Emil Augsburg
Emil Augsburg (* 1. Mai 1904 in Lodz<ref name="Klee21">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 21.</ref>; † 1. März 1981<ref>Eintrag zur Dissertation Augsburgs im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek</ref> in Gräfelfing) war ein deutscher SD- und SS-Führer sowie Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes.
Leben
Herkunft und Studium
Augsburg wurde als Sohn deutscher Einwanderer im damals vom Russischen Kaiserreich kontrollierten Kongresspolen geboren, sein Vater arbeitete als Textiltechniker. Daher war er bis 1918 russischer, danach bis 1937 polnischer Staatsbürger<ref>Vernehmung Augsburg am 12. November 1964, S. 25ff., Landesarchiv Berlin, RSHA-Verfahren, Personenakte Augsburg.</ref>. Augsburg besuchte die Volksschule und das Deutsche Gymnasium in Lodz, an dem er 1924 das Abitur ablegte. Parallel hatte er sich als Schüler "aktiv am Volskampf" der völkischen Bewegung engagiert<ref>Gerhard Sälter: NS-Kontinuitäten im BND: Rekrutierung, Diskurse, Vernetzungen. Christoph Links Verlag, Berlin 2022, ISBN=978-3-96289-131-2, S. 478</ref>.
Im Anschluss absolvierte er von 1924 bis 1932 ein Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte an der Universität Leipzig. Noch während seines Studiums betätigte er sich von 1929 bis 1932 als Übersetzer und Dolmetscher für die Sprachen Russisch und Polnisch. Nach Studienende trat er 1932 eine Anstellung als Verlagslektor beim Leipziger Paul List Verlag an und wechselte 1932 nach der Rekrutierung durch Wilhelm Spengler zur Leipziger Arbeitsstelle für Schrifttumsbearbeitung des Sicherheitsdienstes der SS.<ref name="Schroeder120f">Werner Schroeder: „ … eine Fundgrube der Schrifttumsinformation“. Die Leipziger „Arbeitsstelle für Schrifttumsbearbeitung beim Sicherheitshauptamt (SD)“ und die „SD-Verbindungsstelle an der Deutschen Bücherei“. In: Monika Gibas, Cornelia Briel, Petra Knöller: "Arisierung" in Leipzig: Annäherung an ein lange verdrängtes Kapitel der Stadtgeschichte der Jahre 1933 bis 1945. Leipzig 2007, S. 120f.</ref>
SD und Wannseeinstitut
Ab Anfang Mai 1936 wurde Augsburg dann beim SD in Berlin hauptamtlich beschäftigt und erhielt auch die Deutsche Staatsbürgerschaft. Zum 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 5.518.743).<ref>Bundesarchiv R 9361-III/514944</ref> Als Sowjetunion- und Polenexperte wurde er Anfang 1937 Oberassistent von Professor Michael Achmeteli, der an der Universität Berlin das Rußlandinstitut leitete und zu „Kultur- und Nationalitätenfragen des Ostens“ forschte. Zudem war Augsburg auch als Oberassistent und Abteilungsleiter Kultur und Nationalitäten am 1937 eingerichteten Wannsee-Institut des Sicherheitsdienstes und später des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) beschäftigt, das zeitweise unter der Leitung von Michael Achmeteli stand.<ref name="Schroeder120f" /> Beim Wannsee-Institut, einer getarnten Einrichtung des Sicherheitsdienstes zur geheimen Ostforschung, war er Verbindungsmann zum SD-Hauptamt und organisierte 1939 in Absprache mit Herbert Hagen die Erfassung der jüdischen Bevölkerung vor dem Überfall auf Polen in der Franz Six unterstehenden Zentralstelle II P des SD<ref>Gerhard Sälter: NS-Kontinuitäten im BND: Rekrutierung, Diskurse, Vernetzungen. Christoph Links Verlag, Berlin 2022, ISBN=978-3-96289-131-2, S. 478 f.</ref>. Später verwaltete er in ähnliche Funktion die „Personenkartei für die Sowjetunion“.<ref name="Stöver134">Bernd Stöver: Die Befreiung vom Kommunismus: amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947–1991, Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2002, ISBN 3-412-03002-3, S. 134</ref>
Zum 11. September 1938 schloss er sich der SS als SS-Untersturmführer an (SS-Nummer 307.925).<ref>Bundesarchiv R 9361-III/514944</ref> Während des Zweiten Weltkrieges wurde Augsburg ab 1939 für spezielle geheimdienstliche Aufgaben in Polen eingesetzt<ref>Lutz Hachmeister: Der Gegnerforscher: Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six. München 1998, ISBN 3-406-43507-6, S. 205</ref>. 1941 promovierte er an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin mit der Dissertation „Die staats- und parteipolitische Bedeutung der sowjetischen Presse in ihrer geschichtlichen Entwicklung“ zum Dr. phil.<ref name="Schroeder120f" /> Die Recherchearbeit hierzu stand vermutlich im Zusammenhang mit seinen Einsätzen als SD-Führer in Polen und der Sowjetunion<ref>Christian Ingrao: Hitlers Elite. Die Wegbereiter des nationalsozialistischen Massenmords. Berlin 2013, S. 69</ref>.
