Sommer-Drehwurz
<templatestyles src="Vorlage:Taxobox/styles.css" />
| Sommer-Drehwurz | ||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Datei:Spiranthes aestivalis PID1905-1.jpg
Sommer-Drehwurz (Spiranthes aestivalis) mit Kopfried (Schoenus) | ||||||||||||
| Systematik | ||||||||||||
| ||||||||||||
| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Spiranthes aestivalis | ||||||||||||
| (Poir.) Rich. |
Die Sommer-Drehwurz (Spiranthes aestivalis), auch Sommer-Wendelorchis<ref name="FloraWeb" /> oder Sommerwendelähre genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Drehwurzen (Spiranthes) innerhalb der Familie der Orchideengewächse (Orchidaceae). Sie ist in Deutschland eine der seltensten heimischen Orchideenarten.
Der Sommer-Drehwurz wurde zur Orchidee des Jahres 2016 gewählt.<ref name="Thüringer Allgemeine - Orchidee des Jahres 2016" />
Beschreibung
Vegetative Merkmale
Die Sommer-Drehwurz wächst als zierliche, sommergrüne, ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 10 bis 35 Zentimetern.<ref name="FloraWeb" /> Dieser Geophyt bildet zwei bis sechs rübenförmige Speicherwurzeln, die eine Länge von 5 bis 8 Zentimetern entwickeln. Drei bis sechs Laubblätter stehen in einer grundständigen Rosette zusammen. Die hellgrüne, einfache Blattspreite der aufrechten Grundblätter ist bei einer Länge von 5 bis 14 Zentimetern sowie einer Breite von 0,6 bis 1,2 Zentimetern linealisch-lanzettlich und rinnig.
Generative Merkmale
Die Blütezeit reicht von Anfang Juli bis Ende August, wobei sich die Hauptblütezeit von Ende Juli bis Anfang August erstreckt. Der 3 bis 10 Zentimeter lange und korkenzieherartig gedrehte, ährige Blütenstand<ref name="FloraWeb" /> enthält locker angeordnet 6 bis 20 Blüten. Die weißen, zwittrigen Blüten sind zygomorph, dreizählig und schmal glockig bis röhrig. Die Lippe ist vorne rund und innen weiß.<ref name="FloraWeb" />
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 30.<ref name="IPCN" />
Ökologie
Bei der Sommer-Drehwurz handelt es sich um einen Geophyten.<ref name="FloraWeb" /> Durch die Ausbildung von Bulbillen an den Niederblättern kann es zu büschelartigem Wachstum kommen.<ref name="BaumannKünkele1998" />
Die Rate des Fruchtansatzes der unteren und mittleren Blüten ist fast komplett, da die endständigen Blüten meist verkümmern. Die Sommer-Drehwurz gilt als allogam. Dafür sprechen insbesondere die waagrechte Blütenröhre, der abendliche Duft der Blüten, die Nektarproduktion und der Bau der Säule. Als Bestäuber werden Hummeln und Bienen genannt. Mögliche Bestäuber sind auch Schwebfliegen und nachtaktive Insekten, beispielsweise Nachtfalter. Spezielle Untersuchungen dazu liegen jedoch nicht vor. Die Pollinien von jüngeren Blüten werden mit Hilfe einer Klebscheibe an den Rüssel der Bestäuber angeheftet und auf die Narbe einer anderen Blüte, deren Eingang zur Narbe durch Zurückbiegen des Säulchens erweitert wurde, übertragen.<ref name="BaumannKünkele1998" />
Vorkommen
Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über Mittel- und Westeuropa. Im Norden gibt es Vorkommen in den Niederlanden und in Südengland. Die südlichsten Vorkommen reichen bis nach Marokko, Algerien und Tunesien. Die Sommer-Drehwurz hat ihren Verbreitungsschwerpunkt im Mittelmeerraum. In Europa kommt sie vor in den Ländern Portugal, Spanien, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Italien, Österreich, in der früheren Tschechoslowakei, im früheren Jugoslawien, in Griechenland<ref name="Euro+Med" /> und in Ungarn. In Belgien, den Niederlanden und in Großbritannien ist sie ausgestorben.