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Rollkur (Pferdesport)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Rollkur drawing.png
Skizze Rollkur: tief, eng und zusätzlich seitwärts gezogener Kopf

Mit dem Begriff Rollkur (auch Hyperflexion) wird beim Dressurreiten, Springreiten oder Westernreiten eine Trainingsmethode bezeichnet, die durch ein gewolltes Herabziehen des Pferdekopfes mit Hilfe der Zügel in Richtung Brust gekennzeichnet ist. Das Pferd „beißt“ sich in die Brust. Vertreter des klassischen Reitsports lehnen die Methode ab.<ref name="Unter Zwang">Unter Zwang Interview mit Major a. D. Paul Stecken, faz.net, 9. April 2012</ref> Laut einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2024, die 58 begutachtete Studien auswertete, ist die Rollkur für das Pferd schädlich.<ref>Uta König von Borstel, Kathrin Kienapfel, Andrew McLean, Cristina Wilkins, Paul McGreevy: Hyperflexing the horse’s neck: a systematic review and meta-analysis. In: Scientific Reports. Band 14, Nr. 1, 2. Oktober 2024, ISSN 2045-2322, S. 22886, doi:10.1038/s41598-024-72766-5 (nature.com [abgerufen am 11. November 2025]).</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Rollkur – Hyperflexion (Memento vom 23. März 2014 im Internet Archive) Christian Bingold, Blog, April 2008</ref>

Geschichte

Datei:Ridinger-Pirouette-Rechts.jpg
Stich von Ridinger, Pferd zeigt eine Pirouette und rundet dabei durch den hohen Versammlungsgrad von selbst das Genick, die Zügel hängen daher locker durch, vor 1780

Eine starke Biegung und Dehnung des Halses ist im Dressurreiten nichts Neues. Bereits im 19. Jahrhundert beschrieb der französische Reiter François Baucher eine Methode, wonach der Hals des Pferdes stark gedehnt wird. Doch während Baucher eine kurzzeitige, starke Dehnung des Halses zur Seite benutzte, um so die Beweglichkeit des Pferdes für Seitengänge und Wendungen zu fördern, lehnte er die Flexion nach unten ab. Seine Methode wird bis heute von der Reitschule Cadre Noir angewendet.

Der Begriff Rollkur wurde erstmals 1992 in einem Artikel der Zeitschrift St. Georg verwendet.<ref>Rollkur – ein Wort macht Karriere St.Georg, 29. November 2007</ref> Hier beschrieb der Verhaltensforscher und ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift Heinz Meyer den Umgang international erfolgreicher Reiter mit ihren Pferden auf dem Abreiteplatz. Er kritisierte die Untätigkeit der Turnierrichter und der FEI. Der Artikel blieb noch weitgehend unbeachtet.

Ein Text der St. Georg-Chefredakteurin Gabriele Pochhammer aus dem Jahr 2005, in dem sie das Thema nochmals aufgriff und niederländische Reiter scharf kritisierte, erregte umso größere internationale Beachtung, auch deshalb, weil eine deutsche Journalistin unmittelbar vor den Europameisterschaften die schärfsten Wettbewerber direkt angriff.<ref>Dressur pervers Gabriele Pochhammer, St. Georg, Juli 2005</ref> Der Artikel löste nicht nur in der Pferdewelt ein großes Echo aus.<ref name="Irrlehre">Irrlehre, Stellungnahme der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), 31. Juli 2005 Warendorf</ref><ref>Dressur pervers – Zwangsmethoden hoch zu Ross, Evi Simeoni, FAZ.NET, 29. Juli 2005</ref><ref>Wir nähern uns dem Zirkus Interview mit Klaus Balkenhol, Der Spiegel, 41 2005</ref> Durch den Artikel von Gabriele Pochhammer fand der Begriff Rollkur Eingang in das internationale Fachvokabular.

Im Januar 2006 führte die Internationale Reitervereinigung FEI eine Expertenanhörung durch. Dort kam man zu dem vorläufigen Schluss, dass es keine wissenschaftlichen Hinweise dafür gebe, dass die Methode bei Verwendung durch geschulte Trainer schädlich sei. Weil das deutsche Wort „Rollkur“ nicht willkommen war, entstand während der Anhörung der neue Begriff Hyperflexion of the neck („Überdehnung des Halses“).<ref name="st-georg.de">FEI-Workshop „Rollkur“ in Lausanne, Januar 2006, St. Georg, 2006</ref><ref>Kommentar zum FEI Workshop in Lausanne zur Rollkur, Gabriele Pochhammer, St. Georg, 2006</ref><ref name="Die radikale Roll-Tortur"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Die radikale Roll-Tortur (Memento vom 19. Oktober 2012 im Internet Archive) dressur-studien.de, abgerufen am 26. Oktober 2012</ref>

In einer Sitzung der FEI am 9. Februar 2010 mit Befürwortern und Gegnern der Rollkur wurde der Begriff „Low, Deep and Round“ (LDR) eingeführt, der auf den niederländischen Nationaltrainer Sjef Janssen zurückgeht. Damit soll zwischen einer kurzzeitigen Hyperflexion ohne Kraftaufwand oder Aggression des Reiters (LDR)<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Aus Rollkur wird Low-Deep-Round (Memento vom 13. April 2012 im Internet Archive) Dressur-Studien, 9. Februar 2010</ref> und Halspositionen, die durch „aggressive Kraft“ entstehen (Rollkur), unterschieden werden.

Positionenstreit

Befürworter der Rollkur verstehen unter kurzzeitiger Flexion 20–30 Minuten. Gegner der Rollkur verstehen unter kurzzeitiger Flexion 20–30 Sekunden.<ref name="FEI-Chefveterinär Leo Jeffcott">FEI-Chefveterinär Leo Jeffcott St. Georg, Frühjahr 2006</ref><ref>Wann fängt der Reiter an, ein Pferd mental zu traktieren? Interview mit Christoph Hess, Leiter der Abteilung Ausbildung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), 2005</ref> Aus dieser unterschiedlichen Sichtweise folgt eine unterschiedliche Begriffsverwendung. Gegner der Rollkur bezeichnen auch das gemäß FEI erlaubte "LDR", das eine bis zu 10 Minuten andauernde Hyperflexion erlaubt, als Rollkur. Der Contra-Abschnitt enthält somit sowohl Kritik an LDR als auch an der Rollkur. Der Pro-Abschnitt enthält Stimmen, die LDR oder ein zeitlich verlängerertes LDR befürworten. Die Rollkur mit aggressiver Reitweise befürwortet offiziell niemand.

Pro

  • Die Befürworter der Rollkur sehen darin eine moderne Weiterentwicklung des klassischen Dressurreitens. Manche internationalen Beobachter sehen in der Kritik einen Abwehrreflex der traditionsverhafteten und lange Jahre erfolgsverwöhnten deutschen Reitschule gegenüber erfolgreichen Innovationen aus dem Ausland.
  • Zwei niederländische Studien aus dem Jahr 2006 sehen keine schädlichen Effekte bei Pferden nach der Anwendung der Rollkur.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Welfare concerns of “rollkur” technique. (Memento vom 3. März 2016 im Internet Archive) equinescienceupdate.co.uk, 2006</ref> In seiner Studie vergleicht der Wissenschaftler Eric van Breda den Effekt auf Turnierpferde, die mit Rollkur trainiert wurden, und Freizeitpferde ohne entsprechende Gewöhnung an diese Haltung. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Rollkur keinen zusätzlichen Stress verursacht.<ref>A non-natural head-neck position (rollkur) during training results in less acute stress in elite trained dressage horses, 2006. doi:10.1207/s15327604jaws0901_5</ref> Die Studie von Oldruitenborgh-Oosterbaan et al. vergleicht Pferde in Rollkur mit Pferden in natürlicher Haltung. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Herzfrequenz unter Anwendung der Rollkur nur leicht ansteigt, während andere messbare Werte keine Auffälligkeiten zeigen. Gleichzeitig verbessere sich die Beweglichkeit und die Pferde reagierten besser auf ihre Reiter.<ref>M. M. Sloet van Oldruitenborgh-Oosterbaan, M. B. Blok, L. Begeman, M. C. Kamphuis, M. C. Lameris, A. J. Spierenburg, M. J. Lashley: Workload and stress in horses: comparison in horses ridden deep and round ('rollkur') with a draw rein and horses ridden in a natural frame with only light rein contact. In: Tijdschrift voor diergeneeskunde. Band 131, Nummer 5, März 2006, S. 152–157, PMID 16532786.</ref>

Contra

  • Seit Beginn der Diskussion äußerten sich viele renommierte Persönlichkeiten aus dem Bereich des Pferdesports kritisch über die Anwendung der Rollkur und bezeichneten die Methode als Irrweg. Michael Düe, ein Tierarzt der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), sagt: „Hyperflexion ist die exzessive Beugung eines oder mehrerer Gelenke, die dazu geeignet ist, Verletzungen herbeizuführen“.<ref name="Irrlehre" /><ref>Wir dürfen unsere Pferde nicht länger missbrauchen, Interview mit Gerd Heuschmann, Cavallo, abgerufen am 26. Oktober 2012</ref><ref>Wann fängt der Reiter an, ein Pferd mental zu traktieren? Michael Düe, St. Georg, 2005</ref> Der Bewegungsablauf des Tieres wird möglicherweise nachhaltig gestört. Weiterhin beeinträchtigt die Haltung die Atmung, die Durchblutung, die Halswirbelsäule und die Orientierung.<ref name="FEI-Chefveterinär Leo Jeffcott" /><ref name="Die radikale Roll-Tortur" /><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Rollkur raubt Pferden den Atem (Memento vom 19. Oktober 2012 im Internet Archive) Dressur-Studien, 16. Januar 2010</ref> Die Ganaschen werden eingeengt, es können sich so genannte Genickbeulen bilden und Halsmuskeln können möglicherweise überdehnt werden.<ref>Dressur pervers Gabriele Pochhammer, Abschnitt „Beulen im Genick“, St.Georg, Juli 2005</ref>

  • Zu den klassischen Grundsätzen des Dressurreitens zählen neben der Ausbildungsskala: das Genick als höchster Punkt des Pferdes, die Schubentwicklung aus der Hinterhand, die Bergauf-Orientierung des Pferdes und ein nicht einengender Zügel. Im Dressurreiten soll das Zusammenspiel zwischen Pferd und Mensch Harmonie und Leichtigkeit ausstrahlen. Diese Grundsätze sind nach Aussage von Paul Stecken nicht mit der Rollkur vereinbar. Zudem gehe auch die Losgelassenheit verloren.<ref name="Unter Zwang" />

„Ein Pferd für kurze Zeit auch mal rundzustellen, also den Hals herunterzunehmen, um den Rücken zu heben, das kann als gymnastische Übung sinnvoll sein und ist nicht weiter schlimm. Darum beweisen die jetzt herumgereichten Fotos extrem tiefgestellter Pferde relativ wenig – das können ja Momentaufnahmen sein. Wenn ein Pferd aber, mit Hilfszügeln und scharfen Gebissen, sehr eng geritten und der Kopf über eine längere Phase gewaltsam tief, eng und teilweise zusätzlich seitwärts gezogen wird, dann entspricht das nicht der artgerechten Ausbildung des Pferdes. Es tut dem Tier garantiert weh.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Klaus Balkenhol: Der Spiegel, 41 2005<ref>Olaf Stampf, Mathias Schreiber, Stefan Aust: Interview mit Klaus Balkenhol: „Wir nähern uns dem Zirkus“. In: Der Spiegel. Nr. 41, 2005, S. 146–149 (online10. Oktober 2005).</ref>

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Datei:Drk Brown Dressage.jpg
Zu tief eingestelltes Pferd mit „falschem Knick“, jedoch keine Rollkur

Erstmals mit einer offiziellen Kritik an der Rollkur äußerte sich die FEI im April 2008. Die Ausführung hierzu lautete:

“There are no known clinical side effects specifically arising from the use of hyperflexion, however there are serious concerns for a horse's well-being if the technique is not practiced correctly. The FEI condemns hyperflexion in any equestrian sport as an example of mental abuse. The FEI states that it does not support the practice.”

„Es können keine klinisch nachweisbaren Nebeneffekte mit der Hyperflexion in Verbindung gebracht werden, es bestehen aber ernsthafte Bedenken betreffs des Wohlbefindens des Pferdes, wenn diese Technik nicht korrekt angewendet wird. Die FEI verurteilt Hyperflexion in jeder reitsportlichen Disziplin als ein Beispiel von mentalem Missbrauch. Die FEI betont, dass sie diese Trainingsmethode nicht unterstützt.“

FEI-Pressemitteilung vom 10. April 2008<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />News from the FEI Veterinary Committee (Memento vom 28. Mai 2012 im Internet Archive), 10. April 2008 (englisch)</ref><ref>FEI verdammt Rollkur, St. Georg, 14. April 2008</ref><ref>Rollkur, Hyperflexion oder LDR: Die Begriffsverwirrung der FEI pferdplus.com, 27. November 2011</ref>

In der FEI Sitzung im Februar 2010 wurde die Rollkur sportrechtlich bewertet. Bereits im Voraus war das Interesse aus dem Bereich des Pferdesports groß. So konnte der deutsche Tierarzt Dr. Gerd Heuschmann im Rahmen der Sitzung eine Petition gegen die Rollkur mit über 40.000 Unterschriften an die FEI-Präsidentin Prinzessin Haya v. Jordanien übergeben.<ref name="StGeorg">Rollkur-Treffen der FEI: Beschluss gefasst, st-georg.de, 9. Februar 2010, abgerufen am 14. Februar 2010</ref> Im Voraus bezogen außerdem die Deutsche Reiterliche Vereinigung<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />FN bezieht Stellung gegen Hyperflexion (Memento vom 12. Februar 2010 im Internet Archive), pferd-aktuell.de, 8. Februar 2010, abgerufen am 14. Februar 2010</ref> und eine Reihe bekannter Personen aus dem Reitsport unter Federführung von Xenophon-Gründer Klaus Balkenhol<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />XENOPHON-Vorsitzender Klaus Balkenhol initiiert offenen Brief an die FEI (Memento vom 16. Februar 2010 im Internet Archive), pferdesportzeitung.de, abgerufen am 14. Februar 2010</ref> gegen eine mögliche Legitimation der Rollkur Stellung. Die FEI legte fest, dass jede Kopf- und Halsposition, die durch „aggressive Kraft“ entsteht, nicht akzeptabel sei und sanktioniert werden müsse. Im Rahmen dieser Sitzung wurde auch die neue Unterscheidung zwischen der Hyperflexion (bzw. Rollkur) und „Low, Deep and Round“ (LDR) geprägt. Im Gegensatz zur Hyperflexion erfolge LDR ohne Aggressivität und sei somit akzeptabel. Es wurde eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Frank Kemperman, dem Vorsitzenden des Dressurkomitees, eingerichtet, um Hyperflexion und LDR genau voneinander abzugrenzen und Verfahrensrichtlinien für Turnierstewards bei Verdacht auf Rollkur zu entwickeln.<ref name="StGeorg" /><ref>Charlotte White: FEI outlaws rollkur when ridden using ‘aggressive force’. In: horseandhound.co.uk. 10. Februar 2010, abgerufen am 13. April 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Gemäß FEI-Reglement ist nun die Anwendung von LDR bis zu 10 Minuten lang auf dem Abreiteplatz offiziell gestattet. Die Rollkur ist dagegen bei internationalen Wettbewerben auf dem Abreiteplatz verboten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />FEI BUREAU APPROVES NEW STEWARDS’ GUIDELINES ON WARM-UP TECHNIQUES (Memento vom 7. Juli 2010 im Internet Archive) (englisch)</ref><ref>Ein großer Schritt im Sinne des Tierschutzes Interview mit Gerd Heuschmann, Cavallo, 9. Februar 2010</ref>

Quellen

Literatur

  • Gerhard Heuschmann: Finger in der Wunde. Was Reiter wissen müssen, damit ihr Pferd gesund bleibt. Wu-Wei Verlag, Schondorf 2006, ISBN 3-930953-20-X.
  • Heinz Meyer: Die Überzäumung des Pferdes: Zwecke und Auswirkungen. Geschichte und aktuelle Diskussion. FN-Verlag, Warendorf 2006, ISBN 3-88542-431-2.
  • Philippe Karl: Irrwege der modernen Dressur. Die Suche nach einer „klassischen“ Alternative. Cadmos, Brunsbek 2006, ISBN 3-86127-413-2.
  • Gustav Rau: Altgold. Die Geschichte eines Kriegspferdes. Nachdruck der 2. Auflage, Stuttgart 1925. Olms-Presse, Hildesheim 2001, ISBN 3-487-08426-0. Mit einem Vorwort von Pierre Durand, insbesondere S. 10/11.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />