US F1 Team
Das US F1 Team war ein US-amerikanischer Motorsportrennstall mit Sitz in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina, der laut ursprünglicher Planung an der Formel-1-Weltmeisterschaft 2010 teilnehmen sollte, allerdings nie einen Rennwagen fertigstellte und noch vor Saisonbeginn in die Liquidation ging.
Hintergrund
Rennsport mit europäischer Prägung hatte in den Vereinigten Staaten traditionell einen schweren Stand. Spätestens mit dem Aufkommen der sich selbst als Automobil-Weltmeisterschaft bezeichnenden Formel 1 im Jahr 1950 wurden die deutlich gegensätzlichen Entwicklungsrichtungen auf den beiden Seiten des Atlantiks offensichtlich. Zwar wurde für das erste Jahrzehnt der das sehr prestigeträchtige Indianapolis 500 in den Rennkalender aufgenommen, allerdings kam es kaum zu gemischten Fahrerfeldern, da die US-Rennfahrer mit wenigen Ausnahmen an keinen europäischen Grands Prix teilnahmen und umgekehrt nur vereinzelt Europäer in Indianapolis an den Start gingen. Die US-amerikanische Formel-Meisterschaft blieb um Ovalkurse mit dauerhaft hoher Geschwindigkeit zentriert, während sich in der Formel 1 Straßenkurse mit wechselnd langsamen und schnellen Abschnitten zum Standard entwickelt hatten, wodurch die Anforderungen an Fahrzeuge und Fahrer zwischen den Meisterschaften kaum vergleichbar waren. Es gelang den US-Amerikanern Phil Hill und Mario Andretti in den Saisons 1961 bzw. 1978 Formel-1-Weltmeister zu werden, beide fuhren allerdings europäische Fahrzeuge. Mit Shadow Racing Cars, Penske Racing und dem Team Haas versuchten in den 1970er- und 1980er-Jahren auch einige US-Teams ihr Glück in der Formel 1, der große Durchbruch gelang trotz kleinerer Erfolge aber nie.
In den zwanzig Jahren zwischen 1990 und 2010 starteten nur zwei US-Amerikaner zu Formel-1-Rennen, aber weder Scott Speed noch Michael Andretti konnten sich dauerhaft etablieren. Auch die schon seit Ende der 1970er-Jahre geführte Kampagne des sich als Führungsfigur der Formel 1 herauskristallisierenden Bernie Ecclestone, mit Rennen in Großstädten wie Long Beach, Las Vegas, Dallas, Detroit oder Phoenix sowie später sogar der Rückkehr nach Indianapolis den US-amerikanischen Markt für die Formel 1 zu erschließen, schlug immer wieder fehl. Die nationalen Rennserien wie NASCAR und CART/Champ Car World Series bzw. später IndyCar Series hatten eine kaum zu brechende Monopolstellung inne, der Mangel an in den USA bekannten Namen und Teams in der Formel 1 tat ihr übriges.
Geschichte
Gründung
Im Februar 2009 wurde die Gründung des US F1 Team durch Peter Windsor und Ken Anderson angekündigt, das als einer von drei neuen Rennställen in der Formel-1-Weltmeisterschaft 2010 an den Start gehen sollte.<ref>The USF1 team plans a launch. Abgerufen am 29. August 2025.</ref> Goodby, Silverstein & Partners sowie der Unternehmer Chad Hurley waren als führende Investoren am Projekt beteiligt.<ref>Jonathan Noble and Dieter Rencken: YouTube co-founder backs Team US F1 - F1 - Autosport. In: Autosport.com. (autosport.com [abgerufen am 29. August 2025]).</ref> Es gelang, die Teilnahmeberechtigung an der kommenden Saison von der Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) zu erhalten, allerdings geriet das Projekt alsbald in den im Hinblick auf weitreichende Reglementänderungen schwelenden Konflikt zwischen den in der Formula One Teams Association vereinten etablierten Rennställen und der FIA sowie Formula One Group. Der zur Entspannung der Situation gefundene Kompromiss entschärfte geplante Einschnitte in kritischen Rahmenbedingungen wie Obergrenzen der Teambudgets und bestimmter technische Vorschriften deutlich, was den Einstieg in die Weltmeisterschaft für mit weniger Kapital ausgestatteten Rennställen maßgeblich zu deren Ungusten beeinflusste.<ref>New Concorde agreement brings end to Formula One breakaway threats. In: The Guardian. 1. August 2009, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 29. August 2025]).</ref> Die daraus resultierenden Verzögerungen im Zeitplan sowie die nun völlig neue Finanzsituation brachten das US F1 Team bald in starke Bedrängnis.
Krisen und Abwärtsspirale
Im Oktober 2009 wurde mit Cosworth ein Vertrag über die Lieferung von Motoren geschlossen, die nach einer mehrjährigen Pause in die Formel 1 zurückkehren wollten.<ref>US F1 bekennt sich zu Cosworth. Abgerufen am 29. August 2025.</ref> Zuvor waren bereits erste Fotos des unter der Regie von Scott Bennett entwickelten und als US F1 Type 1 bezeichneten Entwicklungsfahrzeugs im Windkanal präsentiert worden.<ref>F1 2010: USF1 CFD study | Teams | Racecar Engineering. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 22. Januar 2010; abgerufen am 29. August 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Auch wurde der Abschluss des ersten Fahrerverträgs für die neue Saison angekündigt.
Nachdem sich im Dezember 2009 die Stimmen mehrten, dass der neue Wagen und die benötigte Team-Infrastruktur mit großer Wahrscheinlichkeit nicht rechtzeitig zur neuen Saison fertiggestellt werden könne, äußerte auch der Geschäftsführer der Formula One Group Bernie Ecclestone öffentlich erste Bedenken.<ref>Ecclestone has doubts over US F1 and Campos. In: ESPN F1. (espnf1.com [abgerufen am 29. August 2025]).</ref> Peter Windsor wies diese allerdings kurz darauf als unbegründet zurück und betonte die zusätzlichen Arbeitsstunden seiner Mitarbeiter in der Weihnachtszeit.<ref>FORMULA ONE - F1: USF1 Unhappy With August Shutdown. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 20. Februar 2012; abgerufen am 29. August 2025.</ref> Die Situation besserte sich in den folgenden Wochen nicht und im Februar 2010, etwas mehr als vier Wochen vor dem Saisonbeginn in Melbourne, verkündete Hauptinvestor Chad Hurley das Ende seiner Mitwirkung am Rennstall.<ref>Sponsorship Woes Threaten Future of U.S. Formula 1 Team (Published 2010). 17. Februar 2010 (nytimes.com [abgerufen am 29. August 2025]).</ref> Durch weitere Aussagen potentieller Sponsoren und öffentliche Anschuldigungen des Teampersonals an die Gründer Windsor und Anderson, den Rennstall nicht sachgemäß geführt zu haben, beschleunigte sich die Abwärtsspirale des Teams und die prekäre finanzielle Situation wurde öffentlich.<ref>US F1 insider: Hurley can save team. (autosport.com [abgerufen am 29. August 2025]).</ref>
Zusammenbruch
Eine offizielle Inspektion von FIA-Renndirektor Charlie Whiting brachte Anfang März 2010 Gewissheit, dass das US F1 Team keinesfalls im Stande war, am ersten Saisonrennen teilzunehmen.<ref>FIA inspects US F1's ability to join grid. (autosport.com [abgerufen am 30. August 2025]).</ref> Mitgründer Ken Anderson hoffte zunächst, die ersten Rennen des Jahres auslassen und erst ab Mitte der Saison antreten zu dürfen. Hierzu bot er der FIA im Februar 2010 die Hinterlegung einer Sicherheitsleistung in siebenstelliger Höhe an, die auf dieses Angebot allerdings nicht einging.<ref>motorsport aktuell, Heft 10/2010</ref> Die am 3. März 2010 veröffentlichte offizielle Meldeliste für die neue Saison erwähnte das US F1 Team nicht mehr; Bereits am Vortag hatte das Unternehmen alle Mitarbeiter entlassen.<ref>FIA veröffentlicht Nennliste ohne Stefan GP und US F1</ref> Eine mögliche Fusion mit dem Projekt Stefan Grand Prix des serbischen Geschäftsmanns Zoran Stefanović, der den praktisch rennbereiten Rennstall Toyota Racing übernommen, allerdings noch keine Startberechtigung hatte, stand zuvor noch im Raum, scheiterte aber am Unwillen Windsors und Andersons.<ref>Medien: USF1 gibt F-1-Projekt 2010 auf | SPOX. Abgerufen am 31. August 2025.</ref><ref>Villeneuve set for Stefan seat fitting. (autosport.com [abgerufen am 30. August 2025]).</ref> Am 1. April 2010 wurde offiziell die Auflösung des Unternehmens bekanntgegeben, das Inventar wurde versteigert.<ref>Michael Smith: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein.</ref>
Da das Team durch die Nichtteilnahme an der Formel-1-Weltmeisterschaft mehrere Verträge unter anderem mit der FIA verletzt hatte, wurde es zu einer Konventionalstrafe von 309.000 Euro verurteilt, was der bereits im Vorjahr eingezahlten Einschreibegebühr entspricht, die die FIA entsprechend einbehielt.<ref>„FIA: Ausschluss für immer und Geldstrafe für US F1“ (Motorsport-Total.com am 24. Juni 2010)</ref> Zusätzlich musste das US F1 Team die Kosten des Verfahrens tragen und wurde für alle Zeiten von allen Wettbewerben der FIA ausgeschlosen.<ref>FIA fines and disqualifies US F1. (autosport.com [abgerufen am 30. August 2025]).</ref> Im Spätsommer erschien der Rennstall ein letztes Mal in den Schlagzeilen, als das Ende der Bemühungen der US-amerikanischen Cypher Group bekanntgegeben wurde, auf Basis der Infrastruktur des ehemaligen US F1 Teams mit Jonathan Summerton als Fahrer an der Formel-1-Weltmeisterschaft 2011 teilzunehmen.<ref>Jake Lingeman: Cypher Group officially out of F1. In: Autoweek. 29. Juli 2010, abgerufen am 30. August 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Personal und Infrastruktur
Treibende Kraft hinter dem Projekt waren der US-amerikanische Rennsportingenieur Ken Anderson, der seit den 1970er-Jahren für erfolgreiche Teams wie Chip Ganassi Racing, A.J. Foyt Racing und Penske Racing in Nordamerika gewirkt hatte und die Rolle des technischen Direktors bekleidete, sowie der britische Motorsportjournalist und -funktionär Peter Windsor, der Geschäftsführer und Teamchef in Personalunion war.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />“F1: USF1 Ready To Roll” ( vom 24. Februar 2009 im Internet Archive) (Formula-one.speedtv.com am 24. Februar 2009)</ref> Als Team-Manager wurde der Australier John Anderson verpflichtet, der zuvor ebenfalls lange Zeit im US-Motorsport verschiedene Posten bekleidete.<ref>John Anderson wird Team-Manager bei USF1. 11. Januar 2010, abgerufen am 30. August 2025.</ref>
Der Argentinier José María López, der zuvor Mitglied der Nachwuchsförderung von Renault war, wurde als erster Fahrer des Rennstalls angekündigt.<ref>US F1 team hire former Renault test driver López for new season. In: The Guardian. 26. Januar 2010, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 31. August 2025]).</ref> Dadurch brach das US F1 Team mit der anfangs verkündeten Vorgehensweise, zwei US-amerikanische Fahrer an den Start bringen zu wollen.<ref>Damon Lavrinc: USF1 Exclusive: The pitch behind the American F1 team. 5. Februar 2009, abgerufen am 29. August 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Pedro de la Rosa und Alexander Wurz wurden aufgrund ihrer Entwicklungserfahrung als Kandidaten für den Zweitwagen gehandelt, letztendlich fiel die Wahl aber auf den ehemaligen Honda-Junior James Rossiter.<ref>Wurz, de la Rosa in frame for US F1 seat. (autosport.com [abgerufen am 29. August 2025]).</ref> Es kam allerdings vor dem Zusammenbruch des Teams zu keiner offiziellen Ankündigung mehr.<ref>FORMULA-ONE - F1: USF1 Had Signed Rossiter As Well As Lopez - SPEEDtv.com. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 3. März 2010; abgerufen am 29. August 2025.</ref> Auch López löste seinen Vertrag vorzeitig wieder auf.<ref>„López löst Vertrag mit US F1 auf“ (Motorsport-Total.com am 2. März 2010)</ref>
Sitz des Unternehmens war im Großraum Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina, was als eines der Zentren des US-Motorsports gilt und in dem viele weitere Motorsportteams ansässig sind. Die gewählten Räumlichkeiten wurden zuvor von Joe Gibbs Racing genutzt. Zur Vereinfachung der logistischen Situation sollte eine Zweigstelle im Motorland Aragón in Spanien entstehen.<ref>USF1 will establish its European base at Motorland Aragon. In: motorsinside.com. 30. Oktober 2009, abgerufen am 30. August 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Weblinks
Einzelnachweise
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