Emil Augsburg gehörte dem ab Mai 1941 für den Überfall auf die Sowjetunion zusammengestellten „Vorkommando Moskau“ der Einsatzgruppe B an. Die Aufgabenstellung der SD-Einsatzgruppen war im Rahmen der „Gegnerbekämpfung“, Morde an Juden, Partisanen und kommunistischen Funktionären zu verüben.<ref name="Stöver134" /> Er wurde für „außergewöhnliche Ergebnisse […] bei Sondereinsätzen“, also den Massenmord, in seiner Personalakte belobigt.<ref>Rudolf Augstein: Ein Leben für Deutschland, München 2002, ISBN 3-426-27253-9, S. 269</ref> Während eines Flugzeugangriffs wurde er im September 1941 in Smolensk verletzt und kehrte nach seiner Genesung an das Berliner Wannsee-Institut zurück.<ref name="Adams15f">Jefferson Adams: Augsburg, Emil, in: Historical dictionary of German intelligence. (Historical dictionaries of intelligence and counterintelligence 11) Plymouth: Scarecrow Press 2009, ISBN 978-0-8108-5543-4, S. 15f</ref> Er wurde als Angehöriger des Amts VII (Weltanschauung und Auswertung – SD-Ausland) im RSHA auch für das Unternehmen Zeppelin tätig und verhörte in diesem Zusammenhang sowjetische Kriegsgefangene.<ref name="Schroeder146">Werner Schroeder: „ … eine Fundgrube der Schrifttumsinformation“. Die Leipziger „Arbeitsstelle für Schrifttumsbearbeitung beim Sicherheitshauptamt (SD)“ und die „SD-Verbindungsstelle an der Deutschen Bücherei“. In: Monika Gibas, Cornelia Briel, Petra Knöller: "Arisierung" in Leipzig : Annäherung an ein lange verdrängtes Kapitel der Stadtgeschichte der Jahre 1933 bis 1945, Leipzig 2007, S. 146</ref> Augsburg stieg zum 30. Januar 1944 zum SS-Sturmbannführer auf.<ref>Emil Augsburg auf www.dws-xip.pl</ref>
CIC, Organisation Gehlen und BND
Kurz vor dem Kriegsende tauchte Augsburg im Kloster Ettal unter und wurde Privatsekretär eines im Vatikan arbeitenden katholischen Würdenträgers. Beide begaben sich in den Vatikan, wo es Augsburg mit Hilfe seines Unterstützers gelang, als Nachrichtenoffizier in die polnischen Streitkräfte unter General Władysław Anders in Norditalien einzutreten. Über den CIC-Agenten Walter Hirschfeld wurde eine fingierte Nachricht an Augsburg gesandt, in der angeblich Franz Six die Unterstützung seines ehemaligen Mitarbeiters benötigte und um ein Treffen bat. Augsburg traf am vereinbarten Treffpunkt Hirschfeld, der sich als Six-Vertrauter ausgab und Augsburg und seinen Kameraden angeblich von Six unterzeichnete Aufträge gab, die Augsburg und seine Kollegen auch ausführten. Augsburg wohnte in dieser Zeit in Schorndorf. Nach mehr als einem Jahr kam Augsburg hinter den Schwindel und Hirschfeld klärte ihn darüber auf, dass er unwissentlich Aufträge für den CIC erledigt hatte.<ref name="Spiegel7f">Merkt euch den Namen Hirschfeld. Getrunken haben die andern. In: Der Spiegel, Ausgabe 53 vom 29. Dezember 1949, S. 7f.</ref>
Als Spezialist für sowjetische Angelegenheiten beobachtete er ab Ende 1947 für die Organisation Gehlen (Org), den Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND), Emigrantenorganisationen, u. a. Aktivitäten der Organisation Ukrainischer Nationalisten.<ref name="Schroeder146" /> Augsburg, der als Angehöriger eines Einsatzkommandos an Erschießungen teilgenommen hatte, war ab 1949 in der Generalvertretung L der Org in Karlsruhe tätig. Ab 1953 war er in der Zentrale der Org in Pullach beschäftigt. Nach der Enttarnung des KGB-Spions Heinz Felfe im November 1961 wurden gegen 200 NS-belastete Mitarbeiter des BND Untersuchungen angestellt. Infolge von Nachforschungen wurde Augsburg von der Organisationseinheit 85 aufgrund seiner Mitgliedschaft bei den Einsatzgruppen und falscher Angaben zum Lebenslauf als außerordentliche "politische Belastung" mit der Empfehlung zur Trennung bewertet<ref>Sabrina Nowack: Sicherheitsrisiko NS-Belastung. Personalüberprüfungen im Bundesnachrichtendienst in den 1960er-Jahren, Berlin 2016, S. 445</ref>. Da Augsburg drohte, die Untersuchungen publik zu machen, wurde er mit Rücksicht auf einen möglichen öffentlichen Skandal im Dienstverhältnis des BND belassen. Erst 1968 konnte er wegen unkorrekt abgerechneten Operativgeldern aus dem BND entlassen werden.<ref>Ulrich Chaussy : <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />{{#if:20120608163830
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}}, Bayerischer Rundfunk 2011, S. 12</ref> Während seiner Geheimdiensttätigkeit führte Augsburg die Aliasnamen Althaus und Alberti. Seine Geheimdienstakte wurde später von den National Archives in Washington, D.C. freigegeben.<ref>Richard Breitman: Historical Analysis of 20 Name Files from CIA Records, April 2001</ref>
Augsburg als Spiegel-Informant und CIC-Mann
Lutz Hachmeister wirft dem Spiegel des Jahres 1949 vor, auf Grund seiner dominierenden Redaktionsbesetzung mit SS- und SD-Leuten auch den Massenmördern und nachmaligen CIC-Agenten Klaus Barbie und Augsburg eine öffentliche Plattform gegeben zu haben<ref>in Die Tageszeitung 12. März 2014, S. 11, unter Bezug auf Publikationen von Kenneth Alford und Theodore Savas. "Alte Kameraden" heißt hier mitmordende SS-Leute</ref>
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Literatur
- Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der 'Spiegel' und die SS. 2. Auflage. Propyläen, Berlin 2014, ISBN 978-3-549-07447-3 (S. 132 ff. zur Beziehung zwischen Klaus Barbie, Emil Augsburg und dem "Spiegel").
- Werner Schroeder: „ … eine Fundgrube der Schrifttumsinformation“. Die Leipziger „Arbeitsstelle für Schrifttumsbearbeitung beim Sicherheitshauptamt (SD)“ und die „SD-Verbindungsstelle an der Deutschen Bücherei“. In: Monika Gibas, Cornelia Briel, Petra Knöller: „Arisierung“ in Leipzig. Annäherung an ein lange verdrängtes Kapitel der Stadtgeschichte der Jahre 1933 bis 1945. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2007, ISBN 978-3-86583-142-2.
- Jefferson Adams: Augsburg, Emil. In: Historical dictionary of German intelligence. (= Historical dictionaries of intelligence and counterintelligence. Bd. 11). Scarecrow Press, Plymouth 2009, ISBN 978-0-8108-5543-4.
- Michael Wasmund: Emil Augsburg. In: Michael Fahlbusch, Ingo Haar, Alexander Pinwinkler (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. Unter Mitarbeit von David Hamann. 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Bd. 1, De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-042989-3, S. 60–61.
Weblinks
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- Richard Breitman: Historical Analysis of 20 Name Files from CIA Records, April 2001
- Offengelegte CIA-Akten
Einzelnachweise
<references />
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