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Cyanessigsäureethylester

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Strukturformel
Strukturformel von Cyanessigsäureethylester
Allgemeines
Name Cyanessigsäureethylester
Andere Namen
  • Ethylcyanacetat
  • Ethyl-2-cyanoacetat
  • Cyanoessigsäureethylester
  • Ethylcyanoacetat
  • Malonethylesternitril
Summenformel C5H7NO2
Kurzbeschreibung

farblose klare Flüssigkeit mit schwach aromatischem Geruch<ref name="GESTIS">Eintrag zu Vorlage:Linktext-Check in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFAVorlage:Abrufdatum (JavaScript erforderlich)</ref>

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer Vorlage:CASRN
EG-Nummer 203-309-0
ECHA-InfoCard 100.003.009
PubChem 7764
ChemSpider 13856579
Wikidata [[:d:Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1464: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)|Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1464: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)]]
Eigenschaften
Molare Masse 113,116 g·mol−1
Aggregatzustand

flüssig

Dichte

1,06 g·cm−3(20 °C)<ref name="Merck">Datenblatt Vorlage:Linktext-Check bei MerckVorlage:Abrufdatum</ref>

Schmelzpunkt

−22 °C<ref name="Merck" />

Siedepunkt

209 °C (1013 hPa)<ref name="Merck" />

Dampfdruck

< 10 Pa<ref name="Merck" />

Löslichkeit
Brechungsindex

1,4175 (20 °C)<ref name="CRC90_3_240">David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press / Taylor and Francis, Boca Raton FL, Physical Constants of Organic Compounds, S. 3-240.</ref>

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung<ref name="GESTIS" />
Gefahrensymbol

Achtung

H- und P-Sätze H: 319
P: 264​‐​280​‐​305+351+338​‐​337+313<ref name="GESTIS" />
Toxikologische Daten
  • 500 mg·kg−1 (LD50Mausi.p.)<ref>National Technical Information Service., AD277-689.</ref>
  • 400 mg·kg−1 (LDLoRatteoral)<ref>Prehled Prumyslove Toxikologie; Organicke Latky, Marhold, J., Prague, Czechoslovakia, Avicenum, 1986, -(921), 1986.</ref>
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa). Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C

Cyanessigsäureethylester ist eine chemische Verbindung, die zu den Carbonsäureestern und Nitrilen zählt und nicht in der Natur vorkommt. Die klare, farblose bis schwach gelbliche Flüssigkeit besitzt einen angenehmen Geruch und weist mit einer Ester-, einer Cyano- und einer CH-aciden Methylengruppe drei reaktive Zentren im Molekül auf.

Gewinnung und Darstellung

Cyanessigsäureethylester kann auf verschiedenen Wegen hergestellt werden:

  1. durch Veresterung von Cyanessigsäure mit Ethanol in Gegenwart starker Mineralsäuren (z. B. konzentrierte Schwefelsäure).
  2. durch Kolbe-Nitrilsynthese aus Ethylchloracetat mit Natriumcyanid.
  3. durch Kolbe-Nitrilsynthese aus Natriumchloracetat und Natriumcyanid, Ansäuern zur Cyanessigsäure und Veresterung mit Ethanol nach 1.<ref name="Org. Syn.">J. K. H. Inglis: Vorlage:Linktext-Check In: Organic Syntheses. 8, 1928, S. 74, doi:10.15227/orgsyn.008.0074; Coll. Vol. 1, 1941, S. 254 (PDF).</ref>
  4. durch Umsetzung des Natriumsalzes der Cyanessigsäure mit Ethylbromid in einem wässrig-organischen Zweiphasensystem in Gegenwart eines Phasentransferkatalysators.<ref>Europäische Patentanmeldung EP-A 1028105, Priorität: 9. Februar 1999, Anmelder: Lonza AG.</ref>
  5. durch Oxidation von 3-Ethoxypropionitril mit Sauerstoff unter Druck in Gegenwart des Katalysators Cobalt(II)-acetat-tetrahydrat und eines Radikalbildners, z. B. N-Hydroxyphthalimid.<ref>Europäische Patentschrift EP 1208081, Priorität: 30. August 1999, Anmelder: Lonza AG.</ref>

