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Regine (Gottfried Keller)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Regine ist eine Erzählung von Gottfried Keller. Sie erschien im Rahmen des Novellenzyklus Das Sinngedicht 1881.

Inhalt

Die Rahmenerzählung beginnt damit, dass der Naturwissenschaftler Reinhart in seinem Labor aufgrund von Ermüdungserscheinungen beschließt, ins weite Land zu reiten und dabei ein Epigramm Friedrich von Logaus – Das Sinngedicht – in der Wirklichkeit zur erproben:

„Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?
Küß eine weiße Galatee: sie wird errötend lachen.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Friedrich von Logau: Deutscher Sinngetichte drey Tausend, 1654, S. 175<ref>Logau, Friedrich von: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend. Breslau. 1654. In: deutschestextarchiv.de. Abgerufen am 28. November 2016.</ref><ref>Logau, Friedrich von: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend. Breslau. 1654. S. 175 (Bild: 0705 : 175). In: deutschestextarchiv.de. Abgerufen am 28. November 2016.</ref>

Der Pygmalion-Galatea Komplex ist somit als Grundthema angelegt, wird dann aber im achten Kapitel (von insgesamt 13) mit Regine aufgelöst. Lucie verwickelt ihren Gesprächspartner Reinhart in einen Erzählwettstreit über Probleme der Partnerwahl und das Rollenverständnis der Geschlechter. Im Rahmen des Erzählwettstreits gibt Reinhart unter anderem die Geschichte von Regine wieder: Der Gesandtschaftsattaché Erwin Altenauer, ein begüterter und kunstbeflissener Amerikaner deutscher Herkunft, verliebt sich in das Dienstmädchen Regine. Erwin fördert erfolgreich die nachholende Bildung von Regine, als er plötzlich nach Amerika zurückberufen wird. Er will jedoch Regine erst dann mitnehmen und seinen anspruchsvollen Eltern vorstellen, wenn sie sich in jeglicher Hinsicht standesgemäß zu verhalten weiß. Sie wird einem Bildungsprogramm zur Überwindung der Standesgrenzen unterworfen, er überlässt Regine für ihre weitere Bildung der Gesellschaft dreier Frauen, die in der Kunst- und Kulturszene beflissen sind, von denen Keller aber ein eher negatives Bild zeichnet. Nach Erwins Rückkehr scheitert das Experiment in Misstrauen und Entfremdung, die jedoch vorderhand nicht mit dem Bildungsexperiment selbst zu tun haben, sondern vor allem – wie Keller betont – durch das Schicksal bestimmt sind: Regines Scham wegen einer Mordtat ihres Bruders und Erwins Verdacht, Regine sei ihm untreu, sowie die Unfähigkeit, über beides zu sprechen, führen zur Tragödie. In ihrer Ratlosigkeit gibt sich die schöne Aufsteigerin den Tod.<ref> Gottfried Keller: Das Sinngedicht. Stuttgart 1966 (Reclam). S. 46–115 sowie im Nachwort von Louis Wiesmann S. 344 ff. ; Kindlers Literatur Lexikon, Band VI, Zürich 1984, S. 8749; Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004. S. 13 f. </ref>

Hintergründe

Kellers Regine in der gleichnamigen Novelle gilt in der literaturwissenschaftlichen Forschung als dichterisches Denkmal für Elise Egloff. Keller hatte Jacob Henle und dessen Frau Elise Henle (geborene Egloff) 1846 in Zürich kennengelernt und beim Ehepaar Henle einen eher skurrilen Eindruck hinterlassen. Keller besuchte zwei Jahre später in Heidelberg Henles anthropologisches Kolleg, das er in Der grüne Heinrich beschrieb:

„Auf mich wirkte schon die erste Stunde so, daß ich den Zweck, der mich hergeführt, und alles vergaß und allein gespannt war auf die zuströmende Erfahrung.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Gottfried Keller: Der Grüne Heinrich, S. 579 ff.<ref>Gottfried Keller: Der Grüne Heinrich. Düsseldorf 2006. S. 579 ff. (Vierter Teil, Kap. 1 „Der Borghesische Fechter“). Zitat S. 580. </ref>

Keller begann schon 1851 in Berlin mit Konzeptionen zu einem Galatea-Novellenzyklus, der sich gegen Berthold Auerbachs Erzählung Die Frau Professorin wandte – die ebenfalls von der historischen Person Elise Egloff inspiriert war – und sich auch generell polemisch auf Auerbach bezog, dem in der späteren Literaturkritik „Naturschwärmerei“, „klischeehaft-triviale Grundkonstellationen“ in der Handlung und eine charakteristische „Abschirmung gegen die Problemgehalte der Zeit“ (Fritz Martini) vorgeworfen wurde.<ref>vgl. z. B. Kindlers Literatur Lexikon, Band VI, Zürich 1984, S. 8541 f. </ref> Vor allem wandte sich Keller ursprünglich gegen die in Die Frau Professorin propagierte Unversöhnlichkeit von Kultur und Natur bzw. Stadt und Dorf.<ref>Herbert A. und Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Band II. München 1977 (14. Aufl.), S. 422 u. 448 f. </ref> Keller hielt die Geschichte jedoch 30 Jahre zurück, vielleicht weil er im Jahre 1856 Berthold Auerbach kennenlernte, mit diesem Freundschaft schloss und vom damals noch bekannteren Auerbach literarisch unterstützt wurde. Erst 1880 beginnt er auf Drängen seines Verlegers mit der Ausarbeitung, es entstand der Novellenzyklus Das Sinngedicht: Keller setzt dem Kunstprofessor Reinhard – der zentralen Figur in Auerbachs Die Frau Professorin – den Naturforscher Reinhart, der Frau Professorin Lorle seine Kunstschöpfungen Lucie und Regine entgegen.

Interpretation

„Hinter Altenauers Versuch, eine Frau nach den eigenen Vorstellungen von edler Weiblichkeit heranzubilden, wird eine im Sinngedicht vielfarbig schillernde mythische Figur sichtbar: Galatea, die vom antiken Bildhauer Pygmalion geschaffene und auf seine Wunsch hin von der Liebesgöttin belebte Statue – die Frau, die von Mannes Gnaden existiert. Mit Galatea-Regines Tod ist der Mythos zerrissen, und in den Brechungen des Erzählduells zwischen Reinhart und Lucie wird er als unzeitgemäß verabschiedet. Als Muster einer Beziehung zwischen Mann und Frau hat er ausgedient, weil die ihm entsprechenden Rollenanweisungen so für beide Geschlechter nicht mehr nachspielbar sind. An seine Stelle treten im Sinngedicht neue, aufklärerisch-egalitäre Vorstellungen von Erotik und ehelicher Liebe, wie sie in der Literatur dieser Zeit einzigartig sind.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Gunhild Kübler: Mein lieber, böser Schatz: Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. S. 14 f.<ref>Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004. S. 14 f. </ref><ref>Mein lieber, böser Schatz: Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. In: amazon.de. Abgerufen am 28. November 2016.</ref>

Verfilmung

Erich Waschneck verfilmte 1935 die Novelle mit Luise Ullrich unter demselben Titel. Unter der Regie von Harald Braun entstand 1955/1956 eine freie Verfilmung des Werks mit Johanna Matz und Erik Schumann in den Hauptrollen, siehe dazu Regine (1956).

Einzelnachweise

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Weblinks

Originaltext bei Zeno.org: Das Sinngedicht.

Vorlage:Klappleiste/Anfang Romane
Der grüne Heinrich | Martin Salander

Novellenzyklen
Die Leute von Seldwyla, Teil I
Pankraz, der Schmoller | Romeo und Julia auf dem Dorfe | Frau Regel Amrain und ihr Jüngster | Die drei gerechten Kammmacher | Spiegel, das Kätzchen

Die Leute von Seldwyla, Teil II
Kleider machen Leute | Der Schmied seines Glückes | Die mißbrauchten Liebesbriefe | Dietegen | Das verlorene Lachen

Sieben Legenden

Züricher Novellen
Hadlaub | Der Narr auf Manegg | Der Landvogt von Greifensee | Das Fähnlein der sieben Aufrechten | Ursula

Das Sinngedicht
Von einer törichten Jungfrau | Regine | Die arme Baronin | Die Geisterseher | Don Correa | Die Berlocken

Gedichte
Gedichte: An mein Vaterland | Neuere Gedichte: Melancholie | Gesammelte GedichteDie öffentlichen Verleumder | Prolog zur Feier von Beethovens hundertstem Geburtstag in Zürich

Gemälde
Heroische Landschaft Vorlage:Klappleiste/Ende