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Urkundenhypothese

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Die Urkundenhypothese (auch Dokumentenhypothese, Quellenhypothese oder Quellentheorie) ist eine Theorie der historisch-kritischen Bibelwissenschaft zur Entstehung der Tora bzw. des Pentateuchs. Sie erklärt diesen als literarische Komposition aus mehreren schriftlichen Quellen verschiedener Autoren, die mehrere Redaktoren später zusammengefügten. Diese Theorie entstand im Zeitalter der Aufklärung und wurde im 19. Jahrhundert besonders im deutschen Sprachraum entfaltet.

Dabei unterscheidet man die ältere Urkundenhypothese (ab 1711) von der neueren Urkundenhypothese (ab 1853). Letztere geht von vier zeitlich aufeinander folgenden Quellschriften des Pentateuch bzw. des Hexateuch aus, die meist als Jahwist (J), Elohist (E), Priesterschrift (P) und Deuteronomium (D) bezeichnet werden, abgekürzt JEPD oder JEDP. Hauptvertreter dieses Modells war ab 1876 der Alttestamentler Julius Wellhausen: {{#invoke:Vorlage:Anker|f |errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Anker |errHide=1}}Daher nennt man die neuere Urkundenhypothese auch Wellhausen-Theorie oder Vierquellenmodell.

Ab etwa 1880 wurde dieses vielfältig differenziert und modifiziert, blieb jedoch bis 1975 das dominante Erklärungsmodell zum Pentateuch. Dann verlor es durch verschiedene Kritiken und gewachsene Kenntnisse zur Geschichte Israels zunehmend an Relevanz für die Erforschung des Alten Testaments (AT) in Europa. In Israel und den USA behielt es jedoch seinen anerkannten Status.

Voraussetzungen

Die Reformation im 16. Jahrhundert hatte die Bibel als Heilige Schrift und Zeugnis des lebendigen Wortes Gottes im Sinne dessen verstanden, was auf Jesus Christus hinführt und hindeutet. Im Anschluss an Martin Luthers sola scriptura orientierte sich die Evangelische Theologie am Literalsinn der Bibel und machte diesen kritisch gegen kirchliche Überlieferungen geltend. Bei ihrem Interesse an einem Urtext der Bibel und auch dessen historischem Kontext stellten die Reformatoren die Autorschaft des Mose für die Tora nicht in Frage.<ref name="EZ" details="S. 107f">Erich Zenger et al. (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 2015</ref>

Nur Andreas Bodenstein bezweifelte diese Autorschaft 1520 (De canonicis scripturis Libellus) für Teile der Tora, weil Vorlage:Bibel/Link vom Tod des Mose berichtet. Er forderte, den verschiedenen Redestil von Toratexten zu prüfen und zu vergleichen. Demgemäß nahm der katholische Humanist Andreas Masius 1574 an, das Buch Josua sei aus mehreren Urkunden entstanden. Er und sein Schüler Bento Pereira folgerten, auch der Pentateuch sei Ergebnis einer Kompilation und Redaktion älterer Quellen. Diese musste zeitlich viel später als die erzählten Ereignisse stattgefunden haben. Damit wurde deren bisher als selbstverstänlich vorausgesetzte Historizität fraglich. Darum vermutete Masius bereits, die meisten AT-Schriften seien als historische Dokumente völlig unglaubwürdig. Damit begann die Erforschung des Pentateuch mit der Methode der Literarkritik.<ref>Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 38–41</ref>

Die Lutherische Orthodoxie im 17. und 18. Jahrhundert ordnete die Bibelauslegung ganz der reinen kirchlichen Lehre (pura doctrina) unter, so dass biblische Aussagen nur noch theologische Dogmen (loci) bestätigen sollten. Mit der Lehre der Verbalinspiration versuchten ihre Vertreter die Autorität der Offenbarung Gottes durch die Zuverlässigkeit und Irrtumslosigkeit des Bibeltextes zu sichern. Dazu verstanden sie diesen als Diktat des Heiligen Geistes. Diese Gleichsetzung des Bibeltextes mit dem geoffenbarten Wort Gottes machte die Bibel zum Objekt und forderte umso mehr die historische Kritik heraus.<ref>Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 31–38</ref>

Im 17. Jahrhundert bestritten Thomas Hobbes (Leviathan, 1651), Isaac de La Peyrère ( Praeadamitae, 1655) und Baruch Spinoza (Tractatus theologico-politicus, 1670) die Autorschaft des Mose für große Teile der Tora. Daraufhin beschrieb Richard Simon, ein Schüler Bento Pereiras, in seinem Werk Histoire critique du Vieux Testament (1676; 2. Auflage 1685) detailliert die Unterschiede und Widersprüche zwischen den Rechtskorpora und Erzählungen der Tora und folgerte: Der Pentateuch könne unmöglich von einem einzigen Autor stammen. Mose habe schriftliche Vorlagen gekannt, zusammengestellt und ergänzt; Schreibschulen hätten diese nach seinem Tod weiterbearbeitet. Erst unter Esra sei der Pentateuch fertiggestellt worden. Darum gilt Simon als Begründer der historisch-kritischen AT-Forschung.<ref name="EZ" details="S. 107f" />

Ältere Urkundenhypothese (ab 1711) {{#invoke:Vorlage:Anker|f |errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Anker |errHide=1}}

Ausgangspunkt der Urkundenhypothese war der auffällige Wechsel der Gottesbezeichnung vom Titel Elohim in Vorlage:Bibel/Link zum Namen JHWH in Vorlage:Bibel/Link und die Unterschiede beider Texte zu Gesamtszenerie, Vorgang, Abfolge und Gottesbild der Schöpfung. Früh beobachtet wurden weitere Doppelungen, die zugleich Spannungen enthalten und damit auf verschiedene Autoren hinweisen: etwa die dreifache Erzählung von der Preisgabe der Ahnfrau in Gen 12, 20 und 26, doppelte und widersprüchliche Aussagen zur Sintflut in Gen 6–9, die zweifach erzählte Gottesoffenbarung für Jakob in Gen 28 und 35, die verschiedenen Angaben zum Auszug aus Ägypten in Ex 14–15, der variierte Dekalog in Ex 20 und Dtn 5 sowie der unklare Inhalt der beiden steinernen Gebotstafeln in Ex 34.<ref name="EZ" details="S. 91–98" />

Der evangelische Pfarrer Henning Bernward Witter (Jura Israelitarum, 1711) folgerte aus den verschiedenen Gottesbezeichnungen in Gen 1–2 erstmals eine verschiedene Herkunft der beiden Schöpfungserzählungen. Mose habe beim Abfassen des Pentateuch auf archaische, mündlich überlieferte Gedichte wie Gen 1 und 2 zurückgegriffen und sie zusammengestellt. Witters These blieb unbeachtet und wurde erst 1924 als Anfang der Urkundenhypothese wiederentdeckt.<ref>Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 95</ref>

Der Mediziner Jean Astruc (Conjectures…, 1753) teilte vom Namenswechsel in Gen 1–2 aus das ganze Buch Genesis in zwei durchlaufende Hauptquellen A (Elohim) und B (JHWH) sowie zehn Nebenquellen für Dubletten und kürzere Texteinheiten (C-M) ein. Mose habe diese Quellen in vier Kolumnen (A, B, C, D) zusammengestellt; ein späterer Redaktor habe sie zusammengefügt. Damit wollte Astruc die Autorenrolle des Mose gegen die älteren Kritiken verteidigen.<ref name="EZ" details="S. 108" />