Eigenschaften

Physikalische Eigenschaften

Cyanessigsäureethylester ist eine farblose Flüssigkeit, die bei Normaldruck bei 209 °C siedet.<ref name="GESTIS" /> Die Dampfdruckfunktion ergibt sich nach Antoine entsprechend log10(P) = A−(B/(T+C)) (P in bar, T in K) mit A = 7,46724, B = 3693,663 und C = 16,138 im Temperaturbereich von 341 bis 479 K.<ref name="Stull">Stull, D.R.: Vapor Pressure of Pure Substances Organic Compounds in Ind. Eng. Chem. 39 (1947) 517-540, doi:10.1021/ie50448a022.</ref> In fester Phase können zwei polymorphe Formen auftreten.<ref name="Khodzhaeva">Khodzhaeva, M.G.; Bugakov, Yu.V.; Ismailov, T.S.: Heat capacity and thermodynamic functions of ethyl cyanoacetate in Khim.-Farm. Zhur. 21 (1987) 760-762.</ref> Unterhalb von −111 °C liegt die Kristallform II vor.<ref name="Khodzhaeva"/> Oberhalb dieser Temperatur existiert die Kristallform I, die bei −22 °C schmilzt.<ref name="GESTIS" /> Die Wärmekapazität beträgt bei 25 °C 220,22 J·K−1·mol−1.<ref name="Khodzhaeva"/>

Chemische Eigenschaften

Mit seinen drei verschiedenen reaktiven Zentren ist Cyanessigsäureethylester ein vielseitiger Synthesebaustein für eine Vielzahl funktioneller und pharmakologisch aktiver Substanzen. So können die Nitrilgruppe, die C-H-azide Methylengruppe und die Estergruppe reagieren.<ref>Fillmore Freeman: Encyclopedia of Reagents for Organic Synthesis. John Wiley & Sons, Ltd, Chichester, UK 2001, ISBN 978-0-471-93623-7, Ethyl Cyanoacetate, doi:10.1002/047084289x.re055.</ref> In seiner Reaktivität ähnelt es dem Malonsäurediethylester, der aus Cyanessigsäureethylester durch Umsetzung mit Ethanol in Gegenwart starker Säuren erhalten wird (Gefahr der Bildung von Malonsäurediethylester bei der Veresterung von Cyanessigsäure<ref name="Org. Syn." />). Cyanessigsäureethylester ist daher ein wichtiger Ausgangsstoff für Kondensationsreaktionen im Sinne der Knoevenagel-Kondensation und der Michael-Addition. Aufgrund seiner Reaktivität und Multifunktionalität bildet Cyanessigsäureethylester beim Erhitzen in Gegenwart von Natriumethanolat den dimeren 3-Amino-2-cyan-2-pentendisäurediethylester.<ref>V. A. Dorokhov et al., Russ. Chem. Bulletin, Vol. 41(2), 1992. S. 287–291.</ref> Umsetzung mit Ammoniak führt zu Cyanacetamid, das durch Dehydratisierung mit PCl5 oder POCl3 zu Malonsäuredinitril umgesetzt werden kann.<ref>Mary Eagleson: Concise encyclopedia chemistry, Walter de Gruyter, Berlin - New York 1994, ISBN 3-11-011451-8.</ref>

Verwendung

Cyanessigsäureethylester ist ein Baustein zum Aufbau von Heterocyclen, die z. B. als Arzneistoffe Verwendung finden.

Die Synthese des Allopurinols zur Behandlung der chronischen Gicht geht aus von Cyanessigsäurediethylester und Orthoameisensäureethylester, deren Kondensationsprodukt mit Hydrazin zu einem substituierten Pyrazol und anschließend mit Formamid zu Allopurinol, einem substituierten Pyrazolo-pyrimidin cyclisiert wird.<ref>Axel Kleemann, Jürgen Engel: Pharmazeutische Wirkstoffe, 2. Aufl., Georg Thieme, Stuttgart - New York 1982, ISBN 3-13-558402-X.</ref>

Die Purinderivate Theophyllin, Coffein und Harnsäure sind aus Cyanessigsäureethylester und N,N′-Dimethylharnstoff synthetisch zugänglich.<ref>Beyer-Walter: Lehrbuch der Organischen Chemie, 24. Aufl., S. Hirzel, Stuttgart - Leipzig 2004.</ref>

Das Pteridinderivat Folsäure ist ein dem B-Komplex zugeordnetes Vitamin und wird ausgehend von Cyanessigsäureethylester und Guanidin über eine mehrstufige konvergente Synthese erzeugt.<ref>Franz von Bruchhausen (Hrsg.); Hermann Hager, Beate Blümer-Schwinum: Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. 5. Aufl. 1993, Springer Berlin Heidelberg New York ISBN 3-540-52688-9 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.), S. 284.</ref>

Das Pyrrolderivat Ethosuximid wird zur Behandlung der Epilepsie eingesetzt und aus Cyanessigsäureethylester und 2-Butanon in einer mehrstufigen Synthese erhalten.<ref>R. S. Vardanyan, V. J. Hruby: Synthesis of Essential Drugs. Elsevier, Amsterdam 2006, ISBN 978-0-444-52166-8, 9 - Antiepileptic Drugs, S. 125–133, doi:10.1016/b978-044452166-8/50009-1.</ref>

Das Pyrimidinderivat Trimethoprim wird als Cotrimoxazol in fixer Kombination mit Sulfamethoxazol als Bakteriostatikum eingesetzt und ausgehend von Cyanessigsäureethylester und 3,4,5-Trimethoxybenzaldehyd bzw. -benzylchlorid synthetisiert.<ref>R. S. Vardanyan, V. J. Hruby: Synthesis of Essential Drugs. Elsevier, Amsterdam 2006, ISBN 978-0-444-52166-8, 33 - Antimicrobial Drugs, S. 511, doi:10.1016/b978-044452166-8/50033-9.</ref>

Daneben ist eine Vielzahl anderer funktioneller Heterocyclen, wie z. B. 3-substituierte Cumarin-Derivate aus Cyanessigsäureethylester in guten Ausbeuten zugänglich.<ref>A. A. Avetisyan et al., Chem. Heterocycl. Compounds, Vol. 15(9), 1980. S. 959–960.</ref>

Ein weiterer wichtiger acyclischer pharmazeutischer Wirkstoff, der sich von Cyanessigsäureethylester ableitet, ist das Antikonvulsivum Valproinsäure.<ref>Patent US5856569: Process for producing valproic acid. Angemeldet am 10. Januar 1997, veröffentlicht am 1. Mai 1999.</ref>

Sicherheitshinweise

Dämpfe von Cyanessigsäureethylester bzw. Aerosole können Augenreizungen verursachen. Dämpfe/Aerosole sollten nicht eingeatmet werden, und die Flüssigkeit sollte nicht in die Kanalisation gelangen. Cyanessigsäureethylester ist brennbar und kann bei der Verbrennung Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Stickoxide und Cyanwasserstoff bilden. Beim Kontakt mit starken Basen oder Säuren sowie starken Oxidations- und Reduktionsmitteln kann es zu heftigen Reaktionen kommen.<ref name="GESTIS"/>

Literatur

  • Mary Eagleson: Concise encyclopedia chemistry, Walter de Gruyter, Berlin – New York 1994, ISBN 3-11-011451-8.
  • A. Kleemann, J. Engel: Pharmazeutische Wirkstoffe, 2. Auflage, Georg Thieme, Stuttgart – New York 1982, ISBN 3-13-558402-X.
  • Beyer-Walter: Lehrbuch der Organischen Chemie, 24. Auflage, S. Hirzel, Stuttgart – Leipzig 2004.

Weblinks

Commons: Cyanessigsäureethylester – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />