, Königshausen & Neumann, Würzburg 2023.</ref>

Rhetorik, Sprachwissenschaft und Grammatik

In einem weiteren Bruchstück der protagoreischen Lehre heißt es, es komme in einer Debatte darauf an, das vertretene Argument, auch wenn es das schwächere sei, zum stärkeren zu machen.<ref>Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80B6 = Aristoteles, Rhetorik 1402a23-1402a24.</ref> Es geht dem Sophisten also nicht um die Wahrheit, ob sein Argument wirklich stimme, sondern bloß darum, dass sein Argument, ob wahr oder falsch, die anderen Argumente besiege. Man geht davon aus, dass hier von einer Argumentationstechnik die Rede ist, die Protagoras seinen Schülern im Fach Rhetorik beibrachte.<ref>George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 28–43, hier: S. 38.</ref>

Platon<ref>Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80A26 = Platon, Phaidros 267d.</ref> schreibt Protagoras eine Lehre vom korrekten Gebrauch des sprachlichen Ausdrucks zu.<ref>George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 28–43, hier: S. 41.</ref> Aristoteles erwähnt eine grammatische Unterscheidung des Protagoras, nämlich der Hauptworte in die drei Genera männlich, weiblich und unbeseelt.<ref>Aristoteles, Rhetorik 1407b6-1407b8.</ref>

Logik

Auch die Interpretation eines Bruchstücks zur Logik des Protagoras ist umstritten. „Es gibt über jede Sache zwei einander entgegengesetzte Aussagen.“ Die einfachste Interpretation ist, dass gemeint ist, dass man einer beliebigen Sache ein beliebiges Prädikat zusprechen oder absprechen kann.<ref>George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 28–43, hier: S. 37.</ref> Zum Beispiel „Sokrates ist ein Mensch“ und „Sokrates ist kein Mensch“.<ref>Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80A1 = Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 9,51.</ref> Dies deckt sich auch mit Auffassung von Diogenes Laertios, der berichtete: „Protagoras hat zuerst behauptet, es gäbe von jeder Sache zwei Standpunkte, die einander gegenüberständen. Aufgrund dieser richtete er auch Fragen [an seine Hörer], ein Verfahren, das er zuerst aufgebracht hat.“<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Religion

In einer nicht erhaltenen Schrift namens Perì theôn (Über die Götter) schrieb Protagoras: „Was die Götter angeht, so ist es mir unmöglich, zu wissen, ob sie existieren oder nicht, noch, was ihre Gestalt sei. Die Kräfte, die mich hindern, es zu wissen, sind zahlreich, und auch die Frage ist verworren und das menschliche Leben kurz.“<ref>Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80B4 = Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 9,51 und Eusebius von Caesarea, Praeparatio evangelica 14,3,7.</ref> Protagoras zeigt sich hier als Agnostiker. Weder könne man sagen, ob es Götter gibt, noch wie sie beschaffen sein könnten. So war er auch bereits bald nach seinem Tod als Zweifler an der Existenz der Götter bekannt.<ref>George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 28–43, hier: S. 38.</ref>

Überlieferung

Seine zahlreichen von antiken Autoren erwähnten Schriften sind heute verloren. Unser Wissen über Protagoras’ Lehre beruht daher nur auf Berichten anderer antiker Quellen. Einer dieser Berichte stammt von Sextus Empiricus, welcher den Homo-mensura-Satz folgendermaßen erläutert (ob diese Erläuterung von Protagoras selbst stammt, ist umstritten, dennoch gibt sie wichtige Hinweise zur Interpretation des Satzes): Protagoras meine, dass sich „die Begriffe (logoi) von allen Erscheinungen in der Materie fänden, so dass die Materie als solche alles sein könne, was sie allen scheine. Die Menschen indes erfassten bald dieses, bald jenes, entsprechend ihren verschiedenen Zuständen.“ Laut Sextus’ Bericht ist Protagoras zwar ein Vertreter des Subjektivismus und Relativismus, doch der Einfluss des Eleatismus, der eine objektive Wahrheit annimmt, ist deutlich, da die Spanne aller Erscheinungsmöglichkeiten eines Objektes in diesem selbst (d. h. in dessen Materie) angelegt ist. Der Mensch nimmt (wie durch einen Filter) aber nur eine Erscheinungsmöglichkeit wahr. So ist der gleiche Wind für den einen kalt, für den anderen warm. Wärme und Kälte liegen aber im Wind begründet, nicht im Menschen.

Rezeption

Aufgrund seines Bekenntnisses, nichts über die Götter wissen zu können, ist es Protagoras auch unmöglich, irgendwelche göttlichen Maße oder Bewertungen göttlichen Ursprungs anzugeben. Darum ist sein Homo-mensura-Satz der Ausdruck menschlicher Bescheidenheit, als Mensch nicht über göttliche Maßstäbe verfügen zu können, sondern ausschließlich über menschliche. Protagoras wurde seine Bescheidenheit von der Antike an bis heute als Überheblichkeit ausgelegt, allerdings von solchen Denkern, die der Ansicht waren, dass ihnen sicheres Wissen zugänglich sei. Dies gilt für Platon und Aristoteles ebenso wie für ungezählte christliche Theologen.<ref>Wolfgang Deppert: Relativität und Sicherheit, in: Michael Rahnfeld (Hrsg.): Gibt es sicheres Wissen?, Leipzig 2006, S. 90–188.</ref>

Platon befasst sich im Dialog Theaitetos mit Protagoras’ Lehre. Im Dialog Protagoras macht er ihn zur Titelgestalt. Dort lässt er ihn im Gespräch mit Sokrates einen Schöpfungsmythos der Menschheit formulieren, der als mythische Einkleidung einer Demokratietheorie verstanden werden kann.

Gewürdigt wurden an Protagoras seine Tätigkeit als Lehrer im Interesse des Gemeinwesens, sein gründliches Nachdenken über den Menschen und seine Begründung eines mythenfreien Philosophierens.<ref name="lange">Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974.</ref>

Bildnisse und Mondkrater

Eine Zeit lang hielt man eine Figur für Protagoras, weil jemand die heute nicht mehr lesbaren Buchstaben PROTAG in den Sockel der Figur geritzt hatte. Heute geht man davon aus, dass sie doch jemand anderen abbildet.<ref>George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Entstehung und Wesen der Sophistik. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 3–10, hier: S. 8.</ref> Der Mondkrater Protagoras ist nach Protagoras benannt.

Quellensammlungen und Übersetzungen

Literatur

  • Otto A. Baumhauer: Protagoras. In: Bernd Lutz: Metzler Philosophen-Lexikon: von den Vorsokratikern bis zu den Neuen Philosophen. 3. Aufl., Stuttgart 2015, S. 572–574.
  • Paul Demont: Protagoras d'Abdère. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 5, Teil 2 (= V b), CNRS Éditions, Paris 2012, ISBN 978-2-271-07399-0, S. 1700–1708.
  • Karl-Martin Dietz: Protagoras von Abdera. Untersuchungen zu seinem Denken. R. Habelt, Bonn 1976.
  • George B. Kerferd, Hellmut Flashar: Protagoras aus Abdera. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, ISBN 3-7965-1036-1, S. 28–43
  • Johannes M. van Ophuijsen, Marjolein van Raalte, Peter Stork (Hrsg.): Protagoras of Abdera: The Man, His Measure. Brill, 2013, ISBN 978-90-04-25120-5 (hardback); ISBN 978-90-04-25124-3 (e-book)

Weblinks

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Fußnoten

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