Spitzfuß
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Ein Spitzfuß (lateinisch Pes equinus: pes = Fuß; equus = Pferd; auch: Hängefuß oder Pferdefuß) ist eine Fehlbildung des Fußes, die durch einen Hochstand der Ferse gekennzeichnet ist. Der Fuß ist in Beugung (Plantarflexion) im oberen Sprunggelenk fixiert; das nennt man Plantarflexionsstellung.<ref>Renate Jäckle: Hexal Lexikon Orthopädie und Rheumatologie. Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1992, ISBN 3-541-16421-2, S. 296 f.</ref> Der alternative Name „Pferdefuß“ (Pes equinus) stammt daher, dass die Fersen beim Gehen nicht auf den Boden aufgesetzt werden können. Es können nur ein Fuß oder auch beide Füße betroffen sein.
Begriffe
Die Spitzfußstellung entspricht im Wesentlichen der Bewegung des Fußes beim „Gasgeben“ während des Autofahrens. Die „Fußspitze zeigt nach unten.“<ref>Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 269. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 1345.</ref>
Obwohl diese Bewegungsrichtung aufgrund der rechtwinkligen Position des Fußes zum Unterschenkel mehr eine Streckung zu sein scheint, werden die Begriffe Extension und Flexion am Fuß entsprechend den am Handgelenk definierten Richtungen verwendet, die wiederum den Bewegungen der Finger nachempfunden sind (Extension = Streckung: Bewegung der Finger oder der Hand in Richtung Handrücken; Flexion = Beugung: Bewegung in Richtung der Handfläche). Um Missverständnisse zu vermeiden, wird daher bei der Flexion des Fußes üblicherweise noch der Wortteil „Plantar“- (zur Fußsohle hin; also Plantarflexion) vorangestellt, bei Extension der Wortteil „Dorsal-“ (zum Fußrücken hin; also Dorsalextension).
Insbesondere bei den Bewegungen des oberen Sprunggelenks wird die Extension oft als „Beugung“ oder „Abknicken“ bezeichnet, weil die „Streckung“ mit dem „Ausstrecken“ des Beines assoziiert wird, was jedoch nicht der anatomisch korrekten Benennung entspricht.
Der Hängefuß ist ein in Spitzfußstellung schlaff herabhängender Fuß bei einer Peronäuslähmung. Bei gleichzeitiger Schädigung der Hüftmuskeln und der Oberschenkelmuskulatur wird eine hochgradige Form des Hängefußes als Dreschflegelfuß bezeichnet.<ref>Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. H 37.</ref>
Ursachen
Der Spitzfuß entsteht aufgrund einer Vielzahl von Ursachen und kann angeboren (zum Beispiel bei intrauteriner Zwangshaltung) oder erworben sein. Die Achillessehne kann sich dabei dauerhaft verkürzen, woraufhin normales Gehen nicht mehr möglich ist. Die Betroffenen müssen dann „auf Zehenspitzen“ gehen.
Betroffen sind beispielsweise bettlägerige Menschen;<ref>Nicole Schaenzler, Gabi Hoffbauer: Wörterbuch der Medizin. Südwest-Verlag, Deutsches Rotes Kreuz, München 2001, ISBN 3-517-06318-5, S. 437.</ref> hier spricht man von der habituellen Spitzfußstellung (Gewohnheitskontraktur). Eine neurogene Spitzfußstellung kann zum Beispiel speziell Träger von Thomasschienen betreffen, in der Regel Kinder mit einem Morbus Perthes.<ref>Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 6. Ordner (S–Zz), München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. S 269 f.</ref>
Der Spitzfuß kann auch Teil einer Klumpfuß-Deformität sein. Der Spitzfuß ist auch eine der häufigsten Formen einer Kontraktur bei alten Menschen. Hier spricht man von einer kontrakten Spitzfußstellung;<ref>Frank Henry Netter: Farbatlanten der Medizin. Band 9: Bewegungsapparat III, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1997, ISBN 3-13-524801-1, S. 152.</ref> sie spielt in der Pflegeassistenz eine große Rolle. Beim so genannten spastischen Spitzfuß wird die Fehlstellung durch dauerhafte Tonuserhöhung (d. h. Verkrampfung / Muskelverspannung) der Wadenmuskulatur verursacht: Die u. a. für die Plantarflexion zuständigen Muskeln – Musculus gastrocnemius und Musculus soleus – fixieren den Fuß in der Spitzfußstellung. In diesem Fall liegt der Deformität also eine neurologische Erkrankung, die mit einer Spastik einhergeht (z. B. infantile Zerebralparese), zugrunde. Eine weitere neurologische Ursache kann eine schlaffe Lähmung der Extensorenmuskeln des Unterschenkels sein (Peroneuslähmung), die dann den Fuß beim Gehen nicht mehr heben können.
