Vorschulerziehungsprogramm
Als Vorschulerziehungsprogramm werden Rundfunksendungen bezeichnet, die für Kinder im Vorschulalter eine altersgerechte Unterhaltung darstellen und dabei gleichzeitig zu ihrer Bildung oder Erziehung beitragen. Die Zielsetzung solcher Produktionen kann sehr verschieden sein. Das Spektrum reicht von der Sprachförderung über eine erste politische Bildung bis hin zur Vermittlung von Werten wie beispielsweise Toleranz.
Geschichte und Beschreibung
In Deutschland stand man in den 1960er-Jahren Fernsehsendungen für Kinder noch ablehnend gegenüber. Bis Ende der 60er-Jahre galt die Empfehlung, Kinder bis zum Alter von mindestens acht bis neun Jahren möglichst gar nicht fernsehen zu lassen.<ref name="Caviola">Sandra Caviola: Vorschulkinder und Gewalt im Kinderprogramm. LIT Verlag, Münster, Berlin, Leipzig, Wien, Hamburg, London, Zürich, New York 2001, ISBN 3-8258-5225-3, S. 58.</ref><ref name="Schorb203">Bernd Schorb: Bildungsfernsehen. In: Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland. Band 3, München 1994, ISBN 3-7705-2802-6, S. 203–212.</ref> Die Ansicht stützte sich auf pädagogische Studien, die „eine nachhaltige Störung der familialen Privatheit und eine Beeinträchtigung, wenn nicht Retardierung der psychisch-kognitiven Entwicklung der Kinder“ befürchteten.<ref name="Schmidbauer">Michael Schmidbauer: Die Geschichte des Kinderfernsehens in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Dokumentation (Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen, München. Schriftenreihe. 21). Walter De Gruyter, Saur-Verlag, München 1987. ISBN 3-598-20761-1.</ref><ref>Michael Schmidbauer, Paul Löhr: Kinderfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland: eine Dokumentation von Forschungsergebnissen 1959–1988 (= Schriftenreihe Internationales Zentralinstitut für das Jugend – und Bildungsfernsehen. Band 22). Walter De Gruyter, Saur-Verlag, 1988, ISBN 3-598-20762-X.</ref>
Daraufhin wurden im Juni 1960 die bereits gefassten Grundsätze als {{
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}} Dementsprechend herrschten bei den deutschen Fernsehanstalten große Vorbehalte gegenüber Fernsehproduktionen für Kinder unter sechs Jahren, bis die Bundesarbeitsgemeinschaft „Aktion Jugendschutz“ sich am 10. Februar 1969 dem Thema „Fernsehen für Kinder unter sechs Jahren“ widmete und {{
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Ausgerechnet der sonst eher konservative Bayerische Rundfunk begann bereits 1967 unter der Leitung von Harald Hohenacker mit der Konzeption und Produktion einer Vorschulkinder-Sendereihe: Spielschule (1. Pilotfolge: Oktober 1967), die ab 27. September 1969 regelmäßig auf Sendung ging und als {{
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}} Erst nach der Empfehlung der Bundesarbeitsgemeinschaft „Aktion Jugendschutz“ und dem externen Anstoß durch den großen Erfolg der Sesamstrasse in den USA erfolgte in der Ständigen Programmkonferenz der ARD auf breiter Font ein Umdenken und die verschiedenen Sendeanstalten der ARD und das ZDF begannen, Konzepte für ein pädagogisches Kinder-Fernsehprogramm für Kinder unter acht Jahren zu entwickeln.<ref name="StötzelErlinger">Hans Dieter Stötzel, Dirk Ulf Erlinger: Geschichte des Kinderfernsehens in der Bundesrepublik Deutschland. Entwicklungsprozesse und Trends. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Spiess, Berlin 1991, ISBN 3-89166-123-1.</ref><ref name="Kübler-br-online.de">Hans-Dieter Kübler: Vom Fernsehkindergarten zum multimedialen Kinderportal. 50 Jahre Kinderfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. Televizion. Ausgabe 14/2001/2, Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI (izi.br.de).</ref><ref>Vorschul-TV: Es rappelt in der Kiste In: Der Spiegel. 1. Oktober 1973 (spiegel.de).</ref><ref name="Caviola" />
Bekannte Beispiele für deutsche Vorschulerziehungsprogramme sind die auf verschiedenen öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern regelmäßig ausgestrahlten pädagogischen Kinder-Fernsehserien für Kinder ab dem Vorschulalter: Spielschule (ab 1969), Die Sendung mit der Maus (seit 1971), Das feuerrote Spielmobil (1972–1981), Rappelkiste (1973–1984), Sesamstraße (seit 1973), Kli-Kla-Klawitter (1974–1976) und Löwenzahn (seit 1981).<ref name="StötzelErlinger" /><ref name="Kübler-br-online.de" /><ref name="Caviola" /><ref name="Schmidbauer" /><ref name="Schorb203" /><ref name="Kübler56" /><ref>Elke Schlote: Bildungsfernsehen historisch. (PDF, 1,3 MB) Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), München, abgerufen am 1. September 2017. „Den Vorschulformaten Die Spielschule (1969) und Das feuerrote Spielmobil (1972–1981) lag ein Erzählkonzept im 30-Minuten-Format zugrunde, das die reale Welt dokumentieren wollte und ohne Studioanteile auskam. Eine Situation sollte in einem ruhigen Erzählfluss erlebbar werden. Das feuerrote Spielmobil wollte ein permanentes Experiment in »kritischem Erleben« sein. Die Kamera folgt dem feuerroten Wagen, der herumfährt und filmt. Es war wie ein Befreiungsschlag gegen die bisherigen Kinderprogramme: ohne festen Schauplatz, »draußen«, »kein Ghetto mit einer geschlossenen Puppen- oder Menschengesellschaft«“ (S. 17).</ref>
Auch wenn der Begriff Vorschulerziehungsprogramm dazu verleitet, dürfen Vorschulkinder nicht mit dem Fernsehgerät allein gelassen werden, da sie noch nicht über eine ausreichende Medienkompetenz verfügen.<ref>Bayerischer Rundfunk – Winterprogramm 1970/71.Herausgegeben vom Bayerischen Rundfunk, München (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20190401021139
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}} PDF, 129 Seiten, 3,6 MB): »Spielschule I: Im Herbst 1969 hat das Kursprogramm sieben Sendungen der pädagogisch konzipierten Reihe für Vorschulkinder und ihre Eltern als Experiment ausgestrahlt. In Zusammenarbeit mit Kindergärtnerinnen, Pädagogen, Psychologen und Medienwissenschaftlern aus ganz Deutschland sind die ersten Sendungen noch einmal kritisch überprüft und auf insgesamt 13 erweitert worden. Wieder erleben die Kinder zusammen mit Joschi, Pingeline und Krautkopf die Phänomene der uns umgebenden Welt in zugleich poetischer wie realistischer Weise. Durch die Kombination mit den Elterninformationen zur Spielschule, die das Kursprogramm jeweils zwei Tage vorher am Abend anbietet, werden den Eltern Hinweise und Hilfen gegeben, wie sie die Sendungen mit den Kindern zusammen ansehen können, was sie daraus entnehmen sollen. Damit ist dem Programm eine breite pädagogische Wirkung ermöglicht. … Spielschule – Elterninformation zur Sendereihe: Wie mehrere tausend Zuschriften von Eltern zur »Spielschule«, der ersten experimentellen Sendereihe für Vorschulkinder in der Bundesrepublik, zeigen, sind viele Eltern willens, aktiv an der Erziehung ihrer Kinder zu arbeiten. Die parallel zur Spielschule entwickelte Reihe besteht aus 13 Sendungen zu je 15 Minuten; sie erläutert an Beispielen authentisch-dokumentierter Spielprozesse der 3 bis 6-jährigen die methodisch-didaktischen Gesichtspunkte, nach denen die Spielschule gestaltet wurde. Sie zeigt, wie Kinder sich in ihrer Spielarbeit mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, welche Hilfen wir den Kindern dabei anbieten können und mit welchen praktischen Spielaufgaben sich die Spielschule auswerten läßt. Dabei werden die Probleme der geistigen Entwicklung eines Kindes ebenso Umrissen, wie die Aufgaben.«</ref> Aus diesem Grund ist das eingeschaltete Fernsehgerät auch kein geeigneter Babysitterersatz, auch wenn sich Kinder durch Fernsehsendungen eine Zeit lang ablenken und ruhigstellen lassen.
Siehe auch
Literatur
- Sandra Caviola: Vorschulkinder und Gewalt im Kinderprogramm. Eine qualitative Untersuchung zur Rezeption gewalthaltiger Fernsehinhalte durch Vorschulkinder. Lit, Münster u. a. 2000, ISBN 3-8258-5225-3 (= Aktuelle Medien- und Kommunikationsforschung. Nr. 14).
- Christian Grüninger, Frank Lindemann: Vorschulkinder und Medien. Eine Untersuchung zum Medienkonsum von drei- bis sechsjährigen Kindern unter besonderer Berücksichtigung des Fernsehens. Leske und Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2621-2 (= Schriftenreihe der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur in der Bundesrepublik e. V. Nr. 12).
- Erentraud Hömberg (Bearb.): Vorschulkinder und Fernsehen. Empirische Untersuchung in 3 Ländern. Verlag Dokumentation Saur, München und New York 1978, ISBN 3-7940-7049-6.
- Peter Wilhelm, Michael Myrtek, Georg Brügner: Vorschulkinder vor dem Fernseher. Ein psychophysiologisches Feldexperiment. Huber, Bern u. a. 1997, ISBN 3-456-82855-1.
Weblinks
- flimmo.de Sendungen mit Altersempfehlungen und medienpädagogischem Hintergrund
- schau-hin.info Orientierungshilfen zur Mediennutzung
- Elke Schlote: Bildungsfernsehen historisch. (PDF, 8 S., 1,3 MB), Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), München, abgerufen am 1. September 2017.
- Hans-Dieter Kübler: Vom Fernsehkindergarten zum multimedialen Kinderportal. 50 Jahre Kinderfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. TELEVIZION. Ausgabe 14/2001/2, Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI (br-online.de).
- Vorschul-TV: Es rappelt in der Kiste: Auf den stürmischen „Sesamstraßen“-Frühling folgt ein heißer TV-Vorschul-Herbst. Der Bayerische Rundfunk zeigt ein völlig neu konzipiertes „Feuerrotes Spielmobil“, das ZDF macht eine „Rappelkiste“ auf. Beide Früherziehungs-Serien sollen Kleinkinder zu „autonomem Handeln“ ermutigen – Grund zu weiterem Jubel und Protest. In: Der Spiegel. 1. Oktober 1973. (magazin.spiegel.de PDF 2 S., 333 kB).
- Studien und wissenschaftliche Literatur zum Thema „Vorschulkinder und Fernsehen“ (Quelle: IZI-Datenbank.de)
Einzelnachweise
<references />