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Bindergasse (Bozen)

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Datei:Bindergasse-Nord.JPG
Die Bindergasse in Bozen (gegen Norden)
Datei:Ich heiße Bindergasse.JPG
Das Fresko von Albert Stolz am St.-Afra-Haus, das auf die namengebenden Binder Bezug nimmt: „Ich heiße Bindergasse, / der Schlägel in mir klang / an Zuber, Yhrn und Fasse / gar manche Jahre lang“

Die Bindergasse (italienisch Via Bottai) ist eine der ältesten Straßen der Stadt Bozen.

Geschichte

Datei:Weißes Rössl Bozen.jpg
„Weißes Rössl“
Datei:1913 Gasthof Weißes Rössl in Bozen.png
Werbeschaltung des „Weißen Rössls“ von 1913

Um 1210, etwa 30 bis 40 Jahre nach der Gründung der städtischen Marktsiedlung Bozens, initiierten die Herren von Wangen (die Brüder Albero und Bertold) auf ihren im Osten und Nordosten des bischöflichen Marktes gelegenen Gründen eine Stadterweiterung. Ihr Bruder Friedrich von Wangen war damals Bischof von Trient.<ref>Karl Theodor Hoeniger: Altbozner Bilderbuch. 100 Abbildungen und 40 Aufsätze zur Stadtgeschichte. 3. Auflage. Bozen: Ferrari-Auer 1968, S. 77–78.</ref> So konnten sich die Herren von Wangen für die neue Vorstadt auch die niedere Gerichtsbarkeit sichern.<ref name="mahlknecht1" /> Die Bindergasse wurde mit der heutigen Vintlerstraße und der östlichen Häuserfront der heutigen Weintraubengasse wohl um 1215 angelegt.<ref name="mahlknecht2" /> Die Bindergasse wurde die vordere Gasse genannt.<ref name="mahlknecht3" /> Nach der Zusammenlegung der bischöflichen Altstadt und der beiden Vorstädte setzte sich die Bezeichnung Wangergasse durch, die später in Wagnergasse (nach dem Gewerbe der Wagner) umgedeutet wurde. Das Gesamttiroler Urbar Graf Meinhards II. von 1288 verzeichnet landesfürstlichen Besitz ze Botzen in der gazzen, deu herren Fridereiches von Wange waz bzw. in der gazzen herren Beraldi von Wange, was zum Amt Gries gerechnet wird.<ref>Oswald Zingerle (Hrsg.): Meinhards II. Urbare der Grafschaft Tirol. (= Fontes Rerum Austriacarum, Diplomataria et acta 55/I). Wien 1890, S. 118f., Nr. 28 u. 60.</ref> Im Jahr 1297 wird die Gasse in den städtischen Urkunden als contrata dominorum de Wanga, 1403 als Wangergazze und 1499 als Wangergassen bezeichnet.<ref name="obermair1" /><ref name="obermair2" /> Vermutlich erst im 18. Jahrhundert wurde aus der Wagnergasse die Bindergasse (nach dem in Bozen als [Fass-]„Binder“ bezeichneten Beruf des Küfers).<ref name="wagner" /> Der 1769 erstmals bezeugte Bozner Binder- oder Reiftanz nimmt darauf ausdrücklich Bezug.<ref>Karl Maria Mayr: Die Rolle des Zeremoniarius beim Bozner Bindertanz in einer Haller Aufführung des 19. Jahrhunderts. In: Der Schlern 21, 1947, S. 42–44, hier S. 42 (Digitalisat).</ref>