Johann Gottfried Eichhorn (Einleitung in das Alte Testament Band 1, 1779) weitete die These von zwei Hauptquellen und mehreren Nebenquellen auf den ganzen Pentateuch aus. Er bezeichnete Astrucs Quelle A als (vormosaischen) Elohisten, Quelle B als (mosaischen) Jehowisten, folgte also der damals üblichen Fehlschreibung des Gottesnamens als „Jehova“. Auch Eichhorn sah Mose als Kompositeur und Redaktor des Pentateuchs.<ref name="EZ" details="S. 108" />

Karl David Ilgen (Die Urkunden…Theil 1, 1798) teilte den Pentateuch erstmals in drei ursprünglich selbständige, durchlaufende Quellschriften auf und nahm 17 ältere Quellen für diese an. Zudem deutete er an, das 5. Buch Mose sei als eigenes Werk entstanden. Ilgens Werk blieb mehr als 50 Jahre lang unbeachtet; doch damit lag ansatzweise erstmals das Vierquellenmodell vor. Seine Theorie wird mitsamt ihren Vorläufern „ältere Urkundenhypothese“ genannt.<ref name="EZ" details="S. 108" />

Weil deren Vertreter einige Toratexte keiner der angenommenen Urkunden zuordnen konnten, entwickelte Alexander Geddes um 1800 eine Fragmentenhypothese, die Johann Severin Vater um 1805 fortführte.<ref name="HK365">Henrik Koorevaar, Walter Hilbrans: Einleitung in das Alte Testament: Ein historisch-kanonischer Ansatz. Brunnen, Gießen 2023, ISBN 978-3-7655-7724-6, S. 365</ref> Um diese mit der Urkundenhypothese zu vermitteln, entwickelte Heinrich Ewald (Die Composition der Genesis kritisch untersucht, 1823) die Ergänzungshypothese. Diese führten Friedrich Bleek (1836) und Johann Christian Friedrich Tuch (1838) aus. Sie betrachteten den vermuteten Elohisten (E) als vielfältig ergänzte Grundschrift des ganzen Pentateuch.<ref name="HK366">Henrik Koorevaar, Walter Hilbrans: Einleitung in das Alte Testament. Gießen 2023, S. 366 und Fn. 90f.</ref>

Neuere Urkundenhypothese (ab 1853) {{#invoke:Vorlage:Anker|f |errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Anker |errHide=1}}

1853 und 1854 entfalteten Hermann Hupfeld und sein Schüler Eduard Riehm das Vierquellenmodell:

  • Eine elohistische „Urschrift“ ab Gen 1 sei die älteste schriftliche Quelle und ziehe sich bis zur Landverteilung (Num 32) fortlaufend durch den Pentateuch.
  • Eine jüngere, ebenfalls elohistische Schrift umfasse die Erzelternerzählungen (Gen 12–50).
  • Eine nochmals jüngere „jehowistische“ Schrift beginne mit der zweiten Schöpfungerzählung in Gen 2 und verwende durchgehend den Gottesnamen JHWH.
  • Das Buch Deuteronomium sei die jüngste und eigenständige Quellschrift des Pentateuch.

Dessen Kern (Dtn 12–26) hatte Wilhelm Martin Leberecht de Wette in seiner Dissertation von 1805 erstmals mit der Kultzentralisation des Königs Joschija im Jahr 622 v. Chr. (2 Kön 22–23) verknüpft. Dies ergab ein Kriterium zur Datierung der übrigen Pentateuchquellen: Jene, deren Bestandteile mehrere Heiligtümer im Siedlungsraum der Israeliten nennen, mussten früher entstanden sein als jene, die nur ein Heiligtum beschreiben und damit den zentralen Jerusalemer Tempel voraussetzten.<ref name="EZ" details="S. 109f" />

Gestützt auf Vorarbeiten von Eduard Reuß, Karl Heinrich Graf und Abraham Kuenen revidierte der Alttestamentler Julius Wellhausen (Die Composition des Hexateuchs, 1876; Prolegomena zur Geschichte Israels, 1878) die damals gültige Sicht der Religions- und Literaturgeschichte Israels:

  • Er ordnete wesentliche Teile der bisher angenommenen Elohim-Quelle (Elohist) ab Gen 1 einem „Priestercodex“ zu.
  • Als dessen ältesten Kern sah er ein „Buch der vier Bundesschlüsse“ (abgekürzt Q) um die Kultgesetze am Sinai, das um mehrere Schichten erweitert worden sei.
  • Diese Priesterschrift müsse jünger sein als die frühe Prophetie im Tanach, da die älteren Schriftpropheten noch keine derartigen Kultgesetze enthielten. Sie sei somit die jüngste Quelle des Pentateuch.
  • Im Ergebnis datierte er dessen vier Hauptquellen neu: Der Jawhist (J) sei im 9., der Elohist (E) im 8., das Deuteronomium (D) im 7. und die Priesterschrift (P) nach dem Babylonischen Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden.
  • Dabei seien J und E schon vor der Entstehung von D zu JE zusammengefügt und dann ihrerseits vielfach weiterbearbeitet worden. Darum sei die Aufteilung von Pentateuchtexten auf J und E nicht mehr genau durchführbar.
  • Die drei selbständigen Erzählfäden von JE, D und P zögen sich auch durch das Buch Josua. Darum bezog Wellhausen dieses in seine Theorie ein und sprach vom „Hexateuch“.
  • JE, D und P seien nicht nur lose verknüpft, sondern „vor, bei und nach ihrer (nicht zugleich erfolgten) Vereinigung erheblich vermehrt und überarbeitet worden“ (Composition S. 315). Damit behalte die ältere Ergänzungshypothese ihr Recht, nur anders als bei deren ursprünglichen Vertretern.<ref name="EZ" details="S. 109f" />

Laut Wellhausen reichte J von der zweiten (älteren) Schöpfungserzählung (ab Gen 2,4b) bis zum Abschluss der Landnahme der Israeliten (Jos 24) und umfasste die meisten Erzelterngeschichten in Gen 12–50, die Exoduserzählung (Ex 1–17), die Sinaioffenbarung (Ex 19) und kultische Hauptgebote (Ex 34). Er rechnete mit einer längeren vorstaatlichen Entstehung der Traditionen, die J im etablierten Königreich Israel vereint habe. Er wies der zweiten Quellschrift E nur einige jüngere Vätergeschichten wie den Bundesschluss mit Abraham (Gen 15) und die Bindung Isaaks (Gen 22) zu, vor allem die Berufungsgeschichte des Mose (Ex 3) und Teile der Bileam-Perikope (Num 22-24). Er datierte E unmittelbar vor Hoseas Auftreten im 8. Jahrhundert. Zu P als fast vollständig erhaltener Quellschrift gehörten für ihn die erste Schöpfungserzählung (Gen 1-2,4a) und die meisten Rechtstexte ab dem Dekalog (Ex 20).<ref>Jan Christian Gertz: Tora und Vordere Propheten. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament, 6. überarbeitete und erweiterte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8252-5086-7, S. 193–312, hier 206f.</ref> Ein Redaktor (R) habe zunächst J in E integriert. Das Ergebnis JE sei unmittelbar nach dem Untergang des Nordreichs Israel (722 v. Chr.) entstanden und nach dem Exil wiederum in P eingearbeitet worden. Somit sei die Entstehung des Pentateuch viel komplexer als bisher angenommen.<ref name="EZ" details="S. 109f" /> Wellhausen hatte 1878 mit den vier Quellschriften die These verknüpft, die Tora sei erst nach der Prophetie, nämlich im und nach dem babylonischen Exil entstanden, so dass man Israels Anfänge ganz ohne die Tora erklären könne. Er unterschied folglich die nationale Volksreligion des alten Israel streng vom nachexilischen Judentum und bewertete letzteres als Erstarrung zu einer ritualistischen Gesetzesreligion. Dies führte sein Werk Israelische und jüdische Geschichte von 1894 aus.

