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Selenogradsk

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Vorlage:Infobox Ort in Russland Selenogradsk (Vorlage:RuS, Vorlage:Audio, übersetzbar in etwa mit Grüne Stadt), deutsch Cranz (früher auch Cranzkuhren, Vorlage:LtS), ist ein Kur- und Badeort an der Samlandküste in der russischen Oblast Kaliningrad, im ehemaligen Ostpreußen. Die Stadt Selenogradsk ist Verwaltungssitz der kommunalen Selbstverwaltungseinheit Stadtkreis Selenogradsk im Rajon Selenogradsk.

Geographische Lage

Der Badeort an der Ostseeküste liegt im Nordwesten der historischen Region Ostpreußen, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Primorsk (Fischhausen) und 28 Kilometer nördlich von Königsberg (Kaliningrad).

Geschichte

Datei:Elbing-Königsberg1910.jpg
Cranz (Kranz) nördlich von Königsberg auf dem Südausläufer der Kurischen Nehrung, auf einer Landkarte von 1910
Datei:Cranz 1900.jpg
Uferpromenade von Cranz in der Nähe des Ortszentrums um 1900 (links von der Bildmitte das Hotel Germanin).
Datei:Cranz Damenbad 1900.jpg
Damenbad von Cranz um 1900.
Datei:Kurisches Haff von Brüsterort bis Cranz.jpg
Küstenabschnitt am Kurischen Haff von Brüsterort (ganz links im Bild) bis Cranz (damals Kranz geschrieben, ganz rechts im Bild) auf einer Landkarte von 1910.

Ursprünglich war der Ort an der Küste (kurisch kranta, krant: Strand, Ufer altpreußisch/prußisch: krantas: Strand, Rand, Ufer, Küste; vgl. dänisch: skrænt) ein Fischerdorf. 1785 wurde Cranzkuhren als ein königliches Fischerdorf bezeichnet, das Sitz eines königlichen Forstamts ist, 41 Feuerstellen (Haushaltungen) aufweist, zum Hauptamt Grünau gehört und in Rudau eingepfarrt ist.<ref>Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I, Königsberg / Leipzig 1785, S. 31; Vorlage:Archive.org.</ref>

Das Seebad Cranz wurde 1816 auf Betreiben des Königsberger Arztes Friedrich Christian Kessel (1765–1844) gegründet. Zu den beiden Badebuden kam 1817 ein Warmbad. Der Badeort war bereits um 1830 stark besucht.<ref name="LK" /> Der 1836 gegründete Kesselsche Verschönerungsverein schuf Gartenanlagen und stellte bis Anfang des 20. Jahrhunderts Ruhebänke auf.<ref>Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002, ISBN 3-88189-441-1</ref> Im Jahr 1858 hatte die Gemarkung des Dorfs einen Flächeninhalt von 712 Morgen.<ref name="AS" />

Während die übrigen nördlichen samländischen Seebäder hohe Steilufer aufweisen, breitet sich Cranz auf niedrigen Uferhügeln aus, die im Nordosten von einem etwa 1000 Hektar großen, mit Laubbäumen untermischten Kiefernwald bedeckt sind. Unmittelbar am Strand zog sich eine 1.400 Meter lange Uferpromenade entlang. Diese bestand über eine Länge von 900 Metern und eine durchgängige Breite von fünf Metern aus Holzbohlen, die auf eingemauerten Pfählen ruhten. Auf der Promenade befanden sich Ruhebänke, und von ihr aus führten Treppen hinab zum breiten Badestrand. Etwa von halber Länge aus führte die Promenade in westlicher Richtung zum Herrenbad und in östlicher Richtung zum Damenbad. Laufbrücken führten innerhalb des Badegeländes weit in die See hinaus. Bei Sonnenuntergang war die Promenade Sammelpunkt der Badegäste. Bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts war sie abends elektrisch beleuchtet und daher in ihrer Art unter den deutschen Ostseebädern einzigartig. Während der Kaiserzeit entwickelte sich Cranz zum bedeutendsten Badeort der ostpreußischen Küste. Im Jahr 1908 wurden hier 13.277 Besucher registriert, meist Ost- und Westpreußen sowie Schlesier, aber auch viele Polen und Russen (meist jüdischer Herkunft).<ref name="MR">Meyers Reisebücher – Ostseebäder und Städte der Ostseeküste. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig / Wien 1910, S. 202–205.</ref>

Datei:Kranz3.jpg
Lageplan von Cranz um 1910.

Nach dem Bau der Königsberg-Cranzer Eisenbahn war Cranz ab 31. Dezember 1885 von Königsberg aus bequem zu erreichen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Cranz eine evangelische Kirche, eine Synagoge, ein Elektrizitätswerk,<ref name="MKL" /> eine Düneninspektion und eine Rettungsstation.<ref name="BKL" /> Neben dem Bade-Tourismus blieb die Fischerei ein bedeutender Erwerbszweig. Die Cranzer Räucherflundern galten als besondere Delikatesse.

Obwohl Cranz zu Beginn des Zweiten Weltkriegs fast 6000 Einwohner hatte, bekam der Ort keine Stadtrechte. Cranz gehörte bis Kriegsende 1945 zum Landkreis Samland im Regierungsbezirk Königsberg der Provinz Ostpreußen des Deutschen Reichs. Die Ortschaft erlitt während des Kriegs nur geringfügige Zerstörungen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs flüchteten viele deutsche Einwohner am Anfang des Jahres 1945. Nach Ende der Kampfhandlungen wurde die Region zusammen mit der ganzen nördlichen Hälfte Ostpreußens von der Sowjetunion unter eigene Verwaltung genommen. Cranz litt trotz der wiedererlangten Bedeutung als Badeort durch fortschreitende Vernachlässigung und verlor seine Vorrangstellung an Swetlogorsk (Rauschen).

Am 17. Juni 1947 wurde für Cranz die Ortsbezeichnung Selenogradsk („Grünstadt“) eingeführt und der Ort bekam dabei die Stadtrechte.<ref>Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 17 июня 1947 г. «Об образовании сельских Советов, городов и рабочих поселков в Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 17. Juni 1947: Über die Bildung von Dorfsowjets, Städten und Arbeitersiedlungen in der Oblast Kaliningrad)</ref><ref>Zunächst gab es Vorstellungen, den Ort nach dem russischen Admiral Pawel Stepanowitsch Nachimow in Nachimowsk umzubenennen. Einige Dokumente aus dieser Zeit sind mit dieser Ortsbezeichnung versehen. Bei dem schließlich gewählten Selenogradsk soll es sich um eine Verwechslung mit der für den Ort Rauschen gewählten Ortsbezeichnung Swetlogorsk handeln.</ref> Am 25. Juli 1947 wurde Selenogradsk zum Sitz des Rajon Primorsk (heute Rajon Selenogradsk) bestimmt,<ref>Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 25 июля 1947 г. «Об административно-территориальном устройстве Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 25. Juli 1947: Über den administrativ-territorialen Aufbau der Oblast Kaliningrad)</ref> nachdem es diese Rolle faktisch schon seit 1946 innehatte. Von 1963 bis 1965 war die Stadt rajonfrei und ist seither Zentrum des Rajon Selenogradsk. Die Region war bis zum Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 Teil der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und gehört seitdem zur Russischen Föderation.

Im Jahr 1999 erhielt Selenogradsk des Status eines Kurorts.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

2002 wurden die Orte Klinzowka (Wickiau), Malinowka (Wargenau), Priboi (Rosehnen), Sosnowka (Bledau) und Wischnjowoje (Wosegau) in die Stadt Selenogradsk eingemeindet.<ref>Durch die Решение Зеленоградского районного Совета депутатов от 17 июня 2002 г. № 177 «Об утверждении административных границ сельских и поселковых округов, входящих в состав муниципального образования "Зеленоградский район" Калининградской области» (Entscheidung des Abgeordnetenrats des Rajons Selenogradsk vom 17. Juni 2002, Nr. 177: Über die Festlegung der administrativen Grenzen der Dorf- und Siedlungsbezirke im Bestand der munizipalen Bildung "Rajon Selenogradsk" der Oblast Kaliningrad)</ref>

Seit 2005 gibt es eine Partnerschaft mit der Stadt Ostseebad Kühlungsborn in Mecklenburg-Vorpommern.

Forscher vermuten etwa drei Kilometer südlich der Stadt den Handelsplatz aus der Zeit der Wikinger Wiskiauten, heute Mochowoje.<ref>Vorlage:Webarchiv</ref>

Demographie

Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr Einwohner Anmerkungen
1816 Vorlage:0268 <ref name="AAM">Alexander August Mützell, Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 3: Kr–O. Halle 1822, S. 5, Ziffer 4853; Vorlage:Archive.org.</ref>
1831 Vorlage:0314 <ref name="LK">Leopold Krug: Die Preussische Monarchie; topographisch, statistisch und wirthschaftlich dargestellt. Nach amtlichen Quellen. Teil I: Provinz Preussen. Berlin 1833, S. 154, Ziffer 178; Vorlage:Archive.org.</ref>
1840 Vorlage:0402 in 86 Wohnhäusern<ref>Karl Emil Gebauer: Kunde des Samlandes oder Geschichte und topographisch-statistisches Bild der ostpreußischen Landschaft Samland. Königsberg 1844, S. 121, Ziffer 10.</ref>
1858 Vorlage:0782 davon 780 Evangelische und zwei Katholiken<ref name="AS">Adolf Schlott: Topographisch-statistische Uebersicht des Regierungs-Bezirks Königsberg, nach amtlichen Quellen. Hartung, Königsberg 1861, S 63-76.</ref>
1864 Vorlage:0925 am 3. Dezember<ref>Die Ergebnisse der Grund- und Gebäudesteuerveranlagung im Regierungsbezirk Königsberg. Preußisches Finanzministerium, Berlin 1966, Kreis Fischhausen, S. 2, Ziffer 43.</ref>
1900 2093 <ref name="MKL">Vorlage:Meyers-1905</ref>
1905 2598 <ref name="BKL">Vorlage:Brockhaus-1911</ref>
1910 2570 Gemeinde, am 1. Dezember<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>
1933 4667 <ref name="VwG">Vorlage:Verwaltungsgeschichte.de</ref>
1939 5089 <ref name="VwG" />
Bevölkerungsentwicklung seit 1946
Jahr 1959 1970 1979 1989 2002 2010 2021
Anzahl Einwohner 6866 9172 9781 10.786 12.509 13.026 16.625
Anmerkung: Volkszählungsdaten

Tourismus

Datei:Zelenogradsk 2388.JPG
Badestrand (2012)

Selenogradsk hat vor allem Bedeutung für den Wochenendtourismus von Kaliningrad aus. Hier befinden sich viele Ferienlager für russische Jugendorganisationen. Deutsche und andere Ausländer sind sehr selten. In den 2000er Jahren begann eine rege Bautätigkeit. Es entstehen weiterhin viele Privathäuser für reiche Moskauer und Tourismuseinrichtungen. Die lange Seepromenade lädt zum Spazieren ein. Die Restaurants sind modern und auf westlichem Standard. Eine Seebrücke ergänzt die Promenade. WLAN ist kostenlos und direkt zugänglich. Die Stadt mit ihren Straßen ist ausgesprochen sauber. Die Badesandstrände liegen östlich und westlich der gepflasterten Promenade der Innenstadt.

Der 1905 errichtete Wasserturm Selenogradsk dient heute u. a. als Ausstellungsgebäude.

Verkehr

Straßen

Der Ort ist durch die Fernstraße A 191 (ehemalige deutsche Reichsstraße 128) mit Kaliningrad (Königsberg) und dem südlichen Samland verbunden. Aus Gründen der Überbelastung dieser wichtigen Verbindung zum Ostseebad wurde im Jahre 2009 eine zeitgemäße und schnellere Verbindung dem Verkehr übergeben: der Primorskoje Kolzo (Küstenring), der einmal alle Bäder- und Hafenstädte an der Ostsee verbinden soll. Über diese Autobahn A 217 besteht von Selenogradsk auch schnellerer Anschluss an den Flughafen Kaliningrad bei Chrabrowo (Powunden), sowie nach Westen (Stand 2017) bis zum Badeort Rauschen (Swetlogorsk).

Von Selenogradsk aus führt außerdem die Fernstraße R 515 in nördliche Richtung und durchzieht die Kurische Nehrung im russischen Teil zur Weiterfahrt auf der KK 167 im litauischen Teil bis nach Klaipėda (Memel).

Es besteht eine tägliche Busverbindung (von Kaliningrad) über die Kurische Nehrung und Nidden/Nida nach Memel und zurück.

Schienen

Datei:ZelenogradskCranz 05-2017 railway station.jpg
Bahnhofsgebäude (2017)

Über die Bahnstrecke Kaliningrad–Selenogradsk–Primorsk (Königsberg–Neukuhren) ist Selenogradsk auf dem Schienenwege mit der Oblasthauptstadt als Bahnknotenpunkt verbunden. Eine ausreichende Anzahl von Vorortzügen verkehrt vom Süd- über den Nordbahnhof direkt nach Selenogradsk.

Religionen

Datei:Zelenogradsk 2393.JPG
Verklärungskathedrale, vorher Adalbertkirche
Datei:Zelenogradsk 2415.JPG
Andreaskirche, vorher Andreaskapelle

In Selenogradsk gibt es folgende Gemeinden:<ref>Cranzer Stadtbild und einzelne Gebäude ostpreussen.net, mit kurzen Angaben</ref><ref>Sakralbauten im Stadtkreis Selenogradsk Prussia 39, mit aktuellen Angaben (Nr. 5, 6, 2, russisch)</ref>

Weitere Sakralbauten waren:

  • ehemalige Baptistenkapelle, ul. Moskowskaja 7, 1934 erbaut, heute Kinderbibliothek
  • ehemalige Synagoge, 1911 erbaut am Kurhaus, nach 1990 abgetragen, Eingangsportal erhalten (?)<ref>Cranz (Samland) Jüdische Gemeinden</ref>

Persönlichkeiten

Söhne und Töchter des Ortes

Mit dem Ort verbunden

In der Belletristik

  • Patrick White, Nobelpreisträger für Literatur 1973, besuchte Cranz Anfang der 1930er Jahre.<ref name="White">Patrick White: Flaws in the Glass, A self-portrait. London 1981, ISBN 0-14-006293-9, S. 41.</ref>

Vorlage:Zitat

Literatur

  • Kranz (Cranz) Ostpr., Dorf und Ostseebad, Landkreis Fischhausen, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Kranz (meyersgaz.org).
  • Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes. Königsberg 1898, S. 32–33 (Google Books).
  • Leopold Krug: Die Preussische Monarchie; topographisch, statistisch und wirthschaftlich dargestellt. Nach amtlichen Quellen. Teil I: Provinz Preussen. Berlin 1833, S. 154, Ziffer 178.
  • August Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Ein Handbuch für die Volksschullehrer der Provinz Preußen, so wie für alle Freunde des Vaterlandes. Gebrüder Bornträger, Königsberg 1835 (S. 489–490.)
  • Thomas: Das königliche Ostseebad Kranz. 2. Auflage. Königsberg 1884.

Weblinks

Vorlage:Commonscat

Einzelnachweise

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