Datei:Wirtshausschild Gasthaus Pfau Bozen.jpg
Wirtshausschild des Gasthauses „Pfau“
Datei:HS 140 fol 64v Fassbinder 1518 (2).jpg
Brandzeichen der Bozner Fassbinder im Bozner Stadtbuch aus dem Jahr 1518<ref>Hannes Obermair: Das Bozner Stadtbuch. Handschrift 140 – das Amts- und Privilegienbuch der Stadt Bozen. Beiträge der internationalen Studientagung, Bozen, Schloss Maretsch, 16.–18. Oktober 1996. In: Bozen von den Grafen von Tirol bis zu den Habsburgern – Bolzano fra i Tirolo e gli Asburgo (= Forschungen zur Bozner Stadtgeschichte/Studi di storia cittadina). Band 1. Athesia, Bozen 1999, ISBN 88-7014-986-2, S. 399–432, hier: S. 415.</ref>

In der Bindergasse befanden sich schon sehr früh mehrere Wirtshäuser, das älteste war der „Pfau“, der allerdings zuletzt nur mehr als Bar betrieben und 2009 endgültig geschlossen wurde. Somit ist laut eigener Aussage das „Weiße Rössl“ in der Bindergasse das älteste Gasthaus der Stadt Bozen.<ref name="roessl" /> Weitere historische Gaststätten in der Bindergasse sind das Restaurant „Eisenhut“ und das Hotel Mondschein.<ref name="mahlknecht3" /> Diese sind auch an den historischen Wirtshausschildern zu erkennen; das Nasenschild ist auch das einzige, das an das ehemalige Gasthaus „zum Schlüssel“ erinnert.

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Das ehemalige Landesfürstliche Amtshaus
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Werbeschaltung der Buchdruckerei Hans Feller in der Bindergasse, Bozner Nachrichten, 1898
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Altes Straßenadressschild mit der Bezeichnung Bindergasse 22

Unter König Maximilian I. wurde am nördlichen Ende der Bindergasse um 1500 das Landesfürstliche Amtshaus errichtet. Laut Beda Weber hat Maximilian das Haus auch gelegentlich als Residenz genutzt. Später wurde im Amtshaus das Postamt eingerichtet,<ref name="Weber" /> aus dem Postamt wurde im Herbst 1850 das Post- und Telegrafenamt.<ref name="Post" /> Das Postamt wurde 1890 in das neue Postamt gegenüber der Pfarrkirche verlegt, wo sich noch heute das Hauptpostamt und die Bozner Filiale des Postministeriums befinden.<ref name="Post" /> Das Gebäude gegenüber vom Amtshaus gehörte um 1600 dem Bistum Augsburg und erhielt nach dessen Patronin den Namen St.-Afra-Haus. Es ging 1803 an die damalige bayerische Landesherrschaft über, die darin das Bozner Gefängnis einrichten ließ. Hier waren 1810 auch die Freiheitskämpfer Andreas Hofer und Peter Mayr kurzzeitig inhaftiert. Das im Zweiten Weltkrieg großteils zerstörte Haus wurde hernach wieder originalgetreu aufgebaut, doch haben die tiefen Keller das Bombardement unbeschadet überstanden.<ref>Südtirols Monumentbrowser – Bindergasse 2</ref>

Am Nordende der Gasse befand sich das 1273 erstmals erwähnte sog. Vintlertor, an dem die Zollstraße (heute Andreas-Hofer-Straße) von der Zollstange her und die Weggensteinstraße von den „Malgreien“ (Ortsteilen) Dorf und St. Peter her aufeinander treffen.<ref>K. Th. Hoeniger: Altbozner Bilderbuch (op. cit.), S. 72 u. 191.</ref> Die Weggensteinstraße wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hauptsächlich von den Sarnern genutzt, um nach Bozen zu kommen. In der Bindergasse gab es daher einen Hufschmied, der die Pferde der Sarner versorgt und aufgenommen hat. Später war hier die Endstation einer städtischen Buslinie. Die vielen Gasthäuser der Straße verdankten sich der Verkehrsbedeutung der Straße.

Der historische Gasthof „zum Pfau“ (Bindergasse Nr. 5) gilt als Geburtsort des Perlaggens, das hier 1833 zum ersten Mal gespielt worden sein soll.