Wellhausens Vierquellenmodell, das P als letzte und entscheidende Quellschrift einstufte, gewann rasch Vorrang gegenüber den älteren Urkunden-, Ergänzungs- und Fragmentenhypothesen. Es blieb gut 100 Jahre lang das bestimmende Erklärungsmodell der europäischen, vorwiegend protestantischen AT-Forschung zur Entstehung des Pentateuch.

Weiterentwicklung

Literarkritische Verfeinerung (ab ~1880)

Im Gefolge Wellhausens versuchten etliche Alttestamentler, die hypothetischen Urkunden literarkritisch genauer zu erfassen. So unterschied Karl Budde in seiner detaillierten Untersuchung von Gen 1–11 (Die Biblische Urgeschichte, 1893) zwei Erzählfäden J1 und J2.<ref>Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 289</ref> Heinrich Holzinger (Einleitung in den Hexateuch, 1893) versuchte die Vierquellentheorie mit vielen literarkritischen Beobachtungen zu untermauern. Otto Procksch (Das Nordhebräische Sagenbuch. Die Elohimquelle, 1906) trennte J und E scharf voneinander und versuchte, Eigenart und Lebensbereich von E zu bestimmen. Rudolf Smend (Die Erzählung des Hexateuch auf ihre Quellen untersucht, 1912) unterteilte ganz J in J1 und J2. August Dillmann und Eduard König datierten die vier vermuteten Quellschriften jeweils etwa 100 Jahre früher als Wellhausen.<ref>Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 374f.</ref> Spätere Exegeten unterteilten J in eine Laienquelle L oder Nomadenquelle N („Neueste Urkundenhypothese“).<ref name="EZ" details="S. 111" />

Form- und Überlieferungsgeschichte (ab 1900)

1901 bekräftigte Hermann Gunkel in seinem Genesiskommentar, die drei Quellschriften der Genesis (J, E und P) seien ein unanfechtbares Ergebnis von 150 Jahren Forschung; man könne diese Quellen vielfach bis auf den Vers, oft bis auf das einzelne Wort hin genau bestimmen. Gunkel, Martin Noth und Gerhard von Rad versuchten dann, mit formgeschichtlichen und überlieferungsgeschichtlichen Textanalysen ältere mündliche und schriftliche Bestandteile der vorausgesetzten vier Hauptquellen zu ermitteln. Dabei erarbeiteten sie wichtige Einsichten:

  • Die Überlieferung begann mit kleinen Erzählungen mit jeweils verschiedenem „Sitz im Leben“.
  • Die einzelnen, ursprünglich eigenständigen Überlieferungsthemen (Erzeltern, Exodus, Sinai usw.) stammten aus verschiedenen Regionen und Zeiten.

Mit ihrer Amphiktyonie-Hypothese vertraten sie folgende Thesen:

  • Die älteren Erzählkränze seien schon im vorstaatlichen israelitischen Kult (~1200–1000 v. Chr.) miteinander verbunden worden.
  • J habe diese vorstaatliche Überlieferung gesammelt, schriftlich fixiert und zum gemeinsamen Kult des angenommenen Zwölfstämmebundes ausgebaut.<ref name="EZ" details="S. 110f" />

Anders als Wellhausen ordnete Martin Noth das Deuteronomium (Dtn) und das Buch Josua (Jos) nicht einem Hexateuch zu, sondern betrachtete das Dtn als Programm, Jos als erzählerischen Beginn eines Deuteronomistischen Geschichtswerks (DtrG): Dieses erstrecke sich von der Landnahme der Israeliten bis zum Ende des Reiches Juda, erzählt im 2. Buch der Könige. DtrG sei neben dem älteren Tetrateuch (Gen bis Num) entstanden und an diesen angefügt worden. Dabei oder schon bei der Zusammenfügung von JE und P sei eine ältere, verschollene Landnahmeerzählung weggefallen und durch eine jüngere im Buch Josua und Buch der Richter ersetzt worden. So sei Dtn zum Abschluss des Pentateuch, Jos zum Auftakt der „Vorderen Propheten“ gemacht worden. Noths Theorie schien die Frage nach dem Abschluss der Quellschriften J, E und P und der Rolle des Dtn für die Entstehung des Pentateuch zu lösen. Darum verschwand diese Frage von da an weitgehend aus der AT-Forschung.<ref name="EZ" details="S. 111" />

Redaktionsgeschichte (ab ~1960)

Datei:Modern document hypothesis.svg
Redaktionsgeschichtlich erweiterte neuere Urkundenhypothese

Werner H. Schmidt ist der letzte Hauptvertreter der neueren Urkundenhypothese. Er modifizierte sie durch jahrzehntelange Forschung zur Redaktionsgeschichte des Pentateuch und des DtrG und fasste seine Ergebnisse in seinem Studienbuch Einführung in das Alte Testament (1978; 5. Auflage 1995) zusammen. Darin datierte er die vier hypothetischen Quellschriften wie folgt:

  • J: ~950–926 v. Chr. (Zeit Salomos bis zur sogenannten Reichsteilung)
  • E: ~800 v. Chr., vor der Schriftprophetie, vor allem vor Hosea
  • D: ab ~700 v. Chr., stark erweitert nach Joschijas Kultreform 622 v. Chr.
  • P: ab ~550 v. Chr. im Babylonischen Exil, danach ergänzt.

Laut Schmidt wurden diese Quellen in einem mehrstufigen Redaktionsprozess zusammengefügt und dabei vielfach verändert, teils ergänzt oder durch Weglassungen gekürzt. Als Hauptschritte sah Schmidt:

  • eine Redaktion, die J und E nach dem Untergang des Nordreichs Israel (722 v. Chr.) miteinander verband (RJE);
  • eine Redaktion, die JE nach dem Exil (ab 539 v. Chr.) in P einarbeitete (RP);
  • eine Redaktion, die Texte, Sätze und Satzteile in deuteronomischem Sprach- und Motivstil in JE einarbeitete (RDtr).

Ob letzteres vor oder nach der Zusammenfügung mit P erfolgte, ist bei Anhängern von Schmidts Theorie umstritten. Im ersten Fall wird angenommen, dass RDtr schon im Exil ab 586 v. Chr. begann und RP ab 400 v. Chr. in Jerusalem folgte. Im zweiten Fall wäre RP dort um 500 v. Chr., RDtr rund hundert Jahre später erfolgt.<ref name="EZ" details="S. 111–117" />

Rezeption

Rabbinisches Judentum

Auf Wellhausens Datierung der Priesterschrift P und damit der Fertigstellung der Tora auf die Zeit nach dem Exil reagierten jüdische Bibelexegeten früh. So versuchte der Rabbiner Ludwig Philippson (Die Propheten und das mosaische Gesetz, 1885) nachzuweisen, dass die frühen biblischen Propheten schon auf die Tora reagierten, der „Prophetismus“ dem „Mosaismus“ also zeitlich und sachlich gefolgt sei und diesen zuletzt auf die Menschheit hin universalisiert habe. Zuvor hatte Kaufmann Kohler (Die Bibel und die Todesstrafe, 1868) eine prophetische, religiös-fortschrittliche Tendenz in der Tora selbst angelegt gefunden, also ebenfalls deren Übereinstimmung mit der Prophetie angenommen.<ref>Hanna Liss: Jüdische Bibelauslegung. Mohr Siebeck / utb, Tübingen 2020, ISBN 978-3-8252-5135-2, S. 376f.</ref>

Jüdische Rabbiner lehnten die neuere Urkundenhypothese zunächst meist ab und hielten an der weitgehenden literarischen Einheit der Tora fest. Benno Jacob, der in Göttingen ab 1892 Kontakt zu Wellhausen hatte, kritisierte dessen Pentateuchtheorie 1899 als „dogmatische Pseudowissenschaft“ und trat der literarkritischen AT-Exegese mit seinen Bibelkommentaren entgegen. Durch sein Studium des Midrasch war er für intertextuelle Querbezüge und Anspielungen sensibilisiert. So machte er das antike und mittelalterliche jüdische Bibelverständnis für die moderne, textimmanente Exegese der Endgestalt des Bibeltextes fruchtbar.<ref>Shimon Gesundheit: „Sie ist nicht im Himmel“ (Dtn 30,12): Der menschliche Umgang mit der göttlichen Tora im jüdischen Schrifttum. De Gruyter, Berlin 2019, ISBN 978-3-11-065435-6, S. 1f.</ref> In einem 100-seitigen Anhang zu seinem Genesiskommentar von 1934 wies er minutiös Vers für Vers alle vorgebrachten literarkritischen Argumente für eine Quellenscheidung zurück.<ref>Benno Jacob: Das Buch Genesis. (1934) Nachdruck: Calwer, Stuttgart 2000, ISBN 3-7668-3514-9, S. 949–1049</ref> Im Vorwort zu diesem Werk wies Jacob antijudaistische Prämissen christlicher Alttestamentler zurück, das ‚alte‘ Testament nur als Vorbereitung auf das ‚neue‘ zu sehen, so dass das AT erst im NT seine Vollendung und seinen Sinn finde. Dies betraf auch Wellhausens Theorie. 1939, in einer unveröffentlichten Antwort auf eine Rezension des Werks, wies Jacob der protestantischen AT-Wissenschaft einen erheblichen Anteil an der Abwertung und Diffamierung des Judentums zu, die den aktuellen Antisemitismus mit ermöglicht habe.<ref>Shimon Gesundheit: „Sie ist nicht im Himmel“ (Dtn 30,12), Berlin 2019, S. 3 und Fn. 10</ref>

Umberto Cassuto erkannte die literarkritische Methode an, bestritt jedoch in einer 1941 veröffentlichen Vortragsreihe die Tragfähigkeit aller fünf Argumente für die Urkundenhypothese: den Gebrauch verschiedener Gottesnamen; Unterschiede in Sprache und Stil; Widersprüche und abweichende Sichtweisen; Doppelungen und Wiederholungen; Anzeichen von zusammengesetzter Struktur in den Abschnitten.<ref>Umberto Cassuto: The Documentary Hypothesis and the Composition of the Pentateuch, Illinois 2016, S. 17; zusammengefasst von Justin Taylor: The Yawn of JEDP. Gospel Coalition, Indianapolis, 18. Februar 2021 (englisch)</ref> Nicht das moderne Unverständnis über den scheinbar ungeordneten Text, sondern das Hineindenken in antike literarische Techniken müsse die Exegese dahin leiten, Struktur, Sinn und Schönheit des Pentateuch zu enträtseln. Unebenheiten ließen sich durch hebräische literarische Konventionen erklären. Statt sich in der Vorgeschichte atomisierter Textfragmente zu verlieren, solle der Ausleger die hermeneutischen Vorgaben und Leseanweisungen der Texte selbst beachten: So öffne sich der Blick für die kunstvolle Gestaltung des vorliegenden Gesamtwerks.<ref>Umberto Cassuto: The Documentary Hypothesis and the Composition of the Pentateuch (1941), Illinois 2016, S. 116–118</ref>

Der Bibelwissenschaftler Yehezkel Kaufmann vertrat in seiner Religionsgeschichte Israels (vier Bände, Jerusalem 1937–1956) gegen Wellhausen die These, Israels JHWH-Monotheismus sei in frühester Zeit des Mose als grundsätzlicher Gegensatz zum paganen Polytheismus entstanden. Die ganze Bibel entstamme einem monotheistischen Volksglauben, der sich vor und unabhängig von der israelitischen Prophetie entwickelt habe. Dabei griff Kaufmann auf Wellhausens Vierquellenmodell zurück, kehrte dessen Datierungen jedoch um und stufte den Priesterkodex als älteste Quelle der Tora ein.<ref>Hanna Liss: Jüdische Bibelauslegung, Tübingen 2020, S. 341–343</ref>

Auf die weitgehende Abkehr der europäischen Bibelforschung von der Urkundenhypothese in den 1970er Jahren hin wandten sich manche jüdischen Exegeten verstärkt synchronen Analysen der Endgestalt des Toratextes zu, so die narrative Exegese von Meir Sternberg (The Poetics of Biblical Narrative, 1985) und Schimon Bar-Efrat (Wie die Bibel erzählt: alttestamentliche Texte als literarische Kunstwerke verstehen, 2006). Die so gewonnenen Einsichten beeinflussten wiederum auch nichtjüdische, historisch-kritische Bibelforscher und Theologen.<ref>Brevard Childs: Die theologische Bedeutung der Endform eines Textes. Theologische Quartalschrift (ThQ) 167 / 1987, S. 242–251; Rolf Rendtorff: Der Text in seiner Endgestalt. Schritte auf dem Weg zu einer Theologie des Alten Testaments. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2001, ISBN 3-7887-1821-8</ref>

Römisch-katholische Kirche

Die Römisch-katholische Kirche hatte Richard Simon wegen seines Werks zum AT ausgeschlossen. In Deutschland lehnte der Jesuit Joseph Knabenbauer die Urkundenhypothese mitsamt der historischen Bibelkritik strikt ab (Der Pentateuch und die ungläubige Bibelkritik, 1873). Dagegen versuchte François Lenormant der Urkundenhypothese ein relatives Recht einzuräumen, ohne die kirchliche Inspirationslehre zur Bibel aufzugeben (Les origines de l’histoire d’après la Bible et les traditions des peuples orientaux, 1883). Obwohl die Römische Kurie sein Werk 1887 verbot, wirkte es weiter und verschaffte der historisch-kritischen Bibelforschung einen Durchbruch in der römisch-katholischen Theologie. Fortan beeinflusste Wellhausens Theorie auch einige katholische Bibelexegeten.

Marie-Joseph Lagrange durfte 1890 mit päpstlicher Erlaubnis die École biblique et archéologique française de Jérusalem gründen. Er forderte eine vorbehaltlose historisch-kritische Bibelexegese und schloss sich damit Richard Simon an. Anton von Scholz (Zeit und Ort der Entstehung der Bücher des Alten Testamentes, 1893) begriff den Pentateuch ähnlich wie Wellhausen als nachexilisches Ergebnis einer vielfältigen literarischen Komposition und langen Redaktionsarbeit, nahm jedoch ein verlorenes inspiriertes Werk des Mose als deren Ausgangspunkt an. Alfred Loisy sah die ganze Bibel als menschliches Werk voller Irrtümer; jedoch könnten auch historisch unzutreffende Bibelaussagen theologisch relativ wahr sein. Gegen seine Thesen erließ Papst Leo XIII. 1893 die Enzyklika Providentissimus Deus und setzte die Päpstliche Bibelkommission ein.<ref>Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 290–294</ref>

Diese reagierte auf den Siegeszug der neueren Urkundenhypothese in der AT-Forschung 1906 mit dem Dekret De mosaica authentia Pentateuchi. Darin hielt sie die Autorschaft des Mose für den Pentateuch fest, gestand jedoch zu, dass er zur Erstellung mögliche schriftliche Dokumente oder mündliche Überlieferungen genutzt haben könnte.<ref>PONTIFICIA COMMISSIO BIBLICA: DE MOSAICA AUTHENTIA PENTATEUCHI. vatican.va, Rom, 27. Juni 1906</ref> Das Dekret sollte im Kontext des Antimodernismus die Position des Vatikans zur historisch-kritischen Bibelforschung klären. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) verlor es seine autoritative Bedeutung im Katholizismus.

Einwände zur Quellenscheidung und Literarkritik

Schon 1836 fragte Ernst Wilhelm Hengstenberg, welchen Sinn literarkritische Hypothesen haben, denen externe Evidenz fehlt, die also weder bewiesen noch widerlegt werden könnten. Auffällige Brüche in den Texten könne man auch zugunsten literarischer Einheitlichkeit erklären, statt sie durch Quellenscheidung zu eliminieren. Es sei unverantwortlich, auf dieser ungewissen Basis die schriftlichen Pentateucherzählungen pauschal als ahistorisch zu verwerfen.<ref>Ernst Wilhelm Hengstenberg: Die Authentie des Pentateuch. Erster Band. Berlin 1836, S. 72f.</ref> Diese Kritik vertieften spätere Alttestamentler oft, ohne die literarkritische Methode aufzugeben.<ref>Joshua A. Berman: Inconsistency in the Torah. Ancient Literary Convention and the Limits of Source Criticism. Oxford University Press, New York 2017, ISBN 978-0-19-065880-9, S. 218–220; Konrad Schmid: The Sources of the Pentateuch, Their Literary Extent and the Bridge between Genesis and Exodus. A Survey of Scholarship since Astruc. In: Christoph Berner, Harald Samuel (Hrsg.): Book-Seams in the Hexateuch I. The Literary Transitions between the Books of Genesis/Exodus and Joshua/Judges. Mohr Siebeck, Tübingen 2018, ISBN 978-3-16-154403-3, S. 21–41</ref>

Bis 1873 wies Carl Friedrich Keil in seinem umfangreichen, mehrbändigen Torakommentar sämtliche Kriterien der Quellenscheidung als ungültig zurück und fand andere Erklärungen für Spannungen in den Texten.<ref>Carl Friedrich Keil: Biblischer Commentar über die Bücher Mose‘s 1. Genesis und Exodus. Leipzig 1861, S. 35–38; Biblischer Commentar über die Bücher Mose's 2. Leviticus, Numeri und Deuteronomium. Leipzig 1862, S. 585–588; Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in die kanonischen und apokryphischen Schriften des Alten Testaments. 3. Auflage, Frankfurt am Main 1873, S. 140–158</ref>

1887 kritisierte Abraham Kuenen die Erwartung, „in allen Theilen der Thora vollkommene Uebereinstimmung hinsichtlich der Form“ vorzufinden, als unrealistisch: Gemäß der Divergenz der Sprachstile müsse man viele verschiedene Autoren der Erzählungen unterstellen.<ref>Abraham Kuenen: Historisch-kritische Einleitung in die Bücher des alten Testaments hinsichtlich ihrer Entstehung und Sammlung 1/1: Die Entstehung des Hexateuch. Leipzig 1887, S. 40f.</ref> Damit wurde die Grundannahme der Quellentheorie fraglich: Sie ging von einer modernen Vorstellung von sprachlicher und textlicher Einheit aus, die sich in allen Teilen der Tora auffinden lasse, und ließ nur eine „makellose“ Schrift ohne Sprünge, Brüche, Wiederholungen usw. als Werk eines Autors gelten. Dieser Anspruch war jedoch in der altorientalischen Literatur unbekannt.<ref>Roger Whybray: The Making of the Pentateuch. A Methodological Study. Sheffiel Academic Press, Sheffield 1987, ISBN 1-85075-063-7, S. 130; Richard E. Averbeck: Reading the Torah in a Better Way. Unity and Diversity in Text, Genre, and Compositional History. In: Matthias Armgardt, Benjamin Kilchör, Markus Zehnder (Hrsg.): Paradigm Change in Pentateuchal Research. Wiesbaden 2019, S. 21–43, hier S. 25</ref> Der Autorenbegriff der neueren Urkundenhypothese stammt aus dem Genie-Gedanken des 19. Jahrhunderts und ist für die ältere, vor dem Hellenismus entstandene biblisch-jüdische Literatur unangemessen.<ref name="EZ" details="S. 117" />

1974 erkannte Claus Westermann in seinem Genesiskommentar an, dass die verschiedenen Gottesnamen für sich nicht als Kriterium der Quellenscheidung ausreichen, führte diese dann aber weiterhin durch.<ref>Claus Westermann: Genesis, Band 2: Genesis 1–11, Teil 2: Genesis 4–11. (1974) 4. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1999, S. 764–776</ref> Cees Houtman prüfte in seiner ausführlichen Darstellung der Pentateuchtheorien von 1994 alle Kriterien der Quellenscheidung und fand sie nicht überzeugend.<ref>Cees Houtman: Der Pentateuch, Kampen 1994, S. 377–419</ref> Ähnlich argumentierten weitere neuere Alttestamentler.<ref>Erhard Blum: Der vermeintliche Gottesname ‚Elohim‘. In: Ingolf U. Dalferth, Philip Stoellger (Hrsg.): Gott Nennen. Gottes Namen und Gott als Name. Mohr Siebeck, Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149792-6, S. 97–119; Thomas Römer: ‚Higher Criticism‘: The Historical and Literary-critical Approach – with Special Reference to the Pentateuch. In: Magne Sæbø (Hrsg.): Hebrew Bible / Old Testament. The History of its Interpretation III/1: The Nineteenth Century – a Century of Modernism and Historicism. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-525-54021-3, S. 393–423, hier S. 402</ref> Aktuell halten die meisten Pentateuchforscher, auch Vertreter der Urkundenhypothese, das Kriterium der verschiedenen Gottesnamen für unzureichend.<ref>Joel S. Baden: The Composition of the Pentateuch. Renewing the Documentary Hypothesis. Yale University Press, New Haven 2012, ISBN 978-0-300-15263-0, S. 246; Jan Christian Gertz: Grundinformation Altes Testament, Göttingen 2019, S. 205, Fn. 5</ref>

Da die vermuteten Quellschriften weiterhin starke literarische Spannungen enthalten, spalteten Anhänger der Quellentheorie diese in immer mehr Unterquellen auf. Umso schwieriger ließ sich dann der Prozess ihrer Zusammenfügung erklären. Martin Noth nahm nur eine Redaktion (P) an, die JE in ihr eigenes Werk eingebaut habe. Otto Eißfeldt dagegen nahm schon für einen Teil der Tora sieben Quellen und sechs Redaktoren an. Was Quelle, was Redaktion ist, ließ sich mit der literarkritischen Methode kaum zuverlässig entscheiden.<ref>Rolf Rendtorff: Directions in Pentateuchal Studies: Currents in Research. In: Biblical Studies 5 (1997), S. 43–65, hier S. 48</ref> Die Versuche, Toratexte bis in Halbverse hinein bestimmten Quellen zuzuweisen, beruhten oft auf einem mechanistischen Verfahren. Die aktuelle Forschung lehnt dieses ab, weil der Entstehungsprozess des Pentateuchs dabei zu stark als bloße Addition von Quellen statt als kontinuierliche Überlieferung und Fortschreibung verstanden wird.<ref name="EZ" details="S. 117" />

2001 verwies der Baptist Duane Garrett auf einen inneren Widerspruch der Urkundenhypothese: Ihre Vertreter unterstellten, dass jeder Quellschriftautor eine einzige, fortlaufende Geschichte Israels herstellen wollte und dabei keine Brüche, Wiederholungen oder narrative Abweichungen zugelassen hätte. Dagegen hätten die Redaktoren die Quellschriften einfach zusammengefügt, ohne zu versuchen, deren offenkundige Widersprüche und Wiederholungen zu korrigieren oder auszugleichen. Diese Annahmen seien ebensowenig plausibel wie der Optimismus der Literarkritik, die vermuteten Quellen einfach anhand sprachstilistischer Kriterien scheiden zu können. Auch die dabei unterstellte lineare Entwicklung der Religion Israels, so dass eine Quellschrift jeweils einer bestimmten Epoche zugeordnet wurde, sei unrealistisch: Verschiedene theologische Geschichtsbilder konnten auch parallel in derselben Epoche entstehen. Das Judentum war zu keiner Zeit ein monolitisches, homogenes Kollektiv.<ref>Duane Garrett: The Undead Hypothesis, 2001, PDF S. 30f.</ref>

Einwände zum Elohisten (E) und Jahwisten (J)

Die Vierquellentheorie beruhte auf der Annahme einzelner Hauptautoren mit einheitlichem Sprach- und Erzählstil und einem erkennbaren theologischen Profil, das sich einer bestimmten Phase der Geschichte Israels zuordnen lässt. Dabei hatte schon Wellhausen die mögliche Unterscheidung von J und E für weite Teile des Pentateuch skeptisch beurteilt und damit die Rekonstruktion zweier parallel durchlaufender Quellschriften in Frage gestellt. Von Beginn an erhoben sich daher folgende spezifische Einwände gegen seine Theorie:

  • Nur anhand ihrer Gottesbezeichnungen lassen sich J und E in der Tora nicht durchgehend unterscheiden. Nach Ex 15 und in Levitikus und Numeri verliert dieses Kriterium seine Trennschärfe.<ref name="EZ" details="S. 118" /> Obwohl Martin Noth dies in seinem Numerikommentar 1966 einräumte, wandte er die Quellenscheidung auch auf das Buch Numeri an, weil er J und E in den Büchern Genesis und Exodus als erwiesen ansah.<ref>Martin Noth: Das vierte Buch Mose: Numeri / übersetzt und erklärt. (1966) 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, S. 8; zitiert bei Jan Christian Gertz: Studien zum Buch Genesis. Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-162380-6, S. 17, Fn. 5</ref>
  • Das Ende von J und E, also ihr literarischer Umfang, lässt sich nicht genau bestimmen. Als Schluss von J schlugen AT-Forscher bis 1992 mindestens sieben verschiedene Textabschnitte vor (Num 14,8a; Jos 11; Jos 24; Ri 1,26; 1.Kön 2; 1.Kön 12; 1.Kön 14,25).<ref>Albert de Pury: Yahwist (‚J‘) Source. In: David Noel Freedman (Hrsg.): The Anchor Bible Dictionary 6 (Si-Z). Doubleday, New York 1992, ISBN 0-385-26190-X, S. 1012–1020, hier S. 1016</ref>

Daher lehnten die Alttestamentler Bernardus Dirks Eerdmans, James Simon Griffiths und Wilhelm Möller sowie nach 1900 Max Löhr, Wilhelm Rudolph, Willy Staerk und Paul Volz Wellhausens Theorie ab.<ref name="HK365" /> Eerdmans wies jede Quellenscheidung in Toratexten, die evident als literarische Einheit konzipiert wurden, als willkürlich zurück. E und J seien nicht anhand der Gottesbezeichnungen zu unterscheiden und seien keine unabhängig durchlaufenden Quellschriften gewesen. Er datierte Israels JHWH-Kult weit früher als Wellhausen, teilte aber im Grundsatz dessen These, Israels Religion habe sich durch frühe biblische Propheten vom altorientalischen Polytheismus zum deuteronomischen Monotheismus entwickelt.<ref>Theodor Christian Vriezen, Adam Simon van der Woude: Ancient Israeli. 151 te and Early Jewish Literature. Brill, Leiden 2005, ISBN 978-90-474-0420-0, S. 151</ref>

Weil Hupfeld und Wellhausen den Elohisten (E) nur als Bestandteil eines „Jehowisten“ (JE) bestimmt hatten, bestritten Paul Volz und Wilhelm Rudolph 1933 erstmals nicht nur den Umfang, sondern auch die Existenz von E. Die Kriterien zur Scheidung von J und E seien unbrauchbar, der Gebrauch verschiedener Gottesnamen habe andere Gründe.<ref>Paul Volz, Wilhelm Rudolph: Der Elohist als Erzähler. Ein Irrweg der Pentateuchkritik? In: Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft (BZAW), Band 63; Töpelmann, Gießen 1933</ref> Spätere AT-Forscher wiesen die meisten früher E zugewiesenen Texte nun J zu und datierten die übrigen E-Texte spät. So verstand Hans-Christoph Schmitt E nur noch als späte Redaktionsschicht, die auf die Priesterschrift gefolgt sei.<ref name="EZ" details="S. 116" /> Die zuvor meist anerkannte Quellenscheidung in der Sintflutgeschichte (Gen 6–9)<ref>Christoph Dohmen: Untergang oder Rettung der Quellenscheidung? Die Sintfluterzählung als Prüfstein der Pentateuchexegese. In: André Wénin (Hrsg.): Studies in the Book of Genesis. Literature, Redaction and History. Peeters, Leuven 2001, ISBN 90-429-0934-X, S. 81–104, hier S. 103</ref> wies der britische Alttestamentler Gordon J. Wenham 1978 zurück und begründete deren philologische, strukturelle und motivische Einheit.<ref>Gordon J. Wenham: The Coherence of the Flood Narrative. In: Vetus Testamentum 28 (1978), S. 336–348</ref>

Archäologische Funde entkräfteten die Annahme eines frühen stabilen Staatswesens mit einer JHWH-Monolatrie in Israel und erwiesen ein Davidisch-salomonisches Großreich weitgehend als biblische Fiktion. Eine höfische Schreibkultur und größere lesefähige Bildungsschicht sind in Israel frühestens ab 850 v. Chr. belegt. Das stellte die übliche Datierung von J in die frühe Königszeit Israels in Frage: Damals konnte noch keine umfassende Geschichtstheologie von der Schöpfung bis zur Landnahme entstehen, um Israels Königtum und seinen JHWH-Kult zu legitimieren. Umfang, Alter, innere Kohärenz, Entstehungszeit und theologische Ausrichtung des vermuteten Jahwisten wurden daher nun ganz verschieden bestimmt.<ref name="EZ" details="S. 119" />

Jüngere Alttestamentler kritisierten auch die mit dem Vierquellenmodell verbundenen ideologischen Prämissen des Bildes der Religionsgeschichte Israels: Indem Wellhausen J in die frühe Königszeit Israels datierte, idealisierte er dessen Monarchie wie die deutsche Reichsgründung von 1871 als ideale Staatsform. Er stufte das Rechtskorpus der Tora als spätes Produkt von P ein, begriff die Tora also weder als Ursprung noch als Kern des Pentateuch. So unterschied er Israels frühe JHWH-Religion vom nachexilischen Judentum. Erstere bewertete er als eigentlichen Ursprung des Christentums, letzteres dagegen als Niedergang zu einem ritualistischen und legalistischen Pharisäismus.<ref>Thomas Römer: Pentateuchforschung 2.4.: Ideologische Aspekte in Julius Wellhausens System. WiBiLex, Dezember 2015</ref>