Die Diagnose erfolgt klinisch; eine wichtige Rolle spielt dabei das Gangbild des Patienten.
Beschwerdebild
Beim Gehen und „beim Laufen [kommt es zum] Steppergang; [denn] zur Vermeidung des Hängenbleibens mit der herabhängenden Fußspitze wird das [betroffene] Bein in der Schwungbeinphase unter vermehrter Anbeugung im Hüftgelenk und im Kniegelenk betont nach vorn geschwungen. Da beim Aufsetzen des Fußes zuerst die Fußspitze und dann die Hacke den Boden berühren, kann [ein] gedoppltes Schrittgeräusch auftreten.“<ref>Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 1888.</ref>
Behandlung
Eine Behandlung ist notwendig, um Folgeschäden des Skeletts zu vermeiden. Dazu stehen verschiedene konservative (Krankengymnastik, Orthesen, Botulinumtoxininjektionen in den Wadenmuskel) und operative Behandlungsmöglichkeiten (Verlängerung der Achillessehne oder des Wadenmuskels, Neurotomie des Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß<ref>Kevin Buffenoir, Thomas Roujeau, Françoise Lapierre, Philippe Menei, Dominique Menegalli-Boggelli, Patrick Mertens, Philippe Decq: Spastic equinus foot: multicenter study of the long-term results of tibial neurotomy. In: Neurosurgery, November 2004, Band 55, Nr. 5, S. 1130–1137; PMID 15509319, doi:10.1227/01.NEU.0000140840.59586.CF.</ref>) zur Verfügung.
Geschichte
Der Chirurg Wladimoroff (aus Pensa) hat 1871 erstmals eine Operation zur Erzielung eines ‚künstlichen Pes equinus‘ gemacht. Johann von Mikulicz erfand ebenso die ‚osteoplastische Resection am Fusse‘ zur Verlängerung eines zu kurzen Beines. Solche Operationen waren damals „indiciert bei einer Caries des Fusses, die auf Calcaneus, Talus und Fussgelenk beschränkt ist, bei ausgedehnten Substanzverlusten im Bereich der Fersenhaut, bei Verletzungen, namentlich Schussverletzungen, welche die Ferse und ihre Umgebung zerstören. … Das Bein bleibt dabei ebenso lang wie das gesunde oder wird 1 bis 2 Centimeter länger und stellt eine Art von lebendigem Stelzfuss dar.“<ref>Johann von Mikulicz: Im Archiv für klinische Chirurgie, Jahrgang XXVI, S. 220.</ref><ref>Ernst Julius Gurlt: Fussgelenk. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 2. Auflage. 7. Band, Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1886, S. 376–406, Zitat S. 406.</ref>
Ähnlich gab es früher die „Klumpfussmaschine nach Langaard etc.“ zum Beinlängenausgleich mittels einer „Regulirung durch eine Schraube ‚ohne Ende‘“.<ref>Julius Wolff: Extensorenverbände.In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 2. Auflage. 6. Band, Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1886, S. 677–700, Zitat S. 678.</ref>
Früher gab es die folgende Einteilung von Fußdeformitäten: „Der Fuss kann nach vier Richtungen aus seiner normalen Stellung abweichen und sich in einer fehlerhaften Stellung fixiren, nämlich:
- 1. Nach der Plantarseite: Pes equinus, Erhebung der Ferse mit Extensionsstellung des Fusses.
- 2. Nach der Dorsalseite: Pes calcaneus, Tiefstand des Fersenhöckers bei Erhebung des Fussrückens.
- 3. Nach der Aussenseite: Pes valgus, Auswärtsdrehung des Fusses.
- 4. Nach der Innenseite: Pes varus, Einwärtsdrehung des Fusses.“<ref>Eduard Sonnenburg: Klumpfuss. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 2. Auflage. 11. Band, Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1887, S. 66–81, Zitat S. 66.</ref>
Einzelnachweise
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