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Anne Boleyn

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Anne Boleyn (postumes Gemälde)Datei:Anne Boleyn Signature.svg

Anne Boleyn<ref name="Boleyn">Der Name Boleyn wird in mittelalterlichen englischen Dokumenten auch „Bullen“ geschrieben. Dieser Schreibung entspricht auch die Lautung des Namens. Ein Vorfahr der Boleyn-Familie war Geoffrey Bullen, der 1457 Lord Mayor von London und geadelt wurde. Er kaufte Blickling Hall in Norfolk und Hever Castle in Kent, die durch Erbfolge an Annes Vater Thomas Boleyn fielen. Anne selbst nannte sich immer Boleyn, wahrscheinlich, weil diese Schreibweise in der Familie schon seit längerem gebräuchlich war und der französischen Lautung des Familiennamens am nächsten kam.</ref> [<templatestyles src="IPA/styles.css" />{{#if:|[}}ˈbʊlɪn, bʊˈlɪn{{#if:

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|all= 1= |opt= 2= Tondatei= |template=Vorlage:IPA |errNS= 0 |cat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:IPA |format=@@@ }}] (* 1501 oder 1507, wahrscheinlich in Blickling Hall (Norfolk); † 19. Mai 1536 in London) war die zweite der sechs Ehefrauen Heinrichs VIII. und von 1533 bis 1536 Königin von England.

Ihre Weigerung, sich dem König als Mätresse hinzugeben, setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, die zunächst dazu führte, dass Heinrich eine Scheidung von Katharina von Aragon anstrebte. Da der jahrelang dominierende Politiker des Landes, Lordkanzler Thomas Wolsey, hieran scheiterte, entließ Heinrich ihn. Als der Papst ihm nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen keine Annullierung seiner Ehe mit Katharina von Aragon gewähren wollte, wandte sich König Heinrich VIII. von der römisch-katholischen Kirche ab, indem er die anglikanische (englische) Kirche abspaltete, um eine Heirat mit Anne Boleyn zu ermöglichen. Seine Scheidung gegen die päpstliche Dispens leitet den Beginn der englischen Reformation ein, und das Ende des alleinigen Einflusses des Papstes auf königliche Ehen und Scheidungen innerhalb der anglikanischen Landeskirche, die seit dem 6. Jahrhundert bestand, ein. Heinrich wurde Oberhaupt der englischen Kirche, das allein über religiöse Fragen entscheiden konnte.

Doch wie auch Katharina gebar sie Heinrich VIII. nicht den erhofften männlichen Erben. Anfang 1536 fiel Anne in Ungnade, wurde verhaftet und wegen vorgeblichen Ehebruchs und Hochverrats am 19. Mai 1536 enthauptet.

Ihre Tochter Elisabeth I. (geboren 1533) indessen bestieg 1558 den englischen Thron und zählt zu den bedeutendsten und am längsten regierenden Monarchen Englands.

Anne Boleyn wurde später als Märtyrerin der englischen Protestanten gefeiert – vor allem in den Werken von John Foxe. Ihr Aufstieg zur Favoritin Heinrichs und schließlich zur englischen Königin geschah ebenso schnell wie ihr Niedergang. Bis heute ist die bekannteste der sechs Frauen König Heinrichs VIII. von England wegen der ambivalenten historischen und neueren Darstellung eine der umstrittensten und faszinierendsten Frauen an dessen Seite.

Annes Cousine Catherine Howard wurde vier Jahre nach Annes Tod die fünfte Ehefrau Heinrichs und 1542 wegen angeblichen Ehebruchs enthauptet.

Leben

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Anne Boleyn als junge Frau (postume Miniatur von John Hoskins (um 1590–1665))

Abstammung

In früheren Jahrhunderten dominierte das Bild Annes als einer Frau von niederer Herkunft, die dann an die Elite der Gesellschaft aufstieg. Moderne Historiker sehen Anne dagegen als der sozialen und politischen Elite zugehörig.<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 4.
Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 3.</ref> Anne entstammte väterlicherseits dem niederen Adel, mütterlicherseits der englischen Hocharistokratie. Die Herkunft der Familie Boleyn, ursprünglich Kleinbauern in Salle, Norfolk, lässt sich nur noch bis ins 13. Jahrhundert verfolgen.<ref>Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 8.</ref> Die Boleyns waren eine klassische Familie von Aufsteigern, die es in drei Generationen vermocht hatte, durch geschäftlichen Erfolg und kluge Heiraten in die gesellschaftliche Elite vorzustoßen. Geoffrey Boleyn war aus Norfolk in den 1420ern nach London gezogen. Er erwarb ein Vermögen als Kaufmann und Großhändler, indem er englische Stoffe in den flämischen Handelsstädten verkaufte; aus den Gewinnen kaufte er Luxusgüter wie Seide, Samt und Pfeffer, die er wiederum nach England importierte.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 48.</ref> 1457–1458 avancierte er zum Lord Mayor. Der Reichtum seines Vaters ermöglichte es seinem Sohn William, sich in Norfolk als Gentleman zu etablieren. William sicherte sich die Hand von Margaret Butler, Tochter des anglo–irischen Earl of Ormonde.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 3 f.</ref> Annes Vater, Thomas Boleyn, wird als selbstsüchtiger und gebildeter, sprachbegabter Hofbeamter beschrieben.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 10 f.</ref> Er machte als Diplomat am Hof von König Heinrich VII. (England) Karriere. Ihre Mutter, Elizabeth Howard, war als Tochter von Thomas Howard, des 2. Duke of Norfolk der Spross einer der führenden Adelsfamilien des Landes. Das Familienoberhaupt, der Duke of Norfolk, ist der erste Peer und erblicher Earl Marshal von England.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 3.</ref> Elizabeth zählte später zu den Hofdamen von Königin Katharina.

Geburtsdatum und Ort

Datei:AnneHandwriting.png
Handschrift von Anne Boleyn 1514

Anne hatte zwei Geschwister, Mary und George. Anne Boleyns Geburtsdatum ist ebenso umstritten wie die Reihenfolge der Geburt der Boleyn–Kinder. Die Nachfahren ihrer Schwester Mary Boleyn lieferten widersprüchliche Angaben. In einer 1614 erschienenen Biographie über ihre Tochter Königin Elisabeth I. wird Annes Geburtsdatum mit 1507 angegeben. Der Historiker James Gairdner legte 1893 bzw. 1895 Annes Geburtsdatum auf 1507. Hugh Paget eröffnete die Debatte 1981 neu und votierte für 1501 als Geburtsjahr.<ref>Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 9.</ref> Neuere Forschungen lassen das Jahr 1501 als glaubhafter erscheinen. Annes Biograph Eric Ives formulierte 2004 den inzwischen geltenden Konsens, dass Mary die ältere, Anne die jüngere Schwester und George der jüngste der drei Boleyn–Geschwister ist sowie für Annes Geburtsdatum etwa das Jahr 1501 (±1) anzunehmen ist. Marys Enkel George, Lord Hunsdon, reichte 1597 ein Gesuch bei Hofe ein, in dem er Mary als die ältere Schwester angab.<ref>Antonia Fraser: The Wives of Henry VIII. Knopf, New York 1992, S. 119.</ref> Für Ives ist es nicht plausibel, dass er sich bei der Eingabe geirrt habe.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 16.</ref> Alison Weir schloss sich an.<ref>Alison Weir: The Six Wives of Henry VIII. Pimlico, London 1991, S. IX.</ref> Ein von Anne Boleyn im Jahre 1514 in Mechelen verfasstes Schreiben, an ihren Vater adressiert, ist Zentrum der Kontroverse.<ref>David Starkey: Six Wives: The Queens of Henry VIII. HarperCollins, New York 2003, S. 260 f.</ref> Es ist eher einem 13 Jahre alten Mädchen zuzutrauen als einer Siebenjährigen, urteilte G. W. Bernard.<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 4.</ref> Retha Warnicke sah dagegen die zahlreichen Rechtschreibfehler und grammatikalischen Fehler als Hinweis, dass der Brief eher von einem Kind geschrieben wurde.<ref>Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 9 ff.</ref> Wäre Anne 1501 geboren, wäre sie bei der Geburt ihrer Tochter Elisabeth bereits 32 Jahre alt gewesen, also aus damaliger Sicht recht alt für die Geburt eines ersten Kindes und etwa so alt wie Katharina von Aragón bei ihrem letzten Kind (Totgeburt 1518). Kürzlich in der Bibliothek des Queen’s College in Oxford gefundene Belege unterstützen diese These.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 53 f.</ref> In einer Sammlung von Stammbäumen von Nicholas Charles, Lancaster Herald am College of Arms, wird Anne als jüngere Schwester vermerkt.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 14 ff.
John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 477.</ref>

Datei:Hever Castle - geograph.org.uk - 5922084.jpg
Hever Castle, wo Anne ihre Kindheit verbrachte

Auch Anne Boleyns Geburtsort ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen, wahrscheinlich kam sie entweder in Hever Castle oder Blickling zur Welt. Ives sieht Blickling im nordenglischen Norfolk als Geburtsort und verweist auf Aussagen von Matthew Parker, der Annes privater Kaplan war.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 4.</ref>

Jugend

Etwa ab ihrem vierten Lebensjahr verbrachte Anne ihre Kindheit in Hever Castle in der englischen Grafschaft Kent. Hever Castle, eine Wasserburg, war von Geoffrey Boleyn erworben und umgebaut worden. Die Boleyns waren vertraut damit, Häuser zu erwerben und gewinnträchtig aufzuwerten.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 55 f.</ref> Annes Biographen sehen ihr Verhältnis zu George enger als das zu ihrer Schwester Mary. Es sind verschiedene Familien in der Umgebung bekannt, mit denen die Boleyns Kontakt pflegten: Darunter die Isleys aus Sundridge und die Wiltshires aus Stone Castle. Bridget Wiltshire, zehn Jahre älter als die Boleyn–Geschwister, war mit Anne gut bekannt. Anne äußerte später über sie: „Neben meiner eigenen Mutter kenne ich kein lebende Frau, die ich mehr liebe.“<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 56.</ref> Verwandtschaftlich verbunden waren die Boleyns mit den Cheynes aus Shurland und den Brookes aus Cobham.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 56 f.</ref> Die engste Bindung hatten die Boleyns mit den Wyatts, die nahe Maidstone in Allington Castle residierten.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 57.</ref> Unter Thomas Boleyn lebten die Boleyns über ihre Verhältnisse, da sein Einkommen aus seinen Gütern nicht ausreichte, um den Lebensstil zu finanzieren, an die die Familie sich gewöhnt hatte. Im Ergebnis war er auf königliche Zuwendungen angewiesen.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 57 f.</ref>

Niederlande und Frankreich

Datei:Court of Savoy, Mechlin.jpg
Innenhof des Palasts von Margarete von Österreich

Seit Mai 1512 war Thomas Boleyn Botschafter bei Margarete von Österreich, der habsburgischen Statthalterin der Niederlande. Es gelang ihm, eine ungezwungene Beziehung zu Margarete aufzubauen und seiner Tochter Anne einen Platz als Hofdamen an Margaretes Residenz in Mechelen zu sichern.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 60.</ref> Dies stellte einen idealen Start für zukünftige Höflinge dar, um in kontinentalen Umgangsweisen ausgebildet zu werden und ein gutes Französisch zu lernen – beides waren Voraussetzungen, um den damaligen gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Für den ehrgeizigen Thomas Boleyn muss auch eine Rolle gespielt haben, dass sich für Anne hieraus später leicht die Möglichkeit ergeben konnte, am englischen Hof zu reüssieren.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 19.</ref> Die junge Anne hinterließ sofort einen positiven Eindruck bei Margarete, die an Thomas Boleyn schrieb: „...ich empfinde sie als so aufgeweckt und angenehm für ihr junges Alter, dass ich euch mehr verpflichtet bin dafür, dass Ihr sie mir gesandt habt, als Ihr mir gegenüber verpflichtet seid.“<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 61.</ref> Anne wurde von ihr unter die Aufsicht eines Tutors zum Studium der französischen Sprache gestellt und um die Kultiviertheit der höfischen Gesellschaft zu erlernen.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 20 f.</ref> Flandern und Burgund stellten seit einem Jahrhundert das kulturelle Zentrum Europas nördlich der Alpen dar.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 22.</ref> Sie erwarb sich dort, als Mitglied des königlichen Haushaltes, eine ausgezeichnete Bildung und vermittelte später europäische Einflüsse in Kleidung und Kultur am englischen Hof. Anne zeigte musikalisches Talent und wurde hierin am Hof gefördert, der zur damaligen Zeit die bekanntesten Musiker Europas anzog. Das Lied O Death, Rock Me Asleepe soll von Anne komponiert worden sein, was von heutigen Historikern allerdings in Frage gestellt wird.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20020609174209

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  }}</ref> Zwar werden Anne von vielen Biografen Eigenkompositionen zugeschrieben, aber bei keinem dieser Lieder und Gedichte ist die Urheberschaft zweifelsfrei nachgewiesen. Für ihre Biographen ist es Konsens, dass Annes spätere Erfolge der Ausbildung geschuldet waren, die sie ihren Jugendjahren auf dem Kontinent erwarb.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 20.</ref>

Im August 1514 bat Thomas Boleyn Margarete darum, Anne wieder zurückzuschicken.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 26 f.</ref> Anschließend wurde sie mit ihrer Schwester Mary an den französischen Königshof geschickt. Während Mary 1519 wieder nach England zurückkehrte, verbrachte Anne 7 Jahre in Frankreich, wo sie als Hofdame von Claude de France diente. Anne wird zweifellos am Herrschertreffen zwischen Heinrich VIII. und Franz I. vom 7. bis zum 24. Juni 1520 in Calais teilgenommen haben, wo sie mutmaßlich als eine Dolmetscherin beschäftigt gewesen sein wird.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 102 ff.
Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 31 f.</ref> Die meiste Zeit verbrachte sie an der oberen Loire in Amboise und Blois.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 29.</ref> In Frankreich kam Anne in Kontakt mit den Lehren von Jacques Lefèvre d’Étaples, einem Reformtheologen, der von den Inquisitoren der Sorbonne als Ketzer eingestuft wurde, von Claude jedoch Protektion erfuhr und nach Paris und Amboise eingeladen wurde, um am Hof Seminare zu halten.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 86 f.</ref> Anne saugte die Lehren Lefèvres auf und wurde zu dessen Anhängerin.

Datei:AnneBoleyn55.jpg
Mutmaßliches Porträt Anne Boleyns

Rückkehr nach England

Datei:Mary Rose Tudor (CatherineAragon?) by Michel Sittow.jpg
Katharina von Aragón

1521 kam es zu einer Verschlechterung der diplomatischen Beziehungen zwischen England und Frankreich. Als Folge davon kehrte Anne nach England zurück, wo sie, wie zuvor ihre Schwester, zur Hofdame Katharinas von Aragón, der ersten Gemahlin Heinrichs VIII., ernannt wurde.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 34.</ref> Ein weiterer Grund für ihre Rückkehr nach England dürfte der Plan ihres Vaters gewesen sein, Anne vorteilhaft zu verheiraten. Mit Unterstützung von Kardinal Thomas Wolsey und Heinrichs VIII. sollte sie James Butler ehelichen, dessen Vater, wie auch Thomas Boleyn, Anspruch auf den vakanten Titel des Earl of Ormonde erhoben.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 115.</ref><ref>Der verstorbene Thomas Butler war der Großvater mütterlicherseits von Thomas Boleyn.</ref> Diese Pläne liefen letztlich ins Leere, weil ihr Vater Thomas offenbar die Chance sah, den Titel rechtmäßig zu erlangen, so dass er Anne für eine noch vorteilhaftere Ehe reservieren und sich dazu eine substantielle Mitgift an die Butlers sparen konnte.<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 11 f.</ref> Ihr Debüt am Hof gab sie bei einem Maskenball im März 1522, wo sie als eine von acht Frauen (unter anderem auch die Schwester des Königs und ihrer eigene Schwester Mary Boleyn) einen kunstvollen Tanz vorführte. Anne Boleyn wurde schnell als die eleganteste und vollendetste Frau am Hof bekannt.<ref name="Eleganteste Dame">Der französische Hof war schon zur Zeit Heinrich VIII. tonangebend in Mode, Tanz, Musik und Etikette. Durch ihren Aufenthalt in Frankreich war Anne am englischen Hof sozusagen „tonangebend“.</ref> Ihre Kleidung wählte sie nach der Mode des französischen Hofes und fiel mit ausgeschnittenen Roben und französischen Hauben auf, die mehr Haar zeigten als die herkömmlichen Hauben der englischen Damen. Anne fiel nicht nur durch ihre äußere Erscheinung auf, die durch einen hellen Teint, rötliche bis dunkle Haare, einen langen, schmalen Hals und dunkle, schöne Augen, beeindruckte,<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 19.</ref> sondern auch durch ihren Witz, ihre außergewöhnliche Bildung und Schlagfertigkeit.<ref name="Aussehen">Anne Boleyn Facts & Biography Of – Information Artikel auf der Webseite englishhistory.net Abgerufen am 19. Mai 2021.</ref> All das waren Eigenschaften, die im 16. Jahrhundert auf viele Männer besonders herausfordernd wirkten, da sich die meisten Damen gemäß der zeitgenössischen Sitte still, unterwürfig und demütig verhielten.

Etwa um Mitte 1522 lernte Anne Henry Percy, 6. Earl of Northumberland, einem reichen Junggesellen, kennen, der bei Kardinal Wolsey in Diensten stand. Beide verliebten sich ineinander und eine Ehe stand im Raum.<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 12 f.</ref> Die sich anbahnende Beziehung wurde allerdings vorzeitig beendet. Einige Biografen behaupten, die Heiratspläne hätten sich zerschlagen, als Kardinal Thomas Wolsey von der Beziehung der beiden in Kenntnis gesetzt wurde. Der genaue Ablauf, die zum Ende der Liaison führten, ist nicht bekannt, und auch die anerkannten Biografen von Anne und Heinrich sind sich unsicher, was der genaue Grund war.<ref name="Anne und Henry Percy">The relationship between Henry Percy & Anne Boleyn 1523 Artikel auf der Webseite englishhistory.net. Abgerufen am 19. Mai 2021.</ref> Sicher ist, dass der als schwach und launenhaft beschriebene Percy dem Kardinal gegenüber zunächst an der Heirat mit Anne festhalten wollte,<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 64.</ref> dann jedoch unter dem gemeinsamen Druck seines Vaters und Wolseys nachgab und, wie von seinem Vater vorgesehen, Mary Talbot, der Tochter des Earl of Shrewsbury die Ehe versprach. Dazu zwang Kardinal Wolsey Percy, die Gesellschaft Annes zu vermeiden. Ebenfalls auf Betreiben von Kardinal Wolsey wurde Anne für eine Saison vom Hof zurück nach Hever Castle verbannt.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 129.</ref> Laut George Cavendish, Kardinal Wolseys Biograph,<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 13.</ref> tobte und wütete die temperamentvolle Anne und äußerte, „wenn es je in ihrer Macht liege, werde sie dem Kardinal viel Missvergnügen bereiten.“<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 13 f.
John Guy & Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 129.</ref>

Datei:Mary Boleyn.jpg
Mary Boleyn

Obwohl ihr der englische Dichter Thomas Wyatt – der bereits verheiratet war – mehrere Gedichte widmete, war er nur ein Verehrer von Anne.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 67 ff.</ref> Anne und allen früheren Verehrern wurden später entweder Affären oder vollzogene Eheversprechen nachgesagt, so auch bei Wyatt, um Anne als eine notorische Ehebrecherin und unmoralische Frau zu brandmarken.<ref name="Anne und Thomas Wyatt">Sir Thomas Wyatt’s Poetry About Anne Boleyn Artikel auf der Webseite englishhistory.net. Abgerufen am 19. Mai 2021.</ref> Wyatt wurde 1527 von Heinrich auf eine diplomatische Mission nach Rom geschickt. 1536 wurde er angeklagt, eine geschlechtliche Beziehung zu Anne gehabt zu haben, aber die Klage wurde fallen gelassen.

Gedicht von Sir Thomas Wyatt Whoso List to Hunt, I Know Where Is An Hind<ref name="Ich weiss ein Wild">Sir Thomas Wyatts Gedicht im Original, Deutsche Übersetzung aus: Marita A. Panzer: Englands Königinnen.</ref> In diesem Gedicht nimmt Sir Wyatt schon Bezug auf das Interesse des Königs an Anne.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 74 f.</ref>

<poem style="margin-left:3em;"> Wer da zu jagen wünscht, ich weiß ein Wild, Nicht mir bestimmt, ach, ich vermag’s nicht mehr: Ermüdet von vergeblicher Beschwer … Wer da zu jagen wünscht … Wie ich gar leicht verschwendet er die Zeit, Graviert in Diamant und aufgereiht Um ihren hübschen Hals man lesen kann: Noli me tangere, Caesar bin ich geweiht, Die zahm erscheint, doch wild die Fessel scheut. </poem>

Anne und Heinrich

Datei:The Great Matter.jpg
"The Great Matter": Darstellung des Werbens Heinrichs um Anne Boleyn von Emanuel Leutze (1846)

Ein Jahr nachdem Mary Boleyn aus Frankreich zurückgekehrt war (1519), heiratete sie am 4. Februar 1520 Sir William Carey, einen reichen und gut situierten Höfling. Heinrich VIII. war als Gast zur Hochzeit eingeladen, und die Biografen Heinrichs wie auch Anne Boleyns vermuten, dass der König die Braut schon kurz nach der Hochzeit zu seiner Mätresse machte. Die Beziehung zwischen beiden dauerte etwa zwei Jahre und wurde nicht öffentlich gemacht, so dass Mary aus ihrem Status keine Vorteile ziehen konnte, wie beispielsweise die Mätressen der französischen Könige es taten.<ref name="Mary und Henry">Vergleiche auch Alison Weir: The Six Wives of Henry VIII. S. 133–134.</ref> Kurz nach Beendigung der Affäre mit dem König brachte sie ihr zweites Kind auf die Welt – einen Sohn, den sie Henry nannte. Ihr erstes Kind, eine Tochter, wurde auf den Namen Catherine (1524–1568) getauft.

Da Heinrich die Boleyn-Familie auf seinen Reisen besuchte, traf er möglicherweise bei diesen Gelegenheiten schon auf Anne und wurde so auf sie aufmerksam. Für Annes Biographen Eric Ives ist die Anziehungskraft Annes auf Heinrich (und andere Männer) darin begründet, dass Anne eine unwiderstehliche sexuelle Anziehungskraft ausgestrahlt habe. John Guy und Julia Fox interpretieren Heinrichs plötzliche Aufmerksamkeit für Anne mit anderen, politischen, Entwicklungen: In dem Moment, in dem er eine weitreichende Allianz mit Frankreich einging, habe er Anne, den Inbegriff alles Französischen, bewusst wahrgenommen.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 147.</ref> Der genaue zeitliche Ablauf lässt sich nur noch ungefähr rekonstruieren. David Starkey sieht bereits Anfang 1525 als den Moment, in dem Heinrich erstmals seine Aufmerksamkeit auf Anne richtete, ebenso wie Heinrichs Biograph J. J. Scarisbrick.<ref>Beide stützten sich dabei auf Cavendish als Quelle.</ref><ref>David Starkey: Six Wives. The Queens of Henry VIII. HarperCollins, New York 2004, S. 277 ff.
J. J. Scarisbrick: Henry VIII. University of California Press, Berkeley 1968, S. 149.</ref> Eric Ives datiert dies eher auf 1526.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 89 f.</ref> Seit dem Shrovetide–Spiel am Fastnachtsdienstag 1526 begann Heinrich VIII. seine Avancen an Anne Boleyn. Im Herbst 1526 schickte er ihr den ersten in einer Serie von Liebesbriefen.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 90.</ref> Aus den Jahren 1526 bis 1528 sind 17 Liebesbriefe des Königs an sie erhalten geblieben. Eine Legende behauptet zudem, er habe das bekannte Liebeslied „Greensleeves“ für sie komponiert. Heinrich kommt jedoch als Komponist nicht in Frage, da das Lied im italienischen Stil der Romanesca komponiert ist, der sich in England erst nach seinem Tod verbreitete.<ref>Alison Weir: Henry VIII: The King and His Court. Ballantine Books, 2002, ISBN 0-345-43708-X, S. 131.</ref>

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Die Briefe Heinrichs an Anne können in vier Gruppen unterteilt werden, die auf den ungefähren Fortgang schließen lassen. In den ersten drei Briefen lässt sich der Versuch von Heinrich erkennen, sein Werben vom Rahmen der höfischen Minne in etwas viel ernsthafteres zu verwandeln.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 84.</ref> Heinrich versuchte nun, Anne als Mätresse zu gewinnen und deutete an, dass er sich in diesem Rahmen mit ihr eine dauerhafte Liebesbeziehung vorstellte.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 85.</ref> In den nächsten vier Briefen lässt sich erkennen, dass Heinrichs Avancen nicht nach seinen Vorstellungen liefen; Anne lehnte die Avancen Heinrichs ab.

Datei:After Hans Holbein the Younger - Portrait of Henry VIII - Google Art Project.jpg
Porträt Heinrichs VIII. (Gemälde nach Hans Holbein)

Anne war das Schicksal abgelegter oder in Ungnade gefallener Mätressen durch ihren Aufenthalt in den österreichischen Niederlanden, Frankreich und durch das Beispiel ihrer eigenen Schwester bekannt. Die Geliebten des Königs konnten zwar am französischen Hof zu Macht, Reichtum und Einfluss gelangen, doch war ihr hoher Status immer von den Launen ihrer königlichen Liebhaber abhängig. Entzog der König seiner Mätresse die Aufmerksamkeit, fiel sie auch bei Hofe in Ungnade und wurde sogar von Dienern missachtet. Eine Absicherung mit Titeln, Gütern und Einnahmen war das Wichtigste, um sich ein späteres Leben in relativer Unabhängigkeit als ehemalige Geliebte zu sichern.

Ihr Beharren auf einer gültigen Ehe ist nicht nur ein Zeichen für ein großes Selbstbewusstsein Annes, sondern sie wollte für sich, ihre Familie und ihre zukünftigen Kinder die größtmögliche Sicherheit haben, die Heinrich ihr bieten konnte: eine offiziell und gültig geschlossene Ehe. Ferner wird Anne als stolze Frau beschrieben, die sich mit einer zweiten Position hinter der Königin nicht zufriedengegeben hätte, auch nicht mit einem Ausschluss ihrer Kinder mit Heinrich aus der Thronfolge. Für ihre Familie bedeutete ihr offizieller Status als Königin von England eine gesellschaftliche Aufwertung. Einige Historiker schreiben dieses Streben nach Absicherung einem maßlosen Ehrgeiz und eiskaltem Kalkül Anne Boleyns zu oder behaupten, dass Anne Heinrich systematisch verführte – einzig mit dem Ziel, englische Königin zu werden.<ref>Vgl. unter anderem Elizabeth Benger: Memoirs of the life of Anne Boleyn, Queen of Henry VIII. 1885. Vgl. auch Alison Weir, The Six Wives of Henry VIII..</ref> Andererseits war Anne auch in eine Zwangslage geraten. So hatte Heinrich beispielsweise Annes Verehrer Wyatt in deutlicher Weise davon abgeschreckt, sich weiter um sie zu bemühen. Durch die Avancen Heinrichs sämtlicher anderer Verehrer (die Heinrich fürchteten) beraubt worden, war Anne praktisch unverheiratbar geworden. Ohne Mitleid schickte Heinrich VIII. selbst seine näheren Verwandten, Mitglieder der Familien Courtenay und Pole, wegen angeblicher Verschwörungen aufs Schafott, weil sie seinem eigenen Thronanspruch (genauer gesagt, dem seiner Kinder)<ref>Nach den Rosenkriegen war Heinrich VIII. bewusst, dass Thronansprüche durch Nebenlinien durchaus zu einer Gefahr für ihn und seine Kinder werden konnten. Durch die Thronansprüche von Verwandten wurde Jane Grey für neun Tage Königin von England.</ref> im Weg standen.

Anne Boleyn ließ sich durch das beharrliche Werben des Königs nicht beeindrucken. Ihre geschickte Taktik des Sich-Verweigerns entfachte umso größere Sehnsucht im König, von Anne endlich erhört zu werden. Unermüdlich bettelte Heinrich um Annes Liebe und Aufmerksamkeit. Es sind keine Briefe von Anne an den König erhalten, doch ließ sie ihn offenbar oft auf eine Antwort warten.

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Heinrich erwartete nun eine Antwort, als Brief oder persönlich. Als sich beide trafen, bewegte Annes Reaktion Heinrich offenbar dazu, die Dinge zu überstürzen, und vergrämte Anne damit. Anne zog sich in das Haus ihrer Eltern zurück und schwieg.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 85 f.</ref> Unter diesen Vorzeichen hätte die Beziehung nun auslaufen sollen, doch Heinrich realisierte, dass er ohne Anne nicht leben könne.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 86 f.</ref>

Anne als künftige Ehefrau in Wartestellung am Tudor–Hof

Datei:Henry VIII of England, Letter to Anne Boleyn.jpg
Eigenhändiger Brief Heinrichs VIII. an Anne Boleyn von 1527/1529 in der Briefsammlung Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. Lat. 3731A, fol. 15r

Heinrich seinerseits hatte sich bereits seit längerem von Katharina distanziert, bevor er sich in Anne verliebte. Ab 1524 gab er es auf, mit ihr Geschlechtsverkehr zu vollziehen. Laut vereinzelten Berichten spielte er schon ab 1522 mit dem Gedanken, eine Scheidung von Katharina in die Wege zu leiten. Zumindest jedoch seit Juni 1525, als er auch seinen illegitimen Sohn Henry Fitzroy zum Duke of Richmond machte und ihm damit den Vorrang vor allen Prätendenten außer einem möglichen legitimen Sohn gab, trat seine Intention deutlich hervor.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 83.</ref> Ab dem Frühling 1527 war Heinrich immer stärker mit dem Gedanken beschäftigt, wie er seine Ehe mit Katharina beenden könnte, da Anne sich von ihm nicht zu einer königlichen Mätresse machen ließ. Nichtvollzug der Ehe schied als Grund für eine Annullierung der Ehe aus. Anne vermittelte Heinrich den Kontakt mit Robert Wakefield, Fellow an der Universität von Cambridge. Ihr Onkel James Boleyn hatte mit Wakefield studiert und ihr Vater war sein Patron.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 177 f.</ref> Wakefield griff auf ein Argument des kirchlichen Eherechts zurück, das bei der Schließung der Ehe zunächst im Wege gestanden und nur durch eine päpstliche Dispens hatte ausgeräumt werden können:

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Heinrich wollte aufgrund dieser Bibelstelle, die eine Heirat mit der Witwe des eigenen Bruders untersagte, seine Ehe annullieren lassen – unberührt von der päpstlichen Dispens aus dem Jahre 1503. In dieser Phase begingen Anne und Heinrich einen folgenschweren Fehler. Im Rahmen großer Festlichkeiten am 5. Mai 1527 im Greenwich Palace, um den von Wolsey ausgehandelten Vertrag von Westminster zwischen England und Frankreich zu feiern, bekannte Heinrich sein romantisches Interesse an Anne, indem er mit ihr statt mit Katharina tanzte.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 164 ff.</ref> Kurz darauf konfrontierte Heinrich Wolsey zwar mit seinen Plänen bezüglich einer Scheidung, hielt jedoch seine weiteren Absichten bezüglich einer Heirat mit Anne geheim. Wolsey nahm an, dass Heinrich eine Heirat mit einer französischen Prinzessin ins Auge fasste, um das neu geschaffene Bündnis zu festigen.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 167.</ref> Julia Fox und John Guy streichen heraus, dass ein mit den Plänen Heinrichs voll vertrauter Wolsey als Erzbischof von Canterbury leicht eine Entscheidung hätte treffen können, ohne Rom einzuschalten. Stattdessen hielt der im Dunkeln gelassene Wolsey am 17. Mai 1527 zunächst eine formelle Anhörung vor einem geistlichen Kirchengericht ab,<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 37.</ref> vor den er Heinrich zitierte. Katharina hielt an der Rechtmäßigkeit ihrer Ehe unerschütterlich fest. Heinrich insistierte jedoch, dass die zwischen Maria und Arthur vollzogen worden war. Unter diesem Umständen hätte Wolsey eine schnelle Entscheidung treffen können.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 167 f.</ref> Wolsey war jedoch unsicher, ob es sich um eine juristische oder theologische Frage handle. Da er in theologischen Angelegenheiten unsicher war, ersuchte er bald um die Hilfe Roms.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 168.</ref> Papst Clemens VII. zeigte kein Interesse, die Dispens seines Vorgängers Julius II. aufzuheben, der die frühere Ehe mit Heinrichs Bruder annulliert hatte. Zudem war Papst Clemens VII. aufgrund der politischen Situation nicht frei darin, die Ehe von Heinrich VIII. mit Katharina von Aragón zu scheiden. Er hatte seine Annäherung an Karl V. aufgegeben und erlebte im Mai 1527 den Sacco di Roma, die Plünderung Roms durch deutsche Landsknechte und spanische Söldner in Diensten von Kaiser Karl V. Der Papst wurde mehrere Wochen in der Engelsburg belagert. Er versuchte händeringend, eine Allianz gegen Karl zu schmieden und verband sich mit Frankreich. Wenn überhaupt, so bestand allenfalls in diesem kurzen Zeitfenster für Heinrich die Möglichkeit, von Clemens eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu erreichen. Die Franzosen scheiterten jedoch militärisch in Norditalien. Danach war Clemens auf das Wohlwollen von Karl V angewiesen und suchte mit ihm ein Einvernehmen. Eine Scheidung von Katharina war unter diesen Umständen für Heinrich rechtlich äußerst schwierig und politisch praktisch unmöglich geworden.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 96.</ref> Heinrich versuchte, parallel zu Wolsey, in Rom durch seinen Privatsekretär William Knight die Annullierung der Ehe mit Katharina zu erreichen. Dieser scheiterte jedoch, so dass Heinrich die Angelegenheit wiederum in Wolseys Hände legen musste.<ref>David Starkey: Six Wives. The Queens of Henry VIII. HarperCollins, New York 2004, S. 314 f.</ref>

Mitte Juni 1528 erkrankte eine von Annes Zofen am hochansteckenden Englischen Schweißfieber, das in Südengland grassierte. Heinrich, der große Angst vor Krankheiten hatte,<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 191.</ref> floh nach Waltham Abbey, Anne zog sich nach Hever Castle zurück. Während ihr ebenfalls erkrankter Bruder George sich erholte, erkrankten auch ihr Vater und Anne selbst.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 192 f.</ref> Heinrich schickte ihr einen seiner Leibärzte.<ref>David Starkey: Six Wives. The Queens of Henry VIII. HarperCollins, New York 2004, S. 331.</ref> Die Krankheit nahm bei Anne einen schweren Verlauf, sie erholte sich jedoch und kehrte einen Monat später an den Hof zurück.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 193 f.</ref> Dagegen verstarb ihr Schwager William Carey am Schweißfieber.

Anne beeilte sich, bei Heinrich dafür zu sorgen, dass an seiner Stelle ihr Cousin Francis Bryan in die Privy chamber aufgenommen wurde. Dieser avancierte dort zu ihrem stärksten Befürworter.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 194 f.</ref> Bryans Aufnahme in die Privy Chamber war nur eine von vielen Maßnahmen, die die geadelten Boleyns und ihnen nahestehende zu einem wichtigen Machtfaktor am Hof machten. Ihr Bruder George wurde Master of the Buckhounds und erhielt die Verwaltung von Beaulieu. Für sich selbst erreichte Anne die Vormundschaft für ihren Neffen, womit vor allem die Aufsicht über die Ländereien Careys gemeint war. Die Vormundschaft als Frau und Bürgerliche innezuhaben, stellte ein ungekanntes Novum dar.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 195.</ref>

In Rom verlegte Papst Clemens VII. sich auf kleine Zugeständnisse, ohne Heinrich voll zu entsprechen. Im Mai 1529 entsandte er mit Kardinal Campeggi einen Vertreter, der gemeinsam mit Kardinal Thomas Wolsey den Vorsitz einer Kommission führen sollte, die mit der Untersuchung der Scheidungsfrage betraut war. Campeggi hatte vertrauliche Anweisung, den Fall so lange wir möglich hinauszuzögern;<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 208.</ref> zudem hatte er keine finale Entscheidungsbefugnis, so dass die Entscheidung in jedem Fall Clemens VII. oblag.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 98.</ref> Währenddessen weilte Anne Boleyn bei ihrer Mutter in Hever Castle. Heinrich hielt vor Wolsey und Campeggi zunächst die Fiktion einer problemlosen Ehe mit Katharina aufrecht, gegen die er rein moralische Gründe anführte.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 99.
G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 38.</ref>

Bei Campeggis Eintreffen startete Katharina einen Zermürbungskrieg. Sie trat vor Campeggi und verneinte, dass ihre Ehe mit Heinrichs Bruder Arthur vollzogen worden war. An ihren Neffen Karl schickte sie eine Botschaft und drängte ihn darin, beim Papst für einen Stopp der Scheidungsverhandlungen zu sorgen.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 209.</ref> Die unzufriedene Anne drängte darauf, an den Hof zurückkehren zu dürfen, da sie sowohl mit dem Gang der Ereignisse als auch mit Heinrichs Handhabung der Verhandlungen unzufrieden war.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 210.</ref> Daraufhin bezog sie eine Wohnung im Greenwich Palace, während Katharina von Heinrich nach Richmond abgeschoben wurde.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 211.</ref> Da Campeggi die Angelegenheit immer weiter hinauszögerte, verlor Anne das Vertrauen in Wolseys Fähigkeit, für eine Scheidung zu sorgen. Sie präsentierte im Herbst 1529 Heinrich einen möglichen Ausweg aus der festgefahrenen Situation, als sie ihm ihm Passagen aus dem Buch The Obedience of the Christian Man and How Christian Rulers Ought to Govern des englischen Reformators und Bibelübersetzers William Tyndale vorlegte.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 132 f.</ref> Tyndale, dessen Werke von Wolsey als Ketzerei eingestuft wurden, argumentierte darin, dass statt des Papstes der Monarch die Oberhoheit über alle kirchlichen Fragen in seinem Land haben solle. Hier bot sich für den begeisterten Heinrich eine Lösung des Dilemmas, indem er die Oberhoheit Roms über die englische Kirche einfach abschütteln könnte. Die These des Buchs traf bei Heinrich einen Nerv, da sie sich mit seinem eigenen Selbstverständnis deckte und seinem Weltbild entsprach.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 134.</ref>

Clemens ordnete schließlich an, den Fall in Rom zu verhandeln. Nachdem Wolsey nicht in der Lage gewesen war, eine schnelle Scheidung zu bewerkstelligen, wurde er zur Zielscheibe offener Kritik; auch für Anne Boleyn wurde er zur Zielscheibe. Der Zorn des Königs über die päpstliche Entscheidung entlud sich über Kardinal Wolsey, der zustimmte, Wolsey festnehmen zu lassen.<ref>David Starkey: Six Wives. The Queens of Henry VIII. HarperCollins, New York 2004, S. 431 ff.</ref> Seiner Hinrichtung entging Wolsey nur deswegen, weil er am 28. November 1530 starb.

Nach früheren Deutungen erfüllte Anne dem König auch in dieser Zeit noch immer nicht seinen Wunsch nach einer sexuellen Beziehung. Verschiedene Biographen verweisen allerdings darauf, dass es auch für Heinrich überhaupt keinen Sinn gemacht hätte, mit Anne ein weiteres illegitimes Kind zu zeugen. Insoweit müsse es dahingestellt bleiben, ob sich zu diesem Zeitpunkt immer noch Anne verweigerte oder es sich um eine gemeinsame Entscheidung handelte, die Legitimität eines Thronfolgers abzusichern. Heinrich behandelte Anne bei Hofe bereits wie seine Ehefrau. So soll er sie vor aller Augen geküsst haben und überschüttete sie mit Geschenken. Bei Festen am Hof hatte sie den Vortritt vor den Schwestern von Heinrich.

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Thomas Cromwell (Gemälde von Hans Holbein)

Bis Juni 1531 versuchte Heinrich, das Bild der problemlosen Ehe mit Katharina für das englische Volk aufrechtzuerhalten. Offizielle Auftritte wurden von König und Königin absolviert. Ab Juli 1531 wurde Katharina bei Hofe isoliert und Anne übernahm für alle sichtbar die Rolle der Königin. Im Oktober 1532 begleitete sie Heinrich zu einem Treffen mit Franz I. nach Calais. Kurz vor dieser Reise ernannte Heinrich sie am 1. September 1532 zur Marchioness of Pembroke. Es war das erste Marquessate, das an eine Frau verliehen wurde.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 265 f.</ref> Auf Drängen Annes musste Katharina für diese Reise ihre Kronjuwelen an Anne herausgeben, welche sie bei offiziellen Empfängen und auf Festen für alle sichtbar trug.

Um die Zeit ihrer Rückkehr aus Frankreich hatten Anne und Heinrich zum ersten Mal miteinander Sex. {{#invoke:Vorlage:Anker|f |errCat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Anker |errHide=1}} Es sind zwei unterschiedliche Daten für den Zeitpunkt der Eheschließung überliefert. Edward Hall berichtet von einer geheimen ersten Trauung am 14. November 1532. Eine weitere Zeremonie am 25. Januar 1533 fand in einer Kapelle in der Nähe des Greenwich-Palastes statt. Die Ehe wurde zunächst geheim gehalten, da Heinrich noch nicht geschieden war und somit in Bigamie lebte. Je nachdem welches der beiden Daten korrekt ist, wurde Elizabeth entweder vor oder nach der Eheschließung gezeugt. Es ist daher nicht auszuschließen, dass das frühere Datum nachträglich festgesetzt wurde, um keine Zweifel an der Legitimität des erstgeborenen Kindes zu lassen.

Eric Ives und auch Heinrichs Biografin Lucy Wooding unterstreichen die fast einzigartige Situation, die sich mit der Liebesheirat zwischen Heinrich und Anne ergab: Seit der normannischen Eroberung habe bis zum 20. Jahrhundert außer Heinrich lediglich Eduard IV. eine vergleichbare Liebesheirat geschlossen.<ref>Lucy Wooding: Henry VIII. Routledge 2009, S. 45.</ref>

Thomas Cromwell und der von Heinrich neu ernannte Erzbischof von Canterbury Thomas Cranmer wurden von Heinrich beauftragt, seine Ehe mit Katharina nun endlich – mit dem Anstrich der kirchenrechtlichen Korrektheit – scheiden zu lassen. Thomas Cranmer wurde am 30. März 1533 zum Erzbischof von Canterbury geweiht, da sich Heinrich von Cranmer Unterstützung für seine Scheidung von Katharina versprach. Außerdem war Cranmer der Familienkaplan der Boleyns, so dass seine Unterstützung für die Beseitigung der Hindernisse, eine Heirat zwischen Anne und Heinrich möglich zu machen, für Heinrich sehr naheliegend waren. Cranmer erklärte die im Januar 1533 geschlossene Ehe Heinrichs VIII. mit Anne Boleyn für gültig. Damit zog er den Zorn des Vatikans auf sich, der mit einer päpstlichen Bannandrohung und ein Jahr später mit Bann antwortete. Heinrich VIII. erklärte daraufhin die Loslösung der englischen Kirche von Rom und sich selbst zu ihrem Oberhaupt. Am 23. Mai 1533 erklärte ein Scheidungsgericht der englischen Kirche die Ehe mit Katharina von Aragón für ungültig. Mit diesem ohne Zustimmung des Papstes vollzogenen Akt war der erste Schritt zum Bruch mit der römisch-katholischen Kirche und zur Errichtung der anglikanischen Staatskirche getan.

Ehe mit Heinrich VIII.

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Wappen von Anne Boleyn als Königingemahlin (Queen Consort) von England

Am 31. Mai bzw. am 1. Juni 1533 wurde Anne Boleyn in einer ungemein aufwendigen und prachtvollen Zeremonie zur Queen Consort gekrönt. Am 31. Mai fand eine feierliche Prozession statt, in der Anne, die sich nach französischer Art gekleidet hatte, in einer geschmückten Sänfte durch die Straßen Londons getragen wurde, gefolgt von fast allen Würdenträgern des Landes.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 176 ff.
John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 287 ff.</ref> Am 1. Juni 1533 fand Annes Krönung in der Londoner Westminster Abbey statt. Sie war bereits deutlich sichtbar schwanger. Im Unterschied zu allen Vorgängerinnen wurde als Krone die Edwardskrone verwendet, die eigentlich für Monarchen reserviert war.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 179.</ref> Für die Historikerin Alice Hunt geschah dies, weil Heinrich glaubte, dass Anne mit einem Sohn schwanger war.<ref>Alice Hunt: The Drama of Coronation: Medieval Ceremony in Early Modern England. Cambridge University Press, 2008.</ref> Dagegen heben John Guy und Julia Fox hervor, dass der verliebte Heinrich so Anne aufwerten und sie als eine Art Mitregentin installieren wollte. Am Ende stand ein großes Bankett, wiederum mit Anne als Kristallisationspunkt, umgeben von zahlreichen Würdenträgern.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 180.</ref>

Während die Agenten Karls in Rom (zunächst erfolglos) die Exkommunikation Heinrichs forderten, waren Anne und Heinrich zuversichtlich, dass eine stillschweigende Zustimmung des Papstes erwirkt werden könnte.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 305.</ref> Beide glaubten, dass ihre Position durch die Allianz mit dem französischen König Franz I. abgesichert wäre. Im Urteil von John Guy und Julia Fox hätten Anne und Heinrich die wahre Natur des Bündnisses mit Frankreich nicht voll durchschaut: Franz hätte mit ihnen durchaus sympathisiert und die Initiativen Heinrichs in Rom auch in Maßen unterstützt, gleichzeitig jedoch habe er ein größeres Spiel gespielt und sein eigentliches Hauptziel sei die Rückeroberung des Herzogtums Mailand gewesen.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 306.</ref>

Als Königsgemahlin (Queen Consort) war Anne von Anfang an entschlossen, sich von ihren Vorgängerin(nen) abzusetzen. Katharina hatte sich außer ihrem Eintreten für eine Allianz mit ihrem Mutterland Spanien politisch wenig betätigt und sich gemäß der zeitgenössischen Sitte still, unterwürfig und demütig verhalten. Demgemäß hatte sie sich oft damit begnügt, in ihren Gemächern Hemden für ihren Gemahl zu sticken. Dagegen heuerte Anne sofort demonstrativ einen Hemdenmacher für diese Tätigkeit an.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 320.</ref> Auch mit ihrer Auslegung des Hofprotokolls setzte sie sich von ihrer Vorgängerin ab. Wo Katharina lediglich einem kleinen inneren Kreis von männlichen Hofbeamten Zugang zu ihrer privy chamber erlaubte, gestattete Anne mit ihrer Vorliebe für alles Französische einen relativ freien Umgang beider Geschlechter in ihrer privy chamber.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 320 f.</ref> Der Kreis ihrer Hofdamen, von denen die meisten identifizierbar sind, bildete sich aus zwei heterogenen Gruppen. Zum einen scharte Anne um sich einen Kreis Vertrauter, der sich aus Verwandten wie ihre Schwägerin Jane Parker, ihre Cousine Lady Mary Howard und ihre Lieblingstante Lady Anne Shelton sowie aus ihren Freundinnen wie Bridget Wiltshire und Elizabeth Browne zusammensetzte.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 321 f.</ref> Zum anderen erlaubte Heinrich einigen Karriere–Höflingen und Hofdamen den Wechsel von Katharinas Diensten in den Haushalt von Anne. Darunter waren neben Jane Ashley und Jane Seymour auch Lady Elizabeth Boleyn (die Frau von Sir James Boleyn) und Lady Mary Kingston, die beide Katharina sehr zugeneigt gewesen waren und nicht zu Annes Freundinnen zählten.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 323.</ref> Zu dem Kreis der Männer, die regelmäßig Zugang zu ihrer privy chamber hatten, zählten vor allem ihr Bruder George, James Boleyn, Thomas Howard, sowie Henry Norris und Francis Weston. Der ungezwungene Umgang zwischen den Geschlechtern bot schnell viel Raum für spielerische Flirts und Romanzen im Rahmen der höfischen Liebe. So kam es im Sommer 1535 zu einer heimlichen Romanze zwischen Thomas Howard (jüngerer Halbbruder von Thomas Howard, 3. Duke of Norfolk) und Heinrichs Nichte Margaret Douglas. Unterstützt und gedeckt wurden beide von Annes Hofdamen Mary Howard und Margaret Gamage. John Guy und Julia Fox sehen dies als Beweis für einen Kontrollverlust Annes über die Vorgänge in ihrer privy chamber.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 381 f.</ref>

Datei:Hans Holbein the Younger - The Ambassadors - Google Art Project.jpg
Die Gesandten von Holbein (1533)

Heinrich hatte Anne bereits vor der Ehe umfangreiche Ländereien geschenkt, als er sie in den Adelsstand erhoben hatte; hinzu kam nun die übliche Ausstattung einer Königsgemahlin mit Ländereien. Heinrich übertrug die ehemals von Katharina besessenen Ländereien auf Anne. Dadurch verfügte Anne über enormen Grundbesitz, der ihr allein im Jahr 1535 jährliche Erlöse in Höhe von mehr als 5000 £ (nach heutigem Wert mehr als 5 Millionen Euro) einbrachte.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 327.</ref> Anne verwendete die Einnahmen vor allem zur Förderung ihrer künstlerischen Vorstellungen und zur Unterstützung. So setzte sie jeweils für die Universitäten Oxford und Cambridge Stipendien aus.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 331.</ref> Als Patronin der Künste förderte sie vor allem die Etablierung europäischer Einflüsse. Obwohl keine Porträts von Anne Boleyn zweifelsfrei zugeordnet werden können, gilt es als sicher, dass Hans Holbein der Jüngere direkt für Anne arbeitete. Holbein entwarf eine Tasse, die mit ihrem Emblem eines Falken, der auf Rosen steht, graviert war, sowie Schmuck und Bücher, die mit ihr verbunden sind. Er skizzierte auch mehrere Frauen aus ihrem Umfeld, darunter ihre Schwägerin Jane Parker. Auch bei Holbeins Meisterwerk Die Gesandten wird Anne verschiedentlich als Auftraggeberin identifiziert. Im Gemälde finden sich zahlreiche Verweise auf Anne. So ist der Fußboden eine exakte Kopie des Cosmati–Pflasters vor dem Hochaltar in der Westminster Abbey, wo Anne gekrönt werden sollte und die zylindrische Skala zeigt ein Datum zwischen dem 10. und 15. April 1533 an, dem Osterfest, als Anne erstmals mit königlichen Ehren zur Chapel schritt.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 308.</ref> Auf der linken Seite findet sich mit Veni. Sancte Spiritus das Bittgebet zum Pfingstfest, als Anne gekrönt wurde.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 309.</ref>

Annes religiöse Ausrichtung chargierte zwischen den Lehren Luthers und der Katholischen Lehre. Als Anhängerin von Jacques Lefèvre d’Étaples, besaß sie ein Exemplar der Ausgabe von 1534 aus Antwerpen von Lefèvres Übersetzung der Bibel ins Französische von 1528.<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 96.</ref> Anne wollte den katholischen Glauben zwar reformieren, lehnte Luthers zentrale These (Erlösung allein durch den Glauben) jedoch ab.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 367.</ref> Zur Umsetzung ihrer religiösen Vorstellungen und der Verwirklichung von Kirchenreformen sammelte sie eine ganze Gruppe von Kaplanen um sich herum.

Schon als Geliebte des Königs hatte sich Anne nicht viele Freunde gemacht, und es gelang ihr auch als Ehefrau von Heinrich nicht, viele Verbündete zu gewinnen. So soll sich Anne bereits früh herrisch aufgeführt haben und Höflingen gegenüber hochfahrend und zornig aufgetreten sein. Da Anne einen zuweilen zynischen und sarkastischen Humor hatte, können ihre Worte schon damals oft fehlinterpretiert worden sein. Ein Beispiel ihres sehr eigenen Humors war ihre Reaktion auf die Proteste, als sie Königin von England wurde. Für eine kurze Zeit wählte sie ein Motto, das sinngemäß bedeutete: Murrt, wie ihr wollt. So und nicht anders wird es sein.<ref name="Annes Person"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20150328185822

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  }} Beschreibungen über Annes Persönlichkeit, auf Englisch.</ref> Auch vom englischen Volk, das weiterhin Katharina von Aragón bewunderte, wurde sie nur akzeptiert, nicht angenommen.<ref name="Annes Krönung">The Coronation/Crowning Of Anne Boleyn, 1533 Artikel auf der Webseite englishhistory.net. Abgerufen am 19. Mai 2021.</ref> Einige Londoner machten sich während der Prozession vor der Krönung sogar lustig über die verschlungenen Initialen des Königs und der neuen Königin, H und A, und riefen – anstatt zu jubeln: HA! HA! HA!

Auch die Ehe zwischen Heinrich und Anne war aufgrund der Temperamente beider von Anfang an spannungsgeladen. Kurze, konfliktgeladene Momente und heftige offene Streits wechselten sich mit längeren glücklichen Phasen ab.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 189.
G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 72.</ref>

Zwei Wochen vor dem Geburtstermin zog sich Anne in ihr Wöchnerinnengemach nach Greenwich zurück. Am 7. September 1533 wurde sie in einer relativ problemlosen Geburt von einem gesunden Mädchen entbunden, das den Namen Elizabeth – nach Heinrichs Mutter – erhielt. Anne und Heinrich hatten fest mit einem Sohn gerechnet, waren jedoch nicht lange enttäuscht.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 184.</ref> Für Heinrich war zunächst bewiesen, dass Anne ein gesundes Kind geboren hatte und er war überzeugt, in Kürze weitere Kinder bzw. bald einen männlichen Thronfolger zu haben.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 316.</ref> Elisabeth wurde als erstes legitimes Kind von Heinrich ausgegeben und die inzwischen siebzehnjährige Prinzessin Maria – seine Tochter aus der Ehe mit Katharina von Aragón – zum Bastard erklärt.

Datei:Mary I by Master John.jpg
Maria als junge Frau (Gemälde von Master John)

Schon bald nach der Taufe von Elisabeth schrieb Heinrich seiner Tochter Maria, dass sie den Titel Fürstin von Wales an seine Tochter mit Anne Boleyn abgeben müsse, da Elisabeth nun vor ihr in der Thronfolge rangiere. Er verlangte von Maria weiter, dass sie die Gültigkeit seiner Ehe mit Anne anerkennen müsse, ebenso die Legitimität ihrer Halbschwester, was Maria ablehnte. Erzürnt von ihrer Weigerung, war Heinrich entschlossen, Marias Willen zu brechen. Er ließ ihr mitteilen, dass sie ihr Haus „Beaulieu“ räumen und nach Hatfield House ziehen musste. Auch soll Maria auf die Anordnung, ihrer kleinen Schwester Elisabeth die Aufwartung als Prinzessin von England zu machen, mit den Worten reagiert haben, sie kenne keine andere Prinzessin von England als sich selbst.<ref name="Anne und Maria">Anne Boleyn Facts & Biography Of – Information Artikel auf der Webseite englishhistory.net Abgerufen am 19. Mai 2021.</ref>

Maria war nach damaliger Rechtsauffassung trotz einer nun ungültigen Ehe mit Katharina weiterhin die Erbin Heinrichs. Anne war sich dieser Implikationen wohlbewusst und nahm sowohl Maria als auch Heinrichs illegitimen Sohn Henry Fitzroy als potenzielle Bedrohung für sich und ihre Tochter wahr. Nachdem sie zunächst eine harte Linie vertreten hatte, bemühte sie sich trotzdem um eine Annäherung zu Maria, unter der Bedingung, dass Maria sie als Königin akzeptiere. Maria reagierte mit einer kränkenden Antwort auf Annes Einladung, sie bei Hofe zu empfangen.

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Anne wiederholte ihre Einladung an Maria, die wieder ablehnte. Nach dieser Absage von Maria bemühte sich Anne nie wieder um die Freundschaft ihrer Stieftochter. Auf die beleidigende Replik hin schäumte Anne vor Wut und drohte, „dieses stolze spanische Blut fertig zu machen.“<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 355.</ref> Auch ihrem Bruder gegenüber erging sie sich in Hetztiraden über Maria. Weiter äußerte sie: „Sie ist mein Tod und ich der Ihre.“ Annes Äußerungen wurden später beim Prozess gegen sie wieder hervorgeholt und dienten als Beweis für ihre Absicht, die Königsfamilie töten zu wollen. Anne war die maßgebliche Kraft hinter der Eheschließung ihres Stiefsohns Henry Fitzroy mit ihrer Cousine Lady Mary Howard, die älteste Tochter von Thomas Howard, 3. Duke of Norfolk. Mit der Eheschließung sah sie Fitzroy als potentielle Bedrohung ausgeschaltet.

Im März 1534 traf Papst Clemens VII. sein Urteil, in dem zu Gunsten Katharinas für die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe mit Heinrich entschieden wurde. Als Reaktion darauf trieb Heinrich den endgültigen Bruch mit Rom voran.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 337.</ref> Umgehend wurde vom englischen Parlament die Suprematsakte verabschiedet, welche den englischen König zum Oberhaupt der Kirche Englands erklärte, ein Nachfolgegesetz bestätigte außerdem die Gültigkeit der Ehe mit Anne Boleyn. Damit war im Januar 1535 der endgültige Bruch mit der römisch-katholischen Kirche vollzogen.

Anne bemühte sich auch weiterhin, Einfluss auf die Diplomatie zu nehmen. Als Gilles de la Pommeraie als Gesandter des französischen Königs eintraf, um ein Treffen zwischen den Königen zu bewerkstelligen, empfing Anne ihn und zeigte ihm ihre Tochter Elisabeth. Dabei machte sie ihm klar, dass sie entschlossen sei, Elisabeth mit zwölf Jahren mit einem französischen Fürsten zu verloben.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 345.</ref>

Heinrich kümmerte sich liebevoll um seine jüngste Tochter Elisabeth, die er oft mit sich herumtrug und mit der er spielte, wenn er sie in ihrem Haushalt besuchte. In dieser Zeit war Anne zweimal schwanger. 1534 endete eine Schwangerschaft der Königin mit einer Totgeburt im achten Monat.<ref>John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck München, 2024, S. 347.</ref> Im Sommer schrieb der venezianische Gesandte, der König von England sei „dieser neuen Königin schon müde bis zum Überdruss“.<ref name="Überdruss">Vergleiche auch Marita A. Panzer, Englands Königinnen. Der Name des Gesandten ist durch Primärquellen nicht feststellbar.</ref> Sicher ist, dass Anne am 29. Januar 1536 wiederum eine Fehlgeburt hatte.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 296 f.
G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 125 f.</ref> Einige Tage später kam es zu einem der wiederkehrenden Ehestreits; Heinrich zeigte sich voller Selbstmitleid, Anne konterte sofort. Sie gab Heinrich und auch Norfolk die Schuld für die Fehlgeburt. Heinrich war bei einem Turnier mit seinem Pferd gestürzt und beinahe zu Tode gekommen. Norfolk hätte ihr die Nachricht über den Unfall überbracht und sie damit so großer Panik ausgesetzt, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hätte.

Anne fällt in Ungnade

Im Zuge der Auflösung der englischen Klöster kam es zu einem Konflikt zwischen Anne und Thomas Cromwell. Beide waren vormals indirekt Verbündete gewesen, da sie gleiche theologische Ansichten hatten. Cromwell hatte sich in den Jahren zuvor von einem reinen Erfüllungsgehilfen zu einem eigenständigen Machtzentrum am Hofe entwickelt – ob Anne diese Entwicklung im ganzen Ausmaß voll realisiert hatte, ist unklar. Im März 1536 wurde die Aufhebung der kleineren Klöster mit einem Bruttoeinkommen von weniger als 200 £ pro Jahr per Gesetz in beiden Parlamenten beschlossen. Anne wollte, dass die Einnahmen aus der Auflösung für Bildungs- und Wohltätigkeitszwecke verwendet werden, statt das sie in die königliche Kasse fließen.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 307 ff.</ref> Auf ihre Initiative hin hielt ihr Almosenier, John Skypp, am Passionssonntag eine eifernde Predigt, in der er Cromwell und seine Ratskollegen vor dem gesamten Hofstaat anprangerte.

Datei:Hans Holbein d. J. 032b.jpg
Jane Seymour
Datei:Workshop of Hans Holbein the Younger - Portrait of Margaret Wyatt, Lady Lee (1540).jpg
Margaret Wyatt, Lady Lee

Mit Jane Seymour trat eine Rivalin auf. Das Interesse Heinrichs an Jane Seymour scheint aus einem Kontra zu Anne erwachsen zu sein; Jane wird optisch und charakterlich als kompletter Gegenentwurf zu Anne beschrieben.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 302.</ref> Anders als Königin Katharina von Aragón sah Anne nicht über Heinrichs Seitensprünge hinweg. Sie beobachtete eifersüchtig ihre Hofdamen und machte dem König Vorwürfe, er würde sie vernachlässigen, wenn er seine Aufmerksamkeit anderen Personen widmete. Solange sie Heinrich keinen Sohn geboren hatte, war ihre Position angreifbar und schwach. Solange Katharina von Aragón am Leben war, war Anne nicht die einzige Königin in England, und solange Maria lebte, war Elisabeth nicht die einzige potenzielle Thronerbin. Ironischerweise war Annes größter Schutz, dass Katharina von Aragón noch lebte, denn Heinrich befürchtete, wenn er die Ehe mit Anne für ungültig erklärte, wäre die Ehe mit Katharina automatisch wieder gültig. Daher wurde durch den Tod Katharinas von Aragón Anfang Januar 1536 Annes Position deutlich schlechter. Annes zweite Fehlgeburt ereignete sich drei Wochen nach Katharinas Tod.

Mit der zweiten Fehlgeburt verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Heinrich und Anne. Sie hatte die Hoffnungen des Königs zum zweiten Mal enttäuscht und war bei Hofe umgeben von Menschen, die auf jedes Zeichen warteten, dass das Interesse des Königs an Anne nachlassen würde. Selbst die königlichen Botschafter aus Frankreich hofierten Maria und Anne, wobei sie Maria als inoffizielle Prinzessin vorzogen, zuerst besuchten und Königin Anne damit offen düpierten.<ref name="Anne und Maria" /> Die einzigen Menschen, denen Anne vertraute, waren ihre engste Freundin und Hofdame Margaret, Lady Lee, die Schwester Thomas Wyatts, und ihr Bruder George Boleyn, Viscount Rochford. Dessen Frau, Jane Boleyn, Viscountess Rochford, machte später während ihres Verhörs eine Aussage, die Anne und George schwer belastete. Lady Rochford sagte allerdings nicht im Prozess gegen ihren Ehemann und ihre Schwägerin aus.