Im 19. Jahrhundert wurde die sog. Ritsche oder Wiere (ein Kanal zur Versorgung der Häuser mit Nutzwasser), die bis dahin offen durch die Straße verlief, verbaut.

Die Bindergasse heute

Fassbinder oder Böttcher bzw. Küfer gibt es Bozen schon lange nicht mehr. Die Bindergasse hat aber großteils ihr historisches Aussehen bewahrt, auch wenn einige Gebäude neuen Zweckbestimmungen zugeführt wurden; aus dem Landesfürstlichen Amtshaus wurde das Naturmuseum Südtirol, aus dem St.-Afra-Haus ein Haus mit Wohnungen für selbständige Senioren, und das Gasthaus „Weißes Rössl“ hat seine Beherbergungsfunktion aufgegeben und setzt auf bodenständige Küche. Im Obergeschoss des „Pfauen“ befindet sich die Parteizentrale der Südtiroler Grünen. Neben den bereits genannten Gaststätten gibt es drei weitere Bars und eine Pizzeria. Auch mehrere Bäckereien bzw. Brotgeschäfte säumen die Straße. Weiters befindet sich in der Bindergasse ein Supermarkt, der Sitz des ASGB und die Abteilung für Ladinische Schule und Kultur. Die Bindergasse gehört heute zu Bozens Fußgängerzone, kann aber von Taxis und (zu gewissen Zeiten) Zulieferern und Anrainern in nördlicher Richtung befahren werden.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

<references> <ref name="mahlknecht1">Mahlknecht, Bruno: Bozen durch die Jahrhunderte. Band 1. Athesia Spectrum, Bozen 2005, ISBN 88-6011-020-3, Vom bischöflichen Markt zum Stadtmagistrat, S. 41 ff.</ref> <ref name="mahlknecht2">Mahlknecht, Bruno: Bozen durch die Jahrhunderte. Band 2. Athesia Spectrum, Bozen 2006, ISBN 88-6011-021-1, Das Bozner Stadtwappen, S. 27.</ref> <ref name="mahlknecht3">Mahlknecht, Bruno: Bozen durch die Jahrhunderte. Band 3. Athesia Spectrum, Bozen 2006, ISBN 88-6011-027-0, Allerlei Interessantes; da und dort in den Gassen der Bozner Altstadt, S. 181 ff.</ref> <ref name="obermair1">Hannes Obermair: Bozen Süd – Bolzano Nord. Schriftlichkeit und urkundliche Überlieferung der Stadt Bozen bis 1500. Band 1. Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2005, ISBN 88-901870-0-X, S. 132, Nr. 133.</ref> <ref name="obermair2">Hannes Obermair: Bozen Süd – Bolzano Nord. Schriftlichkeit und urkundliche Überlieferung der Stadt Bozen bis 1500. Band 2. Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2008, ISBN 978-88-901870-1-8, S. 40, Nr. 910, u. S. 242, Nr. 1342a.</ref> <ref name="wagner">Joseph von Hormayr: Der Sammler für Geschichte und Statistik von Tirol. 5. Band. Innsbruck 1809, S. 17 (Google Books [abgerufen am 17. März 2018]).</ref> <ref name="roessl">Restaurant weißes Rössl. Abgerufen am 21. August 2010.</ref> <ref name="Weber">Beda Weber: Die Stadt Bozen und ihre Umgebung. G. Ferrari, Bozen 1849, ISBN 88-7014-459-3, XV.: Die innere Stadtanlage..., S. 197.</ref> <ref name="Post">Mahlknecht, Bruno: Bozen durch die Jahrhunderte. Band 2. Athesia Spectrum, Bozen 2006, ISBN 88-6011-021-1, 1850 wurde in der Talferstadt ein Telegrafenamt eröffnet, S. 115 ff.</ref> </references>

Weblinks

Commons: Bindergasse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 46° 30′ 1,9″ N, 11° 21′ 24,5″ O

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