In den 1970er Jahren dekonstruierten Rolf Rendtorff (Der „Jahwist“ als Theologe? Zum Dilemma der Pentateuchkritik, 1975; Das überlieferungsgeschichtliche Problem des Pentateuch, Berlin 1976), John Van Seters (Abraham in History and Tradition, 1975) und Hans Heinrich Schmid (Der sogenannte Jahwist: Beobachtungen und Fragen zur Pentateuchforschung, Zürich 1976) die angenommene Quellschrift J.<ref>John Van Seters: The Pentateuch. A Social-Science Commentary, Sheffield 1999, ISBN 1-84127-027-X, S. 57–86; Thomas Römer: Der Pentateuch, in: Walter Dietrich et al. (Hrsg.): Die Entstehung des Alten Testaments, Stuttgart 2014, S. 66–69; David M. Carr: Changes in Pentateuchal Criticism. In: Magne Sæbø (Hrsg.): Hebrew Bible / Old Testament. The History of Its Interpretation III.2: The Twentieth Century. Göttingen 2015, S. 433–466, hier 433–444</ref> Folglich nahmen führende Alttestamentler bis 2002 „Abschied vom Jahwisten“ und damit vom Vierquellenmodell. Ihnen erschien nur noch die Priesterschrift als literarisch gesicherte und plausible Grundschrift des Pentateuchs.<ref>Jan Christian Gertz, Konrad Schmid, Markus Witte: Abschied vom Jahwisten. Die Komposition des Hexateuch in der jüngsten Diskussion. De Gruyter, Berlin 2002, ISBN 3-11-088688-X, Vorwort S. VI</ref>

Einwände zur Priesterschrift (P)

1869 hatte Theodor Nöldeke jene Toratexte ermittelt, die sich auf den JHWH-Kult beziehen und sich deutlich von nichtkultischen Texten abgrenzen lassen. Diese Abgrenzung blieb Ausgangspunkt für die Pentateuchanalysen der meisten folgenden Alttestamentler. Vertreter der neueren Urkundenhypothese betrachteten die Priesterschrift (P) als dritte oder vierte (jüngste) Quellschrift, datierten sie in die Restaurationszeit nach dem babylonischen Exil und wiesen ihr oft die wesentliche Redaktionsarbeit für die Endgestalt des Pentateuch zu. 1941 hatte Umberto Cassuto als Zirkelschlussverfahren kritisiert, die P-Texte inhaltlich von nichtpriesterlichen Texten abzugrenzen und dann als gemeinsames Werk zu deuten.<ref>Umberto Cassuto: The Documentary Hypothesis and the Composition of the Pentateuch, Illinois 2016, S. 52f.</ref>

Auch nachdem Umfang, Trennbarkeit, Datierung und Existenz von E und J bestritten worden waren, blieben die Abgrenzung nichtkultischer und kultischer Toratexte und die Zuordnung letzterer zu P unverändert.<ref>Reinhard G. Kratz: Die Komposition der erzählenden Bücher des Alten Testaments. Grundwissen der Bibelkritik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-03231-5, S. 12</ref> Jedoch wurde zunehmend fraglich, ob P als durchlaufende Quellschrift des Tetrateuch (ohne D) gelten kann.<ref>Friedhelm Hartenstein, Konrad Schmid (Hrsg.): Abschied von der Priesterschrift? Zum Stand der Pentateuchdebatte. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2015, ISBN 978-3-374-03361-4.</ref> Stilmerkmale, Alter und Umfang von P blieben ebenso umstritten wie die Einordnung der kultischen Texte als Werk eines Einzelautors, einer Schule oder als Redaktion.<ref name="GF8f">Georg Fischer: Time for a Change! Why Pentateuchal Research is in Crisis. In: Matthias Armgardt, Benjamin Kilchör, Markus Zehnder (Hrsg.): Paradigm Change in Pentateuchal Research. Harrassowitz, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-447-11170-6, S. 3–20, hier S. 8f.</ref> Besonders im Blick auf die Sinaiperikope (Ex 19–24), die sich weder den P-Texten zuordnen noch sonst aus durchlaufenden Quellen erklären lässt, gilt die Quellenanalyse als gescheitert.<ref>Frank Crüsemann: Die Tora. Christian Kaiser, München 1992, ISBN 3-459-01953-0, S. 40f.</ref>

Georg Fischer verabschiedete sich in seinem enzyklopädischen Kommentar zu Gen 1–11 ganz von der Quellenscheidung und der Urkundenhypothese. Er rechnete auch nicht mehr mit einer Priesterschrift, „weder als Quelle noch als spezielle redaktionelle Bearbeitung“. Dazu seien die inhaltlichen und stilistischen Unterschiede innerhalb der P zugeordneten Texte zu groß. Bei der Aufteilung von Gen 1–11 gehe die innere Kohärenz und Logik des Textes verloren. Die rekonstruierten Vorstufen seien „oft noch inkohärenter“. Der Text sei als Werk eines einzelnen Autors verständlich, der wie ein Komponist auf ältere Traditionen zurückgreife.<ref>Georg Fischer: Genesis 1–11. Herder, Freiburg 2018, ISBN 978-3-451-26801-4, S. 694–698.</ref> Zwar sei die diachrone Fragerichtung nach möglichen Vorstufen und Quellen der vorliegenden Texteinheit grundsätzlich berechtigt; doch könne man diese im Rahmen der bisherigen Quellentheorie nicht rekonstruieren. Das Festhalten an P als letztem Rest der Urkundenhypothese verstelle den Weg aus der Krise der Pentateuchforschung. Kaum etwas sei von diesem vermuteten Autor heute noch wirklich fassbar; jeder Forscher stelle sich etwas anderes oder überhaupt nichts mehr unter dem Kürzel „P“ vor.<ref name="GF8f" /> Aktuell bezeichnet es modellübergreifend nur allgemein auf den JHWH-Kult bezogene Toratexte, die sich deutlich von nichtkultischen Texten unterscheiden, ohne den Anspruch einer einheitlichen Quellschrift.<ref>Jan Christian Gertz: Studien zum Buch Genesis. Tübingen 2023, S. 248.</ref>

Gegenwart

Die Dekonstruktion der Quellschriften und Auflösung der jahrzehntelang als bewiesen geltenden Vierquellentheorie stürzten die Pentateuchforschung und das Paradigma der Literarkritik in eine Krise („Pentateuch-Krise“), besonders in Deutschland und Europa.<ref>Erich Zenger: Auf der Suche nach einem Weg aus der Pentateuch-Krise. Theologische Revue (ThRv) 78 / 1982, S. 353–362;
Georg Fischer: Wege aus dem Nebel. Ein Beitrag zur Pentateuchkrise. Biblische Notizen. Neue Folge (BN) 99 / 1999, S. 5–7</ref> In Religionsbüchern, außerhalb historischer und theologischer Fachliteratur und des deutschen Sprachraums blieb diese Theorie jedoch präsent.<ref>Erich Zenger: Die neuere Diskussion um den Pentateuch und ihre Folgen für die Verwendung der Bibel im Religionsunterricht. In: Katechetische Blätter (KatBl) 112 / 1987, S. 170–177.</ref>

Israel

Die Vierquellentheorie wird aktuell vor allem in Israel weiterhin anerkannt. Die Hebräische Universität in Jerusalem legt sie ihrer Pentateuchforschung zugrunde und versucht, die angenommenen Quellschriften J, E und P und ihren Anteil an der Entstehung der Tora genauer herauszuarbeiten. Besonders stark erforscht werden dort die „P“ zugeordneten Texte.<ref name="UZ2010">Konrad Schmid: Wer schrieb die fünf Bücher Moses? Universität Zürich, 25. Januar 2010</ref>

USA

Die jüdisch-amerikanischen Neo-Documentarians Joel Baden, Menachem Haran, Baruch Schwartz, Benjamin Sommer und Jeffrey Stackert vertreten eine stark vereinfachte Variante: Ein einzelner Kompilator habe die vier Quellen J, E, D und P nach klaren Vorgaben schematisch zusammengefügt. Dabei klammern sie die Datierung von P und der Endredaktion der Tora, die religionsgeschichtliche Entwicklung im antiken Israel und die literarische Vorgeschichte der Quellen bewusst aus,<ref>Siegbert Riecker: Paradigmenwechsel – welches Paradigma? Die Pentateuchkrise als Krise der Literarkritik. European Journal of Theology, Band 29, Nr. 2, 2020, PDF S. 126.</ref> halten aber an der zeitlichen Priorität von J und E vor P und D fest.<ref name="HK365" />

Europa

In Europa wird die Vierquellentheorie im 21. Jahrhundert kaum noch vertreten: zum einen wegen des durch archäologische Funde veränderten Bildes der Religion und Literatur des antiken Israel, zum anderen wegen der gewachsenen historischen Kritik an theologischen Paradigmen in der Bibelforschung, zum dritten wegen der kaum überschaubaren Vielfalt der Versuche, literarische Vorstufen des Pentateuch zu rekonstruktieren. Nur zur Unterscheidung priesterlicher von nichtpriesterlichen Textanteilen besteht noch ein relativer Konsens. Dabei wird die Tora heute eher als Zusammenstellung und fortlaufende Bearbeitung verschiedener thematischer Überlieferungsblöcke (Urgeschichte, Vätergeschichten, Exodus usw.) statt mit durchlaufenden Erzählfäden erklärt.<ref name="UZ2010" />

Einige Alttestamentler haben vorgeschlagen, die neuere Urkundenhypothese vollständig durch alternative Modelle zur Pentateuchentstehung zu ersetzen. So vertreten Erhard Blum, Eckart Otto und Christoph Berner in verschiedenen Varianten die Hypothese von zwei prägenden Kompositionsschichten, etwa einer vielfach ergänzten priesterlichen Grundschrift (Pg) oder vielschichtigen Fortschreibungen älteren Materials. Manche Neo-Documentarians vertreten dagegen erneut die ältere Urkundenhypothese von Wellhausens Vorläufern August Dillmann und Heinrich Hupfeld. Weil sie ebenfalls keine schlüssige, widerspruchsfreie Trennung der angenommenen vier Erzählfäden vorlegen konnten, halten Erich Zenger und Christian Schmidt die neuere Urkundenhypothese weiterhin für plausibler, um die größeren Textzusammenhänge im Hexateuch zu erklären.<ref name="EZ" details="S. 116f" /> Für Werner H. Schmidt konnten auch die Alternativmodelle die bisher durch Quellenscheidung erklärten Textbeobachtungen nicht hinreichend erklären.<ref>Werner H. Schmidt: Theologische Einsichten im Exodusbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023, ISBN 978-3-647-56092-2, S. 16</ref>

In der aktuellen AT-Forschung besteht weitgehend Konsens, dass die (vor allem mit Ex 6,3 begründete) literarische Verknüpfung der Erzelterngeschichten mit der Mose-Exodus-Erzählung später als in die frühe Königszeit zu datieren ist. Dissens besteht, ob sie vor, im oder nach dem Exil (586–539 v. Chr.) geschah. Einige datieren ein solches Werk in die späte vorexilische Königszeit und verbinden sie der Reformbewegung unter König Joschija. Immer mehr Forscher nehmen dagegen an, erst P habe bald nach dem Exil den ersten durchlaufenden Erzählfaden geschaffen, und vorpriesterliches Material habe bis dahin nur in Erzählkränzen vorgelegen. Die Annahme, eine nichtpriesterliche Mose-Exodus-Erzählung habe mit einem Erzählkranz um Jakob einen Grundstock der vorpriesterlichen Überlieferung dargestellt, entwickelt sich aktuell zur Konvergenzlinie der Forschung. Damit gab diese die Annahme der neueren Urkundenhypothese weitgehend auf, das gesamte nichtpriesterliche Material sei auch vorpriesterlich.<ref name="EZ" details="S. 122" />

Literatur

  • Magne Sæbø (Hrsg.): Hebrew Bible / Old Testament. The History of Its Interpretation III.2: The Twentieth Century. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-54022-0
  • Erich Zenger et al. (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-17-030351-5
  • Walter Dietrich et al. (Hrsg.): Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe. Kohlhammer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-17-025340-7
  • Ludwig Schmidt: Im Dickicht der Pentateuchforschung: Ein Plädoyer für die umstrittene Neuere Urkundenhypothese. Vetus Testamentum Band 60 / 3, Brill, Leiden 2010, S. 400–420
  • Richard Elliott Friedman: Wer schrieb die Bibel? So entstand das Alte Testament. Anaconda, Köln 2007, ISBN 978-3-86647-144-3
  • Albert de Pury, Thomas Römer: Le Pentateuque en question: les origines et la composition des cinq premiers livres de la Bible à la lumière des recherches récentes. (1991) 3. erweiterte Auflage, Labor et Fides, Paris 2002, ISBN 978-2-8001-1617-4
  • Werner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament. (1978) 5. erweiterte Auflage, De Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-014102-7
  • Cees Houtman: Der Pentateuch: Die Geschichte seiner Erforschung neben einer Auswertung. Pharos, Kampen 1994, ISBN 90-390-0114-6
  • Rudolf Smend: Gesammelte Studien Teil 3: Epochen der Bibelkritik. Kaiser, München 1991, ISBN 3-459-01885-2
  • Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. 4. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1988, ISBN 3-7887-0701-1 (besonders Kapitel 6, 7 und 9)

Historische Werke

  • Martin Noth: Überlieferungsgeschichte des Pentateuch. Kohlhammer, Stuttgart 1948
  • Martin Noth: Überlieferungsgeschichtliche Studien Teil 1: Die sammelnden und bearbeitenden Geschichtswerke im Alten Testament. Niemeyer, Halle 1943
  • Umberto Cassuto: The Documentary Hypothesis and the Composition of the Pentateuch. Eight Lectures. (1941) Nachdruck: Varda Books, Illinois 2016, ISBN 978-1-59045-916-4
  • Julius Wellhausen: Prolegomena zur Geschichte Israels. Berlin 1878
  • Julius Wellhausen: Die Composition des Hexateuchs und der historischen Bücher des Alten Testaments. Berlin 1876
  • Eduard Riehm: Die Gesetzgebung Mosis im Lande Moab. Gotha 1854
  • Hermann Hupfeld: Die Quellen der Genesis und die Art ihrer Zusammensetzung von neuem untersucht. Berlin 1853
  • Wilhelm Martin Leberecht de Wette: Dissertatio critico-exegetica qua Deuteronomium a prioribus Pentateuchi libris diversum. 1805
  • Karl David Ilgen: Die Urkunden des jerusalemischen Tempelarchivs in ihrer Urgestalt. Band 1: Die Urkunden des ersten Buchs von Moses in ihrer Urgestalt. Halle 1798
  • Johann Gottfried Eichhorn: Einleitung in das Alte Testament. Drei Bände, Leipzig 1779–1783
  • Jean Astruc: Conjectures sur les mémoires originaux, dont il paroit que Moyse s'est servi pour composer le livre de la Genèse. Brüssel 1753 (Digitalisat)
  • Henning Bernward Witter: Jura Israelitarum in Palaestinam terram Chananaeam, commentatione perpetua in Genesin demonstrata. Hildesheim 1711

Weblinks

Einzelnachweise

<references />