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Das K.O.M.I.T.E.E.

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Das K.O.M.I.T.E.E. war eine links-terroristische Vereinigung in Deutschland. Sie verübte im Oktober 1994 einen Brandanschlag auf das Kreiswehrersatzamt in Bad Freienwalde (Oder) und versuchte im April 1995, ein im Bau befindliches Abschiebe­gefängnis in Berlin-Grünau zu sprengen. Die mutmaßlichen Mitglieder Peter Krauth und Thomas Walter wurden im April 2025 zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Hintergrund

Die Gruppe trat im Oktober 1994 erstmals in Erscheinung. Am 27. Oktober 1994 zerstörte sie „ein Gebäude des Verteidigungskreiskommandos 852 der Bundeswehr in Bad Freienwalde, Kreis Märkisch-Oderland, mit einem Brandsatz.“<ref>radikal Nr. 151, Dezember 94, S. 26.</ref> Begründet wurde dies mit Menschenrechtsverletzungen der Türkei gegen die kurdische Bevölkerungsgruppe. Der Anschlag erfolge gegen die Bundeswehr, da Deutschland der wichtigste außenpolitische Partner der Türkei und einer der größten Waffenlieferanten sei. Die Bundeswehr sei durch Bereitstellung von Ausbildungsmöglichkeiten und Waffen unmittelbar in die „Greueltaten“ der türkischen Armee in den kurdischen Gebieten verwickelt.<ref>radikal Nr. 151, Dezember 94, S. 26 f.</ref>

In der Nacht vom 10. zum 11. April 1995 versuchten Mitglieder, das im Umbau befindliche Abschiebegefängnis in Berlin-Grünau zu sprengen. Eine Polizeistreife entdeckte sie zufällig bei den Vorbereitungen. Die Täter konnten entkommen, ließen jedoch zahlreiche Indizien und Beweise zurück. Die Polizei konnte unter anderem 120 Kilogramm Sprengstoff sowie zahlreiche Dokumente und Ausweispapiere in einem auf die Schwester eines der Männer zugelassenen Auto sicherstellen. Diese Spuren führten zu drei namentlich bekannten Männern, die seither auf der Flucht waren und vom Bundeskriminalamt (BKA) auf der öffentlich einsehbaren Fahndungsliste bekannter Personen des BKA geführt wurden.<ref>Fahndungsseite des BKA</ref> Diese Taten richteten sich, nach eigener Darstellung der Gruppe, gegen die ihrer Ansicht nach „repressive Politik der BRD nach innen und außen“ sowie gegen „Deutschland [als] Kriegspartei im Völkermord in Kurdistan“.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Knapp daneben ist auch vorbei (Memento vom 25. Dezember 2004 im Internet Archive). Erklärung des K.O.M.I.T.E.E. zur gescheiterten Grünau-Aktion, Seite 4, abgerufen am 1. Februar 2009.</ref>

In einem Beschluss von November 1995 ordnete der Bundesgerichtshof das K.O.M.I.T.E.E. als links-terroristische Vereinigung ein.<ref name="BGH 3 StB 84/95" /> In der Berichterstattung wurden Parallelen zum Sprengstoffanschlag gegen die JVA Weiterstadt der Rote Armee Fraktion gezogen. Die Bundesanwaltschaft ermittelte und das BKA fahndete nach den drei Verdächtigen. Das K.O.M.I.T.E.E. sandte eine Erklärung an die tageszeitung, die sie am 18. September 1995 veröffentlichte. Darin bekannte sich die Gruppe zum Anschlag auf die Bundeswehrkaserne und zu den Vorbereitungen des gescheiterten Anschlags auf die Justizvollzugsanstalt Grünau. Außerdem gab sie ihre Selbstauflösung bekannt. Die Ermittlungsbehörden nannten diese nicht glaubhaft und einen Täuschungsversuch.<ref name="BGH 3 StB 84/95">Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs: Beschluss vom 24. November 1995 (BGH 3 StB 84/95)</ref> Der gescheiterte Anschlag führte in der Folge zu einer Debatte zwischen autonomen Gruppen über Art und Weise militanter Politik.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Militanz - Dokumentation einer Debatte (Memento vom 15. Februar 2008 im Internet Archive), Texte aus der Militanzdebatte von 1995 bis Mai 2003 aus Interim und radikal.</ref>

Anfang Juli 2014 spürten Zielfahnder des BKA einen der drei Verdächtigen, Bernhard Heidbreder,<ref>Profil Heidbreder bka.de</ref> unter der falschen Identität John Jairo Londoño Smith<ref>Detenido en Mérida terrorista solicitado por Interpol el-nacional.com, vom 12. Juli 2014 (spanisch)</ref> in Mérida (Venezuela) auf. Örtliche Spezialkräfte nahmen ihn fest.<ref>Mutmaßlicher Linksterrorist Heidbreder nach 20 Jahren auf der Flucht verhaftet, Spiegel Online, 20. Juli 2014.</ref> Die Bundesanwaltschaft stellte daraufhin ein Auslieferungs­ersuchen,<ref>Deutsche Justiz will Auslieferung von Linksradikalem aus Venezuela. In: amerika21, 24. Juli 2014.</ref> das im Oktober 2015 abgelehnt wurde.<ref>Christian Kliver: Venezuela liefert Linksradikalen nicht nach Deutschland aus. In: amerika21, 28. Oktober 2015</ref> Unter dem Motto „Dageblieben. Keine Auslieferung von Bernhard Heidbreder“ hatten Unterstützer in Deutschland und Venezuela gegen eine Auslieferung mobilisiert.<ref>Venezuela liefert Berliner Linksradikalen nicht aus, Neues Deutschland, 29. Oktober 2015, abgerufen am 25. Dezember 2017.</ref> Im Frühjahr 2017 beantragten auch die beiden anderen bis dahin untergetauchten mutmaßlichen Mitglieder der Gruppe, Peter Wendelin Krauth<ref>Profil Krauth, bka.de.</ref> und Thomas Robert Walter,<ref>Profil Walter bka.de</ref> in Venezuela Asyl.<ref name="taz-5391008">Wolf-Dieter Vogel: Autonome beantragen Asyl in Venezuela: Aufgetaucht nach Jahrzehnten. In: taz.de. 20. März 2017, abgerufen am 26. Dezember 2017.</ref> Im Dokumentarfilm Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela aus dem Jahr 2019 traf der Filmemacher Sobo Swobodnik Thomas Walter in Venezuela und sprach mit ihm über Umstände dessen Flucht und dessen Leben in Venezuela. Dabei traf er auch auf Bernhard Heidbreder und Peter Krauth, die in Nachbardörfern lebten.<ref>Filmporträt eines Eigenwilligen. In: Deutschlandfunk Kultur. 20. Juli 2020, abgerufen am 17. April 2021.</ref>

Im Februar 2021 löschte Interpol die Rote Ausschreibung, den internationalen Fahndungsaufruf, gegen Thomas Walter.<ref>Die Red Flag von Interpol wurde gelöscht! In: thomasrobertwalter.de. 16. Februar 2021, abgerufen am 30. Mai 2021.</ref><ref name="SPON">Sven Röbel, Sara Wess: Generalbundesanwalt erhebt Anklage gegen zwei geflüchtete Linksradikale. In: Der Spiegel. 7. Januar 2025, abgerufen am 7. Januar 2025.</ref> Am 27. Mai 2021 starb Heidbreder in Mérida an den Folgen von Krebs. Wenige Tage zuvor war auch die Rote Ausschreibung gegen ihn gelöscht worden.<ref>Bernd Heidbreder ist gestorben. 28. Mai 2021, abgerufen am 30. Mai 2021.</ref><ref>Wolf-Dieter Vogel: Aktivist Bernd Heidbreder ist gestorben: Der Versuch, das Richtige zu tun. In: taz.de. 31. Mai 2021, abgerufen am 7. März 2024.</ref> Am 2. Dezember 2021 gewährte die Regierung Venezuelas Krauth und Walter Asyl.<ref>Wolf-Dieter Vogel: Asyl für zwei deutsche Linke. In: taz, 28. Januar 2022.</ref> Der Generalbundesanwalt erhob fast dreißig Jahre nach dem Anschlagsversuch Anklage gegen Peter Krauth und Thomas Walter am 7. Januar 2025; bereits vorher war die Verfolgungsverjährung mehrfach unterbrochen worden.<ref name="SPON" />

Am 13. März 2025 kehrten der damals 65-jährige Krauth und der damals 62-jährige Walter – von ihren Anwälten angekündigt – zurück, um sich der deutschen Justiz zu stellen. Sie wurden auf dem Flughafen Berlin Brandenburg festgenommen. Das Kammergericht Berlin verurteilte die beiden nach vier Verhandlungstagen am 8. April 2025 wegen der Verabredung zum Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion jeweils zu Freiheitsstrafen von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.<ref>Kammergericht: Bewährungsstrafen für zwei ehemalige Mitglieder der linksextremistischen Vereinigung „Das K.O.M.I.T.E.E.“ (PM 15/2025). Pressemitteilung des Kammergerichts Berlin vom 8. April 2025, abgerufen am 8. April 2025.</ref> Dem Urteil war eine Verfahrensverständigung vorausgegangen.

Dokumentarfilme

Literatur

  • Kersten Augustin, Sebastian Erb, Wolf-Dieter Vogel: Einmal Terrorist, immer Terrorist? In: taz.de. 3. Dezember 2017
  • Christoph Gurk: Freie Radikale - Peter Krauth und Thomas Walter sollen einen linksterroristischen Anschlag auf ein Abschiebegefängnis geplant haben. Das war 1995. Seitdem sind sie auf der Flucht. Was braucht es, um zu vergeben? Ein Besuch im Exil in Venezuela in: Süddeutsche Zeitung 2./3. November 2024, Seite 11 bis 13. (umfangreiche Reportage)

Einzelnachweise

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