Spannschieber
Der Spannschieber (auch Spannhebel, Spanngriff, Ladehebel) ist ein Bedienelement einer automatischen Schusswaffe, mit dem die Waffe in einen schussbereiten Zustand versetzt wird. Man spricht vom Durchladen der Waffe.<ref>„durchladen“, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 8. Oktober 2020</ref>
Einen Spannschieber gibt es vornehmlich an Selbstladegewehren, Maschinengewehren und Maschinenpistolen. Bei diesen Waffentypen befindet sich der Verschluss in einem Gehäuse und braucht daher ein äußerliches Bedienelement. Selbstladepistolen haben in der Regel keinen Spannschieber; das Durchladen geschieht durch Zurückziehen des auf dem Pistolenrahmen angebrachten Schlittens, welcher auch den Verschlusskopf beinhaltet.
Funktion
Mit dem Spannschieber wird der Verschluss vom Schützen nach hinten gezogen, dabei wird auch der Zündmechanismus gespannt. Bei aufschießenden Waffen wird zudem im Vorlauf des Verschlusses die erste Patrone aus dem Magazin bzw. Munitionsgurt dem Patronenlager zugeführt. Nach dem Durchladen ist die Waffe schussbereit. Weitere Patronen lädt die Waffe nach jedem Schuss selbst nach.<ref>Günter Hoffmann: Soldatenhandbuch, Ausgabe 12, Wehr und Wissen Verlagsgesellschaft, 1962, Seiten, 89, 103, 106</ref>
Der Spannschieber wird auch dazu verwendet, den Verschluss bei Störungen (Versager und Ladehemmungen) zu öffnen, um diese zu beseitigen. Durch das manuelle Öffnen des Verschlusses sollen die fehlerhafte bzw. verklemmte Patrone bzw. Hülse ausgeworfen werden. Manche Bauarten des Spannschiebers ermöglichen zusätzlich, den Verschluss manuell zu schließen (Schließhilfe), wenn die Kraft der Schließfeder dafür nicht ausreichen sollte. Dieses Vorgehen ist umstritten; stattdessen wird empfohlen, nach dem Grund des Problems zu suchen, anstatt den Verschluss mit erhöhter Kraft zu schließen.<ref>Tiger McKee: How To: Addressing Common AR-15 Malfunctions, 16. Februar 2017, auf: „gundigest.com“</ref>
Bei dem L85A2 dient der Griff des Spannschiebers gleichzeitig als Hülsenabweiser.<ref>British Enfield SA80 Part 5: SA80 A1 vs A2, Mai 2017, auf: „armamentresearch.com“</ref>
Varianten
Grundsätzlich unterscheiden sich die Spannschieber in ihrer Position an der Waffe, ob sie sich mit dem Verschluss beim Repetiervorgang bewegen, ob sie als Schließhilfe dienen können sowie in der Art des Griffes.
Position
Bei den frühen Selbstladegewehren des 20. Jahrhunderts übernahm man die Position des Kammerstängels der Repetiergewehre, rechts seitlich am Verschluss, für den Spannschieber. Später kamen vor dem Verschluss, seitlich (z. B. HK G3) und hinter dem Verschluss angebrachte Griffe (z. B. M16) auf.<ref name="Adelmann" /> Bei Waffen mit einem großen Tragebügel ist die von diesem Bügel geschützte Gehäuseoberseite eine gängige Position des Spannschiebers (z. B. FAMAS, HS Produkt VHS oder Norinco Typ 86<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> oder G36.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>).
Wenn der Spannschieber auf der Gehäuseoberseite angebracht ist, kann dieser wahlweise sowohl mit der linken wie mit der rechten Hand bedient werden.<ref>Chris McNab: The World’s Greatest Small Arms, Verlag Amber Books Ltd, 2015, ISBN 978-1-78274-274-6, S. 313 [1]</ref> Beim IMI Galil befindet sich der Spannschieber zwar seitlich, ist aber L-förmig so nach oben gezogen, dass er auch von der anderen Seite bedient werden kann.<ref>5,56mm, Auszug aus: Semi-Auto Rifles, National Rifle Association, December 1988, ISBN 978-0-935998-54-2</ref> Ansonsten kann bei manchen Waffen, z. B. HK433, der Spannschieber an beiden Seiten der Waffe montiert werden, um so die Bedienung für Recht- und Linkshänder anzupassen.<ref>Eric Graves: Enforce Tac 19 – HK 433 Ver 5, 7. März 2019, auf: „soldiersystems.net“</ref>
Auch bei manchen Maschinengewehre besteht die Möglichkeit, die Munitionszufuhr und Spannschieber auf beidseitige Nutzung umzustellen. Damit wird die Verwendung einer Zwillingslafette möglich.<ref>Gordon L. Rottman: Browning .50-caliber Machine Guns, Osprey Publishing, Oktober 2010, ISBN 978-1-84908-330-0, S. 74</ref>
Egal wo sich der Spannschieber befindet, für den Schützen ist es vor allem wichtig, dass dieser gut erreichbar ist.<ref name="Adelmann" />
Bewegte bzw. ruhende Spannschieber
Bei frühen Selbstladegewehren war der Spannschieber entweder direkt am Verschlusskörper bzw. Verschlussträger oder an einem Übertragungsglied (z. B. Gaskolben) angebracht. Bei dieser Bauweise bewegt sich der Spannschieber beim automatischen Repetieren zusammen mit dem Verschluss hin und her. Beispiele für diese Bauweise sind das M1 Garand, das Gewehr 43 oder das Simonow AWS-36.
Später entwickelte Sturmgewehre haben häufig einen Spannschieber, der bei der Repetierbewegung nicht mit dem Verschluss mitgeht. Nach der manuellen Ladebewegung wird er durch eine Feder wieder in die vordere Stellung gebracht. Beispiele für solche Gewehre sind das HK G3, das Stgw 57 und das M16. Aber auch manche moderne Sturmgewehre, wie z. B. das Beretta ARX-160, haben einen sich mit dem Verschluss bewegenden Spannschieber.
Beide Bauarten habe ihre Vor- und Nachteile. Ein sich mit dem Verschluss bewegender Spannschieber kann an Hindernissen wie Türrahmen, persönlicher Ausrüstung etc. hängenbleiben und so den Nachladevorgang stören. In seltenen Fällen kann es zu Verletzungen an der Hand des Schützen kommen. Auch ein sich nicht bewegender Spannschieber kann durchaus an einem Hindernis hängenbleiben und den Verschluss blockieren, aber das Risiko ist deutlich geringer.
Als Nachteil der sich nicht bewegenden Spannschieber ist die aufwändigere Konstruktion zu sehen. Insbesondere die an einem Griff hinter dem Verschluss herausgezogenen Spannschieber können durch die Hebelwirkung leichter gebogen und verdreht werden und so die Waffenfunktion negativ beeinträchtigen. Am robustesten gelten mit dem Verschluss gehende Spannschieber.<ref name="Adelmann">Steve Adelmann: Charging-Handle Placement: Does It Matter? 4. September 2019, in: shootingillustrated.com</ref>
Schließhilfe
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Ein sich mit dem Verschluss bewegender Spannschieber hat den Vorteil, dass der Schütze mit dessen Hilfe volle Kontrolle über der Verschluss hat und diesen auch zwangsweise schließen kann. Bei nicht mit dem Verschluss mitgehenden Spannschiebern ist dies nicht möglich. Bei manchen Modellen kann deshalb der Handgriff durch Drehen oder anderweitig fest mit dem Verschluss verbunden werden. Bei anderen Waffen (z. B. M16-Familie) gibt es mit der separaten Schließhilfe (Bolt Forward Assist) ein zusätzliches Bedienelement. Die Funktion einer Schließhilfe bei sich nicht mit dem Verschluss bewegenden Spannschieber erkauft man sich durch einen komplexeren Aufbau der Waffe.<ref name="Adelmann" />
Griffe
Die Griffe des Spannschiebers bei Handwaffen werden in der Regel mit zwei Fingern bedient.<ref>Ron Danielowski, Mike Smock: Rifle Techniques, Lulu.com, 2016, ISBN 978-1-365-20551-4, S. 92 [2]</ref> Größere Griffe sind einfacher zu erfassen und zu bedienen, können aber an Hindernissen hängen bleiben. Deswegen sind manche Griffe so konstruiert, dass sie handlich bemessen sind aber mit Federkraft nach vorne klappen um nicht störend abzustehen, so z. B. HK G3. Auf der anderen Seite sind nicht klappbare Griffe robuster.<ref name="Adelmann" />
Bei Maschinengewehren ist der Verschluss schwergängiger, deshalb sind die Griffe des Spannschiebers größer und werden in der Regel mit der ganzen Hand umfasst.<ref>Gerald Prenderghast: Repeating and Multi-Fire Weapons: A History from the Zhuge Crossbow Through the AK-47, Verlag McFarland, 2018, ISBN 978-1-4766-3110-3, S. 364 [3]</ref> Hier sind vertikale Stangen oder horizontale T-Griffe gebräuchlich.
Galerie
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Galil mit vertikalem Spannschieber für beidhändige Bedienung
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T-förmiger Spannschieber an einem Colt AR-15 Sporter Lightweight, rechts darunter die Schließhilfe
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Schütze betätigt Spannschieber eines M27
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AK4: Abklappbarer Ladehebel vorne seitlich über dem Handschutz
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G36 mit seitwärts schwenkbarem Ladehebel
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Spannschieber des L85A2 dient gleichzeitig als Hülsenabweiser
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MG-74 mit einem horizontalen T-Griff
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Spannkurbel einer M3
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Spannkurbel einer Lahti L-39
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NSW mit T-Griff am Seilzug
Sonstiges
Spannschieber sind auch als Bauteil von Werkzeugen in der Metallbearbeitung bekannt.<ref>Stefan Hesse, Heinrich Krahn, Dieter Eh: Betriebsmittel Vorrichtung: Grundlagen und kommentierte Beispiele, Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2012, ISBN 978-3-446-43138-6, Seiten, 68, 299</ref>
Einzelnachweise
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