Der oft vorgebrachte Gedanke, dass eine Syphiliserkrankung des Königs die Ursache für die Fehl- und Totgeburten seiner Frauen sein könnte, gilt unter Historikern als sehr unwahrscheinlich, da keines seiner überlebenden Kinder Symptome der Krankheit zeigte und der König selbst sich nie der damals üblichen sechswöchigen Behandlung mit Quecksilber unterzog.<ref>Lucy Wooding: Henry VIII. Routledge Historical Biographies, London / New York 2009, S. 266. Vorlage:OxfordDNB/core{{#invoke:TemplatePar|check |opt= Autor= Lemma= Nach2004= Print= Band= Seite= SeiteVon= SeiteBis= Stand= ID= URLpfad= Kommentar= FreierZugriff= Verfasser= DOI= Abruf= Zugriff= kurz= |cat=Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:OxfordDNB }}{{#ifeq: 0 | 0

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{{#if: Vorlage:Str match | | Vorlage:OxfordDNB – Artikelkennung keine Zahl }}{{#switch:

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}} }}</ref> Eine andere Hypothese für die vielen Fehlgeburten lautet, dass bei Anne und Heinrich eine Rhesus-Inkompatibilität vorlag. Bei solchen Paaren verläuft zwar die erste Geburt komplikationslos, alle nachfolgenden Schwangerschaften aber können durch Antikörper im Blut der Mutter zu Fehl- und Frühgeburten führen. Eine Studie aus dem Jahr 2011 stellt zudem die These auf, dass Heinrich im Unterschied zu Anne und auch Katharina Kell positiv gewesen sein könnte. Eine Kell-Inkompatibilität hat während einer Schwangerschaft sehr ähnlich Folgen wie eine Rhesus-Inkompatibilität.<ref>Catrina Banks Whitley, Kyra Kramer: A New Explanation for the Reproductive Woes and Midlife Decline of Henry VIII. In: The Historical Journal. Band 53, Nr. 4, S. 827–848, doi:10.1017/S0018246X10000452.</ref>

Der englische Hof reagierte schnell auf das nachlassende Interesse an Anne und den steigenden Stern von Jane Seymour. Die genauen Gründe für eine Intrige gegen Anne bei Hofe lassen sich heute nicht mehr genau nachvollziehen und überprüfen. Daher wird von einigen Historikern vermutet, dass die ehrgeizigen Brüder von Jane Seymour zusammen mit Thomas Cromwell schon länger die Absetzung und Anklage von Anne planten und gezielt Gerüchte und Verdächtigungen gegen Anne streuten, sie habe seit längerem Affären mit anderen Männern, zu denen auch ihr eigener Bruder gehöre.<ref name="Anne und Maria" />

Festnahme und Prozess

Am 1. Mai 1536 begleitete Anne den König zu einem Turnier in Greenwich. In der Pause zwischen den Kämpfen wurde dem König eine dringende Nachricht überbracht, deren Inhalt bis heute unbekannt ist. Daraufhin verließ Heinrich das Turnier. Anne sah ihren Mann nie wieder.

Datei:Hans Holbein (II) - Thomas Howard, 3rd Duke of Norfolk.jpg
Thomas Howard, 3. Duke of Norfolk, Onkel von Anne Boleyn (Gemälde von Hans Holbein)

Anne Boleyn wurde am 2. Mai 1536 in Greenwich unter dem Vorwurf des mehrfachen Ehebruchs, inzestuöser Beziehungen zu ihrem Bruder und des Plans, den König zu töten, festgenommen. Anne reagiert anfänglich hysterisch auf die Festnahme; sie sprach unzusammenhängend und verlangte um Auskunft, was man ihr vorwerfe.<ref>Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 226.</ref> Anne wurde im Tower inhaftiert, wo Sir William Kingston die Aufsicht hatte.<ref>G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, S. 162.</ref>

Datei:ThomasBoleyn1.jpg
Thomas Boleyn, Vater von Anne Boleyn (Porträt von Hans Holbein)

Thomas Cromwell stellte sofort danach sicher, dass die Boleyn–Fraktion am Hof ebenfalls kaltgestellt wurde. Annes Bruder George, der offenbar nach London gereist war, um mit Heinrich zu sprechen, wurde einen Tag nach Anne ebenfalls festgenommen.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 328.</ref> Ebenfalls wurden Annes angeblichen Liebhaber verhaftet. Hierzu gehörten der Schatzmeister der königlichen Privatschatulle, Henry Norris, die Kammerherren Sir Francis Weston und William Brereton sowie der Musiker Mark Smeaton. Mit Ausnahme von Smeaton wiesen alle Männer die Vorwürfe zurück. Der Historiker Eric Ives vermutet, dass Smeaton versuchte, einem grässlichen Tod zu entgehen. Er war der einzige, der in Ketten vor das Gericht geführt wurde, und hatte als Nichtadliger als einziger unter den Angeklagten keinen Anspruch auf eine schnelle Hinrichtung durch Enthauptung. Seine einzige Rettung vor dem Tod durch Hängen, Ausweiden und Vierteilen war ein Geständnis. Nach gängigem Gesetz konnte der Angeklagte in einem Verräterprozess nur dann auf Begnadigung hoffen, wenn er sich schuldig bekannte und sich völlig dem Urteil des Königs überließ. Im Falle einer Verurteilung konnte der Angeklagte durch ein Geständnis bewirken, dass er einen weniger grausamen Tod erleiden musste.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. ‚The Most Happy‘. Blackwell, Malden 2004, S. 327.</ref>

Henry Norris, Sir Francis Weston, William Brereton und Mark Smeaton wurden am 12. Mai 1536 in Westminster Hall zum Tode verurteilt. Anne und ihr Bruder George Boleyn wurden am 15. Mai vor das Tribunal, unter dem Vorsitz ihres Onkels, des Duke of Norfolk, gebracht, um sich der Anklage des Inzests zu stellen. Auch hier sagte Lady Rochford, die Frau von George, aus, dass es zwischen den Geschwistern zu {{

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}} gekommen sei. Weder Annes Onkel Thomas Howard, 3. Duke of Norfolk, der den Vorsitz führte, noch ihr Vater Thomas Boleyn versuchten, den beiden zu helfen.

Die Anschuldigungen gegen die Geschwister Boleyn wurden bereits von Zeitgenossen in Zweifel gezogen. Doch sie enthielten auch eine religiöse Komponente. Da George Boleyn bekennender Protestant war, wurde er von konservativen katholischen Kreisen noch lange Zeit als Verbrecher betrachtet. Als seine Witwe im Jahre 1542 selbst hingerichtet werden sollte, bekannte sie einer Legende zufolge, dass sie im Fall ihres Ehemanns gelogen habe:

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Thomas Cranmer, Erzbischof von Canterbury (Künstler unbekannt)

In der modernen Geschichtsschreibung gilt jedoch als gesichert, dass dieses Zitat erfunden wurde.<ref name="ridgway"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20130320093452

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            }} 
       }}
  }}, Jane Boleyn, the Tudor Scapegoat.</ref>

Der Satz {{

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             | {{{ref}}} }}

}}, den Anne unbedacht zu Henry Norris sagte, wurde ihr im Prozess als Mordplan gegen den König ausgelegt. Der gesamte Prozess gegen Anne beruhte auf Erzählungen und Aussagen von Zeugen, die entweder vorbereitet wurden oder der Königin gegenüber schon lange feindlich gesinnt waren. So sagte Jane Boleyn, Viscountess Rochford – ihre eigene Schwägerin – aus, Anne habe ihr einmal gesagt, {{

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}}

Beim Prozess war Anne eindeutig wieder Herrin über sich selbst und trat gefasst auf. Mit ihren sparsamen und gefassten Antworten dominierte sie das Gericht. Anne war sich bewusst über die Schwierigkeit, ihre Unschuld zu beweisen. Gegenüber Kingston hatte sie die Schwierigkeit erwähnt, eine negative Tatsache zu beweisen: „Ich kann nicht mehr als Nein sagen.“ und: „Wenn mich irgend jemand beschuldigt, kann ich nur “Nein” sagen, und sie können keinen Zeugen erbringen.“ Charles Wriothesley, langjähriger Heraldiker am College of Arms in London und eigentlich Sympathisant von Katharina und Maria, gab die vorherrschende Meinung wieder: „Sie gab so kluge und umsichtige Antworten auf alle Vorwürfe, die gegen sie vorgelegt wurden, verteidigte sich mit ihren Worten so klar, als ob sie nie fehlerbehaftet gewesen wäre.“<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 340.</ref> Die Peers gaben einer nach dem anderen ihre Schuldsprüche ab und verurteilten Anne einstimmig zum Tod.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 340 f.</ref> Anne selbst äußerte daraufhin, dass sie bereit sei zu sterben, aber voller Bedauern für die unschuldigen und loyalen Männer, die mit ihr sterben müssten.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 341.</ref>

Hinrichtung

Am 17. Mai 1536 wurden die fünf verurteilten Männer auf dem Tower Hill hingerichtet. Annes Hinrichtung wurde um zwei Tage verschoben, bis Thomas Cranmer ihre Ehe mit Heinrich für ungültig und die Tochter Elisabeth zum Bastard erklärt hatte.

Heinrich ließ zur Hinrichtung seiner Ehefrau am 19. Mai 1536 den Henker Jean Rombaud aus dem französischen Saint-Omer kommen, der für seine Fähigkeiten bei der Enthauptung mit dem Schwert bekannt war.<ref>Sabine Schwabenthan: Enthauptung auf Französisch. In: P.M. History #2/2015, Gruner + Jahr, Hamburg 2015, S. 31, {{#invoke:URIutil|{{#ifeq:1|1|linkISSN|targetISSN}}|2510-0661|0}}{{#ifeq:1|0|[!] }}{{#ifeq:0|1

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}}.</ref><ref>The Execution & Death of Anne Boleyn, 1536 – Primary Sources, Anne Boleyns letzte Worte nach den Annals of John Stow, auf der Webseite englishhistory.net Abgerufen am 19. Mai 2021.</ref> Eine Gruppe von Beamten hatte sich im Tower versammelt, um der Hinrichtung beizuwohnen.

Auf dem Schafott hielt die Todgeweihte eine kurze Rede.
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}}</ref>

Übersetzung
<poem>

Good Christian people, I am come hither to die, for according to the law, and by the law I am judged to die, and therefore I will speak nothing against it. I am come hither to accuse no man, nor to speak anything of that, whereof I am accused and condemned to die, but I pray God save the king and send him long to reign over you, for a gentler nor a more merciful prince was there never: and to me he was ever a good, a gentle and sovereign lord. And if any person will meddle of my cause, I require them to judge the best. And thus I take my leave of the world and of you all, and I heartily desire you all to pray for me. O Lord have mercy on me, to God I commend my soul. To Jesus Christ I commend my soul; Lord Jesus receive my soul. </poem>

<poem>

Gute christliche Leute, ich bin hierher gekommen, um zu sterben, denn gemäß dem Gesetz und durch das Gesetz wurde ich verurteilt zu sterben, und daher werde ich nicht dagegen sprechen. Ich bin hierher gekommen weder, um einen Menschen anzuklagen, noch irgend etwas darüber zu sagen, weshalb ich angeklagt und zum Tod verurteilt wurde. Aber ich bete: Gott schütze den König. Möge er noch lange über euch herrschen. Denn einen sanftmütigeren und nachsichtigeren Fürsten als ihn gab es nie. Mir war er stets ein guter, freundlicher und gnädiger Herr. Und wenn irgendeine Person sich in meine Sache einmischt, so verlange ich von ihr, aufs Beste zu urteilen. Und so nehme ich meinen Abschied von der Welt und Euch allen, und ich wünsche mir herzlichst von Euch, für mich zu beten. O Herr, habe Gnade mit mir, zu Gott empfehle ich meine Seele. An Jesus Christus empfehle ich meine Seele, Herr Jesus empfange meine Seele. </poem>

Anne gestand ihre Schuld nicht, vermied es aber auch, den König anzugreifen. Anne Boleyn wurde kniend, mit verbundenen Augen und erhobenem Kopf hingerichtet. Bereits elf Tage nach Annes Tod, am 30. Mai 1536, heiratete Heinrich seine dritte Frau, Jane Seymour.

Datei:Scaffold Site.JPG
Denkmal an der Hinrichtungsstätte auf dem Tower Green

Nahe der Hinrichtungsstätte Tower Green im Tower of London befindet sich seit 1866 eine Gedenktafel. Ihr Leichnam wurde ohne Erinnerungstafel unter dem Kirchenschiff der Kapelle des Towers St. Peter ad Vincula begraben. Im Zuge von Renovierungsarbeiten wurden 1876 die sterblichen Überreste der dort liegenden Personen identifiziert und ihr Leichnam in die Gruft der Kapelle überführt.<ref>Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 235.</ref> Die Historikerin Alison Weir hält es allerdings für möglich, dass es sich um die Überreste von Catherine Howard handelt.<ref>Alison Weir: The Lady in the Tower: The Fall of Anne Boleyn. Vintage, London 2010, S. 411 ff.</ref>

Verhältnis zu Elisabeth

Datei:Silver Falcon Badge.svg
Badge (= Bilddevise) Elisabeth I. von England; Anne Boleyn verwendete die Version ohne Blumen

Anne musste kurz nach der Geburt feststellen, dass es ihr nicht erlaubt war, Elisabeth selbst zu erziehen. Solange kein männlicher Sohn geboren war, war Elisabeth die Erbin des Throns und sie wurde, wie es damals der Sitte entsprach, mit einem eigenen kleinen Haushalt versorgt und von den Eltern getrennt erzogen. Das letzte Wort bei allen Entscheidungen Elisabeth betreffend hatten Heinrich und sein Rat.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 255.</ref> Anne besuchte Elisabeth sowohl mit Heinrich als auch allein regelmäßig und hielt konstanten Kontakt zu Margaret, Lady Bryan, die für Elisabeth verantwortlich war.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 256.</ref> Von Elisabeth heißt es, sie habe in ihrem späteren Leben praktisch nie von ihrer Mutter gesprochen. Erinnerungen an ihre Mutter wird sie allerdings auch kaum gehabt haben, da sie bei Anne Boleyns Tod erst zwei Jahre und acht Monate alt war und zudem seit ihrem dritten Lebensmonat in eigener Hofhaltung lebte. Obwohl Elisabeth sich in der Öffentlichkeit stets mit ihrem Vater identifizierte und oft betonte, die Tochter Heinrichs VIII. zu sein, scheint sie privat auch das Andenken an ihre Mutter wachgehalten zu haben.<ref name="Ein Beispiel dafür">Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Chequers’ Ring, in dem sich ein Doppelporträt von ihr und mutmaßlich ihrer Mutter Anne Boleyn befindet. {{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}| |}}}}{{#if:Sarah Morris|Sarah Morris: }}{{#if:|{{#if:The Chequers’ Ring & The Mysterious Riddle of the Woman in the Portrait|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=The Chequers’ Ring & The Mysterious Riddle of the Woman in the Portrait}}]{{#if:| ({{{format}}})}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://thetudortravelguide.com/the-chequers-ring-the-mysterious-riddle-of-the-woman-in-the-portrait/%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=The Chequers’ Ring & The Mysterious Riddle of the Woman in the Portrait}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://thetudortravelguide.com/the-chequers-ring-the-mysterious-riddle-of-the-woman-in-the-portrait/}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=The Chequers’ Ring & The Mysterious Riddle of the Woman in the Portrait}}}}]}}{{#if:| ({{{format}}}{{#if:thetudortravelguide.com{{#if: 2025-08-02 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}

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Tilgung

Bereits vor der Hinrichtung Annes gab Heinrich Anweisungen, jeden Hinweis auf Anne Boleyns Leben aus den Aufzeichnungen über seine Herrschaft auszulöschen. Briefe Annes an ihn vernichtete Heinrich mutmaßlich selbst. Aufbewahrte Akten zu ihrem Gerichtsprozess wurden als Baga de Secretis gekennzeichnet, in der Tudor–Ära das offizielle Streng geheim–Siegel.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 57.</ref> In Hampton Court und den anderen royalen Residenzen wurden Steinmetze beauftragt, Initialen, Embleme, Mottos und viele der geschnitzten verschlungenen H&A zu entfernen. Inschriften über „Queen Anne“ wurden in „Queen Jane“ umgeändert.<ref>Susan Bordo: The Creation of Anne Boleyn: A New Look at England’s Most Notorious Queen. Houghton Mifflin, Boston 2013, S. X.</ref> Da Heinrich vormals ebenso aggressiv Hinweise und Vermerke auf Anne in jedem Winkel seiner Herrschaft anbringen ließ, entgingen einige Zeugnisse allerdings den hastig durchgeführten Tilgungsaktionen.<ref>Susan Bordo: The Creation of Anne Boleyn: A New Look at England’s Most Notorious Queen. Houghton Mifflin, Boston 2013, S. X f.</ref> In den restlichen Jahren von Heinrichs Herrschaft war Anne eine Unperson, über die nicht gesprochen oder geschrieben wurde. Eric Ives sah die Aufarbeitung von Anne Boleyns Leben deshalb als frustrierenden Fall für jeden Historiker, da sie kaum eigene Zeugnisse hinterlassen habe und sich ihr Einfluss schwer ermessen lasse. Da Anne zudem eine provokative Person gewesen sei, seien im Ergebnis auch die verbliebenen Zeugnisse von Zeitgenossen entweder bewundernd oder äußerst feindselig.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. XV.</ref>

Kinder

Kinder mit Heinrich VIII.

Heirat am 25. Januar 1533, die Ehe wurde 1536 annulliert

  • Elisabeth I. (* 7. September 1533; † 24. März 1603)
  • Henry (*/† 1534); Historiker sind sich unsicher, ob dieses Kind tot geboren wurde oder kurz nach der Geburt starb. Die Geburt selbst und das Geschlecht des Kindes sind nicht sicher belegt.
  • Edward (*/† 29. Januar 1536)

Rezeption

Stimmen der Zeitgenossen: Legende und Mythos

Einer Legende nach soll Anne Boleyn einen Ring, der das Porträt von ihr und Elisabeth zeigt, kurz vor ihrem Tod Elisabeth als Andenken übergeben haben. Der Ring wurde nach Elisabeths Tod 1603 von ihrem Finger entfernt und Jakob VI. von Schottland gegeben, um ihm den Tod Elisabeths zu beweisen. Der Ring befindet sich heute neben vielen weiteren Ausstellungsstücken im Museum by The Chequers Trust.

In den unmittelbaren Urteilen der Zeitgenossen sind selbst simple Fakten umstritten.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 46.</ref> Zunächst zeigte sich eine scharfe Trennlinie zwischen katholischen und protestantischen Stimmen. Der Neffe von Sir Thomas Morus, William Rastell, setzte in seinem verlorengegangenen Leben seines Onkels das Gerücht in die Welt, das Anne Boleyn die Tochter von Heinrich VIII gewesen sei.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 47.</ref>

John Foxe – ein konservativer Protestant – verteidigte nach 1558 Annes Moral und ihre religiöse Hingabe und machte sie zur Schutzheiligen des englischen Protestantismus. Er behauptete, dass Gott ihre Unschuld und Tugend bewiesen habe, da später Elisabeth I. den englischen Thron erbte.<ref>Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 1.</ref> Bischof John Aylmer (1559) und John Bridges (1573) verteidigten ebenfalls Annes Andenken und erhoben sie zur Märtyrerin.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. 48.</ref>

Das 1585 in Köln veröffentlichte prokatholische Werk „De origine ac progressu schismatis Anglicani“ des aus England geflüchteten Jesuitenpriesters Nicholas Sanders bringt dagegen verschiedene Anschuldigungen gegen Anne Boleyn vor. So behauptete er, Anne sei eine illegitime Tochter Heinrichs VII. gewesen. Bei der Beschreibung ihres Äußeren gibt er zudem an, sie habe an der rechten Hand sechs Finger (Polydaktylie) gehabt.<ref>Nicholas Sande, Edward Rishton (Hrsg.): De origine ac progressu schismatis Anglicani. Köln 1585, fol. 16; Ingolstadt 1587, S. 16.</ref>

Forschung

In neuerer Zeit teilte sich unter den protestantischen Historikern und Autoren dann die Meinung über Anne Boleyn. Im viktorianischen Zeitalter dominierte das Bild, wie es James Anthony Froude zeichnete: Während er Heinrich VIII. als großen König porträtierte, war demgegenüber Anne Boleyn für ihn eine Randfigur, deren Charakter er entsprechend der herrschenden viktorianischen Moralvorstellungen und Vorurteile in Zweifel zog. Aufgrund ihrer in seiner Sicht moralisch zweifelhaften Ausbildung am „vergifteten“ französischen Hof sei es unmöglich, ein verlässliches Urteil über ihren Charakter zu fällen. Damit seien auch Zweifel angebracht, ob die Vorwürfe, dass sie bereits mit Henry Percy 1522 eine gültige Ehe geschlossen hätte, nicht wahr seien.<ref>James Anthony Froude: History of England from the Fall of Wolsey to the Death of Elizabeth. Scribner and company, London 1856–1870, Vol I, S. 183.</ref>

1884 bzw. 1886 erschien Paul Friedmanns zweibändiges Werk Anne Boleyn: A Chapter of English History, 1527-1536. Friedmans Studie bildete in seinen Anlagen die Grundlage für viele spätere Biografien von Anne Boleyn. Er interpretierte ihren Fall als Konsequenz aus Heinrichs nachlassendem Interesse an ihr; da er selbst jedoch nie die Courage besessen hätte, selbst aktiv zu werden, wäre es an seinem zuverlässigen Handlanger Thomas Cromwell gewesen, den Fall von Anne und der Boleyn–Fraktion am Hof zu besorgen.<ref>Pauk Friedmann: Anne Boleyn: A Chapter of English History, 1527-1536 Macmillan and Company, London 1884/1886, S. 240 ff.</ref>

A. F. Pollard, dominierender Tudor-Historiker im Großbritannien der Zwischenkriegsjahre, prägte in seinen Publikationen wiederum das Bild Heinrichs als großem Reformer, der England aus dem Mittelalter in die moderne Welt führte. Umgekehrt zeichnete er Anne Boleyn als eine in Schönheit, Intellekt und Tugend wenig hervorragende Frau. Annes Platz in der englischen Geschichte sei allein dem Umstand geschuldet, dass sie den weniger kultivierten Teil von Heinrichs Natur ansprach.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. XIV.</ref>

Beginnend in den 1980er Jahren veröffentlichte die Historikerin Retha Warnicke eine Serie von Artikeln über Anne Boleyn, die sie in ihrem 1989 erschienenen Buch The Rise and Fall of Anne Boleyn: Family Politics at the Court of Henry VIII bündelte. Warnicke stellte eine Reihe von Thesen auf: So legte sie Annes Geburtsdatum auf den Sommer 1507. Den kursierenden Thesen über angebliche Deformitäten Annes widersprach sie, da sich dazu keinerlei Hinweis unter ihren Zeitgenossen finden lasse. Dabei sei es absolut unlogisch anzunehmen, dass die Gegner Annes – wie etwa der venezianische Botschafter oder der kaiserliche Gesandte – diese nicht dankbar aufgegriffen hätten, um sie propagandistisch gegen Anne zu verwerten. Diese Hinweise seien erst nach Anne Boleyns Fall in Umlauf gebracht worden, um sie in negativem Licht zu porträtieren. Die Ereignisse, die 1536 zur Hinrichtung von Anne Boleyn führten, wurden von Historikern traditionell häufig im Sinne einer Fraktionsverschwörung erklärt, die von Heinrichs Minister Thomas Cromwell ausgeheckt wurde. Retha Warnickes Neuinterpretation konzentrierte sich hingegen auf die sexuellen Intrigen und Familienpolitik am Tudor–Hof. Warnicke sah Anne Boleyns Fall nicht als Ergebnis einer (eventuell von Thomas Cromwell betriebenen) Verschwörung, sondern vielmehr von Heinrichs Besorgnis um die Fortführung der Tudor-Dynastie. Warnicke legte das Augenmerk auf eine Fehlgeburt von Januar 1536, in der Anne einen deformierten Fötus zur Welt gebracht hätte. Dies, verbunden mit dem am Hofe herrschenden Aberglauben, habe Heinrich an ein böses Omen für seine Dynastie und Königreich glauben lassen. Weiter habe es dazu geführt, dass er Gerüchte begünstigte, die Anne als Hexe schilderten, die Heinrich verhext und mit fünf anderen Männern sexuell verkehrt habe.

Warnickes Thesen fanden keinen Anklang. David Starkey, Eric Ives, G. W. Bernard und Alison Weir widersprachen Warnickes Thesen.

Der britische Historiker Eric Ives veröffentlichte 1988 mit Anne Boleyn (2004 in überarbeiteter und erweiterter Fassung als The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy neu veröffentlicht) seine Biographie Anne Boleyns. Ives formulierte zu diversen Streitfragen den neuen akzeptierten Kanon in der Forschung. So legte er Annes Geburtsdatum auf 1501. Weiter interpretierte er Anne Boleyns Herkunft als den einer Frau, die dem niederem und dem Hochadel entstammte und widersprach damit lange formulierten Formeln, die Annes Familie von niederer Herkunft zu porträtieren suchten. Ives sieht Anne als intellektuelle Frau, die sowohl in Theologie bewandert als auch die erste Königin war, die die Kunst der Renaissance in England befördert habe. Ihre religiösen Überzeugungen hätten den Grundstein für das protestantische England gelegt. Als effektive Politikerin habe sie den Sturz von Wolsey herbeigeführt. Um dem gleichen Schicksal zu entgehen, habe Thomas Cromwell ihren Fall mittels einer Hofintrige herbeigeführt. In seinem Fazit sieht Ives Anne als die einflussreichste Queen Consort, die das Land je gehabt habe. Ihr sei es durch schiere Persönlichkeit und Initiative gelungen, durch „die gläserne Decke“ zu stoßen, die Frauen in einer männlich dominierten Welt am Aufstieg hinderte. Damit sei auch ihr Status als eine feministische Ikone wohlverdient.<ref>Eric Ives: The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell Publishing, London 2004. S. XIV f.</ref>

Mit seinen Ergebnissen stellte er Warnickes Thesen in Frage. Warnicke widersprach Ives, so vor allem im Sommer 1993 in ihren im The English Historical Review veröffentlichten Debattenbeitrag The Fall of Anne Boleyn Revisited. Warnicke sah Ives' These zu Annes Sturz als das Resultat aus Ives' überproportionaler Nutzung spanischer Quellen, vor allem des Botschafters Chapuys. Dessen deutlich vorurteilsbeladene, oft widersprüchliche Berichte versah sie mit dem gleichen Fragezeichen wie etwa die Anekdoten von Foxe.<ref>Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 2.</ref> Warnicke war Ives auch vor, ein antiquiertes Bild von der höfische Minen zu haben.<ref>Retha M. Warnicke: The Fall of Anne Boleyn Revisited. in: English Historical Review. Vol. 108 Issue 428, Juli 1993, S. 653 f.</ref> Weiter urteilte sie, dass Ives' Theorie über Annes Geburtsdatum lächerlich sei. In der Folge entwickelte sich ein jahrelanger Historikerstreit. Während Warnickes Thesen keinen Anklang fanden, gelten inzwischen die Thesen von Ives in weiten Teilen als der akzeptierte Konsens in der Forschung.

Der britische Historiker G. W. Bernard wiederum unterstützte Ives' Forschung im Hinblick auf mehrere Punkte, so etwa Annes Geburtsdatum. Andererseits sah er Ives' Forschung in Hinblick auf die politischen Ereignisse während Annes Zeit am Hof skeptisch und folgte eher den früheren Deutungen, die Heinrich als den maßgeblichen Treiber der Ereignisse sahen. Zudem sah er Anne Boleyns Fall in seiner Schilderung (Anne Boleyn: Fatal Attractions) als Resultat ihrer sexuellen Untreue. Bernard stützte sich dabei vor allem auf ein Poem von Lancelot de Carles.

Susan Bordo spielte 2013 in The Creation of Anne Boleyn, eine Darstellung der kulturellen Interpretation Anne Boleyns, ironisch auf die völlig unterschiedlichen Interpretationen der historischen Figur Anne Boleyn an: Sie sei von unterschiedlichen Generationen in völlig unterschiedlichen Erscheinungen interpretiert worden, da sich wahlweise auf Anne Boleyn alles hineinprojizieren ließe. Je nach Quelle sei sie wahlweise deformiert oder eine Venus, sei freigeistige Intellektuelle oder hilfloses Opfer eines Tyrannen, protestantische Märtyrerin oder Erotomanin und kaltblütige Mörderin. So tauge sie in der Porträtierung als ein rebellischer Freigeist damit ebenso als Vorbild für die Generation der Swinging Sixties wie für moderne Frauen als feministische Ikone.

Im Jahr 2025 veröffentlichten John Guy und Julia Fox ihr Buch Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. Sie legten ihren Fokus vor allem auf Annes junge Jahre an den Höfen in Frankreich und der habsburgischen Niederlande. Guy und Fox sahen Anne als Ausnahmeerscheinung. Trotzdem sie nur relativ kurz Königsgemahlin war, habe ihr Wirken spürbare Folgen gehabt. Als einzige Frau Heinrichs habe sie eine eigenständige Paralleldiplomatie gepflegt, habe Einfluss auf seine Herrschaft gehabt und sei eine Zeitlang von Heinrich wie eine Art Mitherrscherin behandelt worden.

Moderne Rezeption

Theater und Oper

Gaetano Donizetti komponierte eine am 26. Dezember 1830 im Teatro Carcano in Mailand uraufgeführte Belcanto-Oper unter dem Titel Anna Bolena, die auf Anne Boleyns Biographie fußt. Sie wird zusammen mit Maria Stuarda (1834) und Roberto Devereux (1837) zu Donizettis so genannter Tudor-Trilogie gerechnet. Das zweiaktige Libretto von Felice Romani fokussiert auf den letzten Lebensabschnitt Anne Boleyns. Auf Schloss Windsor warnt sie ihre Rivalin Giovanna Seymour davor, den Verlockungen von Glanz und Macht zu erliegen. Gleichzeitig gesteht sie ihrem früheren Liebhaber Lord Riccardo Percy, dass sie die Verbindung zu ihm nur aus Ruhmsucht aufgegeben hat. Als König Enrico VIII. ein Medaillon Annas im Besitz ihres Pagen Smeton findet, deutet er dies als Beweis ihrer Untreue. Smeton bestätigt in einer Falschaussage, der Geliebte Annas gewesen zu sein. Kurz vor ihrer Hinrichtung im Tower zu London – die Glocken anlässlich der Vermählung Enricos mit Giovanna sind schon zu hören – wird Anna wahnsinnig. Der Titelpart wurde seitdem unter anderen von Elena Souliotis, Maria Callas, Joan Sutherland, Beverly Sills, Edita Gruberová, Elena Moșuc und Anna Netrebko interpretiert.

Eine weitere Oper über Anne Boleyn und Heinrich VIII. komponierte Camille Saint-Saëns. Sein 1883 uraufgeführter Henry VIII handelt in künstlerischer Freiheit von der Beziehung Beider und dem Kirchenschisma.

1884 erschien das „Historische Trauerspiel“ Anna Boleyn von Carmen Sylva und Mite Kremnitz. Im Jahr 1947 publizierte Maxwell Anderson das Theaterstück Anne of the Thousand Days. Es wurde 1969 unter dem Titel Königin für tausend Tage von Charles Jarrott verfilmt. Die franko-kanadische Schauspielerin Geneviève Bujold agierte als Titelfigur, während der renommierte britische Theater- und Filmschauspieler Richard Burton König Heinrich mimte. Der Film wurde im Jahre 1970 mit vier Golden Globe Awards prämiert und für zehn Oscars nominiert.

Musik

Franz Königshofer ließ sich von ihr 1955 zu einem Werk für Blasorchester, Anna Boleyn Symphonische Musik, inspirieren.

Der britische Rockmusiker Rick Wakeman zeichnet in seinem 1973 erschienenen Album The Six Wives of Henry VIII, im fünften Stück mit dem Titel Anne Boleyn/The Day Thou Gavest Lord Hath Ended, ein musikalisches Bild der Ehefrauen des Königs.

Die deutsche Folk-Rock-Band Ougenweide hat mit dem Song O Death Texte von Anne Boleyn aus der Inhaftierung vor ihrer Hinrichtung zitiert. Veröffentlicht wurde der Song 1996 auf dem Album „Sol“. Diese Texte wurden ebenso verwendet von Camerata Sforzesca auf dem Album „Live“ (2002), Lucy Ward auf dem Album Adelphi Has To Fly (2011) und Rosemary Standley & Helstroffer’s Band auf dem Album Love I Obey (2015)<ref>{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}| |}}}}{{#if:|{{{autor}}}: }}{{#if:|{{#if:Ougenweide – Sol|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=Ougenweide – Sol}}]{{#if:| ({{{format}}})}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://www.discogs.com/de/Ougenweide-Sol/release/890375%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=Ougenweide – Sol}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://www.discogs.com/de/Ougenweide-Sol/release/890375}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=Ougenweide – Sol}}}}]}}{{#if:| ({{{format}}}{{#if:discogs{{#if: 2017-03-11 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}

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Die britische Pop-Band McFly verarbeitete 2006 die Thematik „Anne Boleyn“ humoristisch in ihrem Song Transylvania aus dem Album Motion in the Ocean.

Anne Boleyn ist eine der Hauptfiguren des Musical Six, in dem die sechs Ehefrauen von Heinrich VIII. in einem Ausscheidungssingen für eine Girlgroup gegeneinander antreten.

Erzählende Literatur

Mit Die Schwester der Königin schrieb Philippa Gregory 2002 einen Bestseller über die Boleyn–Schwestern. Der Roman wurde zuerst 2003 mit Natascha McElhone und erneut 2008 als Die Schwester der Königin mit Natalie Portman, Scarlett Johansson und Eric Bana verfilmt.

In Hilary Mantels Romanen Wolf Hall (deutscher Titel: Wölfe, 2010) und Bring up the Bodies (deutscher Titel: Falken, 2012) wird die Zeit vor der Eheschließung von Henry VIII. und Anne Boleyn bis zur Hinrichtung Annes aus der Perspektive des Kanzlers Thomas Cromwell erzählt. Die beiden Romane wurden von der BBC als sechsteilige Serie unter dem Titel Wölfe (Original: Wolf Hall) verfilmt und 2015 gesendet. Anne Boleyn wurde von Claire Foy gespielt.

Film

Fernsehen

  • 2007–2010: Die Tudors – Diese Serie umfasst vier Staffeln (Staffel 1, 2 und 4 à zehn Folgen, Staffel 3 à 8 Folgen). Natalie Dormer verkörpert Anne Boleyn.
  • 2015: Wölfe (Original: Wolf Hall). Claire Foy verkörpert Anne Boleyn.
  • 2021: Anne Boleyn. Jodie Turner-Smith verkörpert Anne Boleyn.

Literatur

Biographien

  • Lacey Baldwin-Smith: Anne Boleyn: The Queen of Controversy. Amberley, Chalford 2013, ISBN 978-1-4456-1023-8.
  • Elizabeth Benger: Memoirs of the Life of Anne Boleyn, Queen of Henry VIII. Potter, 1885.
  • G. W. Bernard: Anne Boleyn: Fatal Attractions. Yale University Press, New Haven 2010, ISBN 978-0-300-16245-5.
  • John Guy & Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII.. Die Ehe, die die Welt erschütterte. CH Beck, 2025, ISBN 978-3-406-82201-8
  • Antonia Fraser: Die sechs Frauen Heinrichs VIII. Claassen, Berlin 1995, ISBN 3-546-00081-1.
  • Eric Ives: Anne Boleyn. Blackwell, Oxford 1988, ISBN 0-631-16065-5. überarbeitet 2004 und neu herausgegeben als
    • The Life and Death of Anne Boleyn. The Most Happy. Blackwell, Malden 2005, ISBN 1-4051-3463-1.
  • Philip W. Sergeant: The Life of Anne Boleyn. Kessinger, 2005, ISBN 1-4179-2581-7.
  • David Starkey: Six Wives. The Queens of Henry VIII. HarperCollins, New York 2004, ISBN 0-06-000550-5.
  • Retha M. Warnicke: The Rise and Fall of Anne Boleyn. Cambridge University Press, Cambridge 1989, ISBN 0-521-40677-3.
  • Alison Weir: The Six Wives of Henry VIII. Pimlico, London 1991, ISBN 0-7126-7384-9.
  • Alison Weir: The Lady In The Tower: The Fall of Anne Boleyn. Vintage, London 2010, ISBN 978-0-7126-4017-6.

Darstellungen

  • Susan Bordo: The Creation of Anne Boleyn: A New Look at England’s Most Notorious Queen. Houghton Mifflin, Boston 2013, ISBN 978-0-547-32818-8.
  • William Hepworth Dixon: History of Two Queens. Catharine of Aragon. Anne Boleyn: Volume 3. Adamant, 2001, ISBN 0-543-95581-8.
  • Marita A. Panzer: Englands Königinnen. Piper, München 2003, ISBN 3-492-23682-0.
  • Helga Thoma: Ungeliebte Königin. Ehetragödien an Europas Fürstenhöfen. Ueberreuter, Wien 2000, ISBN 3-8000-3783-1.

Studien

  • G. W. Bernard: The Fall of Anne Boleyn. The English Historical Review, Vol. 106, Issue 420 Juli 1991, S. 584–610.
  • G. W. Bernard: The Fall of Anne Boleyn: A Rejoinder. in: The English Historical Review, Vol. 107, Issue 424, Juli 1992, S. 665–674.
  • Eric Ives: The Fall of Anne Boleyn Reconsidered. in: The English Historical Review, Vol. 107, Issue 424, Juli 1992, S. 651–664
  • Roland Hui: Anne of the Wicked Ways: Perceptions of Anne Boleyn as a Witch in History and in Popular Culture. Parergon, Vol. 35 Issue 1, 2018, Januar 2018, S. 97–118
  • Greg Walker: Rethinking the Fall of Anne Boleyn. in: Historical Journal, Vol. 45 Issue 1, März 2002, S. 1–29.
  • Retha Warnicke: The Fall of Anne Boleyn Revisited. in: The English Historical Review. Vol. 108 Issue 428, Juli 1993, S. 653–665.

Weblinks

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Anmerkungen

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