Sanatorium Purkersdorf
Mit Sanatorium Purkersdorf wird allgemein das ehemalige Kurhaus auf dem Gelände des Sanatoriums bezeichnet.<ref name=":0">Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 7.</ref> Gelegentlich wird es Hoffmann-Pavillon genannt.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 147.</ref> Es befindet sich in Purkersdorf, an der Stadtgrenze zu Wien.<ref name=":0" /> Das Sanatorium Purkersdorf wurde von dem Architekten Josef Hoffmann für den Generaldirektor der Schlesischen Eisenwerke Gleiwitz Viktor Zuckerkandl entworfen und zwischen 1904 und 1905 erbaut.<ref name=":1">August Sarnitz: Josef Hoffmann. 1870 – 1965. Im Universum der Schönheit. Taschen, Köln 2007, ISBN 3-8228-5588-X, S. 47 f.</ref><ref name=":0" /><ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 277.</ref> Es gilt als Beispiel für Architektur im Stil der Wiener Secession und als erstes Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte.<ref name=":1" /><ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 58.</ref> Außerdem ist es der erste Zweckbau Europas, der mithilfe von Stahlbeton errichtet wurde und ein Flachdach besitzt.<ref>Christian Brandstätter (Hrsg.): Wien 1900. Kunst und Kultur. Fokus der europäischen Moderne. Dt. Taschenbuchverlag, München 2011, ISBN 3-423-34295-1, S. 185.</ref>
Architektur
Das Sanatorium Purkersdorf als Gesamtkunstwerk
Josef Hoffmann gründete 1903 zusammen mit Koloman Moser und Fritz Wärndorfer die Wiener Werkstätte.<ref name=":7">Leslie Topp: An Architecture for Modern Nerves: Josef Hoffmann's Purkersdorf Sanatorium. In: Journal of the Society of Architectural Historians. Band 56, Nr. 4. University of California Press, Kalifornien 1997, S. 416 f.</ref><ref>Christian Brandstätter: Design der Wiener Werkstätte. 1903-1932. Architektur. Möbel. Gebrauchsgrafik. Postkarten. Plakate. Buchkunst. Glas. Keramik. Metall. Mode. Stoffe. Accessoires. Schmuck. 1. Auflage. Christian Brandstätter, Wien 2003, ISBN 3-85498-124-4, S. 14, 24 ff.</ref> Sie verfolgten den Anspruch, das gesamte Leben im Sinne des Gesamtkunstwerks künstlerisch durchzugestalten.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 154.</ref> Diese Idee wurde von der Wiener Werkstätte erstmals im Sanatorium Purkersdorf ausgeführt.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 4.</ref>
Das Gesamtkunstwerk, wie es die Wiener Werkstätte verstand, geht auf den Komponisten Richard Wagner zurück, der es 1850 in der Schrift das Kunstwerk der Zukunft definierte. Darin beschrieb Wagner, dass das Gesamtkunstwerk alle Gattungen der Kunst zusammenfassen solle.<ref>Christine Göttler, Peter J. Schneemann, Birgitt Brokopp-Restle, Norberto Gramaccini, Peter W. Marx, Bernd Nicolai (Hrsg.): Reading Room. Re-Lektüren des Innenraums. De Gruyter, Berlin 2019, ISBN 978-3-11-059246-7, S. 93.</ref><ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 137.</ref><ref>August Sarnitz: Josef Hoffmann. 1870 – 1965. Im Universum der Schönheit. Taschen, Köln 2007, ISBN 3-8228-5588-X, S. 16 f.</ref> Im Fall der Wiener Werkstätte wurden Architektur, Malerei, Skulptur, Kunsthandwerk, Gebrauchsgegenstände und Mode zu einem für sich selbst stehenden Kunstobjekt vereint.<ref>Stadthalle Balingen, Peter Noever (Hrsg.): Josef Hoffmann. Ein unaufhörlicher Prozess. Entwürfe vom Jugendstil zur Moderne. Hirmer, München 2010, ISBN 978-3-7774-2891-8, S. 10.</ref><ref>Christine Göttler, Peter J. Schneemann, Birgitt Brokopp-Restle, Norberto Gramaccini, Peter W. Marx, Bernd Nicolai (Hrsg.): Reading Room. Re-Lektüren des Innenraums. De Gruyter, Berlin 2019, ISBN 978-3-11-059246-7, S. 96.</ref><ref name=":2">Barbara Steffen (Hrsg.): Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit. Ein Gesamtkunstwerk. Hatje Cantz, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7757-2684-9, S. 11.</ref> Dabei wurden alle Arten der Kunst als gleichwertig empfunden.<ref>Gabriele Fahr-Becker: Jugendstil. Tandem, Rheinbreitbach 2007, ISBN 978-3-8331-3544-6, S. 43.</ref> Außerdem war Zusammenarbeit ein wesentlicher Aspekt des Gesamtkunstwerks.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 118.</ref><ref name=":2" />
Die Formen, mit denen die Wiener Werkstätte arbeitete, waren streng geometrisch.<ref>Christian Brandstätter (Hrsg.): Wien 1900. Kunst und Kultur. Fokus der europäischen Moderne. Dt. Taschenbuchverlag, München 2011, ISBN 3-423-34295-1, S. 181.</ref> Diese Aspekte lassen sich auch im Sanatorium wiederfinden. Die Formensprache des Sanatoriums Purkersdorf ist von dem Quadrat bestimmt, welches sich in Grundriss, Fassade, Innen räumen und der Einrichtung wiederfinden lässt. Es ist also das grundlegende Gestaltungselement dieses Gesamtkunstwerks.<ref name=":1" />
Baukörper
Die Grundform des Baukörpers ist ein Quader.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 184.</ref> Alle Seiten der Fassade sind optisch zweigeteilt. Im untersten Bereich, in dem sich das Kellergeschoß befindet, ist die Wandfläche hellgrau und glatt. Die darüberliegenden Stockwerke sind dagegen mit einem weißen Patschputz versehen. Patschputz hat eine raue, unregelmäßige Oberflächenstruktur.<ref name=":3">Christoph Thun-Hohenstein, Christian Witt-Dörring, Elisabeth Schmuttermeier (Hrsg.): Koloman Moser. Universalkünstler. Zwischen Gustav Klimt und Josef Hoffmann. Birkhäuser, Basel 2019, ISBN 978-3-0356-1849-5, S. 102.</ref> Die beiden Bereiche sind also nicht nur farblich, sondern auch haptisch voneinander getrennt.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 159 f.</ref> Unterstützt wird diese Zweiteilung zusätzlich durch das einzige Ornament der Fassade, ein Fliesenband.<ref name=":4">Norbert Wolf: Jugendstil. Prestel, München 2015, ISBN 978-3-7913-4541-3, S. 190.</ref><ref name=":3" /> Es besteht aus dunkelblauen und weißen Kacheln, die ein Schachbrettmuster erzeugen.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 37.</ref> Die weißen Wandflächen werden von ihm gerahmt und es grenzt sie so von dem grauen Bereich der Fassade ab. Außerdem rahmt das Fliesenband alle Fenster- und Türöffnungen, außer diejenigen im Kellergeschoß.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 44.</ref><ref>Vittorio Magnago Lampugnani (Hrsg.): Hatje-Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts. Hatje, Stuttgart 1983, ISBN 3-7757-0174-5, S. 166.</ref>
An der Westfassade befindet sich die Zufahrt zu dem Sanatorium.<ref name=":5">Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 166 ff.</ref> Zwei L-förmige Vorsprünge klammern den Eingangsbereich ein. Dadurch wird die vertikale Achsensymmetrie unterstrichen. Außerdem wird sie hervorgehoben, weil die Fenster über dem Eingang im ersten und zweiten Obergeschoß im Gegensatz zu den restlichen Fenstern größer bzw. länger sind.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 30.</ref> Alle Fenster greifen die Grundform des Quadrats auf, das die Formensprache des gesamten Baus bestimmt. Dennoch sind sie variantenreich gestaltet.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 162 ff.</ref>
Für den Eingangsbereich der Westfassade waren ursprünglich zwei Fayencefiguren angebracht. Diese wurden vom Künstler Richard Luksch entworfen. Es handelte sich um zwei blau-weiße Frauenfiguren mit einer Höhe zwei Metern. Sie befanden sich nur kurz an der Westfassade und wurden schließlich durch Holzlaternen ersetzt.<ref name=":5" />
Die Ostfassade ist wie die Westseite streng symmetrisch. In der Mitte des zweiten Stocks springt die Fassade nach hinten. Auf diesem Rücksprung befindet die Veranda.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 34.</ref> Außerdem besitzt sie einen weiteren rechteckigen Vorsprung, der auf der Höhe des ersten Stocks endet. Dort befindet sich der Eingang auf der Gartenseite, der von einem Glasdach überfangen ist.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 162 f., 22.</ref> Ursprünglich befanden sich zwei Reliefs rechts und links neben diesem Eingangsbereich. Sie wurden ebenfalls von Richard Luksch hergestellt und stellten einen Mann und eine Frau dar. Sie sind allerdings verloren.<ref name=":5" />
Die Gartenanlage selbst wurde ebenfalls von Hoffmann gestaltet. Allerdings ist sie heute nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 12, 58 f.</ref>
Die Nord- und Südseite des Baus haben keine Vor- oder Rücksprünge. An der Nordseite war eine Pergola angebaut.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 170.</ref> Ein Wendelgang an der Südfassade verband die Altbauten mit dem neuen Kurhaus.<ref>Gunter Breckner: Sanatorium Purkersdorf. New York 1985, S. 163, 170.</ref>
Grundriss, Innenraum und Mobiliar
Die Grundrisse des Erdgeschoßes sowie des ersten und zweiten Obergeschoßes setzten sich aus der Grundform des Quadrats zusammen. Außerdem sind alle Grundrisse, ähnlich wie die Ost- und Westfassade symmetrisch aufgebaut.<ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 174–178.</ref>
Anhand der Grundrisse lassen sich die Funktionen der einzelnen Räume nachvollziehen. Im Erdgeschoß befanden sich die Wirtschafts- und Therapieräume. Im zweiten Obergeschoß waren die Patientenzimmer. Da die Einrichtung wohlhabende Personen ansprechen sollte, beherbergte der Bau neben Therapieräumen diverse Unterhaltungsangebote im ersten Obergeschoß, wie bspw. ein Spielzimmer, ein Billardzimmer oder ein Musikzimmer.<ref name=":8">Eduard F. Sekler: Josef Hoffmann. Das architektonische Werk. Monographie und Werkverzeichnis. Residenz, Salzburg 1986, ISBN 3-7017-0306-X, S. 67.</ref><ref>August Sarntz: Josef Hoffmann. 1870 – 1965. Im Universum der Schönheit. Taschen, Köln 2007, ISBN 3-8228-5588-X, S. 49.</ref> Demzufolge stellte das Sanatorium Purkersdorf eine Schnittstelle zwischen Heilanstalt und Hotel dar.<ref>Jane Kallir: Viennese Design and the Wiener Werkstätte. Thames and Hudson, London 1986, ISBN 0-500-27445-2, S. 53.</ref><ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 149.</ref>
Im Inneren wird die Verwendung des damals modernen Baustoffs Stahlbeton deutlich. Die Unterzüge der Stahlbetondecken wurden in einigen Räumen, wie dem großen Speisesaal, stehengelassen. Dadurch ergeben sich viereckige Kassetten, die die quadratische Formensprache des Baus auch im Inneren widerspiegeln. Hoffmann nutzt also die eigentliche Konstruktion des Baus als Gestaltungsmittel.<ref>Robert Waissenberger (Hrsg.): Wien. 1890-1920. Office du Livre, Fribourg 1984, ISBN 3-8000-3196-5, S. 198.</ref><ref>Sabine Thiel-Siling (Hrsg.): Architektur! Das 20. Jahrhundert. Prestel, München 2005, ISBN 3-7913-3399-2, S. 23.</ref><ref name=":4" /><ref name=":1" />
Die Inneneinrichtung wurde, ganz im Sinne des Gesamtkunstwerks, auf die die geometrische Ästhetik des Baus angepasst.<ref>Gunter Breckner: Sanatorium Purkersdorf. New York 1985, S. 14.</ref> Die Möbel wurden in Zusammenarbeit mit der Wiener Werkstätte von Koloman Moser und Josef Hoffmann entworfen und Großteils von der Wiener Werkstätte hergestellt. Die in hoher Stückzahl benötigten Möbel wurden durch verschiedene Firmen, wie Jacob & Josef Kohn, Thonet oder Prag-Rudniker produziert.<ref name=":6">Christian Brandstätter: Design der Wiener Werkstätte. 1903-1932. Architektur. Möbel. Gebrauchsgrafik. Postkarten. Plakate. Buchkunst. Glas. Keramik. Metall. Mode. Stoffe. Accessoires. Schmuck. 1. Auflage. Christian Brandstätter, Wien 2003, ISBN 3-85498-124-4, S. 119 f.</ref> Ein berühmtes Beispiel dafür sind die Armsessel der Eingangshalle, welche von Koloman Moser entworfen und durch Prag-Rudniker hergestellt wurden. Sie sind mit einem schwarz-weißen Schachbrettmuster gestaltet.<ref name=":6" /><ref>Christian Brandstätter (Hrsg.): Wien 1900. Kunst und Kultur. Fokus der europäischen Moderne. Dt. Taschenbuchverlag, München 2011, ISBN 3-423-34295-1, S. 207 f.</ref>
Geschichte
1903 erwarb Viktor Zuckerkandl das Grundstück in Purkersdorf nahe Wien.<ref name=":0" /> Das Areal wurde bereits seit den 1890er Jahren als Sanatorium genutzt.<ref name=":7" /> Zuckerkandl plante, ein Sanatorium für eine gehobene Klientel zu erschaffen. Zu diesem Zweck wurde ein repräsentatives Kurhaus benötigt, um die vorhandenen Altbauten zu ergänzen.<ref>Sabine Wieber: Sculpting the Sanatorium: Nervous Bodies and Femmes Fragiles in Vienna 1900. In: University of Nebraska Press (Hrsg.): Women in German yearbook. Band 27. University of Nebraska Press, Nebraska 2011, S. 60.</ref><ref name=":0" /> Der Auftrag dafür fiel an den Architekten Josef Hoffmann.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 10.</ref>
Die Behandlungen im Sanatorium Purkersdorf umfassten hauptsächlich „Badekuren [und] physikalische Therapien“<ref name=":8" /> für Nervenkrankheiten und zur allgemeinen Genesung.<ref name=":8" /> Allerdings ist es nicht mit einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung vergleichbar, da der Aufenthalt freiwillig war. Außerdem wurden keine schweren psychischen Erkrankungen behandelt.<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 9.</ref><ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 238.</ref><ref>Kirk Varnedoe: Wien 1900. Kunst, Architektur & Design. Taschen, Köln 1987, ISBN 3-8228-0059-7, S. 46.</ref>
Das Budget für das Sanatorium ist nicht überliefert, allerdings ist anzunehmen, dass Hoffmann dieses Budget überschritt. Daraus resultierten Streitigkeiten zwischen Zuckerkandl und Josef Hoffmann sowie Fritz Wärndorfer, der mit den finanziellen Angelegenheiten der Wiener Werkstätte betraut war. Diese Streitigkeiten hatten Gerichtsprozesse über die Kosten des Baus zur Folge, die die Wiener Werkstätte gewann.<ref name=":9">Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 73 f.</ref><ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 241 f.</ref>
Als Zuckerkandl das Kurhaus für weitere Patientenzimmer erweitern lassen wollte, beauftragte er nun nicht mehr Josef Hoffmann, sondern Leopold Bauer. 1926 stockte Bauer das Gebäude um ein weiteres Stockwerk auf und ersetzte das vorherige Flachdach mit einem Walmdach. Das neue Dach diente dazu, die Feuchtigkeitsprobleme in den Griff zu bekommen, die das Flachdach verursachte.<ref name=":9" /><ref name=":10">Axel Hubmann: Sanatorium Westend, Hoffmann-Pavillon. Bau- und Besitzgeschichte, Wertigkeit, Restaurierung. In: Bundesdenkmalamt, Abteilung für Denkmalforschung, Dr. Paul Mahringer (Hrsg.): Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Band 1. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2024, ISBN 978-3-7001-9644-0, S. 21.</ref>
Im Jahr 1938 wurde Zuckerkandl gezwungen, das Sanatorium im Rahmen der Arisierung durch das nationalsozialistische Deutsche Reich an den Arzt Hans Gnad abzutreten. Das ist auf den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich zurückzuführen, da die Zuckerkandls jüdisch waren.<ref name=":11">Gunter Breckner: Sanatorium Purkersdorf. New York 1985, S. 163.</ref><ref>Leslie Topp: An Architecture for Modern Nerves: Josef Hoffmann's Purkersdorf Sanatorium. In: Journal of the Society of Architectural Historians. Band 56, Nr. 4. University of California Press, Kalifornien 1997, S. 433.</ref> Während des Zweiten Weltkriegs diente das Sanatorium Purkersdorf als Lazarett.<ref name=":10" /> 1945 wurde es von der Roten Armee beschlagnahmt.<ref name=":10" /><ref name=":12">Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 76 ff.</ref>
Der Evangelische Verein für Innere Mission erwarb das Areal 1952 und nutze die Gebäude als Krankenhaus.<ref name=":12" /> Das Kurhaus wurde erneut verändert. Das blau-weiße Fliesenband wurde abgeschlagen. Zudem wurden die Fenster im Erdgeschoß vergrößert und die Fassade glatt verputzt.<ref name=":11" /> Der Betrieb des Krankenhauses wurde 1975 eingestellt. Bis 1991 stand der Bau leer und drohte zu verfallen, bis der Architekt Walter Klaus das Grundstück schließlich erwarb.<ref name=":12" />
1995 fanden umfassende Restaurierungsmaßnahmen an der Fassade statt. Es wurde der erfolgreiche Versuch unternommen, den ursprünglichen Zustand der Fassade wiederherzustellen. Dazu wurde das von Leopold Bauer aufgestockte dritte Stockwerk wieder abgetragen und der Bau erneut mit einem Flachdach versehen. Außerdem wurden der Patschputz und das weiß-blaue Fliesenband wiederhergestellt. Die Restaurierung erfolgte unter der Leitung des Architekten Sepp Müller.<ref name=":12" /><ref>Axel Hubmann: Sanatorium Westend, Hoffmann-Pavillon. Bau- und Besitzgeschichte, Wertigkeit, Restaurierung. In: Bundesdenkmalamt, Abteilung für Denkmalforschung, Dr. Paul Mahringer (Hrsg.): Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2024, ISBN 978-3-7001-9644-0, S. 26.</ref>
Zwischen 1997 und 2001 diente das Gebäude sechs Jahre lang als Aufführungsort für das Theaterstück Alma – A show biz ans Ende von Paulus Manker<ref name=":12" />, in dem die Lebensgeschichte der berühmten Künstlermuse Alma Mahler-Werfel als Simultandrama in allen Räumen des Gebäudes aufgeführt wurde. Die Atmosphäre des Bauwerks und die Möglichkeit für die Zuschauer, in verschiedenen Räumen an der theatralischen Inszenierung von Alma Mahler-Werfels Leben gleichsam wie ihre zeitgenössischen Gäste interaktiv teilzuhaben, bescherten dem „Polydrama“ Kultstatus. 1999 wurde es von Paulus Manker im Sanatorium Purkersdorf auch verfilmt.<ref>Alma Mahler-Werfel im Sanatorium Purkersdorf. Alma Theaterproduktion, 1996, abgerufen am 4. Oktober 2025.</ref>
2001 ging das Areal an die BUWOG über.<ref name=":12" /> Die Restaurierung des Innenbereichs wurde 2003 durchgeführt. Die Eingangshalle, das Treppenhaus, der große Speisesaal, die Veranda und der Gang im ersten Stock wurden so originalgetreu wie möglich wiederhergestellt.<ref name=":13">Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 26 f.</ref> Noch erhaltene originale Möbelstücke wurden erworben und restauriert. Nicht mehr erhaltenes Mobiliar wurde so originalgetreu wie möglich kopiert.<ref name=":13" /> Seit der Restaurierung des Innenraums wird das Sanatorium Purkersdorf unter dem Namen HoffmannPark als Seniorenpflegeresidenz genutzt (Stand: 2024).<ref>Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012, S. 80.</ref><ref>Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2, S. 155.</ref>
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Die Eingangshalle
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Galerie zum Neubau
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Der Speisesaal
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Salon hinter dem Speisesaal
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Stiegenhaus und Fenster
Verkehr
Die Haltestelle Purkersdorf Sanatorium an der Westbahn, die unter anderem von der S-Bahn Wien bedient wird, ist nach dem Sanatorium benannt. Als letzte Station vor der Wiener Stadtgrenze stellt sie gleichzeitig eine Tarifzonengrenze im Verkehrsverbund Ost-Region dar.
Die Einrichtung liegt unmittelbar an der Wiener Straße, bis 2002 Bundesstraße B1 genannt.
Literatur
- August Sarnitz: Josef Hoffmann. 1870 – 1965. Im Universum der Schönheit. Taschen, Köln 2007, ISBN 3-8228-5588-X.
- Axel Hubmann: Sanatorium Westend, Hoffmann-Pavillon. Bau- und Besitzgeschichte, Wertigkeit, Restaurierung. In: Bundesdenkmalamt, Abteilung für Denkmalforschung, Paul Mahringer (Hrsg.): Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Band 1. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2024, ISBN 978-3-7001-9644-0.
- Eduard F. Sekler: Josef Hoffmann. Das architektonische Werk. Monographie und Werkverzeichnis. Residenz, Salzburg 1986, ISBN 3-7017-0306-X.
- Gunter Breckner: Sanatorium Purkersdorf. New York 1985.
- Karin Thun-Hohenstein: Josef Hoffmann – Sanatorium Purkersdorf (1904-1905). Wien 2012.
- Leslie Topp: An Architecture for Modern Nerves: Josef Hoffmann's Purkersdorf Sanatorium. In: Journal of the Society of Architectural Historians. Band 56, Nr. 4. University of California Press, Kalifornien 1997.
- Lil Thomas Helle: Stimmung in der Wiener Architektur der Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20527-2.
Weblinks
- Sanatorium Purkersdorf bei der Gemeinde Purkersdorf
- Geschichte mit Abbildungen
- Sanatorium Purkersdorf Innenräume in historischer Ausstattung
- Video mit alten Aufnahmen aus der Entstehungszeit: [1]
- Video von 1997 mit Aufnahmen aus der Zeit des Leerstandes und vor der Restaurierung: [2]
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 48° 12′ 16″ N, 16° 11′ 50,4″ O
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