<ref name="POWO" /> In Mitteleuropa erreicht sie die Nordgrenze ihres Areals. Sie fehlt nördlich der Linie Baden-Baden-Passau sowie im eigentlichen Alpengebiet. Sie steigt selten über Höhenlagen von 1000 Meter auf.<ref name="Aichele2000" /> Nach Baumann und Künkele hat diese Art in den Alpenländern folgende Höhengrenzen: Deutschland 90 bis 1000 Meter, Frankreich 0 bis 1800 Meter, Schweiz 300 bis 1500 Meter, Liechtenstein 430 bis 490 Meter, Österreich 500 bis 1300 Meter, Italien 12 bis 1300 Meter, Slowenien 70 bis 500 Meter.<ref name="BaumannKünkele1998" /> In Europa liegen die Grenzen in Höhenlagen von 0 bis 1800 Metern.<ref name="BaumannKünkele1998" />
Die Sommer-Drehwurz gedeiht am besten auf nassen, jedoch kalkhaltigen oder kalkreichen Böden, die schlammig-humos sein sollten.<ref name="Aichele2000" />
Sie besiedelt Flachmoore und Ufer in Gegenden mit warmem Klima. Sie erträgt schon mäßig hohe Konzentrationen an Stickstoffsalzen nicht und reagiert daher empfindlich auf Düngung.<ref name="Aichele2000" /> Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden ihre Standorte in Mitteleuropa immer seltener, weil sie durch „Melioration“ vernichtet wurden. Heute ist die Sommer-Drehwurz in Mitteleuropa stark gefährdet.<ref name="Aichele2000" /> Die Sommer-Drehwurz wächst in nährstoffarmen Niedermooren und Zwischenmooren, bevorzugt auf nassem, kalkhaltigem Sumpfhumus oder Kalktuff in Pflanzengesellschaften der Kleinseggenmoore (Ordnung: Caricetalia davallianae) bis zu einer Höhenlage von 1800 Metern. Typische Begleitpflanzen sind das Rostrote Kopfried (Schoenus ferrugineus) und das Schwarze Kopfried (Schoenus nigricans). Sie ist eine Charakterart des Schoenetum nigricantis.<ref name="Oberdorfer2001" />
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 4w+ (sehr feucht aber stark wechselnd), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), Nährstoffzahl N = 1 (sehr nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 2 (subozeanisch).<ref name="InfoFlora" />
Naturschutz und Gefährdung
Wie alle in Europa vorkommenden Orchideenarten steht auch die Sommer-Drehwurz unter strengstem Schutz europäischer und nationaler Gesetze. Spiranthes aestivalis ist in Deutschland durch die BArtSchV und durch die FFH-Richtlinie Anhang IV der Europäischen Union „streng geschützt“.<ref name="Schmeil-Fitschen2024" /><ref name="BaumannKünkele1998" />
In Deutschland gibt es außerhalb Bayerns nur noch wenige Vorkommen in Baden-Württemberg.
Spiranthes aestivalis ist akut vom Aussterben bedroht. Die Gefährdungsursachen sind vor allem im Verlust ihrer Lebensräume durch die Kultivierung von Mooren und im Brachfallen von Frisch- und Feuchtwiesen zu suchen.
Taxonomie
Die Erstbeschreibung erfolgte 1798 unter dem Namen (Basionym) Ophrys aestivalis durch Jean Louis Marie Poiret in Lamarck: Encyclopédie Méthodique. Botanique ... Band 4, S. 567. Die Neukombination zu Spiranthes aestivalis <templatestyles src="Person/styles.css" />(Poir.) Rich. wurde 1817 durch Louis Claude Marie Richard in De Orchideis Europaeis Annotationes S. 36 veröffentlicht.<ref name="Euro+Med" />
Bildergalerie
-
Biotop in den
Berchtesgadener Alpen -
Einzelpflanze in Zentral-Slowenien
-
Biotop in Zentral-Slowenien
-
Im Moorbiotop am Chiemsee
Quellen und weiterführende Informationen
Literatur
- Standardliteratur über Orchideen
- AHO (Hrsg.): Die Orchideen Deutschlands. Verlag AHO Thüringen Uhlstädt - Kirchhasel, 2005, ISBN 3-00-014853-1.
- Helmut Baumann, Siegfried Künkele, R. Lorenz: Die Orchideen Europas. Ulmer Verlag, 2006, ISBN 978-3-8001-4162-3.
- Karl-Peter Buttler: Orchideen, die wildwachsenden Arten und Unterarten Europas, Vorderasiens und Nordafrikas. Mosaik Verlag 1986, ISBN 3-570-04403-3.
Einzelnachweise
<references> <ref name="FloraWeb"> Spiranthes aestivalis (Poir.) Rich., Sommer-Wendelorchis. auf FloraWeb.deVorlage:Abrufdatum </ref> <ref name="InfoFlora"> Spiranthes aestivalis (Poir.) Rich. In: Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora. Abgerufen am Vorlage:FormatDateSimple. </ref> <ref name="IPCN"> Spiranthes aestivalis bei Tropicos.org. In: IPCN Chromosome Reports. Missouri Botanical Garden, St. LouisVorlage:Abrufdatum </ref> <ref name="Oberdorfer2001"> </ref> <ref name="Aichele2000"> </ref> <ref name="Thüringer Allgemeine - Orchidee des Jahres 2016"> <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Archivierte Kopie ( des Vorlage:IconExternal vom 4. Juli 2018 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. </ref> <ref name="BaumannKünkele1998">Helmut Baumann, Siegfried Künkele: Orchidaceae. In: Oskar Sebald et al.: Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. 1. Auflage Band 8, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 1998. ISBN 3-8001-3359-8. S. 331–333. </ref> <ref name="Schmeil-Fitschen2024"> Gerald Parolly: Spiranthes. In: Schmeil-Fitschen: Die Flora Deutschlands und angrenzender Länder. 98. Auflage. Verlag Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2024, ISBN 978-3-494-01943-7. S. 198. </ref> <ref name="Euro+Med"> World Checklist of Selected Plant Families 2010, The Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew. In: Datenblatt Spiranthes aestivalis In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. </ref> <ref name="POWO">Datenblatt Spiranthes aestivalis bei POWO = Plants of the World Online von Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew: Kew Science.</ref> </references>
Weblinks
- Sommer-Drehwurz. In: BiolFlor, der Datenbank biologisch-ökologischer Merkmale der Flora von Deutschland.
- Vorlage:BIB
- Thomas Meyer: Datenblatt mit Bestimmungsschlüssel und Fotos bei Flora-de: Flora von Deutschland (alter Name der Webseite: Blumen in Schwaben).
Verbreitungskarten
- Verbreitungskarte für Deutschland. In: Floraweb.
- Deutschland (AHO).
- Schweiz (AGEO).
- otz.de.
Regionale Links
- Orchideen Bayerns. In: aho-bayern.de. Abgerufen am 6. November 2019.
- Sommer-Drehwurz in Slowenien.
- AGEO Schweiz: Spiranthes aestivalis.
siehe auch:
Breitblättriges Knabenkraut (1989) | Pyramiden-Hundswurz (1990) | Kleines Knabenkraut (1991) | Großes Zweiblatt (1992) | Helm-Knabenkraut (1993) | Sumpf-Glanzkraut (1994) | Bienen-Ragwurz (1995) | Gelber Frauenschuh (1996) | Wanzen-Knabenkraut (1997) | Sumpf-Stendelwurz (1998) | Bocks-Riemenzunge (1999) | Rotes Waldvöglein (2000) | Herbst-Drehwurz (2001) | Vogel-Nestwurz (2002) | Fliegen-Ragwurz (2003) | Grüne Hohlzunge (2004) | Brand-Knabenkraut (2005) | Breitblättrige Stendelwurz (2006) | Gewöhnliches Kohlröschen (2007) | Übersehenes Knabenkraut (2008) | Männliches Knabenkraut (2009) | Gelber Frauenschuh (2010) | Zweiblättrige Waldhyazinthe (2011) | Bleiches Knabenkraut (2012) | Purpur-Knabenkraut (2013) | Blattloser Widerbart (2014) | Fleischfarbenes Knabenkraut (2015) | Sommer-Drehwurz (2016) | Weißes Waldvöglein (2017) | Torfmoos-Knabenkraut (2018) | Dreizähniges Knabenkraut (2019) | Breitblättriges Knabenkraut (2020) | Kriechendes Netzblatt (2021) | Braunrote Stendelwurz (2022) | Kleines Zweiblatt (2023) | Mücken-Händelwurz (2024) | Grünliche Waldhyazinthe (2025)